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Montag, 29. April 2013

Warum Momo rückwärts zu Meister Hora ins Niemals-Haus geht

Heute scheint es mir logisch, lange Zeit war es mir nicht so recht klar, warum Michael Ende Momo rückwärts zum Nirgend-Haus gehen lässt. Genauer gesagt war es ja so, dass Momo in der Niemals-Gasse fast gescheitert wäre, wäre die Schildkröte Kassiopeia nicht zurückgekommen und hätte Momo auf ihrem Panzer lesen lassen:"RÜCKWÄRTS GEHEN!"

Bei Michael Ende heißt es da:

Momo versuchte es. Sie drehte sich um und ging rückwärts. Und plötzlich gelang es ihr, ohne jede Schwierigkeit weiterzukommen. Aber es war höchst merkwürdig, was dabei mit ihr geschah. Während sie nämlich so rückwärts ging, dachte sie zugleich auch rückwärts, sie atmete rückwärts, sie empfand rückwärts, kurz - sie lebte rückwärts!

Momo gelangt auf diese Weise zu Meister Secundus Minutius Hora, dem Meister der Zeit.

Heute glaube ich zu wissen, was es mit diesem Rückwärtsgehen auf sich hat und ich verdanke das den Posts und den erneuten Beschäftigungen mit dem Thema Nahtod und Tod, die am letzten Tag des vergangenen Jahres begannen mit Wenn Sterbende nach oben sehen (I)
In diesem Zusammenhang hatte ich mich ja auch wieder etwas eingelesen in Raymond A. Moodys Leben nach dem Tod, in dem jener auf zwölf mögliche Elemente, wie sie im Rahmen von Nahtod-Erfahrungen vorkommen, eingeht; eines dieser Möglichkeiten von Erlebnissen, die Menschen mit Nahtod-Erfahrung haben, ist der Lebensfilm: Manche haben dabei bekanntlich den Eindruck, dass sie Stationen ihres Lebens wie gleichzeitig sehen, andere nehmen eher einen extrem schnell laufenden Film wahr.

Wie auch immer, jedenfalls wurde mir schlagartig klar, was es bedeutet, dass Momo rückwärts zu Meister Hora geht, denn es gibt zwei Möglichkeiten, sich dem Niemals-Haus zu nähern:

Die erste ist die des Lebensfilms.
Wir sehen ihn im Rahmen möglicher Nahtoderlebnisse, wir sehen ihn genauso auch, so glaube ich, wenn wir real gestorben sind. Uns wird das Buch des Lebens aufgeschlagen. Rückwärts in der Zeit gehend bis hin zu unserem irdischen Ursprung konrontieren wir uns mit dem, was war.
Ich persönlich bin der Auffassung, dass wir zwischen unseren Leben Vergangenes aufarbeiten und für das nächste Leben ein Skript entwerfen, das unser Bewusstsein weiter bringt – von dem traditionellen Karma-Gedanken halte ich nicht so viel bis wenig; es geht nicht, darum Schuld zu büßen, es geht nicht um eine Form der Vergeltung, sondern es geht darum, wie wir bestimmte Entwicklungsschritte machen. Auf diesem Hintergrund entscheidet sich, wo und unter welchen Bedingungen Menschen wieder inkarnieren; sicherlich hängen auch bestimmte seelische Lernprogramme mit bestimmten Menschen zusammen. Ich stelle mir z.B. vor, dass nicht wenige werdende Mütter, die abgetrieben haben, dieser Seele, die durch sie nicht zur Welt kommen konnte, dennoch begegnen, weil sie mit einer anderen Mutter - oder derselben, nur vielleicht einige Jahre später - zur Welt kam. Vorstellbar, dass beider Begegnunen keine einfache wird, denn der Brunnen ihrer Seele weiß um alles Geschehen.

Die zweite Möglichkeit ist, dass wir - und dies ist gewiss eine äußerst intensive Arbeit mit sich selbst - in unserem derzeitigen Leben in unserem Bewusstsein zurückgehen bis zu unserer Geburt und aufarbeiten, was alles geschehen ist. Das schließt beispielsweise ein, dass wir die verletzten inneren Kinder, die zu beiden Seiten unseres Lebensweges ihr Leben in dunklen Nischen fristen, hervorholen und wieder integrieren, indem uns bewusst wird, wie es zu der Verletzung kam, die dazu geführt hat, das ein Teil sich von uns abspaltete.

Deshalb heißt es in der Bibel - und es ist eine Facette der Bedeutung dieser Aussage -, dass wir nur in den Himmel kommen, wenn wir wieder werden wie Kinder. Wörtlich spricht Jesus von dem Königreich der Himmel, er sagt also,
dass wir nur in das Königreich der Himmel kommen, wenn wir wieder werden wie Kinder. Wie öfters gibt Luther den Plural von Himmel bedauerlicherweise nur im Singular wieder.Momo steht beispielhaft für ein solches Kind.

Das Königreich der Himmel, das ist ein Bewusstseinszustand.
In ihn gelangen nur Kinder - oder im Sinne Michael Endes: nur Erwachsene, die rückwärts gehen können.

Momo geht übrigens, bevor sie rückwärts geht, sehr langsam, sie geht vorwärts, aber sehr langsam; auch dies ist kein Zufall, denn wir müssen, wenn wir rückwärts gehen wollen, aus der Hektik der Zeit herauskommen, müssen in unserem Inneren zur Ruhe kommen, bewusst langsam gehen; deshalb unter anderem war für Karlfried Graf Dürckheim das Zen-Gehen so wichtig. Es ist ein extrem langsames, bewusstes Gehen.


Wenn es uns auf der Erde gelingt, zu diesem inneren Kind zurückzugelangen, das so unversehrt in der Krippe Bethlehems lag wie es nun auch über zweitausend Jahre späte in jedem von uns ruht - dafür steht Weihnachten auch -, dann sind wir an der Quelle unseres Seins, vertrauen dem göttlich Weiblichen und dem göttlich Männlichen, wofür Maria und Joseph stehen; in den Märchen stehen der gute König und die Königin dafür zu den Zeiten des Es war einmal, einem Zustand, den wir auf neue Weise erreichen wollen, oder, wie es T.S. Eliot in Four Quartets formuliert:

Und am Ende all unserer Forschungen werden wir da ankommen,
wo wir angefan­gen haben, 
und werden den Ort zum ersten Mal erken­nen.

Während wir rückwärts gehen, blicken wir nach vorn, denn wir leben unser Leben, aber unser Bewusstsein geht zurück, notwendigerweise. 
Doch vertrauensvoll wenden wir uns den Rücken zu. 
Wie wir in unserer Lebenszeit vorwärts gegangen sind, ganz entsprechend unseren menschlichen Lebensbedingungen, gehen wir nun in unserer Lebenszeit zurück, ungewohnt, auf neue Weise sehend, fühlend

Vertrauensvoll können wir zurückgehen, denn das sind wir selbst, zu dem wir gelangen. Liebend erwarten uns unsere inneren Eltern, für die Maria und Josef stehen, die einiges mit unseren realen Eltern gemein haben  können, in manchen Fällen aber auch sehr wenig. Jedenfalls, die inneren Eltern unserer geistigen Familie lieben aus ganzem Herzen.

Eine solche Liebe suchen wir.
Wenn wir sie finden, ist es das Königreich der Himmel, der Himmel auf Erden.

eine ausführlichere Betrachtung zu dieser Thematik 
mit einem umfangreicheren Textauszug findet sich hier


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Donnerstag, 25. April 2013

"Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt!"

Bei meiner Unterrichtsvorbereitung gestern bin ich auf ein Zitat gestoßen, das mich erstmalig, obwohl ich es schon öfters gelesen hatte, hat stutzen lassen. Es ging um die Bewältigung des Tsunamis 2005, mit dem die Menschen unserer Erde kaum fertig wurden; fassungslos standen damals die allermeisten dieser Katastrophe gegenüber. 
Die Leonberger Kreiszeitung hat damals Vertreter der Religionen befragt, warum Gott so schweres Leid zulasse.

Der katholische Bischof von Aachen gab als Antwort u.a. die Worte von Juden wieder, die diese in ihrer schwärzesten Zeit an die Wand eines Kellers in Köln geschrieben haben:


Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.
Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht fühle.
Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.

Ich habe großen Respekt vor den Worten der Juden, die dies geschrieben haben. Und ich kann mir vorstellen, dass sie ein Schweigen Gottes wahrnahmen. 
Nur glaube ich persönlich: Gott schweigt nicht.

Gott schweigt nie. 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Liebe zu irgendeinem Zeitpunkt aufhört, ihre Strahlen zu senden.
Nein, wenn wir Gott als Schweigenden wahrnehmen, dann deshalb, weil wir ihn nicht hören können. – Das aber liegt nicht an ihm. Lange Zeit haben wir Menschen keinen Wert auf dieses Hören gelegt. Und jede Fähigkeit, die nicht geschult und geübt wird, zieht sich zurück.

Dann wollen wir auf einmal hören – nur wie?

Es ist die Schule des Leids, die unsere Hörfähigkeit schult. Und diese Schule kann unendlich brutal sein. Nur liegt das nicht an Gott, es liegt nicht an der Liebe.

Letztendlich wollen wir Menschen über dieses Leid wieder wirklich hören lernen!

Oft kommt vor dem Hören ein Glauben.

Eine oft gestellte Frage: Muss Leid sein?
Ich glaube nicht, die Schule des Leids muss nicht sein.
Die Alternative:
Die Schule des Glaubens.

Glaube, Liebe, Hoffnung.
Das sind die paulinischen Tugenden. 
Kein Zufall.

Samstag, 20. April 2013

Hütet euch vor Sarumans Stimme! – Über die Enttarnung eines Blenders in Tolkiens "Herr der Ringe"

"Unsere Gelüste, unsere Launen, unsere heimlichen Laster und selbst unsere sorgsamst gehüteten Gedanken übertrugen sich auf den Klang unserer Stimme, wurden offenbar in ihrer Modulation, in ihrem Rhythmus."

Nicht nur diese eben wiedergegebene Stelle, sondern die gesamten im letzten Post zitierten Aussagen Jacques Lusseyrans in Bezug auf das, was er in einer Stimme wahrzunehmen in der Lage ist, sind schon beeindruckend.

Der ein oder andere mag in seinem Bekannten- und Freundeskreis jemanden haben, der eine besonders angenehme Stimme hat. Manche angenehme Stimme hat allerdings etwas Aalglattes, Öliges, Salbungsvolles.

Mancher auch sonnt sich in seiner Stimme, von der er weiß, wie sie überzeugt. Und wenn man sich dafür sensibilsiert, darauf zu achten, ob eine Stimme stimmig ist, mag es einem auch zunehmend auffallen, wie es um sie bestellt ist.

Gegenüber zu schmeichelnd einschmeichelnden sanften Stimmen bin ich skeptisch geworden. Ich glaube, manches Mal hat der berühmte Wolf im Schafspelz Kreide gefressen wie der Wolf im bekannten Märchen der Gebrüder Grimm. 

Die Stimme kann der Schafspelz sein.

Wie eine Stimme wirkt und was sich oftmals dahinter verbergen mag, dafür gibt es ein hervorragendes Beispiel im zweiten Band des Herrn der Ringe. Die Ents und Huorns haben gerade die Schlacht um Isengard geschlagen und die Orks platt gemacht. Nur was sie hatten nicht verhindern können, war, dass der Oberschurke Saruman, einst ein Weiser, also in der Sprache Tolkiens ein Weißer, einer der Istari, sich in den Turm von Orthanc hatte zurückziehen können.


Leider war Saruman in früherer Zeit auf den Sog der Macht hereingefallen. Seine Machtgelüste hatten ihn dazu verführt, dass er den Einen Ring begehrte. Deshalb hatte er Isengard befestigt und dort Orks und Dunländer angesiedelt. Er begann Gandalf, dem großen Zauberer und Wissenden nachzuspionieren. Ohne dass er es merkte, wurde er aber von Sauron, der Dunklen Macht, gelenkt, wohl nicht damit rechnend, dass seine Dunkelheit noch überboten werden könne.


Durch seine Bauweise war jener Turm, in den sich Saruman nach der Einnahme Isengards zurückgezogen hatte, selbst für die riesigen Ents uneinnehmbar.


Gandalf, der mit König Theoden und seinen Reitern aus Rohan soeben im eroberten Isengard eingetroffen war und die ganze Arbeit, die die Ents geleistet hatten, hatte bewundern können, wollte noch einen Versuch machen, die Auseinandersetzung mit Saruman ohne weiteres Blutvergießen enden zu lassen. Doch kannte er die Gefahr, die von diesem ausging, weshalb er zu allen, die ihn zu dem Orthanc-Turm begleiten wollten, sagte:


"Hütet euch vor seiner Stimme!"

Gerade warteten sie vor dem Turm, als sie eine Stimme, leise und melodisch, allein durch den Klang schon betörend (vernahmen). Wer arglos dieser Stimme lauschte, wusste nachher meistens nicht mehr, was sie eigentlich gesagt hatte; erinnerte er sich aber, so wunderte es ihn, wie wenig Kraft die Worte allein noch besaßen. Die meisten wussten dann nur noch, dass es eine reine Freude gewesen war, diese Stimme anzuhören, und dass alles, was sie sagte, gerecht und vernünftig klang und im Zuhörer den Wunsch erweckte, durch rasche Zustimmung die eigene Klugheit zu beweisen. Was andere sagten, klang dagegen grob und ungeschlacht (...). 

Interessant, im Grunde aber beunruhigend, dass normale menschliche Stimmen so abgewertet werden gegenüber einer so einölenden Stimme. 
Gekonnt, wie hier Tolkien, der Verfasser des Herrn der Ringe, die Wirkung einer solchen darzustellen weiß.

Viele hielt allein der gegenwärtige Klang der Stimme im Bann, aber bei denen, die ganz von ihr bezwungen waren, wirkte der Zauber fort, wenn sie weit entfernt waren; und immer hatten sie dann diese leise Stimme im Ohr, die auf sie einredete und sie anspornte. Niemand aber blieb unberührt, und niemand konnte ohne Anstrengung des Willens und Geistes ihre Bitten und Befehle zurückweisen, solange ihr Herr sie noch in der Gewalt hatte. »Nun?«, fragte sie im Ton milden Vorwurfs. »Warum müsst ihr meine Ruhe stören? Wollt ihr mich denn bei Tag wie bei Nacht nicht in Frieden lassen?« Es klang nach gutherzigem Bekümmertsein durch unverdiente Kränkungen. 

Der Träger einer solchen Stimme weiß meistens geschickt mit Mitleid zu operieren. Und wer selbst gern selbstmitleidig ist, fällt auf diese Art von Selbstmitleid garantiert herein ...

Erstaunt blickten sie hinauf, denn sie hatten niemanden kommen gehört; und oben am Geländer stand nun einer und schaute auf sie herab, ein alter Mann in einem langen Mantel, dessen Farbe schwer zu bestimmen war, denn sie wechselte, wenn sie die Augen bewegten oder wenn er sich rührte. Er hatte ein langes Gesicht mit hoher Stirn und dunklen, tief liegenden Augen, deren Ausdruck kaum zu ergründen war, obwohl sie jetzt ernst und gütig und ein wenig müde dreinschauten. Haar und Bart waren weiß, doch mit manchen schwarzen Strähnen um Lippen und Ohren. (...)

Gütig und ein wenig müde ... ! – Übrigens sah dieser Saruman Gandalf ziemlich ähnlich. Das ist auch bezeichnend, das sind die Mittel, die das Dunkle einsetzt. Manchmal ist das Dunkle mit dem Lichten zum Verwechseln ähnlich. Da verraten nur einzelne dunkle Strähnen, wes Geistes Kind vor einem steht!

Gut, dass ein Zwerg es ist, der den dunklen Zauber durchschaut:

Gimli der Zwerg war es, der das Schweigen jäh brach. »Die Worte dieses Zauberers stehen kopf«, rief er, die Hand am Griff seiner Axt. »Helfen heißt verderben in der Sprache von Orthanc, und retten heißt töten, so viel ist klar. Doch wir sind nicht hier, um zu betteln.«

»Bitte!«, sagte Saruman, und für einen Moment war seine Stimme nicht mehr ganz so einschmeichelnd, und in seinen Augen flackerte ein Funke auf und verschwand wieder. »Noch rede ich nicht mit dir, Gimli Glóinssohn«, sagte er. »Fern von hier liegt deine Heimat, und wenig kümmern dich dieses Landes Nöte. Doch nicht aus eigener Absicht wurdest du in sie hineingezogen, und darum will ich dir nicht zum Vorwurf machen, welche Rolle du darin gespielt hast - eine wackere Rolle, wie ich nicht bezweifle. Aber sei so gut und lass mich zuerst mit dem König von Rohan reden, meinem Nachbarn, der einst mein Freund war.

Was habt Ihr zu sagen, König Theoden? Wollt Ihr nicht Frieden mit mir schließen und all die Hilfe empfangen, die mein in langen Jahren begründetes Wissen gewähren kann? Sollen wir nicht gemeinsam Rat halten. wie die bösen Zeiten zu überstehen sind, und einander mit so viel gutern Willen Schadenersatz leisten, dass unsere Länder eins wie das andere schöner erblühen denn je?«

Theoden gab noch immer keine Antwort. Ob es Zorn oder Zweifel war, was ihm die Zunge lahmte, konnte niemand sagen. Eomer nahm das Wort. 


»Hört mich an, Gebieter!«, sagte er. »Jetzt spüren wir die Gefahr, vor der wir gewarnt wurden. Sind wir als Sieger hierher geritten, nur um uns von einem alten Lügner mit Honig auf seiner gespaltenen Zunge beirren zujassen? So wie er spräche der Wolf in der Falle mit den Hunden, wenr er's könnte. Welche Hilfe kann er Euch denn überhaupt leisten? Er will! nur eins: sich aus seiner erbärmlichen Lage herauswinden. Aber wollt Ihr feilschen mit einem, der nichts zu bieten hat als Mord und Verrat? Denk an Théodreds Tod an der Furt und an Hamas Grab in Helms Klamm!«

»Wenn wir schon von giftigen Zungen reden, was wäre dann von deiner zu sagen, du junge Schlange?« sagte Saruman, nun unüberhörbar erbost. »Doch lass gut sein, Éomer, Éomunds Sohn!«, fuhr er fort, wieder in den besänftigenden Ton zurückfindend. »Jedem das Seine. Dein ist das Waffenhandwerk, und damit erlangst du hohe Ehren. Schlage tot, wer deinen König Feind nennt, und damit gib dich zufrieden! Mische dich nicht in die Staatsgeschäfte ein, von denen du nichts verstehst! Doch vielleicht, solltest du einst König werden, wirst du erkennen, dass du deine Freunde mit Bedacht wählen musst. Sarumans Freundschaft und Orthancs Macht sind nicht leichthin zu verwerfen, was man auch für Beschwerden, ob begründet oder nicht, gegen sie erheben mag. Ihr habt eine Schlacht gewonnen, aber nicht den Krieg - und selbst die Schlacht nur dank einer Hilfe, auf die ihr ein zweites Mal nicht zählen könnt. Vielleicht findet Ihr den Schatten des Waldes demnächst vor der eigenen Tür: Er ist störrisch und unverständig und den Menschen nicht wohlgesinnt. 

Aber, König von Rohan, muss ich mich einen Mörder schimpfen lassen, weil wackre Männer im Kampf gefallen sind? Wenn Ihr ins Feld zieht, unnötigerweise, denn ich wollte keinen Krieg, werden Männer erschlagen. Bin ich aber deshalb ein Mörder, so ist Eorls ganzes Haus mit dem gleichen Makel behaftet; denn viele Kriege habt ihr geführt, in denen ihr oft auch die Angreifer wart, wenn man euch trotzte. Doch mit manchen Feinden habt Ihr nachher Frieden geschlossen - nicht zu Eurem Nachteil, denn die Staatsklugheit gebot es. Ich sage Euch, König Theoden: Sollen (229) wir nicht Frieden und Freundschaft halten, Ihr und ich? Nur wir haben darüber zu befinden!« 


»Wir werden Frieden haben«, sagte Theoden endlich, mühsam und mit belegter Stimme. Mehrere Reiter brachen in Freudengeschrei aus. Theoden hob die Hand. »Ja, wir werden Frieden haben«, sagte er, nun mit klarer Stimme. »Wir werden Frieden haben, wenn du mitsamt all deinen Werken vernichtet bist - und ebenso die Werke deines dunklen Gebieters, dem du uns ausliefern möchtest. Ein Lügner bist du, Saruman, und ein Verführer der Menschenherzen. Du streckst mir die Hand hin, und ich bemerke, dass sie nur ein Finger der Klaue Mordors ist. Grausam und kalt. Wäre dein Krieg gegen micn selbst ein gerechter Krieg - was er nicht war, denn auch, wenn du zehnmal so weise wärest, hättest du kein Recht, mich und mein Volk, wie du es wünschtest, zu deinem Nutzen zu regieren -, aber selbst dann, was sagst du zu den Bränden, die in der Westfold gelegt, und den Kindern, die dort getötet wurden? Und Hamas Leib haben deine Leute vor dem Tor der Hornburg zerhackt, als er schon tot war. Erst wenn du vor deinem Fenster am Galgen baumelst, deinen Krähen zum Fraß, dann werde ich mit dir und Orthanc Frieden haben. So stehst du mit dem Haus Eorl. Nur ein minderer Sohn großer Ahnen bin ich, hab es aber doch nicht nötig, dir die Hand zu lecken. Betöre andere! Aber ich fürchte, deine Stimme hat ihre Zauberkraft eingebüßt.«

Unglaublich geschickt, wie Saruman vorgeht. Er versteht es, des ein oder anderen Aussage zu entwerten, er operiert nach wie vor mit Ängsten, die er geschickt im Inneren des Gegenüber lanciert, und er lässt leise, aber gekonnt, versteckte Drohungen einfließen. Da sind sogar die Reiter des Königs beeinflusst, und wie:


Die Reiter starrten zu Theoden hinauf wie Menschen, die aus einem Traum gerissen werden. Rau wie das Gekrächz eines alten Raben klang ihnen nach Sarumans Gesäusel die Stimme ihres Königs im Ohr. Doch fürs Erste war Saruman nun außer sich vor Zorn. Er beugte sich übers Geländer, als wollte er auf den König mit seinem Stab einschlagen. Manche glaubten für einen Augenblick eine Schlange zu sehen, die sich vor dem Ansprung zusammenrollt. 

»Galgen und Krähen!« zischte er, und die Veränderung war so erschreckend, dass es ihnen kalt über den Rücken lief.

Als Saruman die Wahrheit hört, fällt er zunehmend aus der Rolle und sein wahres Gesicht, eine hässliche Fratze, die nur auf Mord und Totschlag und Machtgewinn aus ist, zeigt sich mehr und mehr.
Doch wird eben gerade an den Reitern deutlich, wie sie in Gefahr waren, auf seine Stimme hereinzufallen nach dem Motto: Eine solch angenehme Stimme kann doch keinen schlechten Menschen verbergen ... man tut dem Armen Unrecht. Guckt doch mal, wie er leidet ... – und wie ihnen auf einmal die eigentlich doch vertraute Stimme ihres Königs vorkam! Wie das Gekrächz eines alten Raben!
Unglaublich, die Wirkung von Sarumans Stimme. 
Was wäre geschehen, wenn Gandalf sie nicht von vornherein enttarnt hätte, alle gewarnt hätte? 

Ich glaube, es gilt, der Stimme der Menschen mehr Bedeutung zuzumessen, die entsprechenden Sinne  zu schärfen und genau hinzuhören, denn es gibt mehr Sirenen, deren Opfer auch Odysseus geworden wäre, wenn er nicht dem Rat Circes gefolgt wäre, als wir denken, und es gibt nicht nur eine einzige Loreley, die den Fischer mit Hilfe ihrer Stimme ins nasse Grab zu schicken wusste, genauso wie es nicht nur einen Saruman gab und gibt, sondern zu allen Zeiten tauchen sie auf .

Gewiss aber gibt es auch Menschen, die wirklich eine wohltönende Stimme haben, die innere Stimmigkeit spiegelt.


Sonntag, 14. April 2013

Die Menschen sind nicht so, wie sie sich geben! – Wie ein Blinder Menschen und vor allem ihre Stimmen wahrnimmt.

Eines der bemerkenswertesten Bücher, das ich je gelesen habe, ist Jacques Lusseyrans Das wiedergefundene Licht. Es erzählt die Lebensgeschichte eines Blinden im französischen Widerstand.
Das klingt jetzt nicht sonderlich ungewöhnlich; allerdings ist die Leistung Lusseyrans im Widerstand schon eine besondere, auch, wenn man weiß, dass, nachdem seine Widerstandsgruppe verraten worden war, er einige Zeit im Konzentrationslager Buchenwald verbringen musste und Gott sei Dank überlebte. Wie er jedoch seine Gruppe aufgrund seines inneren Hörvermögens lange Zeit vor Verrat zu bewahren vermochte, weil er Menschen aufgrund ihrer Stimme entlarven konnte, das ist bemerkenswert. – Nur einmal nahm er eine innere Mahnung nicht ernst genug ...
Atemberaubend erstaunlich und enttarnend ist es für mich, wie der spätere Universitätsprofessor für französische Literatur Menschen und ihre Umgebung als Blinder wahrnimmt. Auf einmal gewinnt man eine ganz andere Sicht auf Menschen, wenn man sie mit den Augen eines Blinden sieht. Ich habe an anderer Stelle schon mehr über und von ihm berichtet.
Leider wird das Buch zumindest in deutscher Übersetzung nicht mehr aufgelegt, es ist allerdings antiquarisch z.B. bei Amazon noch erhältlich.

Im Folgenden möchte ich einen Auszug bringen, der sich, wie bereits angedeutet, mit der Bedeutung der menschlichen Stimme beschäftigt, aber auch andere interessante Bemerkungen enthält. Lusseyran schreibt über die Wahrnehmungen des durch einen Unfall blind gewordenen Jungen:

Die Leute glichen nicht dem, was man mir über sie sagte. Vor allem waren sie keine zwei Minuten dieselben. Es gab wohl einige. Doch das war ein schlechtes Zeichen, ein Zeichen, daß sie nicht verstehen oder nicht leben wollten, daß sie an der Leimrute einer ungehörigen Leidenschaft gefangen waren. Und das sah ich ihnen sofort an, denn da sie ihr Gesicht unbeobachtet glaubten, konnte ich sie überrumpeln. Das sind die Leute nicht gewohnt, sie putzen nur ihr Äußeres heraus!

Ich vernahm die Stimme meiner Eltern an meinem Ohr oder in meinem Herzen - wo, ist ohne Bedeutung -, doch sehr nah. Und all die anderen Stimmen nahmen den gleichen Weg. Es ist verhältnismäßig leicht, sich vor einem mißliebigen Gesicht zu schützen: man braucht es nur fernzuhalten, es in der Außenwelt zu belassen. Dasselbe versuche man einmal bei den Stimmen; da will es nimmer gelingen!

Die menschliche Stimme erzwingt sich ihren Weg in unser Inneres, eben hier vernehmen wir sie. Will man sie richtig hören, muß man sie im Kopf und in der Brust vibrieren, in der Kehle nachklingen lassen, als ob sie für einen Augenblick die eigene wäre. Das ist sicher der Grund, warum Stimmen uns nicht täuschen.

Ich konnte die Gesichter nicht mehr sehen. Wahrscheinlich würde ich sie mein ganzes Leben lang nicht mehr sehen. Mitunter hätte ich sie gern berührt, wenn sie mir schön schienen.

Doch die Gesellschaft unterbindet sorgfältig solche Gesten. Übrigens untersagt die Gesellschaft überhaupt alle Gesten, die die Menschen einander näherbringen könnten. Sie glaubt zu unserem Besten zu handeln, uns vor den Zugriffen der Schamlosigkeit und der Gewalt zu schützen. Sie hat vielleicht recht: Menschen sind oftmals schmutzige Tiere. Doch kann ein blindes Kind die Gefahr schon erkennen? Es muß solche Tabus unbegreiflich finden.

Ich machte mir indes die Stimmen voll zunutze - ein Gebiet, in das die Gesellschaft nie ihre Nase gesteckt hat. Das ist übrigens recht verwunderlich. Während die Vorschriften der Menschen in Dingen des Körpers so heikel sind, sind sie doch nie auf den Gedanken gekommen, die Blöße der Stimmen zu bedecken, ihre Berührung einzuschränken. Offenbar haben sie nicht bedacht, daß die Stimme im Grad erlaubter und unerlaubter Berührungen weiter gehen kann, als es alle Hände und Augen jemals getan haben.

Überdies weiß ein Mensch nicht, daß er sich beim Sprechen verrät. Wenn sich die Leute an mich, den kleinen Blinden, wandten, waren sie nicht auf der Hut. Sie waren überzeugt, daß ich die Worte vernähme, die sie sagten, daß ich ihren Sinn verstehe. Sie ahnten nie, daß ich in ihrer Stimme wie in einem Buch lesen konnte.

Der Mathematiklehrer betrat das Klassenzimmer, klatschte in die Hände und begann entschlossen mit dem Unterricht. Er sprach an diesem Tag klar wie gewöhnlich, vielleicht etwas fesselnder als sonst, etwas zu fesselnd. Anstatt gegen Ende der Sätze in die Ausgangslage zurückzufallen, wie sie es hätte tun müssen, das heißt, sich um zwei oder drei Töne zu senken, blieb seine Stimme, nach oben gewendet, in der Luft hängen. Es war, als wolle unser Lehrer an diesem Tag etwas verbergen, eine gute Figur machen vor wer weiß was für einem Auditorium, beweisen, daß er sich nicht gehen lasse, daß er durchhalten werde, durchhalten müsse! Und ich, der ich an die Kadenz seiner Stimme gewöhnt war, die so regelmäßig war wie das Schlagen eines Metronoms, spitzte die Ohren, und der Lehrer tat mir leid. Ich hätte ihm gern geholfen, doch das schien mir albern, hatte ich doch keinerlei Grund anzunehmen, er sei unglücklich. Aber er war allen Ernstes unglücklich. Die schreckliche »Kenntnis« böser Zungen überbrachte uns acht Tage später, daß seine Frau ihn gerade verlassen hatte.
(...)
Was die Stimmen mich lehrten, lehrten sie mich fast immer sofort. Zwar wirkten gewisse physische Faktoren störend. Es gab da Jungen, die schlecht atmeten - man hätte ihnen Wucherungen oder die Mandeln entfernen müssen - und deren Stimme wie von einer Wolke bedeckt blieb. Andere konnten nur ein lächerliches Falsett herausbringen, so daß man zunächst dachte, man habe Hasenfüße vor sich. Die Nervösen, Schüchternen gebrauchten ihre Stimme immer im falschen Moment und machten sich hinter ihrem Gestammel so klein wie möglich. Doch wenn ich mich täuschte, dann immer nur für kurze Zeit. Eine schöne Stimme (und schön bedeutet viel in diesem Zusammenhang, bedeutet, daß der Mensch, dem diese Stimme gehört, schön ist) blieb auch bei Husten und Stottern schön. Eine häßliche Stimme dagegen konnte sich süß stellen, sich parfümieren, behaglich schnurren oder flöten, sie blieb stets häßlich.
(...)
Wie sollte ich anderen Menschen erklären, daß alle meine Gefühle ihnen gegenüber - Sympathie oder Antipathie - von ihrer Stimme ausgingen? Ich versuchte es wohl einigen zu sagen, ihnen darzulegen, daß weder sie noch ich etwas dafür könnten. Doch bald mußte ich schweigen, da ihnen diese Vorstellung sichtlich Angst machte.

Es gab also eine moralische Musik. Unsere Gelüste, unsere Launen, unsere heimlichen Laster und selbst unsere sorgsamst gehüteten Gedanken übertrugen sich auf den Klang unserer Stimme, wurden offenbar in ihrer Modulation, in ihrem Rhythmus. Lagen drei oder vier Töne zu nah beisammen, dann hieß das Zorn, selbst wenn man dem Sprechenden nichts davon ansah. Auch die Heuchler konnte man auf der Stelle ertappen. Ihre Stimme war gedehnt und wies leichte, aber abrupte Abstände zwischen den Tönen auf, als ob sie beschlossen hätten, ihrer Stimme niemals freie Bahn zu lassen. 

(...)

Ich glaube, Jacques Lusseyran wäre gewiss nicht auf die Sirenen oder die Loreley hereingefallen; er hätte ihre Hässlichkeit durchschaut. Vielleicht auch die Sarumans aus dem Herrn der Ringe, dem Blender, um dessen Stimme es mir im kommenden Post gehen soll, denn mit dieser legt er Menschen herein – und sicherlich ist er auch heute nicht der Einzige, dem das gelingt. Übrgens wird die Leistung Tolkins ganz besonders deutlich, wenn man sie auf dem Hintergrund der Lusseyranschen Informationen sieht. – In den nächsten Tagen mehr.

Donnerstag, 11. April 2013

Der raffgierigen Nahrungsmittelindustrie Paroli bieten - eine AVAAZ-Aktion unterstützen



Es ist unfassbar, doch Monsanto & Co. schlagen wieder zu. Die profitgierigen Biotech-Firmen wollen etwas für sich allein beanspruchen, was uns allen gehört: Unsere Lebensmittel! Alltägliche Obst- und Gemüsesorten, wie Gurken, Broccoli und Melonen, wollen sie patentieren und Züchter dazu zwingen, sie zu bezahlen oder eine Anklage zu riskieren, wenn sie es nicht tun.

Noch können wir sie davon abhalten, Mutter Erde aufzukaufen. Firmen wie Monsanto haben Lücken im EU-Recht gefunden, um mit ihrem Plan durchzukommen. Wir müssen diese Lücken also schließen, bevor ein gefährlicher, globaler Präzedenzfall geschaffen wird. Dafür müssen entscheidende Länder wie Deutschland, Frankreich und die Niederlande -- wo der Widerstand bereits wächst -- eine Abstimmung fordern, um Monsantos Pläne aufzuhalten.

Eine AVAAZ-Initiative unterstützen:

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Freitag, 5. April 2013

Elbenland ist abgebrannt ... Reue für den Verlust der Treue

Falls Du, liebe Leserin, lieber Leser, den Herrn der Ringe gelesen hast, dann wird es Dir vielleicht auch so gegangen sein wie mir: Zum einen war da ein Alp, ausgelöst durch die Macht des Dunklen Herrschers und des Bösen (wenn ich allein an die Augen des schwimmenden Baumstamms denke, an denen die Gefährten den neben ihrem Boot im Wasser treibenden Gollum erkannten - unheimlich); zum anderen war in mir eine Trauer, wenn ich las, welch friedliches und fast himmlisches Leben die Elben in Loriet führten; wie sie mit ihrer Weit- und Hellsicht den Ringgefährten zu helfen suchten und welch liebevolle Ausstrahlung ihre weise Frau Galadriel hatte. Das lässt in mir eine Erinnerung wach werden an ein Buch über Zwerge, in dem ich las, dass es sie einst gab - und es sie eigentlich auch noch gibt -, dass sie sich nur zurückziehen mussten. Wenn Menschen nicht mehr glauben, verändern sie ihre Wirklichkeit, in der sich findet, an was sie glauben möchten.
Diese Zeilen über das Elbenland und das wunderbare Sein der Elben lösen ein tiefes Sehnen nach einem Leben aus, dass es einmal gegeben haben mag in einer Zeit, die die Griechen das Goldene Zeitlalter und die Bibel Paradies nennt und bei den Germanen noch Balder, der Gott der Güte, des reinen Lichtes und Schönheit lebte, bevor ihn Loki auf heimtückische Weise tötete.

Wir wissen nicht, warum das Dunkle, das Böse in die Welt kam; das Bild, das die Bibel verwendet, das also Eva Adam animiert haben soll, von der Frucht des Baumes zu essen, gibt, falls es nicht einer männlichen Dominanz zuliebe gefälscht worden ist, nur sehr andeutungsweise wieder, womit es zu tun haben könnte.


Jedenfalls lässt sich sagen, dass die Menschheit ein Schach spielt, im Rahmen dessen man manchmal befürchten muss, dass Schwarz gewinnt.


Was aber auffällt in der letzten Zeit ist, dass gehäuft Dinge ans Tageslicht kommen, die die Menschheit vorwärtsbringen; ich denke nur an die Enthüllung der Geheimgeschäfte in Steueroasen, die hoffentlich einen Schlag gegen den Steuerbetrug auslösen wird, falls unsere Politiker endlich einmal bereit sind, mutig und konsequent zu sein und nicht wieder und wieder vor der Macht des Geldes kuschen (sie könnten zum Beispiel der Deutschen Bank die Bankenlizenz für deren Treiben im Rahmen von Steuerhinterziehung mit Hilfe von Steueroasen entziehen – was für ein Signal das wäre!).

Wenn wir sehen, wie die Liebe, die Güte, die Hilfsbreitschaft mit Füßen getreten werden, wie Hoffart, Eifersucht und das Ego der Menschen dominieren, dann ist Reue notwendig. Reue, die die Erkenntnis voraussetzt, auf dem falschen Weg zu sein, Reue, die uns erkennen lässt, wie wir mit jeder lieblosen Tat, jedem lieblosen Gedanken, jedem Wort, das der falschen Macht eine Schneise in unsere Wirklichkeit bricht, die kindliche Kaiserin in Michael Endes Unendlicher Geschichte töten und Menschen wie Jesus, Sokrates und andere wieder und wieder ans Kreuz nageln und vergiften.
Unser Wort Reue stammt von dem Altisländischen hryggr, was traurig, betrübt, bekümmert bedeutet.
Ich hatte viel Bekümmernis, so lautet die Kantate 21 von Johann Sebastian Bach.
Diese Kümmern ist notwendig, um wirklich die Kraft zu haben, den falschen Weg zu verlassen, die Kraft, Freunde, die auf diesem Weg bleiben wollen, zu verlassen und Gewohnheiten, deren Sogkraft uns zurückziehen würde.

Ja, ich glaube, dass wir bekümmert sein müssen über jede Tat, mit der wir die Liebe kreuzigen, und erst wenn wir erkennen, wie sehr wir selbst daran beteiligt sind, kann eine Wende, eine Sinneswandlung eintreten – im Griechischen lautet dieses Wort metanoia, das Luther mit Buße übersetzt.

Nur der Zugang zu wahrer Liebe, die Konfrontation mit wahrer Liebe kann uns die Augen öffnen, wie es mit unserem Herzen bestellt ist. Im seichten Wasser der Belanglosigkeit, des Dämmrigen, fallen uns unsere Lieblosigkeiten nicht auf, kontrastieren sie sich nicht.
Wenn die wahre Liebe in uns mächtig werden will, spüren wir unsere inneren Aber gegen sie.
Es gilt, aus der halbherzigen Lieblosigkeit herauszukommen, aus der Seichtheit esoterischen Gesülzes, aus einem schrecklich rechtschaffenen Christentum, aus einer moralischen Selbstgefälligkeit.

Wenn es uns gelingt, ein Bewusstsein unseres wahren inneren Seins herzustellen, dann bereuen wir.
Wahre Reue ist nicht flach, sie hat eine tiefe Tiefe.

Genau diese Reue ist notwendig, damit wieder T-reue sein kann, Treue zur Liebe.
Deshalb enthält im Deutschen zurecht das Wort Treue das Wort Reue.
Genauso wie es kein Zufall ist, dass Reinheit Einheit in sich birgt.

Auf dem Weg, auf dem wir als Menschen sind, ist Reue in der Tat Voraussetzung für wahre Liebes-Treue.
Um diese Liebe wiederzufinden, bedarf es der Reue. 

Je tiefer die Reue ist, desto tiefer kann unsere Liebe sein.

Dann kann es Elbenland wieder geben, kehren die Zwerge zurück, wachen Baldur und Schneewittchen und Dornröschen auf und die kindliche Kaiserin lädt uns ein auf ihr wunderbares Schloss.

Die Kindliche Kaiserin ist die Kraft unseres Herzens.

Nur ein Kind, ein kindliches Wesen, das Kind in uns, das göttliche Kind in uns, hat diese Kraft.
Deshalb können nur Kinder wirklich die Welt zum Guten verändern.
Die Kinder in uns!

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ... ! (Die Bibel)

Mittwoch, 3. April 2013

Und die Reue, sie ist doch kein leerer Wahn ... allerdings ist Reue eines der unbekanntesten Gefühle!

Schiller möge mir verzeihen, dass ich seine Worte aus der Bürgschaft auf meine Weise abgewandelt habe; eigentlich steht dort ja:

Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn ...

Unwillkürlich fällt auf, dass das Wort Reue in T-reue enthalten ist. Ist Reue Voraussetzung für Treue?
Dazu ein andermal mehr

In der letzten Zeit habe ich viel über Reue nachgedacht und gemerkt, dass Reue nicht gleich Reue ist bzw. dass die Reue ein Tiefenbarometer hat, wie ich es mir nicht hätte vorstellen können.

Vor ein paar Wochen habe ich bei Stefan v. Jankovich, der ja damals für mich Ausgangspunkt einiger Posts zum Thema Nahtod und Sterben war, etwas über Reue gelesen; seitdem war das Thema latent in mir, und ich habe mir damals vorgenommen, die Worte des gebürtigen Ungarn aus seinem Buch Ich war klinisch tot später aufzugreifen – was ich nun hiermit tue:

Ich erkannte (..), daß unsere Moralbegriffe im Jenseits keine Gültigkeit haben. Seit jener Zeit bin ich allen menschlichen Moralbegriffen gegenüber kritisch eingestellt. Ich habe mich sehr viel mit diesen Problemen beschäftigt und tue dies auch weiterhin. Heute scheint es mir, daß die negativen Gedanken und Taten immer mein Versagen darstellten, bei welchem es mir nicht gelang, Proben des Lebens zu bestehen, mit Proben der Vergangenheit fertigzuwerden und mich von diesen Belastungen zu befreien.
Bei der Beurteilung spürte ich, daß das ganze Leben eine Probe war, voll mit Problemen, Hindernissen und Hürden. Wichtig war, wie ich diese Probleme, diese Situationen im Sinne der Harmonie löste. Gelang mir das, so spürte ich große Freude. Gelang es mir nicht, so verspürte ich tiefes Bedauern über mein Versagen. Aber auch durch das Eingestehen und echte Reue öffnete sich die Tür der Göttlichen Vergebung. Danach wurden die Gedanken und Taten, die einen Verstoß gegen das Gesetz der Harmonie und der Liebe darstellten, ausgeblendet und verschwanden. Warum? Ich glaube einfach deshalb, weil im Gottesprinzip nichts Böses enthalten ist. Es blieben nur die positiven, glücklichen und harmonischen Ereignisse, die bestandenen Prüfungen als Gesamterlebnis, die ich alle wieder gleichzeitig, d. h. in sogenannter „Nullzeit", als die schönste Illusion erlebte. Man kann sagen, daß man nur die guten Noten mitnimmt — um mich eines Gleichnisses aus der Schule zu bedienen. Die nicht bestandenen Prüfungen in den einzelnen Fächern muß man wieder versuchen, bis es uns einmal gelingt, sie zu bestehen. Dies könnte die sogenannte karmische Belastung darstellen.


Stefan v. Jankovich schreibt für mich sehr authentisch und er ist nicht einer der Schönwetter- und Licht-und-Liebe-Esoteriker(innen).
Allerdings kollidiert, was er schreibt, doch eigentlich mit dem Gedanken des Jüngsten Gerichts. Darüber habe ich mir schon an anderer Stelle Gedanken gemacht und ich glaube, es verhält sich damit nicht so, wie uns kirchliche Institutionen und eine orthodoxe Theologie und Bibelauslegung weismachen wollen. 

Deshalb widersprechen Jankovichs Gedanken zum Thema Reue und Vergebung meines Erachtens nicht der Bibel.
Wenn jemand den verlorenen Sohn erlebt hätte, als er das Gut und Geld seines Vaters mit Huren und Prassen auf den Kopf gehauen hätte, hätte er als rechtschaffener Christ das Kreuz und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ihn in der ewigen Verdammnis sehen müssen.
Genauso ist es nicht.


Ewigkeit und Jüngstes Gericht – das sind Begriffe unseres Zeit-Verständnisses

Aber so einfach, der ewigen Verdammnis, die es ja - richtig verstanden - wirklich gibt, zu entgehen, wie manche glauben, ist es auch nicht.
Ich glaube nicht, dass es eine ewige Verdammnis im üblich religiösen Sinne gibt; ewig - das ist ein Begriff der Zeit. Was wir anstreben ist ein Leben aus und in Liebe. Das aber befindet sich im Grunde außerhalb unserer Zeitbegriffe. Auch ein Begriff wie das Jüngste Gericht ist ein Begriff, der unserem Zeitverständnis Rechnung trägt. 

Ich persönlich nehme an, dass es etwas gibt, was außerhalb jeder Form von Gericht, außerhalb von dem, was wir Zeit nennen, liegt.
Nur: Wie komme ich dahin? 
Wie komme ich zurück zu einem Zustand, der dem Urzustand der Menschen entspricht, einem Leben in wahrer Liebe?
Welche Rolle spielt hier Reue?
Wie gelingt dieses tiefe Bedauern, von dem Jankovich spricht?


Katharsis des Tempels und der Seele

Muss man in den Bauch des Wals wie Jonas, als er sich dem göttlichen Auftrag entzieht, nach Ninive zu gehen, und von den Fischern, in deren Boot er sich befindet und die erkennen, dass er verantwortlich ist für den Sturm, in den sie geraten sind, über Bord geworfen wird?
Ja, man muss! 
Ich glaube, es geht nicht ohne.
Ohne Leid geht es nicht. Die Menschen sind zu resistent geworden gegen Wandlung ohne Leid.
Das ist auch der Grund, warum die griechische Kultur so großen Wert auf Katharsis legte, auf die Reinigung der Seele. Ohne diese Reinigung, so die Übersetzung des griechischen Wortes, geht es nicht. Deshalb reinigt Jesus in der Bibel so energisch den Tempel.
Der Tempel, das ist die Seele des Menschen. Ohne deren energischer Reinigung, ohne Katharsis geht es nicht. – Und genau hier hat Reue ihre Bedeutung.

Menschen haben zu viele Möglichkeiten entwickelt, sich abzuschotten von den emotionalen Tiefen des Lebens. Über Gefühle wird viel gesprochen, aber das ist kein Garant, Gefühle zu empfinden.

Reue ist ein Gefühl, ein Gefühl der Tiefe!

Reue hat mit Einsicht zu tun, mit einem Tiefenverständnis von dem, was das Neue Testament im Griechischen Hamartia nennt und Luther mit Sünde übersetzt. Gemeint aber sind Fehler, Verfehlungen, Abweichungen von unserem Weg, so wie Hänsel und Gretel und viele Märchenhelden sich verlaufen, sind Irrungen und Wirrungen.
Reue bedeutet, auf dem Bewusstseinsweg zu sein, was es mit diesem Irren auf sich hat, mit diesen Fehlern.

Allerdings, was sich aus allem ergibt: Mit dem Kopf löse ich diese Irrungen nicht auf.

Irrungen sind kein Makel. Diesen geradlinigen Weg, wie ihn sich viele wünschen, gibt es auf der Erde nicht, genauso wenig wie der Ozean in größter Regelmäßigkeit an die Gestade der Länder brandet. Es gibt keinen Fahrplan für Wellen, für die Gezeiten schon, aber nicht für die Wogen, auch nicht für die Wogen des Lebens. Wir können ihnen nicht ausweichen, wenn wir wissen und lernen wollen, was Leben ist. 
Manche versuchen es, doch sie stehen ewig auf einer Aussichtsplattform, zeigen auf das Leben und reden klug darüber. Manche spüren, wie blutleer deren Gerede ist.
Wer leben will, setzt sich seinen Fehlern aus, setzt sich dem Maßstab der Liebe aus.
Wenn jemand das tut, springt er ins Wasser. Das ist etwas anderes als das Stehen auf der Aussichtsplattform.

Hilft Reue, die tosenden Wasser des Lebens zu beruhigen?

Woher kommt eigentlich das Wort Reue?
Und wie sieht wirkliche Reue aus?
Gibt es eine Instanz, auf deren Vergebung wir angewiesen sind?

Demnächst dazu mehr.