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Sonntag, 12. Februar 2017

Was die "Unendliche Geschichte" lehrt: Das Böse weiß leider über den Sinn des Lebens besser Bescheid als die meisten Menschen.

Genau aus diesem Grund kann es ihn so erfolgreich zerstören. Deshalb geht auch, wer nur gut sein will, unter. Im Grunde muss man es wie Hänsel und Gretel machen und die Hexe gegebenenfalls mit ihren Waffen schlagen. 

Michael Endes Unendiche Geschichte ist die unendliche Geschichte über den Kampf des Guten mit dem Bösen, über den Weg des Menschen zu sich selbst und die Gefahr, die darin inbegriffen ist, sich selbst zu verlieren.

Hier ein You-Tube-Film-Ausschnitt, nämlich das Gespräch Atréjus mit dem Gmork, dem Urbild des Bösen (danke Birgit für den Tipp).

Michael Ende hat sehr genau gewusst, dass das Böse bestens über den Sinn des Menschseins informiert ist, leider wesentlich besser als die meisten Menschen:




Donnerstag, 24. Dezember 2015

Wie ist die Welt so stille!

Vor allem die Stille führt uns zu der Erkenntnis, dass die Welt ein Buch ist, in dem wir lesen, das wir aber zugleich selbst schreiben.

In diesem Buch lesen wir auch von uns, und indem wir zugleich aufschreiben, dass wir das tun, schaffen wir uns selbst, ein unendlicher Prozess, es sei denn, wir finden einen Namen für all das.

Diesen Namen aber vermag uns nicht unser Verstand zu geben. Er kommt von tief innen und von weit oben zugleich.

Michael Ende und seiner Unendlichen Geschichte verdanke ich obigen Gedanken; er und Matthias Claudius und Joseph von Eichendorff waren und sind Brüder im Geiste.

Bezeichnend, dass Matthias Claudius' Blick sich in seinem Abendlied, aus dem die Worte der Überschrift ja stammen, zuerst nach oben richtet, zum Himmel; doch im Anschluss geht sein Blick auch in den folgenden Strophen 
immer wieder zur Erde, so, als wolle er die Weisheit des unendlichen Alls, der Welt, wie er schreibt, in die stille Kammer holen, die bestenfalls in uns ist.

Ganz anders ist es im Weihnachtsgedicht des Joseph von Eichendorff, in dessen Lyrik immer wieder die Sehnsucht nach der Heimat zu spüren ist, dem verlorenen Schlossgut der Eltern auf den Oderterrassen, ein Verlust, der vom Schicksal so vorgesehen gewesen sein mag, damit die Sehnsucht als spirituelle Kraft in seinem Werk so überzeugend Ausdruck finden konnte.


In seinen Strophen ist der Blick des lyrischen Ichs zunächst auf die menschlich reale Ebene gerichtet, die er durchaus mit Distanz, aber zugleich empfindsam einfühlsamem und sinnendem Blick wahr- und aufnimmt.


Markt und Strassen steh'n verlassen
still erleuchtet jedes Haus
sinnend geh ich durch die Gassen
alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt
tausend Kindlein steh'n und schauen
sind so wunderstill beglückt.

Still wird zu wunderstill und Frieden und Glück sind greifbar nahe; es ist alles geschmückt, fromm geschmückt. In dieser Weihnachtsnacht ist alles fernab jeglicher Profanität. Kein Haus ist dunkel, und wie es im Traum oft der Fall ist, mögen die still erleuchteten Häuser für die Seelen der Menschen stehen und die tausend Kindlein für alle, auch die inneren Kindlein der Erwachsenen, die angesichts der Stillen Nacht wieder ihr kindliches Staunen und ihre Demut vor dem großen Geschehen entdecken wollen.

Und nun weitet sich das Geschehen auch bei Eichendorff, denn was sich im Außen abspielt, ereignet sich auch im Inneren:


Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins freie Feld
hehres Glänzen, heil'ges Schauen
wie so weit und still die Welt.

Dieses Empfinden-Können, das die Seele des lyrischen Ichs zu zeigen vermag, lässt alle Mauern hinter sich. Sie ist frei für das Glänzen und Schauen, für die Weite und Stille der Welt.

Im ganzen Gedicht ist durch die fortwährenden Zeilensprünge eine Vorwärtsbewegung, begleitet durch die Alliterationen wie hehr und heilig und weit und Welt, die durch den Buchstabenklang alles ins Innere tragen, verstärkt durch die Zwillingsformen wie hehr und heilig, weit und still, steh´n und schauen.

Das lässt sogar die Sterne lebendig werden und die Verse in die Schluss-Strophe münden:


Sterne hoch die Kreise schlingen
aus des Schnee's Einsamkeit
steigt's wie wunderbares Singen
Oh Du gnadenreiche Zeit!

Warum ist die Stille so wichtig?

Wenn die Seele zur Ruhe kommt, ist es, wie wenn der See still und klar ruht, wie es in Leise rieselt der Schnee heißt. Und wenn der See still und klar ruht, dann kann sich der Himmel im Wasser, das ja immer ein Symbol der Seele ist, spiegeln. In den aufgewühlten Wassern ist die Welt laut, ihre Lichter schreien, ihre Kraft ist Gewalt, ihr Glanz ist Fassade und Politur.


Wir erinnern uns, dass Jesus den tosenden Sturm des Sees Genezareth zur Ruhe brachte und eine Stille eintrat. Wie so oft ist auch hier das Geschehen tief symbolisch und reicht bis in die Weihnachtsnacht. Ihre Stille.

Für die Menschen früherer Zeiten war es ein notwendiger Brauch an Sylvester, dass man die bösen Geister vertreibe. Doch wissen wir, dass das ständige Lärmen, das unsere Kultur auszeichnet, längst vor allem die guten vertreibt.

Eigentlich aber ist in unserer Kultur der Wert der Stille tief verankert, bis hinein in den 23. Psalm, den Martin Luther ruhig genauer hätte übersetzen können, wenn es dort eigentlich heißt:


Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum stillen Wasser.

David, judäisch-israelischer König und Verfasser dieses Psalms, wusste sehr wohl, dass gerade das stille Wasser Tiefe gibt und Kraft.

Die Stille der Nacht, die Stille Nacht, die Heilige Nacht, will in die Tiefe führen des eigenen Inneren, wo die Geburt jenes Lichts stattfinden kann, das unser Leben gestalten und unsere Kultur ihrer Bestimmung zuführen will.

Ich möchte alle Leser weihnachtlich grüßen, wie schon im letzten Post mit Worten des von mir so geschätzten Friedrich von Bodelschwingh, der allen seelisch Kranken und Behinderten eine Heim- und Heilstätte gab:



Nach Hause kommen, das ist es, 
was das Kind von Bethlehem allen schenken will, 
die weinen, wachen und wandern auf dieser Erde.



✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡
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Dienstag, 13. August 2013

Wie du bist, so bist du recht: Michael Endes Bastian findet seine innere Mutter in der Dame Aiuóla.

Es gibt zahlreiche Märchen, die von der inneren Mutter erzählen, die einen wesentlichen Teil unserer Seele ausmacht. 
Und diese Mutter hat viele Facetten. 
Sibylle Birkhäuser-Oeri hat in ihrem posthum von ihrer Freundin Marie-Louise von Franz zur Veröffentlichung aufbereiteten Manuskript - erschienen als Die Mutter im Märchen - einige ansgesprochen: 
Da finden wir u.a. die Todesmutter, die Feuermutter, die lebensschenkende Naturmutter ... all diese Mütter, die dunklen wie die hellen, sind Seiten EINER Großen Mutter.Eine der bekannntesten Ausgestaltungen ist Frau Holle.
In uns gibt es diese vielen Facetten der Mutter wie auch diese EINE, die Goethe meint, wenn er am Ende von Faust II vom Ewig-Weiblichen spricht, das uns hinanzieht, die Homer besingt, wenn er die Mutter als Allmutter Erde anspricht, und deren auch in vielen, den meisten indianischen Kulturen gedacht wird. Die Griechen nannten sie Gaia, eben Allmutter Erde.
Sie ist die göttliche Mutter. Der weibliche Teil der Gottheit.

Jenen Teil, den uns die christlichen Kirchen verschwiegen haben.
Vater, Sohn und Heiliger Geist, so heißt es im Apostolischen Glaubensbekenntnis.
Nur Männer, keine Frau. So ist das in der Kirche.

Wir können diese Mutter nicht erfassen. Wir Menschen tun das ja gern, etwas zu erfassen und dann kräftig festzuhalten, unter Kontrolle zu bringen, damit die liebe Seele Ruhe hat.

Aber genau das ist der Punkt: diese Mutter schenkt zwar Ruhe und Frieden, denn sie will uns an ihrer Brust stillen, damit wir Stille lernen, aber sie beunruhigt uns auch in gewisser Weise, weil sie ständig im Wandel ist wie die Erde, die Natur.

Wer sie immer mehr verstehen lernen will, muss sich von ihr beunruhigen und stillen zugleich lassen.

Haben wir keine Verbindung zu ihr, treiben wir durch den Raum ... immer auf der Suche, unterwegs in Sachen Mutter-Sucht. Bevorzugt tun das jene Männer, die ständig unterwegs in Sachen Liebesabenteuer sind. Ohne es zu wissen, suchen sie in jeder Frau die Mutter, weil sie sich auf krankhafte Weise nie von ihr lösen konnten, oft, weil es die Mutter auf gerissene Weise verhindert hat, immer wieder - und sie tut es oft noch, auch wenn sie nicht mehr lebt.

Von dieser Mutter muss sich jeder Mann lösen. Das
Grimm-Märchen Eisenhans berichtet davon.

Von der geistigen Mutter allerdings hätten wir uns nie lösen sollen. Die gute Mutter in den Märchen, die gute Königin, wie auch immer sie gestaltet worden ist, stirbt zumeist. So wie im Übrigen auch oft der Vater.


Jeder Mensch, ob Mann, ob Frau, muss sich vergewissern, ob er in Verbindung mit dieser Mutter steht. In einer liebenden.

Eine solche liebende Verbindung ist keine, die auf Unterwerfung basiert. Mit einer Mutter setzt man sich durchaus immer mal wieder auch auseinander.

Oft aber ist sie noch so tot in uns Menschen wie Schneewittchen.
Dann gilt es, sie zu wecken.

Eigentlich keine Überraschung, dass diese Thematik auch in Michael Endes Unendlicher Geschichte auf dem Weg Bastians zur Heilung des Inneren der Menschen, sprich in der Geschichte also der kindlichen Kaiserin, eine bedeutende Rolle spielt, wenn auch auf durchaus ungewöhnliche Weise.

Die innere Mutter, die Bastian trifft, ist die Dame Aiuóla.

Das Ganze ist absolut goldig geschrieben:


Schließlich gelangte er in eine schnurgerade Allee aus kugelrunden Bäumen, die voller rotbackiger Äpfel hingen. Und ganz am Ende der Allee tauchte ein Haus auf. Beim Näherkommen stellte Bastian fest, dass es wohl das drolligste Haus war, das er je gesehen hatte. Ein hohes spitzes Dach saß wie eine Zipfelmütze auf einem Gebäude, das eher einem Riesenkürbis glich, denn es war kugelig, und die Wände hatten an vielen Stellen Beulen und Ausbuchtungen, sozusagen dicke Bäuche, was dem Haus ein behäbiges und gemütliches Aussehen verlieh.

Da deutet sich schon an, welchen Mutter-Aspekt Michael Ende ausgewählt hat. Die Dame Aiuóla wohnt nämlich im Änderhaus, einem Haus, das sich ständig ändert, verschwindet auf der einen Seite ein Fenster, wächst auf ener anderen ein Erker aus dem Haus ...

Die Frau begrüßt Bastian mit einem Lied, das schon deutlich werden lässt, was eine wirkliche Mutter ausmacht, jedenfalls jene innere Mutter, auf die wir uns beziehen:

Alles, was du suchst und willst,
auch Geborgenheit,
Trost nach allem Leid.
Ob du gut warst oder schlecht,
wie du bist, so bist du recht, '
denn dein Weg war weit.«
Wie Du bist, so bist Du recht.
Wie schön, wenn das jemand zu uns sagt und uns so annimmt, wie wir sind.

Die wirkliche Mutter tut das!

Die Stimme begann von neuem zu singen: 

»Großer Herr, sei wieder klein!
Sei ein Kind und komm herein!
Steh nicht länger vor der Tür,
denn du bist willkommen hier!
Alles ist für dich bereit
schon seit langer Zeit.
Die Stimme übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Bastian aus. Er war sicher, dass es eine sehr freundliche Person war, die da sang.
Er klopfte also an die Tür, und die Stimme rief:
»Herein! Herein, mein schöner Bub!«
Er öffnete die Tür und sah eine gemütliche, nicht sehr große Stube, durch deren Fenster die Sonne hereinschien. In der Mitte stand ein runder Tisch, gedeckt mit allerlei Schalen und Körben voll bunter Früchte, die Bastian nicht kannte. Am Tisch saß eine Frau, die selbst ein wenig aussah wie ein Apfel, so rotbackig und rund, so gesund und appetitlich.
Im allerersten Augenblick war Bastian fast überwältigt von dem Wunsch, mit ausgebreiteten Armen auf sie zuzulaufen und »Mama! Mama!« zu rufen. Aber er beherrschte sich. Seine Mama war tot und ganz gewiss nicht hier in Phantásien. Diese Frau hatte zwar dasselbe liebe Lächeln und dieselbe Vertrauen erweckende Art, einen anzusehen, aber die Ähnlichkeit war höchstens die einer Schwester. Seine Mutter war klein gewesen und diese Frau hier war groß und irgendwie imposant. Sie trug einen breiten Hut, der über und über voller Blumen und Früchte war, und auch ihr Kleid war aus einem farbenprächtigen, geblümten Stoff. Erst nachdem er es eine Weile betrachtet hatte, bemerkte er, dass es in Wirklichkeit ebenfalls aus Blättern, Blüten und Früchten war.
Während er so stand und sie ansah, überkam ihn ein Gefühl, wie er es schon lange, lange nicht mehr gekannt hatte. Er konnte sich nicht erinnern, wann und wo, er wusste nur, dass er sich manchmal so gefühlt hatte, als er noch klein war.
»Setz dich doch, mein schöner Bub!«, sagte die Frau und wies mit einer einladenden Handbewegung auf einen Stuhl. »Du wirst sicher hungrig sein, also iss erst einmal!«
»Entschuldigung«, antwortete Bastian, »du erwartest doch einen Gast. Aber ich bin nur ganz zufällig hier.«
»Tatsächlich?«, fragte die Frau und schmunzelte.


Bastian mag lange meinen, er sei zufällig hier und die Ähnlichkeit sei höchstens die einer Schwester.

Nein, er hat zu der Mutter gefunden, die unser aller Mutter ist, die sich ständig ändert wie die Jahreszeiten, die Fruchtbarkeit symbolisiert und Werden und Vergehen, zu sehen an ihrem Haus.
Wenn wir zu dieser Mutter finden, gibt es nur eins: Wohlsein!

Es gibt Bücher, die nehmen einen an die Hand und zeigen einem den Weg, schaffen Bilder, die unsere Seele heilen und ihr den Weg weisen, ja, die selbst der Weg sein können, denn unser Inneres vertraut diesen Bildern.

Michael Ende war ein weiser weißer Magier.
Seine Bilder, seine Worte sind heilsam für unsere Seele.

Sonntag, 28. Juli 2013

Berufen, um Namen zu geben. Was Michael Ende in der "Unendlichen Geschichte" lehrt: Jeder muss selbst seine Kindliche Kaiserin retten!


Die Adamssöhne, so nennt man mit Recht
die Bewohner des irdischen Ortes,
die Evastöchter, das Menschengeschlecht,
Blutsbrüder des Wirklichen Wortes.
Sie alle haben seit Anbeginn
die Gabe Namen zu geben.
Sie brachten der kindlichen Kaiserin
zu allen Zeiten das Leben.
Sie schenkten ihr neue und herrliche Namen,
doch ist es schon lange her,
dass Menschen zu uns nach Phantasien kamen.
Sie wissen den Weg nicht mehr.
Sie haben vergessen, wie wirklich wir sind,
und sie glauben nicht mehr daran.
Ach, käme ein einziges Menschenkind.
dann wäre schon alles getan!
Ach, wäre nur eines zu glauben bereit
und hätte den Ruf nur vernommen!
Für sie ist es nah, doch für uns ist es weit,
zu weit, um zu ihnen zu kommen.
Denn jenseits Phantásiens ist ihre Welt,
und dorthin können wir nicht -
doch wirst du behalten, mein junger Held,
was Uyulala da spricht?«


Jedes Mal, wenn ich "Die Unendliche Geschichte" lese, bin ich tief berührt. Gerade habe ich noch einmal Atréjus Weg durch die drei Tore, das Große Rätsel Tor, das Zauber Spiegel Tor, das Ohne Schlüssel Tor gelesen.
Es sind dem Weg der Großen Arcana des Tarot vergleichbare seelische Entwicklungsstufen des Menschen; zugleich sind es Prüfungen.

Unglaublich, wie wahrhaftig Michael Ende sie gestaltet. Wir wissen ja, dass er selbst diese Stufen ging, dass er selbst mit seinen Helden in ausweglose Situationen geriet, dass er selbst um Lösungen rang ...
Er war, wie Goethe und nicht wenige andere Schriftsteller, ein sicherlich sehr hellfühliger Mensch.

Ich bin auf meinem Methusalem-Blog (> Link) auf die drei Prüfungen eingegangen und auf die Stimme der Stille, die sich Atréju im Anschluss an den Durchgang durch die drei Tore offenbart.
Wohl dem, der die Prüfungen durchlaufen darf, ohne gleich zu Beginn von den Sphinxen zurückgewiesen, ja getötet zu werden.

Jener Text oben stammt von Uyulála, der Stimme der Stille.

Und auch hier wird deutlich, wie viel dem Bewusstsein von Michael Ende offenbar ist.

In der Tat hat in der Schöpfungsgeschichte der Bibel der Mensch den Tieren Namen gegeben; es war ihm vorbehalten, dem Menschen, in der Bibel als Ebenbild Gottes bezeichnet.

Namen geben zu dürfen ist ein heiliger Akt, sicherlich einer der heiligsten, die es gibt.
Er wiederholt sich in der Namensgebung der Eltern für ihre Kinder; auch das ist eine heilige Aufgabe, wie sehr, ist vielen nicht bewusst.
Und wie wichtig ist es, Namen nicht abzukürzen, enthalten sie doch die Lebensenergie eines Menschen.

Uyulála klagt, und ihre Klage ist herzzereißend, denn es droht das Ende, das große NICHTS. Sie weiß, wie es um die Menschen bestellt ist, die den Weg nach Phantásien nicht mehr wissen.

Es ist der Weg zum Herzen, zum eigenen, denn die Kindliche Kaiserin ist niemand anderes als das göttliche Kind unseres Herzens.

Mein Wunsch in diesen Tagen: Mögen viele von uns wieder nach Phantásien gelangen.

Eine Voraussetzung nennen Michael Ende und Uyulála ganz deutlich:
Der Mensch, der dies erreichen will, muss glauben können:

Ach, wäre nur eines zu glauben bereit ...

Glauben-Können ist die Voraussetzung, um den Ruf vernehmen zu können, den Ruf des Herzens ...

Glauben ist kein Relikt nostalgischer Zeiten und reduzierter Bewusstseinsstufen. Glauben geht dem Wissen voraus: Wenn wir auf Schildern den Weg sehen, den wir gehen wollen, glauben wir, dass wir den Schildern vertrauen können. Ob unser Vertrauen berechtig ist, wissen wir oft erst sehr spät. So lange glauben wir.

Mancher glaubt, dass mit dem Tod alles vorbei ist.
Mancher glaubt, dass es ein Leben nach dem Leben gibt.
Wissen tun wir das relativ spät.
Doch unser Glaube bestimmt, auf welchen Bewusstseinsebenen wir suchend unterwegs sind.

Deshalb ist Glaube nicht ganz so unwichtig, wie viele glauben machen wollen, solange den meisten menschlichen Seelen durch Jahrhunderte materiell-orientierten Denkens die Sicht auf Wahrheiten, wie sie Menschen früherer Zeiten noch zugänglich waren, verstellt ist - eine Blendung, die, wie mir scheint, sich langsam aufzulösen beginnt. Dann kann Glaube wieder in inneres Wissen übergehen.

PS Nachtrag am 30.12. 2015

Was ich in diesem Post nicht erwähnt habe, was aber wichtig ist:

Natürlich muss Bastian, müssen wir alle wieder zurück in unsere Realität, um Phantásien mit ihr zu verbinden.
Bastian will ja - es gibt auch ein phantásisches Ego - nicht mehr zurück, macht sich zum Kaiser von Phantásien und überwirft sich mit Atréju und Fuchur. Das ist eine große Gefahr, in der Menschen durchaus steckenbleiben können. Es sind unter anderem die, die alles nur in Licht und Liebe sehen wollen. Doch gilt es zu erkennen, dass es auch in uns Licht und Finsternis gibt - und letztere nicht zu knapp.

Wenn man diese Tatsache nicht nur mit dem Verstand, sondern mit ganzer Seele begreift, dann kann man auch die Worte Davids in Psalm 139 wirklich verstehen:
Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir und die Nacht leuchtet wir der Tag.

Samstag, 15. Juni 2013

Alles, was du wahrnimmst, bist du selbst. – Michael Ende jedenfalls meint:

Ich bin der Meinung, daß wir überhaupt eine Fehlentwicklung erlebt haben in den letzten zweihundert Jahren. Wir haben uns eingeredet, es gäbe einen kategorischen Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Realität. Wir haben die Welt sozusagen in zwei Stücke gerissen. Wir stellen uns vor, es gäbe da draußen so etwas wie eine objektive Realität, die auch ohne uns und unser Bewußtsein existiert, und es gäbe da drinnen eine subjektive Realität, die auch ohne Welt existiert. Für mich sind die Welt und das menschliche Bewußtsein nur die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Das eine hängt vollkommen vom anderen ab. Welt und Bewußtsein sind letzten Endes ein und dasselbe. Das geht dann bis zu den alten indischen Weisen, die gesagt haben: „Alles was du wahrnimmst, bist du selbst."

Als Michael Ende diese Aussagen traf, hatte sich jenes Bewusstsein noch nicht durchgesetzt, das manchem heute im Rahmen der Quantenphysik und ihrer philosophischen Betrachtungen fast selbstverständlich geworden ist
Viele Menschen allerdings lassen dieses Bewusstsein noch lange nicht zu, dass ihnen in ihrer äußeren Realität immer wieder ihr eigenes Inneres begegnet.
Was könnte das für eine Bedeutung haben, dass jemand schon so lange eine Wohnung sucht, aber keine findet (während das einem anderen fast auf Anhieb gelingt), dass er in letzter Zeit sich immer wieder irgendwo anstößt oder ein Körperorgan rebelliert?
Was bedeutet es, dass es im Kofferraum des eigenen Autos unterirdisch unübersichtlich ausschaut? Dass der Keller zu einem verkommenen Ersatzteillager degeneriert ist? Dass mancher sich Dinge kauft und kauft und kauft, ohne sie wirklich wertzuschätzen?
Dass nur beim Staubsaugen die inneren Aggressionen zutage treten, weil alle Stuhlbeine und Bodenleisten zu Gegnern werden, die ausbaden müssen, was man an den Menschen der Umgebung sich nur versteckt getraut auszuleben, die doch nur im Keller des Unbewussten gehaltene Gestalten des eigenen Inneren sind?

Gewiss mag das ein oder andere überzogen klingen. Tatsächlich aber finden wir unser Inneres in unserer äußeren Realität, möglicherweise mehr, als uns lieb ist, ob der verlorene Schlüssel nun etwas zu bedeuten hat oder nicht :-)
Nicht? 
Michael Ende schreibt auch: Alles, was Du wahrnimmst ...
Man muss es sich schon erlauben wahr-zu-nehmen!

Samstag, 6. Oktober 2012

Den letzten Wunsch finden ... den wahren Willen zu lieben


Bisher wollte er zwar immer ein anderer sein, als er war, aber er wollte sich nicht ändern.

Das erfährt der Leser über Bastian zum Ende der Unendlichen Geschichte hin.
Eigentlich kaum glaublich, dass unser Held, fast am Ziel, sich noch nicht wirklich geändert haben soll (als wir diesen Satz lesen, ist Bastian im Änderhaus und damit bei der Dame Aiuóla, der Großen Mutter, wie wir sie auch nennen können). 
So weit ist er allerdings in seiner seelischen Entwicklung, dass er Vater und Mutter vergisst, um seine wahren Eltern, die Große Mutter und den Großen Vater zu finden, eine Voraussetzung, um zu seinen wahren geistigen Wurzeln zu gelangen.

Und dennoch hat er sich in Wirklichkeit bisher gar nicht geändert?

Kann das sein?

Ja, ich glaube, es ist so. 

Was wir für Änderung halten, ist, wie es z.B. Odysseus auf seiner Reise in die Heimat erlebt, anlanden und wieder ablegen an verschiedenen Gestaden, wo wir - Odysseus steht stellvertretend für diese Etappen auf dem Weg in die Heimat - verschiedenste Erfahrungen machen, indem wir z.B. (als Mann) Circe kennenlernen und durchschauen lernen sollen, was diese Art von Frau - immer auch Teil unseres Inneren - mit uns anrichten kann. Schließlich bleiben nicht wenige Männer gern bei Circe hängen, die bekanntlich Männer zu Schweinen macht - die Becircten selbst allerdings erkennen ihr Grunzen nicht. 
Gerade in unserer heutigen Zeit werden durch die Medien die verschiedensten Circe-Typen in den Mittelpunkt gerückt; wahre Weiblichkeit, so ist zu befürchten, geht zunehmend verloren. Und, was für mich das Schlimmste ist, Heranwachsende halten diese Circen für weiblich, für Weiblichkeit.

Woran erkennen wir, dass alles bisher Erlebte Erfahrung war, nicht wirklich Änderung?

Indem wir den letzten Wunsch finden.


Bastian Balthasar Bux findet ihn bei seiner wahren Mutter, der Großen Mutter, Gaia, Mutter Natur,
 im Buch Aiuóla genannt, aus der nicht zufällig die köstlichsten Früchte wachsen.

Sie sagt zu ihm:
Jetzt hast Du Deinen letzten Wunsch gefunden, dein wahrer Wille ist zu lieben.

Lieben, das tue ich schon lange, höre ich die Scheinheiligen, wie wir sie in den letzten Posts angetroffen haben, posaunen.

Aber es könnte sein, dass sie - und damit wir - einem großen Irrtum aufgesessen sind, dass wir nämlich noch gar nicht geliebt haben.

Dass wir wirklich erst zu wahrer Liebe gelangen, wenn wir unseren letzten Wunsch wünschen ...

Wir müssten dazu in unmittelbarer Nähe der Quelle des Wassers des Lebens sein und das Wasser des Lebens in die reale Welt bringen wollen.

Schon merkwürdig - das heißt: des Merkens würdig -, dass Michael Ende dieses Märchenmotiv gegen Ende seiner Unendlichen Geschichte einbringt - und gewiss kein Zufall.
In ihr aber finden sich ja ohnehin viele Märchenmotive.
Für mich ein Beweis, dass wir in ihnen, den Märchen, die wahre Weltgeschichte finden.
So wie in der Unendlichen Geschichte die Wahrheit des letzten Wunsches:
wirklich zu lieben.

Erst danach ist wunschloses Glück möglich.

Also Liebe.

PS  Was ich allerdings auch glaube: Dass Menschen immer wieder zu Gedanken und Taten der Liebe fähig sind. Das ist nicht das überdauernde Glück der Liebe, dass die Unendliche Geschichte zum Abschluss der Reise Bastians meint und die Märchen mit ihrer Ewigkeitsformel Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute; aber diese Flicken der Liebe sind wie Seiten eines Buches, das in seiner Gesamtheit eine unendliche Geschichte der Liebe sein will.

Zu dieser Geschichte gehört auch unser Weg zur Liebe.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Sogenannte Heilige, Scheinheilige und zwei Gebete, die zu Herzen gehen.


Den gestrigen Post bzw. die Worte Pfarrer Brochs habe ich mir ausgedruckt, ausgeschnitten und in mein Exemplar von Der Joker geklebt, um sie heute meiner Klasse, mit der ich gerade dieses Buch lese, vorzulesen anlässlich einer Stelle darin, die genau zu den Worten Michael Brochs von gestern passt:

Ed, der Protagonist aus Der Joker bekommt bekanntlich Karten zugespielt von einem großen Unbekannten, und jede Karte ist mit einer Aufgabe verbunden. Auf einer stand O´Reilly. Und Ed fndet tatsächlich den O´Reilly, um den es geht. Es ist ein Priester, dessen Behausung dem Wort grauenhaft eine ganz neue Bedeutung verleiht, denn:
O´Reilly ist ein Armenpriester, ähnlich wie Abbé Pierre, den Michael Broch erwähnte. O´Reilly wohnt nicht neben seiner Kirche, sondern inmitten der Underdogs dieser Stadt; ganz nah will er ihnen sein. –
Ed gesteht ihm offen, dass er noch gar nicht wisse, warum er bei ihm ist.
Unser Protagonist kennt noch nicht seine Aufgabe, die sich mit diesem Geistlichen verbindet, allmählich aber dämmert sie ihm und er weiß, er will dieses Priesters Kirche an einem Sonntag bis zum letzten Platz füllen.
Tatsächlich schafft er es, mit Graffiti, nachts illegal angebracht:


Tag der offenen Kirche
Sonntag 10.00 Uhr
St. Michael-Kirche

Essen, Gesang, Tanz
und FREIBIER

Kommt alle oder ihr verpasst
eine TEUFLISCH gute Party!

:-))

Weshalb ich diesen Post schreibe: 
Am Abend vor diesem Sonntag kommt jener Priester Ed ganz unerwartet besuchen und er beginnt mit den Worten:

Ich muss dir etwas sagen, Ed, um dann mit berührenden Worten fortzufahren:

Weißt du, es gibt unzählige Heilige, die nichts mit der Kirche am Hut haben und auch von Gott kaum etwas wissen. Und Gott ist trotzdem mit diesen Menschen, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Du bist einer davon, Ed. Es ist mir eine Ehre, dich zu kennen.

Das ist die Stelle  um die es geht.
Auch wenn manche Kirche gern die allein seligmachende wäre: anima naturaliter religiosa - die Seele ist von Natur aus religiös, ganz ohne Konfession. 
Mancher Atheist, mancher Hinduist wird in sich ein Christusbewusstsein haben, um das mancher sogenannte Christ gar noch nicht weiß ...

Und was diese Textstelle mir auch noch vermittelt: Hier findet sich keine falsche Bauchpinselei, die nur darauf ausgerichtet ist, dass der andere sagt: Nein, nein, der Heilige sind doch Sie, ähnlich dem Gehabe und Gelaber der Hollunder-Freunde von Matthias Claudius ... nein, dieser Priester ist für einen Geistlichen ungewöhnlich ehrlich ... 
Und übrigens: in dem Wort ehrlich steckt das Wort Ehre ...

Dann kommt der Sonntag, und die Kirche ist proppenvoll, voll von Underdogs aus dem Viertel, auch Freunde von Ed sind anwesend, ebenfalls der Bruder O´Reillys, Ed hatte ihn eingeladen;
Letzterer spielt zu Beginn des Gottesdienstes zunächst auf seiner Mundharmonika. Und wir hören in den Erzählerbericht Eds hinein:

Danach spricht der Priester eine Zeitlang. Was er sagt, gefällt mir, auch die Art, wie er es sagt. Er redet nicht wie all die anderen Priester in ihren schmucken, reich dekorierten Kirchen, die nichts als gequirlte Scheiße von sich geben.

Dann kommt O´Reilly zum Ende seines Gottesdienstes:

Leute, ich werde jetzt beten, erst laut und dann still für mich. Ihr dürft jedes Gebet sagen, das ihr mögt oder das euch wichtig ist ...
Herr, ich danke dir. Ich danke dir für diesen glorrreichen Moment und für all diese großartigen Menschen. Ich danke dir für das Freibier ... Und ich danke dir für die Musik und die Worte, die du uns heute geschenkt hast. Vor allem aber Herr, danke ich dir, dass mein Bruder heute hier sein kann, und ich danke dir für einen ganz bestimmten jungen Mann, der eine ganz fürchterlich hässliche Lederjacke trägt ... Amen.

Damit war Ed gemeint, klar. Und der betet zum ersten Mal seit Jahren, vielleicht auch zum ersten Mal nach dem Tod seines Vaters, für sich:

Bitte, lieber Gott, mach, dass es Audrey gut geht. Und auch Marv und Richie und Ma und meiner ganzen Familie. Bitte nimm meinen Dad in deine Arme, und bitte, bitte hilf mir mit den Botschaften, die ich noch zu überbringen habe. Hilf mir, dass ich alles richtig mache ...


Ich weiß gar nicht, ob man dann überhaupt etwas falsch machen kann ... wenn man auf diese Weise unterwegs ist ...

"Jeder Weg, der dorthin führt, ist der richtige", sagt in Michael Endes Unendlicher Geschichte die Dame Aiuóla, Symbol der Großen Mutter, zu Balthasar am Ende seines Aufenthaltes im Änderhaus.
Genau so empfinde ich es auch. Der Weg zur Quelle des Wassers des Lebens - das ist mit "dorthin" gemeint - verläuft nie geradlinig. Wie Hänsel und Gretel müssen wir über das Hexenhaus. Wir verlaufen uns im Wald.

Der Weg der Wünsche ist nie gerade, hört Balthasar von Aiuóla.

Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass uns das bewusst ist, damit wir liebevoll mit uns umgehen können.

Mittwoch, 1. August 2012

Erschreckend, wie substanzlos und unwissend die zeitgenössische Ethik ist, z.B. Peter Singers "Praktische Ethik"

Kennen Sie Prokrustes? Es ist jener Unhold aus Griechenland - Theseus bereitete ihm Gott sei Dank den Garaus -, der einkehrende Wanderer durch Verstümmelung oder Streckung mit dem Hammer in eine Bettstelle einpasste.
Was Prokrustes mit Peter Singer zu tun hat?
Lesen Sie Peter Singers "Praktische Ethik" - ein Paradebeispiel dafür, wie der Verstand des Menschen zum Prokrustes-Bett wird. Alles wird passend gemacht, das Bettgestell heißt ratio, die Matratze heißt intellektuelles Ego.
Besser noch: Lesen Sie dieses Buch nicht, ernsthaft empfehlen kann man es jedenfalls niemandem. So viele Prokrustes-Grausamkeiten habe ich selten erlebt. Dass sich dabei gedankliche Geschmacklosigkeiten einschleichen, ist eine andere Sache. Oder wie finden Sie die Aussage:
Tötet man eine Schnecke oder einen 24 Stunden alten Säugling, so vereitelt man keine Wünsche dieser Art, weil Schnecken und Neugeborene unfähig sind, solche Wünsche zu haben. (S. 123)
Mit Wünschen dieser Art meint Singer Wünsche für die Zukunft, die rationale und selbstbewusste Wesen zu haben in der Lage sind; diese nennt er Personen. Wer mehr darüber lesen will, findet die entsprechenden Aussagen in Singers Kapitel "Warum ist töten unrecht?"
Den Ausführungen mag man, wie auch immer, folgen, aber was mich allein an diesem Satz schockiert, ist die Tatsache, wie hier auf gleicher Höhe von einer toten Schnecke und einem toten Säugling gesprochen wird. Noch immer würde es mir leichter fallen, eine tote Schnecke läge neben mir als ein toter Säugling. Im Denken Singers ist das nur konsequent gleich. Ich wünsche einer Schnecke auch nicht den Tod. Dennoch gibt es für mich Unterschiede. Dass es sie nicht gibt in Bezug auf die beiden, diesem Tatbestand widmet Singer viele Seiten seines Buches. Konsequent streitet er die Heiligkeit des Lebens, des menschlichen Lebens ab.

Nichts gegen seinen Einsatz für den Wert tierischen Lebens, auch für die zwanghaften Beweise, dass Primaten ein so wertvolles Leben wie Säuglinge und geistig Behinderte haben, weil sie in die Zukunft denken können und bewusst leben; das belegt Singer mit Untersuchungen und Beispielen, um dann zu dem Ergebnis zu kommen:
So scheint es, daß etwa die Tötung eines Schimpansen schlimmer ist als die Tötung eines menschlichen Wesens, welches aufgrund einer angeborenen geistigen Behinderung keine Person ist und nie sein kann. (S. 156)
Welchen Stellenwert er einem zeitgenössischen amerikanischen Philosophen namens Michael Tooley einräumt, der sich damit auseinandersetzt, dass ein Baby nicht ein Recht auf Fortsetzung seiner Existenz haben könne, weil es noch kein Interesse am Leben gehabt habe, das ist schon bemerkenswert und für mich erschütternd; erschütternd sind solche Sätze, die Singer in der Nachfolge Tooleys in diesem Zusammenhang ablässt:
Hätte der Zug das Baby auf der Stelle getötet, so hätte der Tod nicht im Gegensatz zu den Interessen des Babys gestanden, weil es eben nicht eine Vorstellung von der Existenz in der Zeit gehabt hätte. (S, 132)
Solche Sätze finden sich immer wieder, wobei immer wieder auf verdruckste Weise unklar bleibt, inwieweit sich Singer mit ihnen identifiziert, und man mag verstehen, warum es mir zum Teil schlecht wurde.
Klar kann man solche Sätze denken, klar kann man sie einfach einen amerikanischen Philosophen denken lassen und sich hinter dessen Denken verstecken, aber das soll die Praktische Ethik sein, die sich bemüht, eine Richtschnur für ethisch verantwortliches Leben zu geben?

Zwei Punkte sind mir noch viel wichtiger, die Singers Ethik ad absurdum führen:

Gewiss müssen Liebe, Herz und Gefühl in einer Praktischen Ethik nicht im Vordergrund stehen, aber so ausgespart, wie sie in diesem Werk sind, das ist schon unglaublich. Ich zähle nicht nach, mir ist die Zeit zu schade, aber das Wort Liebe kommt vielleicht fünf- oder sechsmal vor (Herz, glaube ich, einmal), allerdings nicht in argumentativem Zusammenhang, sondern z.B. als Zitat ("Liebe Deinen nächsten wie Dich selbst").

Wie sehr eine moderne Ethik ohne Liebe auskommt, das war mir nicht bewusst. Dass sie allerdings auch auf die Gefühle der Menschen verzichtet und deren Bedeutung, das ist schon fahrlässig.
Spätestens seit D. Golemans Buch über "Emotionale Intelligenz" ahnt doch auch der Gefühlslaie, dass Gedanken über Leben, die den Gefühlsbereich aussparen, am Leben vorbeigehen. Man muss nicht im Extrem A. Webers Gedanken in "Alles fühlt" teilen, aber dass alles, was wir tun, an Gefühle gekoppelt ist - auch unser Denken (!!!) - das hätte sich bis Australien und zu Peter Singer durchsprechen können.
Für ihn spielen Gefühle im Leben der Menschen, in einem ethischen Leben - er spricht von einem Leben, das den ethischen Standpunkt einnimmt - keine Rolle.
Dass er manches, was er geschrieben hat, so gefühllos schreiben kann, das hat mich stellenweise fassungslos gemacht, fassungslos, dass sich Intellekt so verselbständigen kann, dass der Gott Onan über so viel intellektuelle Selbstbefriedigung seine helle Freude gehabt hätte.
Das ist das eine. Peter Singer schreibt wie zu Zeiten Kants, völlig ohne Gefühl. Ohne Gefühle mit einzubeziehen. Das geht nicht, ihr Aussparen kostet Energie, die auf Kosten der Wahrheit geht. Immer. Schon immer.
Übrigens: Intuition bezieht Singer, indem er sich auf einen Kollegen bezieht, durchaus ein. Immerhin.

Zumindest in der Neufassung seiner Praktischen Ethik hätte Singer berücksichtigen können, dass - und das ist ein weiterer wichtiger Punkt - die moderne Hirnforschung uns die Ratio, den ach so heiß geliebten Verstand, mehr als relativ sehen lässt, gibt es mittlerweile doch genug Belege, die aufzeigen, dass dem, was wir als bewussten Akt ausgeben, in aller Regel bereits in unserem Gehirn Prozesse vorausgehen, die aus den Bereichen des Unbewussten kommen. Ein Polizist, der sich also für Folter entscheidet, um ein Menschenleben zu retten und ein Geständnis zu erpressen, wird zwar im Nachhinein rationale Gründe anführen und anführen müssen; allerdings: seine Entscheidung fiel intuitiv, unbewusst; das wissen wir schon einige Zeit, Herr Singer. So geht es auch Ihnen, wenn Sie ein Buch schreiben, auch wenn alles superrational klingt.

Indem also Singer auch den Bereich des Unbewussten und die moderne Gehirnforschung ausspart, schiebt er uns auf eine Zeitstufe, auf der wir z.B. wiederum dem guten Kant die Hand schütteln können, uns weismachend, alles sei per Verstand erkenn- und erklärbar; immer mehr weist uns die moderne Forschung darauf hin: genau das ist es nicht. 
Dem guten Kant kann man keinen Vorwurf machen. Freud, Jung und unser ganzes Bewusstsein über die Bedeutung des Unbewussten waren noch nicht erforscht, es hatte noch keine moderne Hirnforschung gegeben, keinen Spitzer und sein Selbstbestimmen, keinen Benjamin Libet und sein Mind Time, keine Roth/Grün und ihr Das Gehirn und seine Freiheit. Beiträge zur neurowissenschaftlichen Grundlegung der Philosophie. Vergleichbares scheint Singer nicht gelesen zu haben, bei den alten Haudegen seines so geliebten Utiliitarismus dagegen kennt er sich bestens aus, die zitiert er immer wieder.
Mit Singer gibt sich jemand en vogue, für den Gefühle, Herz und Liebe an keiner Stelle seiner Ethik eine Rolle spielen, eine inhaltliche Dimension gewinnen; da kommt einer her, der die ganze moderne Gehirnforschung ausspart und uns weismachen will, dass das, was er schreibt, neuester Stand der Erkenntnis sei ...
Und das Schlimme finde ich: Diese Menschen prägen auch das Bild der zeitgenössischen Ethik in Schulbüchern; dort geht es im Oberstufenbereich genauso abstrakt und substanzlos zu.

Man sollte einfach nur das letzte Kapitel in Peter Singers Buch lesen, wo sich der gute Professor an den Fragen "Warum moralisch handeln?" und "Hat das Leben einen Sinn?" versucht.
Das muss man gelesen haben, um zu wissen, wie tief Ethik gesunken ist, die sich vor allem an den Interessen der Menschen orientiert, an mehr nicht mehr.
Auf den letzten Seiten versucht Singer verzweifelt, Sinn für das menschliche Leben zu finden. Um das zu erreichen, vergleicht er das Leben des Normalbürgers mit dem eines Psychopathen - auf Details verzichte ich.
Er schreibt auf dem Höhepunkt seiner Sinnfindung:

Evolutionär gesprochen, könnten wir sagen, daß das Glück als innere Belohnung für unsere Leistungen fungiert. Subjektiv betrachtet bedeutet für uns das Erreichen des Ziels (oder Fortschritte zu ihm hin) einen Grund, glücklich zu sein. Unser eigenes Glück ist daher ein Nebenprodukt des Strebens nach etwas anderem und nicht dadurch zu erlangen, daß wir unseren Blick allein auf das Glück richten.Das Leben des Psychopathen läßt sich nun - verglichen mit einem normalen Leben - auf eine andere Weise als sinnlos verstehen. Es ist sinnlos, weil sein Blick nach innen auf die Vergnügungen des gegenwärtigen Augenblicks gerichtet ist, und nicht nach außen auf etwas Langfristigeres oder Weiterreichendes. Das Leben normalerer Menschen hat Sinn, weil es auf ein umfassendes Ziel hin gelebt wird. All dies ist spekulativ [...] (S.420ff)

Nach der Lektüre des Buches mag sich niemand verwundern, dass Singer das Entscheidende nicht benennt, nämlich worin der Sinn und die Ziele bestehen, was Langfristigeres und Weitreichenderes sein könnte. Er belässt es bei seinem Hinweis auf den sogenannten ethischen Standpunkt, der darin besteht, über seinen eigenen Standpunkt hinauszugehen, den Standpunkt eines überparteilischen Beobachters einzunehmen, wie er schreibt. Auch hier ist Singer freilich mehr als altbacken, denn seit den Ergebnissen der Quantenphysik und ihrer mit ihr einhergehenden Philosophie wissen wir, dass es den Standpunkt außerhalb, den überparteilischen nicht mehr gibt. Jeder ist Teil des Experimentes Leben, auch wenn er sich den intellektulellen Gestus geben möchte, den Singer sich gibt.
Unverbindlicher als Singer kann man - das ist kein Wunder - ein über 400 Seiten langes Buch über praktische Ethik kaum beenden:
Auf die Frage »Warum moralisch handeln?« läßt sich keine Antwort geben, die jedem überwältigende Gründe für moralisches Handeln liefert. Moralisch nicht vertretbares Verhalten ist nicht immer unvernünftig. Wir werden wahrscheinlich immer die Sanktionen des Gesetzes und des gesellschaftlichen Druckes brauchen, um zusätzliche Gründe gegen ernsthafte Verletzungen ethischer Anforderungen vorzubringen. Diejenigen andererseits, die nachdenklich genug sind, um die in diesem Kapitel erörterte Frage zu stellen, werden am ehesten die Gründe anerkennen, die sich für das Einnehmen des ethischen Standpunkts anführen lassen.

Wir werden immer den Druck des Gesetzes brauchen? 

Was zu solch platter Verallgemeinerung ein Albert Schweitzer, ein Gandhi, ein Martin Luter King und jeder Mensch, der sich von Herzen bemüht, sagt?


Platter geht´s nimmer.

Diese Praktische Ethik ist praktisch wertlos.

Und das Schlimme ist, dass Michael Ende in seiner Unendlichen Geschichte das, was Peter Singer hier treibt, genau erfasst hat, indem er die Kindliche Kaiserin krank werden lässt. Sie symbolisiert die Herzkraft des Menschen. Doch sie siecht dahin, keiner kann ihr helfen, kein Arzt Phantasiens.
Und wie sich die Krankheit äußert: Da, wo einst etwas da war, wo einst Phantàsien war, ist zunehmend Nichts. Und dieses Nichts breitet sich aus. Dieses Nichts ist die intellektuelle Krankheit eines Peter Singer, was er verbreitet, ist das Nichts, Herzlosigkeit, die Sinnlosigkeit des kalten Intellekts.

Mit den Worten aus der Unendlichen Geschichte:
"Es ist", fiel der Winzling ein, "als ob man blind wäre, wenn man auf die Stelle schaut, nicht wahr?""Das ist der richtige Ausdruck", rief (das Irrlicht). "[...] die Stelle wurde nach und nach größer immer größer. Irgendwie fehlte immer mehr von der Gegend. (...) diese Stellen machen sich breit [...] Manche haben sich sogar absichtlich hineinfallen lassen, wenn sie dem Nichts zu nahe gekommen sind. Es übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, die umso stärker ist, je größer die Stelle ist." (23)
Ja, mir macht das Sorge. Diese Art von Singerscher Sinnlosigkeit breitet sich immer mehr auch in der Schule aus.

Die Zitate sind entnommen aus Peter Singer, Praktische Ethik, Ditzingen 2010

Montag, 18. Oktober 2010

Masaharu Taniguchi: die menschliche Phantasie ist eine Form der göttlichen Schöpferkraft

Selten hat mir jemand so aus der Seele gesprochen wie Masaharu Taniguchi. Und ich glaube, auch Michael Ende würde das von sich sagen. Denn dessen Phantásien ist grenzenlos in seiner Geschichte, die nicht von ungefähr Unendliche Geschichte heißt. 
Hier nun die Worte dieses Weisen aus dem Fernen Osten:
Die menschliche Phantasie ist eine Form der göttlichen Schöpferkraft. Alle kleinen und großen Taten, Konstruktionen, Erfindungen und Entdeckungen, die jemals von Menschen gemacht wurden, entsprangen letztlich ihrer Phantasie- und Vorstellungkraft. Das Bestreben jedes Gedankens, jeder Idee und Vorstellung, sich mehr oder weniger rasch in die irdische Wirklichkeit umzusetzen, ist ein universelles Gesetz, das sozusagen automatisch funktioniert. Und wenn Eltern die Kraft und Geduld aufbringen, ihr Kind oder ihre Kinder unentwegt als Repräsentanten der göttlichen Vollkommenheit, als gesund, intelligent, strebsam und erfolgreich zu sehen - plastisch vor sich zu sehen -, dann wird und muss sich auch dieses "geistige Muster" schließlich in die Wirklichkeit umsetzen. 
aus Das Gesetz des Herzens

Sonntag, 5. September 2010

Michael Endes "Unendliche Geschichte": Ein spirituelles Juwel mit unendlich wichtigen Hinweisen für die seelische Entwicklung des Menschen

In den kommenden Monaten werde ich noch einiges zu der Unendlichen Geschichte veröffentlichen (es wird unter dem tag Die unendliche Geschichte - s. Ende des Posts - abrufbar sein).

Ich möchte meine Leser darum bitten, spirituell nicht gleich esoterisch zu setzen, wie das viele immer wieder tun.
Lateinisch spiritus bedeutet ja Atem, Hauch, Seele, Geist, Leben.
An Hand dieser Bedeutungen wird bereits deutlich, dass im Grunde alles, was lebendige Wesen tun, spirituell ist, insbesondere, wenn dies im Zusammenhang mit ihrer seelischen Entwicklung geschieht. 
In diesem Sinne verwende auch ich dieses Adjektiv.

In Phantásien breitet sich das NICHTS aus, wie der Leser der Unendlichen Geschichte weiß, und die kindliche Kaiserin, die Regentin Phantásiens, ist in höchster Gefahr. Damit sind aber auch die Menschen auf ihrer menschlich-irdischen Ebene in höchster Gefahr - dazu ein andermal mehr.
Um die kindliche Kaiserin zu retten, bedarf es eines Helden, der ihr einen neuen Namen gibt. Sie findet ihn in Atréju. Dieser junge Held geht auf seine Mission und das Wie seines Aufbruchs erinnert an die Bibel und an die Tatsache, wie die künftigen Jünger Jesu zu dessen Nachfolgern werden: Angesprochen von ihm  lassen sie alles stehen und liegen und folgen ihm nach, eine erste Voraussetzung, um jünger zu werden, Jünger.
Zur Erinnerung: Die Märchenhelden sind immer die Jüngsten unter ihren Geschwistern!

Seinen Auftrag erhält Atréju von der kindlichen Kaiserin durch Caíron - wir kennen den Zentauren Cheiron, auch Chiron genannt, aus der griechischen Mythologie als gerechten und gütigen Sohn des Kronos; Chiron gilt als Vater der Heilkunst. Dieser überbringt ihm ein goldenes Amulett, das die kindliche Kaiserin dem Zentauren mit den Worten übergab: "Geh und suche Atréju auf (...) Ich setz all mein Vertrauen auf ihn (...) Frage ihn, ob er für mich und Phantásien die Große Suche auf sich nehmen will." Und Caíron setzt hinzu: "Ich weiß nicht, warum ihre Wahl auf dich gefallen ist. Vielleicht kann nur ein kleiner Junge wie du diese unmögliche Aufgabe lösen."

In der Tat, so ist es. Erwachsene sind in der Regel Bedenkenträger, die alles hin und herwenden und nicht mehr in der Lage sind, die Stimme des Herzens zu vernehmen.

Nicht, dass Atréju mit seinen 10 Jahren ein kleiner Haudrauf gewesen wäre, auch er denkt spontan, dass diese Aufgabe für ihn zu schwer sei.
Doch als ihm Caíron AURYN überreicht, das goldene Amulett, das er fortan um den Hals tragen wird - das er allerdings auch im Verlauf der Geschichte unter dramatischen Umständen und mit dramatischen Folgen verlieren wird -, spürt sein Herz durch diese Gabe der kindlichen Kaiserin, den Ruf, es heißt in der Geschichte:
"AURYN!", wiederholte Atréju ehrfürchtig. "Ich will mich des Kleinods würdig erweisen. Wann soll ich aufbrechen?"
 

Caíron wird ihm sagen, dass er sofort aufbrechen soll, und das ohne Abschied.
Und Atréju wird Folge leisten. Er kann noch Ehrfurcht empfinden, etwas, was Herzen von Erwachsenen oft nicht mehr empfinden können.

Haben Sie, lieber Leser, in Ihrer Kindheit Märchen gelesen und lesen Sie - falls Sie Kinder haben - diesen Märchen vor? Es wäre unendlich wichtig, denn eine Aufgabe, warum die großen Grimm-Märchen der Menschheit anvertraut wurden, besteht darin, dass sie den Helden in den Kindern wachrufen und ihn stärken, damit das Kind auf seine Große Suche gehen kann.

Dabei ist es sogar wichtig, dass ein Kind das Märchen hört oder selbst liest und nicht eine Verfilmung sieht, denn seine Seele muss seine ureigenen Bilder aufrufen. Diese - nicht die Bilder anderer, die es in Filmen sieht - tun ihre große Wirkung! (Doch ein Film ist immer noch besser als NICHTS.)


Held sein zu können ist eine Voraussetzung, die Große Suche zu beginnen.

Eine weitere ist, Kind sein zu können. Kind werden, das können auch Erwachsene in einem ganz positiven Sinne, so wie ich das für die Jünger des Franz von Asissi in meinem letzten Post im Rahmen meines Blogs zum Inneren Kind aufgezeigt habe.

Doch eine Voraussetzung ist auch, dass wir uns um unsere inneren Kinder in uns gekümmert haben, denn viele von ihnen haben großen Kummer, so großen, dass Mensch
en insgesamt die Stimme des Herzens nicht mehr hören können.

Manche Menschen arbeiten unbewusst an und mit ihnen; man kann diese Arbeit enorm verstärken, indem man sich bewusst um sie kümmert und dem traumatisierten, ungeliebten inneren Kind (immer sind es eigentlich viele innere Kinder entsprechend der vielen in unserer Kindheit verletzten inneren Seiten in uns) das Bild des fröhlichen, mutigen, dem Leben zugewandten inneren Kindes anbietet, damit es sich zu Mut und Lebensfreude hin befreie.
Nicht von ungefähr ist die Regentin Phantásiens eine kindliche Kaiserin !!

Michael Ende wusste, warum er diesen Roman schrieb. Er sah mit seinen inneren Augen, dass sich in der Menschheit das NICHTS ausbreitet, die große innere Leere; manche Menschen spüren dies und schreien auf. Bisweilen tun sie das auf eine Weise, die sie anderen als lächerlich erscheinen lässt, weil sie es zu impulsiv, vielen zu religiös, manchen zu moralisch tun. Doch ist es ein Impuls ihrer Seele, wie immer sich dieser äußert. 

Sicherlich bedarf die Menschheit Menschen, die dieses NICHTS, wie es sich in Phantásien ausbreitet, erkennen, auch erkennen, welche Auswirkungen dies auf unser Leben hat. Michael Ende hat es in seinem Roman aufgezeigt. Wenn man ihn liest und versteht, sieht man viele Politiker und Menschen überhaupt in des Kaisers neuen Kleidern dastehen. Denn sowohl Christian Andersen als auch Michael Ende halten uns einen Spiegel vor, der uns unsere wahre Gestalt zeigt, nackt, ohne Schmincke. Meistens wird der Spiegel zertrümmert, so wie es die böse Königin in Schneewittchen tut, weil sie nicht ihr wahres Gesicht sehen will. Manche greifen auch zum übelsten Mittel, das es gibt: Sie bringen um, was und wen sie nicht sehen möchten: die böse Königin das Schneewittchen, die Menschen Sokrates, Jesus, Johannes Hus, Giordano Bruno, Mahatma Gandhi, Martin Luther King und im Zweifel - manchmal langsam, manchmal schnell - sich selbst; oft ist ihr Herz schon lange tot, bevor ihr Selbsthass sie umbringt.

Auf Dauer wird das nichts nützen.

mehr zur Unendlichen Geschichte: hier