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Donnerstag, 21. April 2016

Hilfreiche Mythen: Der Spiegel des Perseus schützt vor festfrierenden Emotionen und todbringenden Energien!

Die Medusa zu besiegen ist auch heute noch so gut wie unmöglich. Zwar war sie zu ihrer Zeit die einzige Sterbliche unter den drei Gorgonenschwestern, aber alle drei waren nicht nur abgrundtief hässlich, geflügelt, schlangenhaarig und hassten die Menschen zutiefst, sondern jeder, der sie ansah, versteinerte augenblicklich.
Wie man mit Medusen umgeht und wie man den spiegelnden Schild des Perseus einsetzt, kurzum, wer an Mythen als seelischer Hilfe für unseren Alltag interessiert ist, möge hier lesen.

Gerade will sich das Meeres-Ungetüm der Andromeda bemächtigen,
da stürmt Perseus heran und vermag mit Hilfe des Hauptes der Medusa
jenes zu besiegen und Andromeda zu befreien. -
Wir können das ganze Geschehen noch heute am Sternenhimmel sehen.

Samstag, 7. April 2012

Löwen sollen Lämmer werden ... Über die Kraft der Liebe


   Denn der Ew´ge herrscht auf Erden,
   Über Meere herrscht sein Blick;
   Löwen sollen Lämmer werden,
   Und die Welle schwankt zurück;
   Blankes Schwert erstarrt im Hiebe;
   Glaub´ und Hoffnung sind erfüllt;
   Wundertätig ist die Liebe,
   Die sich im Gebet enthüllt.

Kein Zufall, dass diesen Gesang drei Menschen singen, Vater, Mutter, Sohn.
Es ist der Gesang, der ein unglaubliches Geschehen begleitet: Ein Kind bezähmt einen Löwen mit seinem Gesang und seinem Flötenspiel.

Ein Feuer war ausgebrochen, ein Tiger und ein Löwe waren entsprungen.

Den Tiger hatte ein junger Edelmann mit seiner Pistole erschossen. Nicht notwendig, wie sich später erwies. Nicht nur, dass dieser Tiger der Schausteller-Familie, die ihn mit sich führte, gehorchte. Er war ein wunderbares Tier, der schönste Tiger seiner Art.
Doch Honorio war in Leidenschaft zur Fürstin entbrannt, und als der Tiger sich auf diese zubewegte, erkannte er nicht - vielleicht konnte er auch nicht erkennen, dass dieser für die Fürstin, in die er verliebt war, keine Gefahr war.
Er erschoss ihn.
Der Tiger, möglicherweise ein Opfer für menschliche Leidenschaften.

Der Löwe hatte sich in die alte Stammburg des Fürsten zurückgezogen. Auch er sollte liquidiert werden. Doch die oben erwähnten Fremden, Menschen aus einer anderen Welt, in völliger Übereinstimmung mit der Natur lebend, konnten den Fürsten überzeugen, dass der Löwe dem Knaben gehorche.

Und so war es auch.

Goethes Novelle ist hochsymbolisch. Unglaublich weise gibt sie Auskunft über das Verhältnis von Kunst und Natur, von Altem und Neuem, von Realem und Idealem, von Leidenschaften und deren Überwindung.

Sie lehrt, wie wir Menschen leben könnten und wenn man sie liest, ahnt man, was es mit der deutschen, der Weimarer Klassik auf sich hat; in ihr und in dem Alterswerk Goethes geht es darum, wie Ideale, wie Ideales, wie die höhere Natur des Menschen sich in unserem Leben verwirklichen lässt.

In dem Kind spiegeln sich die Eigenschaften unserer inneren Kindes, wenn es von ihm und dem Löwen, der knapp am Knie des Kindes hinliegt, heißt:
"... und wirklich sah das Kind in seiner Verklärung aus wie ein mächtiger siegreicher Überwinder, jener zwar nicht wie der Überwundene, denn seine Kraft blieb in ihm verborgen, aber doch wie der Gezähmte, wie der dem eigenen friedlichen Willen Anheimgegebene. Das Kind flötete und sang so weiter, nach seiner Art die Zeilen verschränkend und neue hinzufügend:

   Und so geht mit guten Kindern
   Sel´ger Engel gern zu Rat,
   Böses Wollen zu verhindern,
   Zu befördern schöne Tat.
   So beschwören, fest zu bannen
   Liebem Sohn ans zarte Knie
   Ihn, des Waldes Hochtyrannen,
   Frommer Sinn und Melodie.

Frömmigkeit und Liebe gehen bei Goethe immer Hand in Hand, und wer so lebt, dem sind, wie diesem Knaben und z.B. Daniel in der Löwengrube - und Dir, liebe Leserin, lieber Leser, wenn Du willst - Löwen zugetan.

* Euch allen wünsche ich ein löwenstarkes Osterfest *

über den Zauber des inneren Kindes und die Novelle hier mehr

Freitag, 20. Februar 2009

Die Sehnsucht Gretchens: Trinken aus dem Meer der Liebe. – Goethes "Es war ein König in Thule"

Margarethes Himmels-Liebe

Zwei Sätze haben sie miteinander gewechselt, Faust und Gretchen, bei ihrer ersten Begegnung.

Faust:
Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?
So spricht man eine Dame von Stand an, so aber fühlt sich Gretchen als einfaches Bürgermädchen nicht:
Bin weder Fräulein, weder schön!
Kann ungeleitet nach Hause gehen.

Als ob ihr geringerer Stand ihre Schönheit beeinträchtigen könne, stellt Gretchen diese gleich mit in Abrede.
Doch Faust kennt die Wahrheit:

Beim Himmel, dieses Kind ist schön [...]
Faust wird der äußeren, vor allem aber auch der inneren Schönheit Gretchens nicht gerecht werden können.
Auch wenn seine Aussagen immer wieder in Zukunft Anklänge an das Hohelied Salomos erkennen lassen:

Faust ist nicht Salomo, der Bräutigam des Hoheliedes, wohingegen Gretchen weit eher der Braut Sulamith gleicht; doch wird sie diese Liebe nicht leben können. Faust, im Banne des Mephistopheles, ist weit von dieser Liebe entfernt. Er wird Gretchen schwängern und sie, die ihr gemeinsames Kind ertränkt hat, zwar aus ihrer Kerkerhaft befreien wollen: Die aber erkennt diesen Faust, wahnsinnig geworden, bereits nicht mehr, er, der sich nie um sie gekümmert hatte, als sie allein mit ihrem Kind war, als sie seiner Hilfe bedurft hätte.

Zurück zum Beginn jener Liebe:

Gretchen weiß bereits nach dem ersten Treffen und jenem kurzen Wortwechsel, welche Liebe sie leben möchte und singend erfindet sie in Faust I - allein in ihrem Zimmer - jenes Lied, das von einer Liebe erzählt, so tief wie das Meer und so frei, wie sie nur zwischen einem König und seiner Buhle sein kann: frei, grenzenlos, an keine Fesseln gebunden, überdauernd die Zeiten ...



Es war ein König in Thule
Gar treu bis an sein Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.

Es ging ihm nichts darüber,
er leert' ihn jeden Schmaus,
die Augen gingen ihm über,
so oft er trank daraus.

Und als er kam zu sterben,
zählt' er sein Städt' im Reich,
gönnt' alles seinen Erben,
den Becher nicht zugleich.

Er saß beim Königsmahle,
die Ritter um ihn her,
im hohen Vätersaale
dort auf dem Schloß am Meer.

Dort stand der alte Zecher,
trank letzte Lebensglut
und warf den heil'gen Becher
hinunter in die Flut.

Er sah ihn stürzen, trinken
und sinken tief ins Meer.
Die Augen täten ihm sinken,
trank nie einen Tropfen mehr.

Den Becher, Symbol der Liebe zwischen dem König und der Geliebten, gibt jener nie aus der Hand, jeden Tag trinkt er aus ihm, und auch als er weiß, dass er sterben wird, gibt er ihn in niemandes Hand, sondern übergibt ihn dem Meer, Symbol der Ganzheit und ewigen Lebens.

Nicht von ungefähr erfindet Gretchen einen König, einen weisen alten König als männlichen Part ihrer Liebe. Solch eine reife Liebe wünscht sie sich, fühlt sie ihrer Liebe würdig. Wie der Becher in der letzten Strophe möchte sie trinken das Meer und sinken auf den Grund der Liebe.

Das Es war zu Beginn klingt an an jenes Es war einmal, jenen Bewusstseinszustand der Menschheit, denn wir in den Märchen finden, als es zwischen Liebenden ein ganzheitliches Bewusstsein der Liebe gab.

Wenn wahrhaft Liebende sich finden, dann trinken sie im Meer der Liebe aus dem Meer der Liebe und jener Becher ist ihr Heiliger Gral. Liebe in Ewigkeit: Es gibt sie.

Unsere Seele kehrt immer wieder, um genau jene Liebe zu suchen und zu finden, von der Paulus im Brief an die Korinther spricht, wenn er sagt:


Die Liebe höret nimmer auf,
so doch die Weissagungen aufhören werden
und die Sprachen aufhören werden
und die Erkenntnis aufhören wird.


Liebe, die nimmer aufhört: Liebe, die immer währt.

Auch Faust kehrt in Faust II wieder. Und auch, als er dort stirbt, holt ihn Gretchen zum Himmel in dem Wissen, was der Chor der Engel, die Faustens Unsterbliches tragen, singt:

Wer immer strebend sich bemüht
Den können wir erlösen.
Wer das nicht tut, bleibt gegebenenfalls endlos der Herrschaft des Kronos, der Zeit ausgeliefert und dem Jüngsten Gericht. Das Jüngste Gericht ist ein Gericht der Zeit.

Aber die Liebe bleibt.



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Donnerstag, 8. Januar 2009

Du gleichst dem Geist, den du begreifst, / Nicht mir! - Über die Magie der Realität in Goethes "Faust".

Eine wahrlich magische Stelle in der Weltliteratur findet sich - wie sollte es anders sein - in Goethes Faust I.
Jener berühmte Dr. Faustus, der so die Nase voll hat von dem ganzen trockenen universitären Kathederwissen, ist gerade dabei, den Erdgeist zu beschwören, um mit Magie herauszufinden, was die "Welt im Innersten zusammenhält." Vor sich ein geheimnisvolles Buch des Nostradamus (1503-1566) will er anstelle trockener Sinne seine Seelenkräfte so aktivieren, dass er - wie er selbst es formuliert - an die "Brüste der Natur", die "Quellen allen Lebens" herankommt. Fast übermütig fragt er sich angesichts des Zeichens des Makrokosmos, des Hexagramms, das ihn inspiriert und belebt: "Bin ich ein Gott? Mir wird so licht." - Kurze Zeit später wird er von sich als "Ebenbild der Gottheit" sprechen.
Als das magische Ritual und damit die Beschwörung des Erdgeistes gelingt und jener auftaucht, ist Faust durch dessen Ausstrahlung und Intensität völlig überfordert:

"Weh! Ich ertrag dich nicht!"

Jener Erdgeist ist uns kein Unbekannter. Im Werk von Giordano Bruno (1548-1600) taucht er als anima terrae, als Seele der Erde auf, und bei Paracelsus (1493-1541) finden wir einen archeus terrae, also einen (Welt-)Geist der Erde.

Gerade will Faust - der Erdgeist hat soeben beruhigend gesprochen - sich diesem Wesen anbiedernd nahen, da spricht jener - und darauf wird er sofort entschwinden - obige Worte:

        Du gleichst dem Geist, den du begreifst, / Nicht mir!

Was später Faust zum Verhängnis werden wird, dass nämlich unter dem Einfluss von Mephistopheles sein Streben nach Erkenntnis kein Maß und Ziel kennt, deutet sich hier schon an, wenn er dem Erdgeist nachruft:

         Und nicht einmal dir!

Welch eine Hybris - welch ein geistiger Übermut!

Da klopft es.
Und herein durch die Türe tritt Wagner, ein alternder wissenschaftlicher Assistent des Universitätswissenschaftlers Faust, den dieser gar nicht sonderlich mag, geht er ihm doch mit seiner devoten Haltung auf den Keks, und nicht zufällig bezeichnet ihn Faust als trockenen Schleicher. Angetan ist jener zudem mit einer Schlafmütze, noch eine Lampe in der Hand ... der Biedermann in Person, ein deutscher Michel.

Faust ist stinkesauer, dass dieser trockene Schleicher ihn stören muss mitten in der Fülle seiner so hehren Gesichte.

Ziemlich überheblich wirkt Herr Doktor Faustus, und vielleicht gerade deshalb hat er seine Lektion nicht gelernt, die ihm der Erdgeist mit auf den Weg gab, ja, in Wirklichkeit hat er nicht einmal erkannt dass es FÜR IHN etwas zu lernen gab.

Just in dem Moment, als dieses hohe Wesen, der Erdgeist also, unseren Faust in die Schranken verweist durch eben jenen oben angeführten Satz - Du gleichst dem Geist, den begreifst, / Nicht mir! ... - taucht sein biederer Famulus auf.
Das ist in Wahrheit jener Geist, den Faust begreift.
Dies wollte ihm der Erdgeist vermitteln: Diesen, deinen Famulus begreifst Du, mich nicht!

In Wirklichkeit bist Du nicht weiter als er, obwohl du dich auf eine Stufe mit mir stellst!
Kapier das, Du bist nicht der, für den Du Dich hältst!
Ein bisschen mehr Bescheidenheit, also Demut bitte!

Am besten hätte Faust die Lampe seines Famulus, seines Dieners übernommen, damit sie ihn erleuchte.

So, ohne Selbsterkenntnis, schlafmützig selbstgefällig, wie er war, wäre ihm auch dessen Schlafmütze gut zu Gesicht gestanden.

Manches Mal kommt die Lernlektion einfach durch die Tür.

Das ist die wahre Magie, die Magie der Realität.

Wenn wir sie entschleiern, sehen wir Wahres über uns.
Dann können wir uns abwenden oder auf uns zugehen.



* Die Bilder enthalten magische Hexagramme von Eliphas Levi,
auch Siegel Salomos genannt oder Davidsstern.
** Das Motiv der Lampe, die man selbst in die Hand nimmt, findet sich auch
in Kafkas Prozess im Rahmen der Türhüterlegende
*** Mehr zu Goethes Symbolsprache hier.

Dienstag, 3. Juni 2008

Symbole mit dem Herzen verstehen - Vermächtnis und Weisheit eines Indianers

Ob wir Holz schleppen, Baumwolle pflücken, das Feld umgraben oder Bäume pflanzen, wie im letzten Post angesprochen:
Wenn es uns gelingt, so schreibt Goethe, durch unser Tun, "Erd und Wasser" im Reinen zu halten, dann halten wir auch uns rein; Goethe spricht dann sogar vom dem Menschen als Priester.
Lame Deer, 1903 auf der Rosebud Reservation in Süddakota geboren, war Medizinmann der Sioux (Dakota) und starb 1974.
Im Grunde ist es dieselbe Botschaft, die er uns vermittelt:

WAS SIEHST DU HIER, MEIN FREUND? Nur einen gewöhnlichen alten Kochtopf, verbeult und schwarz vom Ruß. Er steht auf dem Feuer, auf diesem alten Holzofen da, das Wasser darin brodelt, und der aufstei­gende Dampf bewegt den Deckel. Im Topf ist kochendes Wasser, Fleisch mit Knochen und Fett und eine Menge Kartoffeln.
Es scheint, als hätte er keine Botschaft für uns, dieser alte Topf, und du ver­schwendest bestimmt keinen Gedanken an ihn. Außer, dass die Suppe gut riecht und dir bewusst macht, dass du hungrig bist.
Aber ich bin ein Indianer. Ich denke über einfache, alltägliche Dinge — wie diesen Topf hier — nach. Das brodelnde Wasser kommt aus der Re­genwolke. Es ist ein Sinnbild für den Himmel. Das Feuer kommt von der Sonne, die uns alle wärmt — Menschen, Tiere, Bäume. Das Fleisch erinnert mich an die vierbeinigen Geschöpfe, unsere Brüder, die Tiere, die uns Nah­rung geben, damit wir leben können. Der Dampf ist Sinnbild für den Le­bensatem. Er war Wasser; jetzt steigt er zum Himmel auf, wird wieder zur Wolke. All das ist heilig. Wenn ich diesen Topf voll guter Suppe betrachte, denke ich daran, wie Wakan Tanka, das Große Geheimnis, auf diese ein­fache Art und Weise für mich sorgt.
Wir Sioux denken oft und viel über alltägliche Dinge nach, für uns haben sie eine Seele. Die Welt um uns ist voller Symbole, die uns den Sinn des Lebens lehren. Ihr Weißen, so sagen wir, seid wohl auf einem Auge blind, weil ihr so wenig seht. Wir sehen vieles, das ihr schon lange nicht mehr be­merkt. Ihr könntet es auch sehen, wenn ihr nur wolltet, aber ihr habt keine Zeit mehr dafür — ihr seid zu beschäftigt.
Wir Indianer leben in einer Welt von Symbolen und Bildern, in der das Geistige und das Alltägliche eins sind. Für euch sind Symbole nichts als Worte, gesprochene oder in einem Buch aufgeschriebene Worte. Für uns sind sie Teil der Natur, Teil von uns selber — die Erde, die Sonne, der Wind und der Re­gen, Steine, Bäu­me, Tiere, sogar kleine Insekten wie Ameisen und Grashüpfer. Wir versuchen sie zu verstehen, nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen, und ein winziger Hinweis genügt uns, ihre Botschaft zu erfas­sen.
aus Weißt du, daß die Bäume reden. Weisheit der Indianer. Wien 1985
Ihr, von Müh zu Mühe so gepeinigt,
Seid getrost! nun ist das All gereinigt,
Und nun darf der Mensch als Priester wagen,
Gottes Gleichnis aus dem Stein zu schlagen.
Goethe

Samstag, 31. Mai 2008

Goethes "Vermächtnis altpersischen Glaubens": Offenbarung durch Tätigsein

Wie lernen wir?
Wodurch geht uns ein Licht auf?
Wie kann uns etwas offenbar werden?

Durch wertvolle Bücher und ihr gründliches Studium?
Durch ein Nach-innen-Hören?
Durch Gespräche mit Menschen?


In Goethes großartiger Gedichtsammlung West-Östlicher Divan finden wir im Buch der Parsen, also in jenem Buch, das den Anhängern der Religion des Zarathustra gewidmet ist, ein faszinierendes Gedicht, es ist überschrieben:

Vermächtnis altpersischen Glaubens.

Faszinierend ist es für mich, weil es in einfacher Form eine große Lebensweisheit birgt, von einem alten Parsen gesprochen.


Seine siebte Strophe lautet:

Und nun sei ein heiliges Vermächtnis
Brüderlichem Wollen und Gedächtnis:
Schwerer Dienste tägliche Bewahrung,
Sonst bedarf es keiner Offenbarung.

Im täglichen Bewahren der Dienste, die wir tun, wird uns das zuteil, was wir benötigen. Darin liegt das Wahre, das wir be-wahr-en sollten: zu erkennen, wie im Tun alltäglicher Dinge sich das Große zeigt. Im täglichen Tun liegt alle notwendige Offenbarung: das ist ein heiliges Vermächtnis.

Und es folgen Beispiele:

Schleppt ihr Holz herbei, so tuts mit Wonne!
Denn ihr tragt den Samen irdscher Sonne,
Pflückt ihr Pambeh, mögt ihr traulich sagen:
»Diese wird als Docht das Heilge tragen.

So schlicht es sein mag, Pambeh, also Baumwolle zu pflücken, so bedeutungsvoll ist dies, denn sie wird als Docht uns Licht bringen, und Licht ist heilig!
Wie wertvoll also ist das Pflücken von Baumwolle!
Und weiter heißt es:

Werdet ihr in jeder Lampe Brennen
Fromm den Abglanz höhern Lichts erkennen,
Soll euch nie ein Missgeschick verwehren
Gottes Thron am Morgen zu verehren.

In jenem Licht, das sich im Brennen eines Baumwolldochtes zeigt, liegt ein Verweis auf jenes große Licht, das in wohl allen Religionen mit dem Göttlichen gleichgesetzt wird. Es liegt an uns, im schlichten Leuchten einer Lampe zu erkennen, dass ihr Licht für Höheres leuchtet. Der Mann, der in einer Marienkapelle für seine schwer kranke Frau ein Licht anzündet, wendet sich an jenes große Licht, genauso wie jene Mutter, die zu Hause für ihren Sohn eine Kerze anzündet, damit er heil aus Afghanistan oder dem Irak zurückkehre möge. All jene Menschen, die dies auch in diesem Moment tun, glauben fest an die Wirkung ihres Lichts.


Es ist uns nicht möglich, in das große Licht zu sehen, wir können es nur indirekt wahrnehmen, wir können nur seinen Abglanz schauen. JedesTun von uns kann jedoch somit zugleich den Glanz des Höchsten spiegeln.
Diese Sicht auf unser Leben ist der religiöse Bass, der in Goethes Schaffen schwingt, ja, es trägt.


In jenem Werk, an dem der große Weimarer über fünf Jahrzehnte seines Lebens schrieb - die letzten Zeilen mit 80 Jahren - finden wir Entsprechendes:


Zu Beginn des zweiten Teils von Faust ist dieser aus einem Heilschlaf erwacht, in den ihn der Engel Ariel und dessen Gehilfen versetzt hatten. Nach den vier Todesfällen am Ende von Faust, Teil I, hatte dieser große Suchende den Heilschlaf bitter nötig. Er war ja u.a. maßgeblich daran beteiligt, dass Margarethe, die Frau, die ihn so liebte und auch für ihn ein Kind unter ihrem Herzen trug, sterben musste, weil sie glaubte, ihr gemeinsames Kind nicht austragen zu können; Faust hatte sie schmählich im Stich gelassen.


Nun wacht er auf, seine Seele ist geläutert, er befindet sich auf einer Gebirgshöhe und gerade geht die Sonne auf, Faust sieht, wie ihr Strahlen in und aus den Felsgründen höher und höher steigen, er ist fasziniert von dem Flammenübermaß der Sonne, das er ahnt, und genau in dem Moment, den er so ersehnt, nämlich, als er in das höchste Licht, das wir als Menschen auf der Erde kennen, schauen will, muss er bemerken:

Sie tritt hervor! - und, leider schon geblendet,
Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.
So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen
Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen,
Erfüllungspforten findet flügeloffen;
Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen
Ein Flammenübermaß, wir stehn betroffen;
Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,
Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!
[...]
So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!
Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
Ihn schau' ich an mit wachsendem Entzücken.
Von Sturz zu Stürzen wälzt er jetzt in tausend,
Dann abertausend Strömen sich ergießend,
Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.
Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend,
Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,
Umher verbreitend duftig kühle Schauer.
Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
Ihm sinne nach, und du begreifst genauer:
Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.
Wir können nicht direkt in das Licht sehen, aber wie groß kann unsere Freude, unser Entzücken sein, wenn wir den Regenbogen sehen, der sich im Schaum des Wasserfalls in die Luft zeichnet. Ihn können wir sehen, er verweist uns auf das große Licht. Seine Farben, wie alle Farben des Lebens, verweisen uns auf den eigentlichen Glanz.
In den Farben des Lebens liegt die höhere Bedeutung dessen, was wir tun:

Die Mutter, die ihre Kinder nährt und erzieht, arbeitet im Dienst des Ewig-Weiblichen;
der Schäfer, der sich um seine Schafe kümmert, schützt die Unschuld des Lebens;
der Computerspezialist, der ein neues Programm erarbeitet, dient der Fortentwicklung der menschlichen Gesellschaft, für die es keinen Stillstand geben kann;
die Putzfrau trägt Sorge, dass alles in Reinheit geschieht.

Alles, was wir tun, hat seine Bedeutung, wenn wir in der Lage sind, ihm diese Bedeutung zu geben.
Nicht irgendjemand von außen kann dem, was wir tun, wirklich seine Bedeutung geben; wir müssen sie selbst erkennen.
Das Tätigsein im Dienste des Menschlichen verleiht unserem Leben seinen Glanz, seine Farbe.

Wenn wir das so sehen können und wollen...
Ich empfinde dies als eine tiefe Wahrheit.

Auch den täglichen Dienst im Sinne Goethes wahr-zunehmen, halte ich für eine bedeutende Möglichkeit unserer Entwicklung. Ob sie allerdings bei den vielen familiären Verstrickungen, den vielen Programmen bzw. Blockaden im Bereich der Scham und den Verletzungen des inneren Kindes ausreicht - vielleicht für Goethe, für mich nicht.
Ich bedurfte und bedarf mehr -

davon ein andermal.


Wer das ganze Gedicht Vermächtnis altpersischen Glaubens lesen möchte: hier 

Samstag, 17. Mai 2008

Zeit der Reife - Zeit der Fülle



In der mythischen Symbolik der Völker versinnbildlicht >das kosmische Ei< nicht die Schöpfung selbst, sondern die stetige Wiederholung der Schöpfung.
Selten steht in den heiligen Schriften der Menschheit ein mythischer Vorgang für einen Einzelfall. Das "Es werde Licht" der Bibel steht im Grunde für jeden Bewusstseinsvorgang, der Licht ins Dunkel bringt. Jeder Bewusstseinsvorgang multipliziert sich zu vielen weiteren – auch in uns.
Mein aus dem Unbewussten Gemalt-Gezeichnetes zeigt das …
Das Motiv des kosmischen Eis kennen wir aus Polynesien, Altindien, Griechenland, Phönizien, bei den Pangwe Westafrikas, in Mittelamerika und an der Westküste Südamerikas.
Nun ist es auch in meinem Blog angekommen :-))
Die je nach Gegend mit bunten Eiern geschmückten Bäume an Neujahr, Johannis oder der Maibaum symbolisieren die Fruchtbarkeit der Natur und die unerschöpfliche Fruchtbarkeit des Kosmos – auch in diesem Moment wird ein Stern geboren …