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Montag, 17. November 2025

🌟 Es gilt für die Menschheit, Isis und Osiris wiederzufinden 🌟

Es ist tatsächlich genial, wie in den ägyptischen Mythen sich unsere Zeit spiegelt. Und es scheint so, als ob die Menschheit ein neues mythisches Kapitel aufschlagen könnte, als ob die ägyptische Mythe um den Tod von Osiris zu einem glücklichen Ende kommen könne, als ob sich die Mühen der Isis gelohnt hätten. Noch ist es nicht so weit, aber es deutet sich an, dass der neue Mensch "Horus" Wirklichkeit werden könnte.
Genial finde ich, wie Rudolf Steiner gerade in seinen Ausführungen zu den griechischen und - in unserem Fall - den ägyptischen Mythen uns den Blick öffnet für deren Wirklichkeit. Im folgenden finden sich Zitate aus seinen Vorträgen zur ägyptischen Mythe um Isis, Osiris und Horus:

Es herrschte in früherer Zeit lange noch auf Erden, zum Segen der Menschheit, Osiris, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, welcher später charakterisiert ist in dem, dass die Sonne stand im Zeichen des Skorpion. Da war es, dass der Bruder Typhon oder Seth den Osiris tötete. Er tötete ihn in der Weise, dass er ihn veranlasste, sich in einen Kasten zu legen, welchen er schloss und dem Meere übergab. Isis, die Schwester und Gemahlin des Osiris, suchte ihren Bruder und Gemahl, und als sie ihn gefunden hatte, brachte sie ihn nach Ägypten. Aber da strebte der böse Typhon wieder nach der Vernichtung des Osiris, er zerstückelte ihn. Isis sammelte nun die einzelnen Teile und begrub sie an verschiedenen Orten. - Man zeigt auch heute noch in Ägypten verschiedene Osirisgräber. - Dann gebar Isis den Horus, und Horus rächte seinen Vater Osiris an Typhon. Osiris wurde wiederum in die Welt der göttlich-geistigen Wesen aufgenommen, und ist zwar nicht mehr auf der Erde tätig, aber er ist dort für den Menschen tätig, wenn dieser zwischen Tod und einer neuen Geburt in der geistigen Welt weilt. Daher stellte man sich auch den Weg des Toten in Ägypten vor als den Weg zum Osiris. (GA 106, S. 85f)

Dem Menschen, der nicht wie Osiris sozusagen sich zurückzog von der physisch-sinnlichen Welt, sondern in sie eintrat, was ist ihm geblieben? Seine Seele, sein geistig-seelisches Wesen, das ihn immer hinziehen wird zu den Urkeimen des Geistig-Seelischen, zu Osiris. Das ist die Menschenseele, die in uns wohnt, die Isis, in einer gewissen Beziehung das Ewig-Weibliche, das in uns wohnt und uns hinanzieht zu dem Reiche, aus dem wir herausgeboren sind. Diese Isis, wenn sie sich läutert und reinigt, abtut alles, was sie aus dem Physischen empfangen hat, wird befruchtet aus der geistigen Welt und gebiert dann den höheren Menschen, den Horus, der den Sieg erringen wird über alles niedere Menschliche. (GA57, S. 381ff )

Dieser Mensch, der nicht der äußere, physische Mensch ist, sondern der Mensch, der zum geistigen Licht aufzustreben immerfort den Ansporn hat, immer von den verborgenen Isis-Kräften getrieben wird, ist es, der wie der irdische Sohn des nicht in der irdischen Welt aufgegangenen, sondern in den geistigen Welten verborgen gebliebenen Osiris erscheint. Dieser unsichtbare Mensch, der Mensch des Strebens nach dem Höheren Selbst, wurde von der ägyptischen Seele als Horus empfunden, als der nachgeborene Sohn des Osiris. (GA 60, S. 360f)

🌼
"Im alten Ägypten gab es zwei Orden des Horus, die unterschiedlich ausgerichtet waren und in der Zusammenkunft eine holistische Sichtweise erschufen. Der Orden des linken Auges des Horus (Mondauge) blickte in die Seele, der Orden des rechten Auges des Horus (Sonnenauge) blickte in den Geist und in die Absicht. In der Mitte befand sich der geistige Seelenplan und die Übereinkunft mit dem Kosmos, in der sich die schöpferischen Kräfte im Einklang mit dem Universum entfalteten.

Das Horusauge hilft dir, den richtigen Blick auf die Dinge zu entwickeln und die großen kosmischen Kräfte wieder in die Balance zu bringen. Dem Blick des Horus entgeht nichts. Er sieht die Absichten des Geistes, Manipulationen und Unwahrheiten und die Wege der Seele, die tief, ewig, weit und verborgen sind. Er hilft, den
guten Weg, der im Einklang mit der Befreiung der Seele auf der Erde steht, zu wählen."
(aus J. Ruland & M. Karacay: Heilige Geometrie)



Sonntag, 28. September 2025

„Der tiefe Brunnen weiß es wohl …“ – Maria Magdalenas Weiblichkeit

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst waren alle tief und stumm,
Und alle wussten drum.

So beginnt mit ihrer ersten Strophe Hugo von Hofmannsthals Ballade Weltgeheimnis. Sie kam mir in den Sinn, als ich Maria Madalenas Bericht über ihr erstes Treffen mit Jesus in ihrem durch Tom Kenyon übermittelten „Manuskript der Maria Magdalena“ las. Dort heißt es:

Ich beginne mit meiner Geschichte am Brunnen, denn in mehrfacher Hinsicht begann dort wirklich mein Leben. All die Jahre zuvor waren Vorbereitung dafür gewesen.
An jenem Morgen wusste ich, dass etwas in der Luft lag. Ich spürte eine Erregung, ein Zittern in Armen und Beinen, noch bevor ich ihm begegnete. Ich befand mich bereits am Brunnen, als er kam. Ich hatte meinen Krug schon hineingesenkt und er half mir, in herauszuheben. Manche der Apostel sahen mein goldenes Schlangen-Armband [alle Eingeweihten ihres Ordens trugen dieses Armband] und nahmen an, dass ich eine Hure sei. Sie waren entsetzt, dass der Meister so einer half. Doch das berührte mich nicht. Jeshuas Augen hatten mich in eine andere Welt versetzt. Als unsere Blicke sich begegneten, schien ich in die Ewigkeit zu schauen, und ich wusste, dass er der Eine war, für den ich vorbereitet worden war – und er wusste es auch. Ich hielt mich unter denen, die mit ihm gingen, eher im Hintergrund. Abends entfernten wir uns gemeinsam. Nicht jeden Abend, denn er wurde ständig gebraucht.
Ausgebildet in den alchemistischen Praktiken des Horus und in der Sexualmagie der Isis galt ich bei meinen Lehrerinnen als hochentwickelt, doch als ich das erste Mal in Jeshuas Armen lag, war ich eine zitternde Frau und ich musste darum ringen, jenen zentralen Weg durch mein Verlangen hindurch zum höchsten Thron zu finden, denn das war meine Aufgabe.
Mit den Techniken, in denen ich unterwiesen war, und mit den Methoden, die er in Ägypten gelernt hatte, vermochten Jeshua und ich seinen Ka, seinen Energiekörper, mit mehr Licht und Kraft aufzuladen, damit er leichter mit denen arbeiten konnte, die ihn aufsuchten. Und so war es auch.
Ich finde es immer noch merkwürdig, dass in den Evangelien steht, dass ich am Brunnen war, als Jeshua kam. Doch in jenen vielen Nächten, wenn Jeshua und ich allein waren, kam er zu meinem Brunnen, um aus mir die Kräfte der Isis zu schöpfen, um sich aufzubauen und zu stärken.
Tatsächlich wussten einst viele Menschen, dass die Energiekörper von Mann und Frau gestärkt werden dadurch, dass sie praktizierten, was Magdalena später als den Akt der Vier Schlangen nennt, wenn die jeweils zwei Schlangen von Mann und Frau sich vereinen. Was damals in Mysterienschulen, insbesondere im Rahmen der Alchemie des Horus, gelehrt wurde und durch die Männer der Kirche erfolgreich dem Wissen der Menschheit entzogen wurde, kann heute in Das Manuskript der Magdalena durch die dort übermittelten Übungen wieder erworben werden. So unglaublich das klingen mag, so ist es doch so, dass jede Frau auf der höchsten Ausdrucksebene - und es ist gewiss kein einfacher Weg - zur Isis werden kann, zur Kosmischen Mutter, und jeder Mann auf der höchsten Ausdrucksebene zum Osiris, so dass aus ihren Magnetkräften, die im Sexualakt wirksam werden - bei einem Alleinstehenden in einem meditativen Geschehen - Horus entsteht, die Geburt eines Bewusstseins, das wir heute Christus nennen.

Es ist leider so viel Wahres daran, wenn es in Strophe 2 und 3 der Ballade heißt:

Wie Zauberworte, nachgelallt
Und nicht begriffen in den Grund,
So geht es jetzt von Mund zu Mund.

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
In den gebückt, begriffs ein Mann,
Begriff es und verlor es dann.

(Die ganze Ballade: Link)
Tatsächlich haben die Männer das Bewusstsein um die Bedeutung des tiefen Brunnens verloren. Gewiss ist der Brunnen nicht nur ein Vagina-Symbol, aber er ist es auch. Und er ermöglicht gegebenenfalls im Liebesgeschehen die Empfindung eines süßen Geschmacks im Gaumenbereich, welche die Yogis ´Amrita´ nannten, die Eingeweihten des Isis-Kultes nannten ihn ´Quellwasser´, denn die Liebesempfindungen scheinen einer Quelle im Kopf zu entspringen. Es ist ein Quellwasser, das zu trinken durch den Brunnen ermöglicht wird.

Leider haben auch viele Frauen die Bedeutung und den Wert ihres Brunnens verloren.

Es hat mich sehr berührt, dass Magdalena noch einmal einen Brunnen und sein Wasser erwähnt und selbst von einem seltsamen Zufall spricht, der ihr ewig in Erinnerung bleiben wird, als nämlich Jesus nach seiner Auferstehung zum ersten Mal zu ihr kam - sie war mittlerweile, um den Schutz ihrer gemeinsamen Tochter Sar´h besorgt, nach Frankreich ausgewandert:
Es war zunehmender Mond und der Himmel war klar. Über der Heide hing leichter Nebel und das Licht des Mondes und der Sterne tauchte alles in Silber. Ich sah, wie eine Gestalt auf dem gewundenen Pfad, der zu meiner Hütte führte, auf mich zukam. Es ist ein seltsamer Zufall, dass ich gerade nach draußen gegangen war, um Wasser vom Brunnen zu holen, und da war er. Er sah so aus wie immer, doch ein nicht zu übersehendes Strahlen umgab ihn.

 

 * "Geheim" bedeutet eigentlich: zum Heim gehörend! *

Die letzte Strophe von Weltgeheimnis lautet:

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst aber wussten alle drum,
Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.

Wie wahr Hofmannsthal seine Ballade Weltgeheimnis nannte.

Wir können dankbar sein, in einer Zeit zu leben, in der einstiges Wissen nicht mehr im Kreis als Traum herumzucken muss. Wir dürfen es in unser Heim holen.
Tom Kenyons und Judi Sions Das Manuskript der Magdalena kann wieder die Türe aufmachen, damit Paare aber genauso auch Alleinstehende den Weg der zwei Schlangen gehen, von denen ich schon in meinem letzten Beitrag geschrieben habe. Es ist ein Weg des Bewusstseins, eines Bewusstseins, das in unsere Wirklichkeit zurückholt, dass Sexualität keine Sünde ist und kein Verbrauchen von Energie, sondern sie ermöglicht mit Hilfe der Alchemie des Horus den Erwerb eines höheren Bewusstseins. Dieses Bewusstsein hat eine Rückkehr der Kosmischen Mutter zur Folge. Und mit dieser Rückkehr ist eine Würdigung des Weiblichen verbunden und damit eine Gleichheit von weiblichem und männlichem Prinzip.

Möglicherweise hat die Menschheit noch einen weiten Weg vor sich. Wie weit er jedoch ist, hängt auch davon ab, wie ernsthaft und wahrhaftig ihn jeder von uns geht.

Mittwoch, 4. Oktober 2023

Warum die Madonna die Seele so vieler Menschen berührte und berührt.

Jahrelang hing das Bild der Sixtinischen Madonna von Raffael in meinem Wohnzimmer, ohne dass mir bewusst war, welch tiefe spirituelle Bedeutung ihm zukommt. Für mich spiegelte sich in Maria und den diversen Madonnen der Versuch der katholischen Kirche, dem Weiblichen eine gewisse Bedeutung zu geben und doch zugleich für den religös-kirchlichen Alltag alles Weibliche aus dem seelsorgerlichen und institutionellen Bereich fernzuhalten. Der war Männern vorbehalten. Nicht von ungefähr entspricht die eigentlich katholische Sportart dem Mixed im Tennis: im Grunde für diverse Männer ein Herreneinzel mit Damenbehinderung. – Es ist auch nicht abzusehen, dass im 21. Jahrhundert sich daran grundlegend etwas ändert.

Gerade auf diesem Hintergrund war ein Aspekt im Werk Rudolf Steiners einer, der mich zutiefst berührt hat, als ich von ihm zum ersten Mal las, weil er mir einen ganz neuen Blick auf die Gestalt der Madonna eröffnet hat.
Es gehört ja zur spirituellen Aufgabe eines jeden Menschen, seine Seele zu reinigen von allen möglichen Süchten, Leidenschaften und Begierden. Das bedeutet nicht, dass alles Sinnliche, was uns in der Natur und im täglichen menschlichen Leben begegnet, minderwertig sei. Aber gerade im zwischenmenschlichen Bereich und auch in der Sexualität gibt es eine Sinnlichkeit, in der Liebe eine immer größere Bedeutung gewinnt und es zwar nach wie vor ein Begehren gibt, das aber nicht die Sinne überbordet. Im Rahmen solch einer Liebe mag sogar die körperliche Liebe eine seelisch-geistige Zuneigung zwischen zwei Menschen in Tiefen hinein verwirklichen, die erkennen lässt, warum die Körperlichkeit von uns Menschen eine himmlische Gabe ist, von Gott geschaffen. 

Leider nehmen wir momentan auf unserer Erde bei vielen eine eher gegenteilige Entwicklung war: „Liebe“ darf gar nicht tierisch genug sein.

Luther hat bedauerlicherweise die letzte der neun Früchte des Geistes, wie sie Paulus im Galater-Brief benennt -  dazu gehören Freude, Frieden, Geduld, Sanftmut -, übersetzt mit „Keuschheit“. Das hat im religiösen Bereich zu einem völlig falschen Zungenschlag hinsichtlich der Bedeutung von Sexualität geführt.
Im Griechischen findet sich das Wort „enkrateia“. Wie Luther dazu kam, dieses Wort mit „ Keuschheit“ zu übersetzen, mag er allein wissen. „enkrateia“ bedeutet, abgeleitet vom griechischen "krátos" = Macht, > in der Macht sein <; seiner selbst mächtig; frei von fremden Mächten, gerade auch seelisch niederen.

Diese Übersetzung wirft ein bezeichnendes Licht auf das, worum es in unserer spirituellen Entwicklung geht: um eine ihrer selbst bewusste Freiheit, zunehmend überlegen gierigem Verhalten, Sucht und Leidenschaft. Solch ein Mensch gebiert in sich und aus sich heraus den höheren Menschen, den wahrhaft geistigen Menschen, dessen Inneres zunehmend mehr von jenem Geist erfüllt ist, den Jesus „heilig“ nannte und heute noch so nennt.

Über einen Menschen, der sich solchermaßen entwickelt hat, schreibt Steiner in seinem Vortrag „Isis und Madonna“ (GA 57):
Versuchen wir, die Seele, welche den höheren Menschen aus sich, aus dem geistigen Universum, herausgebiert, zu verbildlichen, so brauchen wir uns nur vorzustellen das Bild der Sixtinischen Madonna, das wunderbare Kind in den Armen der Madonna.
Im Grunde ist es kaum möglich, im Bereich der Sinne ein Bild für das Innere eines Menschen, wie wir ihn eben in seiner Entwicklung angesprochen haben, zu gestalten. Wenn es jemandem gelungen ist - darauf verweist Steiner -, dann Raffael und ergänzend mag man hier ebenfalls Michelangelos Pietà nennen und gewiss zu Recht auch die ein oder andere künstlerische Madonnengestaltung.

Für mich war der Gedanke, in der Madonna dies zu sehen, ehrlich gesagt, umwerfend. Mit einem Mal wurde mir klar, warum über Jahrhunderte hinweg so viele Menschen sich der Madonna zuwandten, gerade auch einfache Seelen, die ihren Zugang zur Wahrheit intellektuell noch nicht so verstellt hatten: im Grunde wandten sie sich in der Madonna ihrem eigenen zukünftigen Inneren zu. 
Natürlich wird bei jedem Einzelnen schlussendlich eine individuelle Gestaltung dieses Inneren vorhanden sein. Doch diesem großen Künstler mag es gelungen sein, eine Art Urbild dieses höheren Menschen und seiner Seele in der Gestalt seiner Sixtinischen Madonna geschaffen zu haben, gewiss eine himmlische Gnadengabe und dem eine große Hilfe, der sie demütig anzunehmen weiß.
Dann kann in der Seele eine Frucht entstehen, welche die ägyptische Mythe von Isis und Osiris Horus nannte und die, von zu vielen Menschen noch nicht verstanden, Christus heißt.


Montag, 17. Mai 2010

"anima naturaliter religiosa". – Was das baden-württembergische Abitur 2010 an Bewusstsein voraussetzt.



Ich teile die Ansicht C.G. Jungs, dass die Seele des Menschen von Natur aus religiös sei. Dem Schweizer Psychologen offenbarte sich diese Sicht auf die menschliche Seele, mit der er sich deutlich von seinem Vorgänger Freud distanzierte, für den Religion eine Illusion war, dadurch, dass er erkannte, dass die menschliche Seele in Träumen und in der psychoanalytischen Arbeit, ob sie will oder nicht, religiöse Bilder aus dem Unbewussten in das Bewusstsein steigen lässt, Bilder der Ganzheitlichkeit, Bilder, in denen wir Kreise finden, Symbole der Trinität, Schlangensymbole und Ähnliches. Jung als moderner Alchemist erkannte, was diese Bilder bedeuten. Sie weisen auf den religiösen Urgrund der Seele. Auch ein Atheist kann ihre Auferstehung in seinen Träumen nicht verhindern. Gott sei Dank!


Dass dieses Wissen heute kein Allgemeingut ist, hängt mit dem Herodeskräften zusammen, wie sie die Bibel nennt; die ägyptische Mythologie spricht von der Zerstückelung des Osiris. Osiris wurde verführt durch Typhon. Wir können ihn auch den Herodes Ägyptens nennen. Der Tod des Osiris und seine Zerstückelung, sein Tod symbolisiert die Zerrissenheit des modernen Menschen, der den Typhon-Herodes-Kräften erliegt. Immer noch sucht Isis, die Mutter, ihren Sohn Osiris. Es ist die Suche des Ewig-Weiblichen, von dem Goethe am Ende des Faust II spricht, die so gern unserem Suchen begegnen möchte. Die Liebe dieser Großen Mutter will den Menschen heilen.
Die Symbolik der Mutter hat zu allen Zeiten eine große Rolle gespielt, wir finden sie in der Gestalt der Isis, der Diana, der Sophia, Marias ...
Sie steht im Gegensatz zur Negativ-Macht der Mütter, mit denen sich Faust im Faust II konfrontiert sieht, die ihre Kinder nicht freigeben, im Grunde sie verschlingen. Um ein Haar wäre auch Siegfried diesem Drachen zum Opfer gefallen. Um ein Haar hätte dieser Drachen ihn erdrückt, so wie viele Mütter ihre Kinder erdrücken. Das ist leider eine Realität. Sie findet sich im Bild des Mutterdrachen, ein Thema, von dem bekanntlich das Grimm-Märchen Eisenhans handelt.

Nun finden wir im Abitur 2010 im Rahmen des Gedichtvergleichs zwei Gedichte, deren Thematik in die Richtung einer Liebe geht, wie sie die wahre Mutter symbolisiert. Auf das Gedicht von Volker Braun, Hingebung, möchte ich bei Gelegenheit noch eingehen; ich werde es dann hier verlinken. Dieses Gedicht thematisiert Selbstfindung durch Hingabe, Selbsterfüllung durch Liebe. Ein gewaltiges Thema, vielleicht DAS Thema unseres Lebens.
Das andere Gedicht, Rilkes Die Liebende steigt in die Urgründe unseres Seins, und ich muss sagen, dass die Damen und Herren, die beide Gedichte auswählten, viel Vertrauen in die Kenntnisse ihrer Kollegen hatten, diese Urgründe vermittelt zu haben, damit Schüler in ihrem Abitur darauf Bezug nehmen können.
Sie dokumentierten mit ihrer Wahl zugleich ihre Auffassung von Literatur als Spiegel der menschlichen Seele, die nur zu begreifen ist, wenn wir sie im Sinne C.G. Jungs sehen. Rilke zumindest kann man nur verstehen, wenn man diesen Dichter als zutiefst religiös begreift. Wie hoffnungsvoll hingegeben von meinen Kollegen zu glauben, dieses Wissen und diese Sicht auf die Liebe und das Leben bei den unterrichtenden Kollegen und den Schülerinnen und Schülern voraussetzen zu können; auch die Elternhäuser müssen ja zu dieser Sicht beigetragen haben.

Unter den über 40 Abitur-Arbeiten, die ich dieses Jahr korrigieren "durfte", waren leider nur drei, die den Gedichtvergleich nahmen, aber immerhin eine Schülerin - der Schrift nach war es eine Sie - hat bei der Liebe, wie sie sich im Rilke-Gedicht findet, gesprochen von der Liebe zwischen Seelenpartnern, ein Gedanke, der sich natürlich im Erwartungshorizont des Oberschulamtes nicht findet.
Nun ja, ehrlich gesagt bin ich auch weit davon entfernt zu glauben, dass die Dortigen Literatur so verstehen wie ich und wie ich es oben mir selbst glauben machen wollte. Und ich glaube auch nicht, dass unsere Schulbildung ein Verständnis erreichen will und ein Bewusstsein, dass die Seele von Natur aus religiös sei.
In unserer Bildung geht es mittlerweile vor allem um Präsentation, Portfolio und Mindmap ... Word ist wichtiger als das Wort und Wahrheit zählt vor allem dann, wenn sie als Tabelle kalkuliert werden kann ...
Herodes-Typhon hat alles im Griff. Und beide können beruhigt sein: noch bleibt Osiris zerstückelt.
Dessen ungeachtet erlaube ich mir meinem Unterricht an einer Maxime, an einem Leitgedanken auszurichten, der sich in diesem Worten erfassen und zusammenfassen lässt:

anima naturaliter religiosa.