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Sonntag, 31. März 2024

Ein besonderes Geschenk: Richard Wagners Musik verbindet unsere Seele mit der Christus-Ebene.

Dies ist umso bemerkenswerter, als der Großteil der Menschen - wenn überhaupt - diese Stufe der seelischen Entwicklung erst im Rahmen der übernächsten Erdinkarnation erreichen kann: der „Apokalypse des Johannes“ zufolge wird die nächste als "Neues Jerusalem" bezeichnet - die Anthroposophen nennen sie "Jupiter"; erst dann folgt als übernächste "Venus" (bitte beide nicht mit den bekannten Planeten gleichsetzen); dies wird erst vermutlich in Millionen von Jahren der Fall sein.

Rudolf Steiner äußert, dass die „Wagnersche Musik den Buddhi-Leib [= die Christus-Ebene in uns] so stark (erregt), daß die direkte Wirkung auf den Ätherleib da ist.“

Derzeit arbeiten wir mehr oder weniger intensiv an und mit unserem Astralleib und beeinflussen den Ätherleib nur, wenn es uns gelingt, überdauernd auf der Astralebene, also mit unseren Süchten, Trieben und einengenden Gewohnheiten zu arbeiten und sie aufzulösen.

Man kann sich kaum einen größeren Gefallen tun, als möglichst regelmäßig Wagners Musik zu hören. Gewiss ist sie nicht jedermanns Geschmack, da die Handlungen oft sehr emotional („Der fliegende Holländer“), inhaltlich komplex ("Tristan und Isolde") und spirituell anspruchsvoll ("Parsifal°) sind, ebenso die Musik. Aber es gibt beispielsweise die Vorspiele bzw. Ouvertüren zum "Parsifal," zu "Tannhäuser "oder "Tristan und Isolde", die, nur vom Orchester gespielt, recht sanft beginnen und auch anzuhören sind, wenn man - wie das bei mir des Öfteren der Fall ist - währenddessen das morgendliche Frühstück zubereitet :-)

Wagners Musik wirkt, selbst wenn man seine Opern nicht kennt. Er selbst war sich nur zum Teil über die Dimensionen seines Wirkens im Klaren.

„Es handelt sich bei Richard Wagners Schaffen um eine religiöse Vertiefung der Kunst, zuletzt aber um ein tiefes Verständnis des Christentums.
Er wußte, daß in der musikalischen Gestalt das Christentum am besten zum Vorschein kommen kann. Durch die Erhebung zu den inneren Geheimnissen der Weltenordnung erlangt man auf der einen Seite das Wissen, aber auf der andern Seite auch die wahre Frömmigkeit.“ (GA 97)

PS In der zweiten Hälfte des hier verlinkten Beitrages findest Du Hinweise zur Buddhi-Ebene > https://lmy.de/hOGb

Hier geht´s zum Video und der Musik: https://www.youtube.com/watch?v=8byvRGLly9g&t=4s



Montag, 7. Februar 2022

Ein Rudolf-Steiner-Auszug zum Zusammenhang von Mond- und weiblichem Zyklus, Gral, Kelch und Blut

Im Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Frau und das Weibliche uns durch ihre Beziehung zum Mondgeschehen mit dem Kosmischen verbinden und dass es gilt, dieses Wissen wiederzubeleben, wie es in zahlreichen Büchern auch geschieht, sei es durch Shuttle/Redgroves „Die weise Wunde Menstruation“, Pope/Wurlitzers „wildpower. Dein Zyklus als Quelle weiblicher Kraft“ oder in Miranda Grays „Roter Mond“, rückt auch der Zusammenhang von Mond und Gral in den Mittelpunkt, bei Rudolf Steiner allerdings nicht in dem Hinweis auf die Verbundenheit von Gral und weiblichem Prinzip, wie sie sich vor allem durch die Kelchsymbolik und dem darin enthaltene Blut in den oben genannten Büchern angesprochen findet, sondern durch einen Blick in die Akasha-Chronik, jener Ätherchronik - die Bibel nennt sie "Buch des Lebens" -, in der alles Erdengeschehen aufgezeichnet ist. 
Natürlich ist das ein zutiefst spirituelles Thema, das die Entwicklung der Erde und des Menschen betrifft. Es wird nur wenige interessieren, aber es ist gerade vielleicht wichtig, veröffentlicht zu werden.

Ich gebe aus dem im Folgenden genannten Steiner-Werk Auszüge wieder.
Dies alles steht in Zusammenhang mit den ersten beiden Beiträgen einer von mir noch ins Leben zu rufenden Facebook-Gruppe unter dem Titel „Dem Weiblichen und kosmischen Ebenen bewusst begegnen – die spirituellen Herausforderungen unserer Gegenwart annehmen“. – Wenn sie online geht, gebe ich es hier bekannt.

aus Rudolf Steiner, Christus und die geistige Welt. Von der Suche nach dem heiligen Gral.
Ein Zyklus von sechs Vorträgen, gehalten in Leipzig vom 28. Dezember 1913 bis 2. Januar 1914  ( Anmerkungen von mir in [… ] )

(S. 83) „Bei der okkulten Forschung wird man auch, und zwar oft nur in Anlehnung an das, wozu einen das Karma führt, ganz stufenweise und sachte geführt; und man weiß nicht, wenn einem etwas entgegentritt, das auf irgendeine Sache Bezug zu haben scheint, was unter dem Einfluß der Kräfte, die aus der spirituellen Welt kommen, einmal in der eigenen Seele aus einer solchen Sache gemacht werden soll. Man weiß oft nicht einmal, daß sich irgend etwas, was man bekommt aus den Tiefen der okkulten Welt heraus, auf irgendein Problem bezieht, das man jahrelang verfolgt. So wußte ich nichts Rechtes damit anzufangen, als ich den norwegischen Volksgeist, den nordischen Volksgeist einmal befragte über den Parzival und er sagte: Lerne verstehen das Wort, das durch meine Kraft geflossen ist in die nordische Parzivalsage: «Ganganda greida» — die herum laufende Labung etwa — so ähnlich! Ich wußte nichts damit anzufangen.
Und wiederum wußte ich nichts damit anzufangen, als ich einmal aus der römischen Peterskirche kam unter dem Eindruck jenes Michelangeloschen Werkes, das man gleich zur rechten Seite findet, der Mutter mit dem Jesus, der so jung noch aussehenden Mutter mit dem bereits toten Jesus im Schoße. 

Michelangelos Pietà

Und unter der Nachwirkung — das ist eine solche Führung — des Anschauens dieses Kunstwerkes kam, nicht wie eine Vision, sondern wie eine wahre Imagination aus der geistigen Welt heraus, das Bild, das eingeschrieben ist in die Akasha-Chronik [eine Ätherchronik, in der alles, was auf der Erde geschieht, aufgezeichnet ist] und das uns zeigt, wie Parzival, nach dem er zum erstenmal weggeht von der Gralsburg, wo er nicht gefragt hatte nach den Geheimnissen, die dort walten, im Walde auf eine junge Frau trifft, die den Bräutigam im Schöße hält und ihn beweint. Aber ich wußte, meine lieben Freunde, daß das Bild, ob es nun die Mutter ist oder die Braut, der der Bräutigam weg gestorben ist — oftmals wird der Christus der Bräutigam genannt —, eine Bedeutung habe und daß der Zusammenhang, der sich wahrhaftig ohne mein Zutun hinstellte, eine Bedeutung habe. (…)

(91) Besonders eines, was Wolfram von Eschenbach von ihm sagt, machte einen tiefen Eindruck, und ich mußte es zusammenbringen mit dem «Ganganda greida». Es stellte sich selber zusammen.

[Im Folgenden wird ein Mann namens Kyot angesprochen: Er ist der Gewährsmann von Wolfram von Eschenbach, ein provencalischer Troubadour, den jener in seinem „Parzival“ als Quelle im Hinblick auf sein Wissen um den Gral nennt (historisch ist diese Gestalt nicht nachgewiesen, doch taucht sie in Umberto Ecos Roman „Baudolino“ als Guiot auch auf.
Von diesem Kyot nun weiß Wolfram von Eschenbach, dass jener in Toledo ein vergessenes arabisches Manuskript von Flegetanis, einem muslimischen Astronomen und Nachkommen Salomons fand, der die Geheimnisse des Heiligen Grals in der Sternenschrift gelesen habe. Nachdem er die arabische Sprache erlernt und die Handschrift entziffert hatte, sei er durch ganz Europa gereist, um mehr über den Gral zu erfahren. Dabei sei er in Anjou auf die Geschichte von Parzival gestoßen, so erfahren wir in Wolframs Versepos.]

Ich mußte es auch zusammenbringen mit dem Bilde des Weibes, das den Bräutigam, den toten, im Schoße hält. Es war einmal, als ich, wie gar nicht suchend, auf dieses Wort stieß, das von Kyot gesagt wird. Das Wort heißt: «er jach, ez hiez ein dinc der gral» — er sagte, ein Ding hieß der Gral. Und dann werden wir verwiesen durch die exoterische Forschung selber, wie er kam zu dem: er jach, ez hiez ein dinc der gral. Er bekam ein Buch in die Hand von Flegetanis in Spanien. Das ist ein astrologisches Buch. Kein Zweifel, man darf sich sagen: Kyot ist sogar der, der angeregt durch den Flegetanis — einen, den er Flegetanis nennt und in dem gewissermaßen etwas auflebt von der Kenntnis der Sternenschrift —, angeregt also durch diese wiederauflebende Astrologie, das Ding sieht, das der Gral heißt. Jetzt wußte ich, daß der Kyot nicht aufzugeben ist, daß er gerade eine wichtige Spur erschließt, wenn man geisteswissenschaftlich forscht: daß er also wenigstens den Gral gesehen hat. Wo also ist der Gral, der heute so gefunden werden muß, daß darauf steht der Name des Parzival, wo ist er zu finden? (…)
(92) Und dann ergab es sich mir eines Tages, den ich als einen für mich besonders bedeutsamen ansehen muß, wo die goldglänzende Schüssel in ihrer Realität zu finden ist; zunächst so, daß wir durch sie — da, wo sie sich durch ihr Sternenschriftsymbolum ausdrückt — geführt werden auf das Geheimnis des Gral.

Und da sah ich denn in der Sternenschrift dasjenige, was jeder sehen kann — nur findet er zunächst nicht das Geheimnis der Sache. Denn eines Tages erglänzte mir, als ich mit innerem Schauen verfolgte die goldglänzende Mondsichel, wenn sie am Himmel so erscheint, daß der dunkle Mond darin wie eine große Scheibe schwach sichtbar ist, so daß man schaut äußerlich-physisch den goldglänzenden Mond — Ganganda greida, die hinwandelnde Wegzehrung — und darin die große Hostie, die dunkle Scheibe, das, was man nicht sieht vom Monde, wenn man nur oberflächlich hinschaut, was man sieht, wenn man genauer hinschaut.

Denn dann sieht man die dunkle Scheibe, und in wunderbaren Lettern der okkulten Schrift auf der Mondessichel — den Namen Parzival! Das, meine lieben Freunde, war zunächst die Sternenschrift.

Denn in der Tat, im richtigen Licht gesehen, ergibt dieses Lesen der Sternenschrift für unser Herz und unseren Sinn etwas — wenn vielleicht auch noch nicht alles — von dem Parzival-Geheimnis, von dem Geheimnis des heiligen Gral. Was ich Ihnen darüber noch kurz anzudeuten habe, werde ich versuchen, Ihnen morgen zu sagen.“

Samstag, 2. Mai 2009

Leben wir in unserer eigenen Zeit? – Woher die SehnSucht kommt ...


Wenn wir die Zeit als einen Fluss sehen und unsere Leben als dessen Verlauf, beginnend mit der Quelle und mündend im Meer, wo befinden wir uns dann im Moment?

Sitzen wir an seinem Ufer und winken den vorbeifahrenden Ausflugdampfern und Lastkähnen zu?

Oder sind wir gerade vor der Loreley auf ein Riff gelaufen?

Vielleicht sind wir auch in einen Nebenarm abgebogen und haben uns da eine Nische gesucht, in der wir dahindümpeln?

Oder hängen wir in einem Wehr fest oder gar in dessen Walze, jenem Wasser, das nach der Staustufe folgt und das für manchen Schwimmer und Kajakfahrer schon zur tödlichen Falle wurde?


Es gibt viele Möglichkeiten, wie man sich aus der eigenen Lebensrealität ausklinken kann und doch das Gefühl hat, mitten dabei zu sein. Das geht ja schließlich einer zunehmenden Anzahl von Internet-Usern und großen Teilen der fernsehenden Gemeinschaft der Televisionäre so. Nur sind sie nicht visionär, sondern geben sich einer Illusion hin: der Illusion, IHRE Wirklichkeit zu leben. Doch die strömt ohne sie dahin.

Und jene Zeit, die wir nutzen sollten, um am Ende unserer Leben ins Meer zu gelangen, verstreicht, während wie am Ufer sitzen und winken.

In Wirklichkeit winken wir unserer eigenen Zukunft hinterher.

So leben manche immer in ihrer Vergangenheit. Deshalb ihre klammheimlichen oder offenkundigen Sehnsuchtsgefühle.

Sehn-Sucht sucht in Wahrheit nicht Vergangenes oder Zukünftiges, sondern die erfüllte Gegenwart.


Du steigt nicht zweimal in denselben Fluss, sagt der griechische Philosoph Heraklit.

In der Tat, das tut man nicht, nur eine Sekunde später fließen andere Wasser an uns vorbei.


Nur: unserer Zeit nachzutrauern hilft nicht weiter.


Wie kommt man in die Gegenwart des eigenen Flusses, des eigenen Zeitflusses, wo doch der Fluss schon weg ist?

In erster Linie muss man ins Wasser des Lebens hinein.


Das Leben, die Zeit fließt weiter, wenn unser Lebensfluss ohne uns fließt.

Das ist weder gut noch schlecht.

Es ist.

Und dieses "Es ist" ist im Grunde ein immerwährendes "Es war" – bis wir es ändern.

Das sollte uns auch nicht betrüben. Denn damit wir ins Meer gelangen, da, wo wir hingehören, wo unsere Ganzheit ist, brauchen wir viele Etappen, viele Leben.


Jeder hat seinen persönlichen Rhein, ist eine Donau, ein Amazonas, ein Mississippi.


Mancher schwimmt erst einmal aus dem Rhein weg seinen persönlichen Main hinauf und beschaut sich Frankfurt – warum nicht?

Ich finde das in Ordnung. Niemand sollte sich böse sein, ein Leben lang ein Frankfurt angeschaut zu haben bzw. getan zu haben, was dafür steht.

Ärgerlich nur, wenn man im Brackwasser hängen bleibt oder nicht durch eine Schleuse findet …

Das, finde ich, muss nicht sein. Das hat viel mit dem Thema des Lebenskampfes zu tun.


Ich selbst glaube nicht, dass es einen Zeit-Richter gibt. Einen Gott, der mit der Stoppuhr dasteht und sagt: Du bist ein Loser.

Es gibt keine Zeitvorschriften.


Es gibt nur dieses wunderbare Gefühl, in der Gegenwart der eigenen Zeit zu sein.

Es ist unverwechselbar.


Es gibt dieses Bewusstsein der Zeit, ein Bewusstsein der eigenen Lebenszeit.

Und wenn wir das erlangen, wird unsere Zeit zu unserer Gegenwart

Wir sind dann in unserer Zeit.

Im Grunde sind wir dann im Meer, auch mitten im Fluss!

Oder, wie es Marie-Luise Kaschnitz zum Ausdruck bringt: Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.


Wie gelangen wir zu diesem Bewusstsein, das jede Vergangenheit zu unserer ureigenen Gegenwart macht?

Nur, indem wir uns selbst annehmen. Das ist das Parzival-Thema.

Nur durch Liebe, durch Selbstliebe.


Allerdings sollten wir nicht den Fehler machen zu glauben, auf der Erde sei ständiges Schwimmen im Meer möglich oder auch, ständig im Haus aus Licht zu sein. Es steckt eine tiefe Weisheit dahinter, wenn Marie Luise Kaschnitz davon spricht, das wir manchmal zur Auferstehung aufstehen oder wenn Richard Dehmel seine Art der Auferstehung überschreibt mit "Manche Nacht".


Zur Selbstliebe gehört, auch den gegenteiligen Zustand in Liebe anzunehmen.

Auch dann sind wir im Fluss.

Montag, 18. August 2008

... "und ob ich schon wanderte im finsteren Tal" ... Was David, Parzival, Nietzsche und Hans im Glück gemeinsam ist!

Wie finden wir zu jenem neuen Glück, von dem am Ende des letzten Post die Rede war? Den oben Genannten gemeinsam ist: Sie sind auf dem Weg unterwegs zu ihm.

Doch muss der Held unbedingt durch ein finsteres Tal, um zu ihm zu gelangen?
Ich nehme den gedanklichen Faden aus dem letzten Post auf.

David, den kindlichen Kämpfer gegen Goliath, nun großer König Israels, finden wir, als er obige Worte spricht, in seinem Kampf gegen den eigenen Sohn Absalom, der ihn vom Thron stürzen will. Als König muss er kämpfen, als Vater weint sein Herz.

Welche Zuversicht spricht dennoch aus Davids Worten! Bis heute sind es unendlich wirksame Trostworte und ich bin meinem Religionslehrer, einem Pfarrer, dankbar, dass er uns damals in der Sexta diesen Psalm 23 auswendig lernen ließ:
Der Herr ist mein Hirte / mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue / und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele, / er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, / fürchte ich kein Unglück,
denn Du bist bei mir / dein Stecken und Stab trösten mich. […]
In der ganzen Auseinandersetzung - schrecklich wird sein Sohn sterben - verliert David nie den Glauben an seinen Gott. Zuversichtlicher kann ein Psalm nicht enden, als dieser, der mit den Worten ausklingt:
Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Aus dem Hause des Herrn verstoßen: So kam sich Parzival lange Zeit vor und doch hätte niemand mit mehr Berechtigung und aus eigener Erfahrung wissender über jenes Tal berichten können, denn sein Name bedeutet: Durchdringe das Tal!

Wie so viele Helden ist auch er Sohn einer Witwe; sein Vater war schon, als er noch im Mutterleib war, im Kampf fern der Heimat gefallen.
Er verlässt sein Zuhause, seine Mutter, weil er Ritter in ihrer glänzenden Rüstung für Gott hält und auch Ritter werden möchte. Recht schnell findet er den Ort seiner Bestimmung, die Gralsburg. Aber er sieht nicht mit dem Herzen, was er hätte tun sollen: den todkranken Gralskönig Anfortas zu erlösen - er stellt jene berühmte Mitleidsfrage nicht, die jenen von allem Leid befreit und ihn selbst zum neuen Gralskönig, zum König des Herzens gemacht hätte. 


Am nächsten Morgen ist die Burg wie ausgestorben. Nachdem er sie verlassen hat, dämmert ihm, was er verpasst hat. Über viele Jahre und mit zunehmendem Zweifel, ob er sein Ziel jemals erreicht, sucht er die Gralsburg; doch sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Irgendwann gibt sein Verstand auf, Parzival überlässt seinem Pferd die Führung; im mittelhochdeutschen Original heißt es:

nu genc nâch der gotes kür.
[Es gehe nun, wie Gott es will.]

Friedrich Nietzsches Gegenüber, sein alter ego, ist in seinem Gedicht VEREINSAMT dagegen ohne jeden Trost:
Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. -
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt - entflohn?

Dieser Mann bereut zutiefst, in die Welt geflohen zu sein, das Schicksal des Menschseins auf sich genommen zu haben.
Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Er spricht nicht an, was er verloren hat, doch wir wissen: Verloren hat er jenes Es war einmal, jenes behütete Zuhause, von dem wir sprachen, das dem Märchenhelden zueigen ist, bevor er aufbricht. Es heißt bei Nietzsche weiter:
Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Wenn ich diese Zeile lese, muss ich an die Worte Franz Kafkas denken, der sich darüber Gedanken machte, was ein Buch bewirken soll, und in diesem Zusammenhang einen tiefstmöglichen Einblick in sein Inneres gewährt, wenn er sagt:
Ein Buch muss eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns.
Ein erschütterndes Bild. Das Innere des Menschen: ein riesiger Eiszapfen.
Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
- Bald wird es schnein,
Weh dem, der keine Heimat hat!

Nietzsche hat sich aus dieser Heimatlosigkeit in den Wahnsinn geflüchtet; die letzten zehn Jahre seines Leben war dieser große Philosoph geistig umnachtet.

Jedem der Drei geht es anders, jeder geht mit seinem Leben anders um: Der eine, Nietzsches lyrisches Ich, hadert grundsätzlich mit dem Menschsein, der andere, David, hat Vertrauen ins Leben, das für ihn identisch mit Gott, mit seiner geistigen Heimat ist.

Der Dritte ist auf der Suche und kurz davor, den Mut zu verlieren: Parzival - dessen Name, aus dem französischen Perceval abgeleitet, wie bereits erwähnt bedeutet: Durchdringe das Tal! – spricht seine Worte an einem Karfreitag, und an jenem Tag geschieht auch das Wunder: Er findet den, der ihn zum Gral weist, einen Einsiedler, Trevrizent, ohne dass er es weiß, ein Verwandter von ihm.

Wenn wir uns umschauen, finden wir Menschen, die alle einen völlig unterschiedlichen Umgang mit diesem Wert Leben pflegen. Manche zelebrieren ihr Leben vor dem Fernseher auf dem Sofa und schimpfen ansonsten über die ständig steigende Mehrwertsteuer, die steigenden Benzinpreise und die zunehmende Gewalt auf der Erde; manche jagen zielsicher in den Herzinfarkt, manche dümpeln auf einer Hochseeyacht die Zeit tot, manche werden depressiv, manche sind glücklich, manche sind im Tal und die Berge sind so hoch, dass kein Sonnenlicht hineinzuscheinen scheint.

Das Tal eine Wüste, ein gefrorenes Meer, das Leben ein einziger Winter …

Wo soll das enden?




Das Märchen von Hans im Glück weist uns den Weg, obwohl Hans eigentlich ein Loser, ein Verlierer, ein Narr par excellence war.



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Dienstag, 5. Februar 2008

Unsere Urteile, unsere Richtsprüche betreffen immer uns, unsere Schatten


"Das es so wenige genis giebt,
daran haben wohl die Schulanstalten
und selbst die Regierung schuld.
In der Schule herrscht ein Zwang, Mechanißmus
und ein Gängelwagen der Regeln.
Das benimmt den Menschen oft alle kühnheit selbst zu denken
und verdierbt die genies."


verantwortlich für Rechtschreibung und Inhalt : Emanuel Kant (1724-1804)



Kann man in der Schule im Rahmen jenes Gängelwagens von Regeln überhaupt praktizieren, was ein Nobelpreisträger fast wie selbstverständlich sagen kann:

"Wer (...) sich nicht mehr wundern,
nicht mehr staunen kann,
der ist sozusagen tot
und sein Auge erloschen."


Sorry, Albert, ´sich wundern´ steht nicht im Lehrplan, ´staunen´ auch nicht.
Was sind das auch überhaupt für Schlussfolgerungen?!
Setzen, Einstein. Note 6!

Halt! Stopp!

Der Stau, in dem wir stehen, sind auch immer WIR.
Die Schule, in die wir gingen und gehen - das sind auch WIR.
Die Politiker, über die wir lästern, die Manager, die wir brandmarken: Sie spiegeln uns und unsere Gesellschaft.
Unsere Gesellschaft, das sind WIR.
Lasst uns aufhören, über andere zu schimpfen und anderen Schuld zuzuweisen, sondern lernen, was wir ablehnen, als unsere dunklen Seiten anzusehen, ja anzunehmen.
Solange wir z.B. Rechtsradikale und kriminelle Jugendliche ausgrenzen,
solange wir sie als Geschwüre ansehen, sind sie ein Krebs im Körper der Gesellschaft.
Sie sind auch der Krebs in uns.

Wir werden so lange über das Wetter schimpfen, bis wir erkennen, dass WIR es sind, die es machen.

Unverhofft kann uns stattdessen das, was wir liebend annehmen, eine größte Hilfe werden.
Märchen wussten dies schon immer. Weisheit in ihren Worten lautet:

Ein Bauernbursche, der von einer schönen Prinzessin geträumt hat, zieht mit seinem kleinen Erbe aus, um die Schöne zu suchen. Unterwegs trifft er an einer Kirchentür auf einen Toten, der in einem Eisklotz eingefroren ist und den jeder Vorübergehende anspuckt. Er erfährt, es sei ein Weinhändler gewesen, der den Wein mit Wasser gepanscht hatte. Nun verweigere ihm der Pfarrer das christliche Be­gräbnis. Der Bursche empfindet Mitleid mit dem Sünder und stiftet seine ganze Habe für dessen Begräbnis. Als er weiter­wandert, gesellt sich ein Unbekannter zu ihm als „Reise­kamerad" und bietet ihm an, die schöne Prinzessin zu er­obern, die von einem Troll verzaubert ist. Nach vielen Kämpfen und Mühsalen, die der Kamerad alle stellvertre­tend für den Helden leistet, wird die Prinzessin gewonnen. Nach einem Jahr offenbart der Kamerad, dass er der tote Weinhändler sei, der ihm so seinen Dank abstattete, aber jetzt müsse er für alle Zeiten scheiden, denn nun riefen ihn die Himmelsglocken.
aus Religion und Tiefenpsychologie, Diesterweg, 1989


Der Schweizer Psychologe C.G. Jung nannte diesen Weinhändler, der von vielen so schnöde behandelt wird, unseren Schatten.
Im Außen treffen wir immer wieder auf jemanden, den wir verachten oder aburteilen, ohne zu wissen, dass wir in Wirklichkeit einem Teil unseres Inneren begegnen. Je harscher die Urteile über andere sind, die wir fällen, je verständnisloser wir ihnen begegnen, je intensiver wir auch andere suchen, die uns bestätigen, wie doof jener oder jene sei, desto sicherer können wir sein, dass wir einem unserer Schatten begegnet sind.

Selbst sehen wir den eigenen Schatten oft nicht, unsere Mitmenschen aber sehen ihn umso besser.
"Was regst du dich nur über deine Kollegin so auf", fragt die Frau ihre Freundin.
"Sag bloß, du findest natürlich, wie diese Ziege sich gibt, wie sie Männer anmacht, sich affektiert verhält!"
"Lass sie doch, das machen doch viele."
"Ich lass´ sie ja, aber sie nervt mich trotzdem mit ihrem dümmlichen Gehabe ... " -

Den Schatten wird man so schnell nicht los ...

Wir verstehen nun auch, warum es in afrikanischen Kulturen verpönt ist, auf den Schatten eines Menschen zu treten. - Man tritt nicht auf einen Menschen, denn: Auch sein Schatten gehört zu ihm.

Der Weinhändler im Märchen, das ist, wenn wir ihn bespucken und sein Tun gnadenlos verachten, ein Teil von uns, unser Schatten, den wir nicht annehmen wollen. - Wer hat noch nie gemauschelt oder mauschelt nicht?

Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein ... In diesem Satz der Bibel nimmt Jesus Bezug auf unsere Schatten.

In den realen Schattengestalten im Außen, u.a. also Menschen, mit denen wir Schwierigkeiten haben, spiegeln sich Seelenanteile unseres Inneren, die aufgetaut werden wollen, transformiert, erlöst.

Solange dies nicht geschieht, sind wir der Prinz, der Dornröschen, sein eigenes Höheres Selbst, erlösen will. Doch bleibt der Prinz, bleiben wir in der Dornenhecke hängen. Viele Prinzen verenden dort, nachzulesen im Dornröschen der Gebrüder Grimm.

Die Dornen, das sind unsere stechenden Urteile, unsere richtenden Sprüche.
Was wir über andere sagen, betrifft immer auch uns!

Für mich liegt deshalb eine der größten Weisheiten der Bibel in der Aussage:

Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.

Wir richten uns immer selbst! Es ist immer unser jüngstes Gericht.
Indem wir den Weinhändler einfrieren, erfrieren zunehmend wir selbst.
Mit ihrem Urteil über die Bibel verstellen sich im Übrigen viele den Zugang zu diesen Wahrheiten ...

... solange, bis jener Prinz kommt, jenes Bewusstsein, das der Mythos Parzival nennt.
Er kann den todkranken Gralskönig Anfortas erlösen; doch das ist eine andere Geschichte.

Nur: Anfortas - das sind wir. Unser krankes Bewusstsein.
Unser Gängelwagen.

Richtig verstanden - also ohne ständiges Urteilen, Werten, Lamentieren - kann Letzterer uns dennoch zum Blütenmeer führen. Das ist die Botschaft der Märchen:
Wer wirklich sucht, der findet,
denn
als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große, schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen.