Politik und Gesellschaft, Idee und Wirklichkeit, Ethik und Religion, Spiritualität und Mythologie, Literatur und Kunst: Das sind die Felder, die mich immer wieder zu Beiträgen bewegen.
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Mittwoch, 26. November 2025
Bewusstseinsentwicklung mittels spiritueller Sexualität
Montag, 17. November 2025
🌟 Es gilt für die Menschheit, Isis und Osiris wiederzufinden 🌟
Genial finde ich, wie Rudolf Steiner gerade in seinen Ausführungen zu den griechischen und - in unserem Fall - den ägyptischen Mythen uns den Blick öffnet für deren Wirklichkeit. Im folgenden finden sich Zitate aus seinen Vorträgen zur ägyptischen Mythe um Isis, Osiris und Horus:
Es herrschte in früherer Zeit lange noch auf Erden, zum Segen der Menschheit, Osiris, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, welcher später charakterisiert ist in dem, dass die Sonne stand im Zeichen des Skorpion. Da war es, dass der Bruder Typhon oder Seth den Osiris tötete. Er tötete ihn in der Weise, dass er ihn veranlasste, sich in einen Kasten zu legen, welchen er schloss und dem Meere übergab. Isis, die Schwester und Gemahlin des Osiris, suchte ihren Bruder und Gemahl, und als sie ihn gefunden hatte, brachte sie ihn nach Ägypten. Aber da strebte der böse Typhon wieder nach der Vernichtung des Osiris, er zerstückelte ihn. Isis sammelte nun die einzelnen Teile und begrub sie an verschiedenen Orten. - Man zeigt auch heute noch in Ägypten verschiedene Osirisgräber. - Dann gebar Isis den Horus, und Horus rächte seinen Vater Osiris an Typhon. Osiris wurde wiederum in die Welt der göttlich-geistigen Wesen aufgenommen, und ist zwar nicht mehr auf der Erde tätig, aber er ist dort für den Menschen tätig, wenn dieser zwischen Tod und einer neuen Geburt in der geistigen Welt weilt. Daher stellte man sich auch den Weg des Toten in Ägypten vor als den Weg zum Osiris. (GA 106, S. 85f)
Dem Menschen, der nicht wie Osiris sozusagen sich zurückzog von der physisch-sinnlichen Welt, sondern in sie eintrat, was ist ihm geblieben? Seine Seele, sein geistig-seelisches Wesen, das ihn immer hinziehen wird zu den Urkeimen des Geistig-Seelischen, zu Osiris. Das ist die Menschenseele, die in uns wohnt, die Isis, in einer gewissen Beziehung das Ewig-Weibliche, das in uns wohnt und uns hinanzieht zu dem Reiche, aus dem wir herausgeboren sind. Diese Isis, wenn sie sich läutert und reinigt, abtut alles, was sie aus dem Physischen empfangen hat, wird befruchtet aus der geistigen Welt und gebiert dann den höheren Menschen, den Horus, der den Sieg erringen wird über alles niedere Menschliche. (GA57, S. 381ff )
Dieser Mensch, der nicht der äußere, physische Mensch ist, sondern der Mensch, der zum geistigen Licht aufzustreben immerfort den Ansporn hat, immer von den verborgenen Isis-Kräften getrieben wird, ist es, der wie der irdische Sohn des nicht in der irdischen Welt aufgegangenen, sondern in den geistigen Welten verborgen gebliebenen Osiris erscheint. Dieser unsichtbare Mensch, der Mensch des Strebens nach dem Höheren Selbst, wurde von der ägyptischen Seele als Horus empfunden, als der nachgeborene Sohn des Osiris. (GA 60, S. 360f)
"Im alten Ägypten gab es zwei Orden des Horus, die unterschiedlich ausgerichtet waren und in der Zusammenkunft eine holistische Sichtweise erschufen. Der Orden des linken Auges des Horus (Mondauge) blickte in die Seele, der Orden des rechten Auges des Horus (Sonnenauge) blickte in den Geist und in die Absicht. In der Mitte befand sich der geistige Seelenplan und die Übereinkunft mit dem Kosmos, in der sich die schöpferischen Kräfte im Einklang mit dem Universum entfalteten.
Das Horusauge hilft dir, den richtigen Blick auf die Dinge zu entwickeln und die großen kosmischen Kräfte wieder in die Balance zu bringen. Dem Blick des Horus entgeht nichts. Er sieht die Absichten des Geistes, Manipulationen und Unwahrheiten und die Wege der Seele, die tief, ewig, weit und verborgen sind. Er hilft, den guten Weg, der im Einklang mit der Befreiung der Seele auf der Erde steht, zu wählen."
Sonntag, 12. Oktober 2025
„ Die neuen Bekenntnisse haben zum Teil gerade die Anschauung über die Maria ausgerottet.“ - Wer tritt uns in Wahrheit in Maria entgegen?
- „ Die neuen Bekenntnisse haben zum Teil gerade die Anschauung über die Maria ausgerottet.“ (R. Steiner, GA 202)
- In Maria tritt uns in Wahrheit die wiedergeborene Isis entgegen, die durch den Weltengeist befruchtete Menschenseele. Die Kosmische Mutter.
Vielleicht kennt der bzw. die ein oder andere jene Stelle aus der Tannhäuser-Oper Richard Wagners, als Tannhäuser auf einmal innerlich spürt, dass er nicht bei der Venus, der Göttin der Liebe, der nur sinnlichen Liebe, in ihrer Grotte bleiben möchte. Als er aber das äußert ihr gegenüber, spürt er ihre ganze energetische Macht und spürt, dass ihm die Kraft fehlen könnte, den Venusberg zu verlassen, zumal ihm Venus zuruft:“Nie wird Vergebung dir zuteil“!
Da entringen sich als ein gewaltiger Schrei seiner Seele die Worte:“Mein Heil! mein Heil ruht in Maria!“ - Diese Worte entmachten Venus.
Rudolf Steiner macht uns darauf aufmerksam, dass in Raffaels Sixtinischer Madonna uns entgegentritt die wiedergeborene Isis, die durch den Weltengeist befruchtete Seele. Wir erfassen sie in einem Namen: Maria.
In Tom Kenyons und Judi Sions „Das Manuskript der Magdalena“ erfahren wir über Maria, was die ein oder andere schon lange wissen wollte; es heißt dort:
Ich wende mich jetzt meiner geliebten Schwester zu, meiner geistigen Schwester, der Mutter von Jeshua, die auch als Maria bekannt ist.
Maria war eine hohe Eingeweihte des Isis-Kultes und in Ägypten ausgebildet. Deswegen flohen sie und Joseph vor dem Zorn des Königs in Israel nach Ägypten, denn sie war dort, bei den Priesterinnen und Priestern der Isis in Sicherheit.
Ihre Ausbildung war anders als meine, doch wir dienten dem Gleichen. Um mein Verständnis von Maria zu erklären, muss ich eines der tiefsten Geheimnisse des Isis-Kultes enthüllen. Man glaubte, und ich halte es für wahr, dass unter bestimmten Bedingungen die Göttin selbst inkarniert, durch eine Geburt oder durch eine spirituelle Einweihung. Als Maria, die Mutter von Jeshua, noch sehr jung war, erkannten die Hohepriesterinnen der Isis-Tempel sie an der Reinheit ihres Geistes. Sie wurde zur Eingeweihten ausgebildet und erreichte die höchsten Grade. Doch sie wurde nicht zur Priesterin ausgebildet, sondern zu dem, was wir ein „Inkarnat“ nennen.
Ein Inkarnat muss eine hoch entwickelte Seele sein und muss sich einer enormen spirituellen Ausbildung und Disziplin unterziehen. In ihrer abschließenden Einweihung wurde Maria zur Hüterin eines direkten Energiestrahls der Isis. In dieser Hinsicht war sie eine Verkörperung der Kosmischen Mutter. Es war so, als ob es zwei gäbe: Maria als Mensch, reinen Geistes und Herzens, und Maria als Inkarnat, die in sich ein direktes Tor zur Großen Mutter hütete, zur Schöpferin aller Materie, aller Zeit und allen Raums.
So war alles vorbereitet, um ein Wesen mit bemerkenswerten Eigenschaften zu empfangen, das ihr Sohn werden würde, Jeshua.
Sonntag, 5. Oktober 2025
Lebendige Wasser. – Die Symbolik des Brunnens bei Maria Magdalena, Hofmannsthal, Rilke, Baudelaire und C.F. Meyer.
Mich hat ungeheuer beeindruckt, wie sehr eine Frau in der Lage ist, ohne Wenn und Aber zu ihrer Weiblichkeit zu stehen, spürbar ohne Angst, jemand könne diese untergraben, weil sie zutiefst von dem Wert wahrer Weiblichkeit überzeugt ist, wie sie in ihr selbst ist. Solche Weiblichkeit muss nicht kämpfen. Das ist ja auch der Grund, der fast immer hinter oft aggressiven Emanzipationsbemühungen steht: dass Frauen, die um die Stellung der Frau in der Gesellschaft kämpfen, eigentlich den Kampf um Weiblichkeit in sich noch nicht zu Ende gekämpft haben, ja manchmal erst am Anfang dieses Kampfes im eigenen Inneren stehen. Daher rührt für mich auch jene Verbissenheit, die vielfach im Rahmen entsprechender Auseinandersetzungen zu finden ist.
Maria Magdalena, die große Liebe und Frau von Jesus - sie ist die oben angesprochene Frau - äußert aus ihrem Herzen heraus:
(..) in jenen vielen Nächten, wenn Jeshua und ich allein waren, kam er zu meinem Brunnen, um aus mir die Kräfte der Isis zu schöpfen, um sich aufzubauen und zu stärken.
Es ist noch nicht so lange her, dass mir Das Manuskript der Magdalena. Die Alchemie des Horus und die Sexualmagie der Isis zu-fiel, in dessen erstem Drittel der Autor Tom Kenyon Worte - oder sagen wir: eine Botschaft - jener Maria Magdalena channelt, die auf rabbinische Weise mit Jesus, der hier Jeshua genannt wird, verheiratet war und mit dem sie eine gemeinsame Tochter, Sar´h hatte, die allerdings erst nach seinem Kreuzestod auf die Welt kam und mit der sie vorsichtshalber dann in Südfrankreich an Land ging.
Mit Tom Kenyon teile ich eine gewisse Abneigung gegen das Channeln, weil zu oft unklar ist, wer da wirklich auf der anderen Seite steht und Worte eingibt; zu oft werden auch Channelings, wie ich glaube, beobachtet haben zu können, frei erfunden. Das von Tom Kenyon gechannelte Manuskript der Magdalena kommt bei mir allerdings absolut authentisch an. Für mich ist kein Zufall, dass mir während meiner Lektüre einige Brunnengedichte, die zu meinen Lieblingsgedichten überhaupt gehören, in den Sinn kamen und auf eine neue Weise bewusst wurden, was natürlich damit zusammenhängt, dass Maria Magdalena wiederholt vom Brunnen spricht.
Das Manuskript der Magdalena ist deshalb so wertvoll, weil es den Blick öffnet für eine Heilige Sexualität auf eine Weise, wie ich sie so noch nie an anderer Stelle auch nur annähernd so überzeugend dargestellt fand. Vor allem dann kann man den Wert dieses Manuskriptes ermessen, wenn man zum Vorhandensein der Kundalinikraft Ja sagt und nachvollziehen kann, was die beiden Schlangen, die solare und die lunare, rechts und links von der Wirbelsäule in ihrem Aufsteigen bewirken können. Damit einher geht eine seelisch-geistige Wertschätzung des Liebesgefährten bzw. der Liebesgefährtin, die eine Wahrhaftigkeit dem Anderen gegenüber und eine Ehrlichkeit voraussetzt, wie sie in ihrer Herausforderung und Bedeutung im dritten Teil von Das Manuskript der Magdalena eindrucksvoll vermittelt wird.
Dieses Buch gibt auf seinen 250 Seiten neben der Sexualmagie der Isis, in der Magdalena ausgebildet war, Übungen und Möglichkeiten weiter, so dass wir uns auch in unserer Zeit dieser Magie bedienen können, und es gibt ebenfalls einen Einblick in die Liebesbeziehung zwischen Magdalena und Jeshua. Sie begann an einem Brunnen (hier der Textauszug dazu). Diese Liebesbeziehung war geprägt von einer Sexualität, die heute dem Bewusstsein der Menschen verloren gegangen ist, vor allem die Tatsache, dass eine heilige Sexualität die spirituelle Entwicklung der Liebenden fördert. Die Kirche hat ja nicht nur das Weibliche diskreditiert, sondern auch diese wertvolle Sexualität.
Magdalena formuliert hierzu:
Aus meiner jetzigen Sicht finde ich es äußerst tragisch, dass die Geheimnisse und die Heiligkeit unserer Sexualität von der Kirche, von den Kirchenvätern, als Böse verteufelt wurden. Fast 2000 Jahre lang wurde einer der kraftvollsten und schnellsten Wege zu Gottes Erkenntnis als falsch hingestellt (…) Die Wahrheit und die Kraft von Jeshuas Lehren wurden von der Kirche verdreht. Die Geheimnisse der Erhöhung des Bewusstseins durch heilige Sexualität, so wie Jeshua und ich sie praktizierten, wurden von der Kirche unterschlagen. Mir ist klar, dass nur eine Handvoll Menschen meine Geschichte verstehen wird, doch das genügt.
Und an anderer Stelle heißt es:
Die Kirche behauptet, dass ich eine Hure war, doch ich sage euch jetzt, dass die Kirche die Hure ist, denn sie will euch weismachen, dass Frauen verdorben sind und dass die sexuelle Leidenschaft zwischen einem Mann und einer Frau böse ist. Doch genau hier, in der magischen Anziehungskraft der Leidenschaft, entsteht die Grundlage für die Himmelfahrt.
Die Sexualmagie, von der Magdalena spricht, ist ein Synonym für lebendiges Leben. Leben ist nicht selbstverständlich lebendig. Viele Menschen sind tot im Leben, zumindest halbtot. Und ein Gradmesser ist ihre gelebte Sexualität bzw. - gerade im Bezug auf Alleinstehende oder solche, die in einer Beziehung in Wirklichkeit alleine sind - wie lebendig ihre sexuelle Energie sein kann, d.h., ob ihre beiden Schlangen am unteren Ende der Wirbelsäule dahindösen (man muss das leider bei viel zu vielen Menschen wahrnehmen) oder ob sie im Aufstieg begriffen sind. Da ich hier nicht näher auf die Sexualmagie der Isis und die Alchemie des Horus eingehen kann, möchte ich einen kleinen Auszug auf meinen Blog Wortbrunnen stellen. Er mag auch verdeutlichen, dass alles, was mit gelebter heiliger Sexualität zusammenhängt, alles, was der Normalbürger gern auch als phallisch, sexistisch oder pornographisch katalogisiert, im Rahmen der Sexualmagie der Isis und der Alchemie des Horus Zeichen des Lebens, des lebendigen Lebens sind.
Wenn zwei Körper zueinander finden, finden eben auch zwei Seelen zueinander und das ist etwas ganz Besonderes und zugleich ist es so natürlich, aber nicht mit der tierischen Ebene vergleichbar, die ja auch natürlich ist. Jeder ist sich dessen bewusst und muss ja auch regelmäßig davon Kenntnis nehmen, dass es auch unter Menschen eine Sexualität gibt, die der der Tiere vergleichbar und auf diese Ebene gesunken ist. Oft schnüffeln Menschen wie Hunde aneinander, um sich dann wie Tiere zu paaren. Die Menschheit ist in Teilen soweit abgeglitten, dass sie an solchem Verhalten gar keinen Anstoß mehr nimmt. Auf Theaterbühnen, in Filmen, in Social-Media-Videos kommt ja man kaum mehr umhin, damit konfrontiert zu werden.
Die Not kann nur wenden und notwendig ist, dass wieder Menschen sehr bewusst sich zu einer Sexualität bekennen, wie sie Jesus und Maria Magdalena lebten, gewiss auch Maria und Joseph oder auch die beiden Liebenden des Hoheliedes in der Mitte der Bibel.
Menschen haben diesen ein- und zartfühlenden Umgang von liebenden Menschen miteinander in der Lyrik, der Musik oder auch Architektur, der Brunnen-Architektur, immer wieder gestaltet. Wenn wir auf solche Beispiele treffen, dann haben aufsteigende Gedanken und Bilder nichts auch nur entfernt Anstößiges, weil solch ein Umgang miteinander zum Heiligsten gehört, was es unter Menschen gibt. Friedrich Hebbel hat es in Das Heiligste gestaltet oder auch ein Conrad Ferdinand Meyer in Der römische Brunnen, angeregt durch den Anblick der Fontana dei Cavalli Marini in der Villa Borghese, einer Parkanlage inmitten von Rom.
Wir lesen:
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.
Ich kenne kaum einen Gedichtanfang, der genialer gestaltet ist.
Die acht Verse sind eigentlich im jambischen Versmaß verfasst, d.h., einer unbetonten folgt immer eine betonte Silbe. Eigentlich müsste also zu Beginn des Gedichtes „-steigt“ betont sein. Es gibt allerdings Fälle, wo eine Wortakzentuierung den Anforderungen des Versmaßes zuwiderläuft. Hier ist das der Fall: das „Auf-„ will betont sein; man spricht dann von Tonbeugung. Es schließen sich zum Ausgleich zwei unbetonte Silben an.
Hier hat dieser Beginn zur Folge, dass die Aufwärtsbewegung, die ohnehin im „Auf“ liegt, ganz besonders in den Mittelpunkt gerückt wird.
Conrad Ferdinand Meyer ist nicht dafür bekannt, dass er sich - schon gar nicht auf laute Weise - mit erotischen Inhalten befasst oder sie gar in den Mittelpunkt gerückt hat. Eher ist sein Stil, dass er Dinge ganz sanft und verhalten andeutet. Beispielhaft hierfür ist seine wunderbare Ballade Stapfen, in der das Ende einer Beziehung, einer Liebesbeziehung, auf eine Weise mit den Mitteln von Fußabdrücken angedeutet wird, wie man es berührender kaum gestalten kann.
In der höfischen Literatur des Mittelalters und der Lyrik des Barock, bei Martin Opitz und Andreas Gryphius z.B., wurden Quellen- und Brunnenbilder gern erotisch eingesetzt, wenn das Schöpfen aus dem Born beispielsweise eine sexuelle Vereinigung andeutet. In der mittelhochdeutschen Liebesdichtung ist der Brunnen gern auch Ort der Begegnung, aber auch Symbol des erotischen Begehrens. Ja, im derben Fasnachtsspiel und der Schwankliteratur stehen Brunnen auch unverhohlen für die Vagina und Sprudeln steht für sexuelle Lust und den Geschlechtsakt.
In Rilkes Römische Fontäne (Text s. Schluss) oder auch Hofmannsthals Weltgeheimnis finden sich diese Andeutungen auch bzw. die Inhalte können sexualsymbolisch gesehen werden; auch in Meyers Der römische Brunnen vermag man durchaus Bilder zu assoziieren, die auf den weiblichen Schoß verweisen („der Marmorschale Rund") bzw. auf männliche Erektion und Ejakulation („ Aufsteigt der Strahl“) und eine natürliche Weitergabe der Erregung („Die zweite gibt, sie wird zu reich, / Der dritten wallend ihre Flut“).
Liebe zwischen Mann und Frau - oder auch zwischen gleichgeschlechtlich Liebenden; Maria Magdalena bezieht diese Liebe in ihrem Manuskript ausdrücklich mit ein - unterliegt einem beseligenden Wechsel von Strömen und Ruhen, von Geben und Nehmen; nicht von ungefähr widmet diesem kosmischen Prinzip des Lebens C.F. Meyer die letzten beiden Verse seines Gedichtes („Und jede nimmt und gibt zugleich / Und strömt und ruht.“)
Bei ihm, bei Rilke und Hofmannsthal - anders ist es in Baudelaires Le jet d'eau - kann man das Angesprochene auch naturhaft und dinglich sehen, ohne sexuellen Gehalt.
Wenn man die geschlechtliche Ebene aber mit einbeziehen möchte, dann ist sie in keiner Weise derb, platt, obszön, sondern sie nähert sich einer Sicht auf Körperlichkeit und Sexualität, wie sie sich in Das Manuskript der Magdalenafindet: Sexualität ist lebendiges Leben in wunderbarer Natürlichkeit, wie sie sich ganz natürlich in der Natur und da findet, wo Menschen Lebendiges gestalten.
Die Katholische Kirche hat es ja geschafft, Sexualität Konnotationen beizumengen, die im "Erfolgs"fall schlechtes Gewissen und sündige Gefühle hervorrufen. Und wir wissen ja, dass in der ganzen Bandbreite der Pornographie und Prostitution Sexualität sich vollkommen abgespalten hat von einem erfüllten Menschsein. Wer ist sich heute noch dessen bewusst, dass Sexualität ohne Liebe der Seele schadet, ja, sie an die Grenzen ihres Ruins bringt, weil Kanäle - oder sagen wir Verbindungen - zur seelischen Heimat des Menschen womöglich für viele Leben verstopft sind. Einen grauenhaften Beitrag dazu leisten manche Sexologen - ich denke da u.a. an die aus dem Fernsehen bekannte Ann-Marlene Henning; es ist schon fast unglaublich, wie sehr bei ihr Sexualität auf Sex-Technik und Entblockierung bürgerlicher Moralvorstellungen reduziert wird. Ich habe vor mehr als 15 Jahren einige ihrer damals in Mengen veröffentlichten Sextechnik-Videos angeschaut (mittlerweile finde ich sie nicht mehr auf You Tube); ich habe nicht in Erinnerung, dass sie ein einziges Mal von Liebe gesprochen hätte und mein Eindruck ist auch, dass sie keine Ahnung hat, was diese ausmacht; sie wird, vermute ich, in ihrer Berufsgruppe diesbezüglich nicht die oder der Einzige sein … (hier ein Beispiel)
Die Wahrheit aber ist: Sexualität ist spirituell.
Es wird noch eine ganze Zeitlang so sein, dass darüber viele Menschen lächeln oder Witze machen.
Sexualität ist auch nicht damit verbunden, dass auf Lust Leid folgt. Ein Beispiel, wie sich heimlich auch über Lyrik solch ein Denken einschleicht, habe ich anhand von Baudelaires Der Springbrunnen versucht deutlich zu machen. Weil dies den Rahmen dieses Beitrags hier sprengen würde, habe ich meine Gedanken dazu auf meinem Blog Wortbrunnen festgehalten
Maria Magdalena war die Veröffentlichung ihres Manuskriptes mit Hilfe von Tom Kenyon und Judi Sion deshalb so wichtig, weil sie eine Tür öffnen will zu einer Rückkehr dessen, was Sexualität wirklich ist: Zugang zu unserem Inneren, zu unserer ureigenen Spiritualität. Dieser Weg ist gewiss nicht einfach, er ist eine große Herausforderung und mit viel, sehr viel Mut zu Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit sich selbst und dem Liebesgefährten gegenüber verbunden.
Wir können Hofmannsthals Weltgeheimnis als einen großen Verweis auf unsere Herkunft sehen, die für viele zum Geheimnis geworden ist. Wir können aber auch den Brunnen, von dem er spricht, als ein Vagina-Symbol sehen. Und das ist keineswegs an den Haaren herbeigezogen, denn wir nähern uns ja auf diesem Weg einer so wichtigen Frage, warum so viele Männer, meist klammheimlich, Angst vor dem Weiblichen haben (mehr dazu hier) - und nie einen offenen Blick auf die Vagina werfen, was dazu geführt hat, dass letztere oft pornographisch verzerrt und entwürdigend dargestellt wurde und wird und selbst Frauen sich mit einem offenen Umgang schwer tun. Es ist jener unbekannte Gegenstand, von dem Rilke in der Römischen Fontäne spricht. In jener hat alles noch einen Hauch von Hofmannsthals Weltgeheimnis und alles Angesprochene ist zwar sprachlich für den, der es mag, faszinierend ausgedrückt; doch alles entgleitet auch sehr ins Ästhetisierte, ein Phänomen, das wir bei Rilke häufig finden, was seine Eigenart ausmacht, aber ob er mit dem, was das in seinem persönlichen Leben spiegelt, glücklich war, bezweifle ich sehr, zu sehr bestand bei ihm eine Dysbalance zwischen seiner weiblichen und männlichen Seite, zu sehr überwog das Weibliche in ihm zuungunsten klarer Männlichkeit. Zugleich ist natürlich diese seine seelische Konstitution Quell seiner ungeheuren Sensibilität, die ihm zugleich im Persönlichen so viel zu schaffen machte.
Zum Abschluss möchte ich noch auf eine Übersetzung von Charles Baudelaires Brunnengedicht Le jet d’eau (Der Springbrunnen) verweisen. In ihr wird Phoebe, von der Baudelaire spricht, in Phoebus verwandelt.
Das macht deutlich, wie sehr unsere Erde eines Bewusstseins vom Wert des Weiblichen bedarf und wie wichtig Das Manuskript der Magdalena ist und man mag hoffen, dass es immer weniger Menschen gibt, denen es möglich ist, einfach anstelle des Weiblichen das Männliche zu setzen, zumal hier auch ein wertvolles Original kurzerhand im Grunde gefälscht wird.
Ich schließe mit Rilkes Römische Fontäne. Auch wenn ich mich einer kritischen Anmerkung nicht enthalten konnte, finde ich in seiner Symbolik dieses Gedicht eines der bemerkenswertesten Sonette deutscher Sprache:
Römische Fontäne
Borghese
Zwei Becken, eins das andere übersteigend
aus einem alten runden Marmorrand,
und aus dem oberen Wasser leis sich neigend
zum Wasser, welches unten wartend stand,
dem leise redenden entgegenschweigend
und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand,
ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend
wie einen unbekannten Gegenstand;
sich selber ruhig in der schönen Schale
verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,
nur manchmal träumerisch und tropfenweis
sich niederlassend an den Moosbehängen
zum letzten Spiegel, der sein Becken leis
von unten lächeln macht mit Übergängen.
Sonntag, 28. September 2025
„Der tiefe Brunnen weiß es wohl …“ – Maria Magdalenas Weiblichkeit
So beginnt mit ihrer ersten Strophe Hugo von Hofmannsthals Ballade Weltgeheimnis. Sie kam mir in den Sinn, als ich Maria Madalenas Bericht über ihr erstes Treffen mit Jesus in ihrem durch Tom Kenyon übermittelten „Manuskript der Maria Magdalena“ las. Dort heißt es:
Ich beginne mit meiner Geschichte am Brunnen, denn in mehrfacher Hinsicht begann dort wirklich mein Leben. All die Jahre zuvor waren Vorbereitung dafür gewesen.An jenem Morgen wusste ich, dass etwas in der Luft lag. Ich spürte eine Erregung, ein Zittern in Armen und Beinen, noch bevor ich ihm begegnete. Ich befand mich bereits am Brunnen, als er kam. Ich hatte meinen Krug schon hineingesenkt und er half mir, in herauszuheben. Manche der Apostel sahen mein goldenes Schlangen-Armband [alle Eingeweihten ihres Ordens trugen dieses Armband] und nahmen an, dass ich eine Hure sei. Sie waren entsetzt, dass der Meister so einer half. Doch das berührte mich nicht. Jeshuas Augen hatten mich in eine andere Welt versetzt. Als unsere Blicke sich begegneten, schien ich in die Ewigkeit zu schauen, und ich wusste, dass er der Eine war, für den ich vorbereitet worden war – und er wusste es auch. Ich hielt mich unter denen, die mit ihm gingen, eher im Hintergrund. Abends entfernten wir uns gemeinsam. Nicht jeden Abend, denn er wurde ständig gebraucht.Ausgebildet in den alchemistischen Praktiken des Horus und in der Sexualmagie der Isis galt ich bei meinen Lehrerinnen als hochentwickelt, doch als ich das erste Mal in Jeshuas Armen lag, war ich eine zitternde Frau und ich musste darum ringen, jenen zentralen Weg durch mein Verlangen hindurch zum höchsten Thron zu finden, denn das war meine Aufgabe.Mit den Techniken, in denen ich unterwiesen war, und mit den Methoden, die er in Ägypten gelernt hatte, vermochten Jeshua und ich seinen Ka, seinen Energiekörper, mit mehr Licht und Kraft aufzuladen, damit er leichter mit denen arbeiten konnte, die ihn aufsuchten. Und so war es auch.Ich finde es immer noch merkwürdig, dass in den Evangelien steht, dass ich am Brunnen war, als Jeshua kam. Doch in jenen vielen Nächten, wenn Jeshua und ich allein waren, kam er zu meinem Brunnen, um aus mir die Kräfte der Isis zu schöpfen, um sich aufzubauen und zu stärken.
Es ist leider so viel Wahres daran, wenn es in Strophe 2 und 3 der Ballade heißt:
(Die ganze Ballade: Link)
Tatsächlich haben die Männer das Bewusstsein um die Bedeutung des tiefen Brunnens verloren. Gewiss ist der Brunnen nicht nur ein Vagina-Symbol, aber er ist es auch. Und er ermöglicht gegebenenfalls im Liebesgeschehen die Empfindung eines süßen Geschmacks im Gaumenbereich, welche die Yogis ´Amrita´ nannten, die Eingeweihten des Isis-Kultes nannten ihn ´Quellwasser´, denn die Liebesempfindungen scheinen einer Quelle im Kopf zu entspringen. Es ist ein Quellwasser, das zu trinken durch den Brunnen ermöglicht wird.
Leider haben auch viele Frauen die Bedeutung und den Wert ihres Brunnens verloren.
Es hat mich sehr berührt, dass Magdalena noch einmal einen Brunnen und sein Wasser erwähnt und selbst von einem seltsamen Zufall spricht, der ihr ewig in Erinnerung bleiben wird, als nämlich Jesus nach seiner Auferstehung zum ersten Mal zu ihr kam - sie war mittlerweile, um den Schutz ihrer gemeinsamen Tochter Sar´h besorgt, nach Frankreich ausgewandert:
Es war zunehmender Mond und der Himmel war klar. Über der Heide hing leichter Nebel und das Licht des Mondes und der Sterne tauchte alles in Silber. Ich sah, wie eine Gestalt auf dem gewundenen Pfad, der zu meiner Hütte führte, auf mich zukam. Es ist ein seltsamer Zufall, dass ich gerade nach draußen gegangen war, um Wasser vom Brunnen zu holen, und da war er. Er sah so aus wie immer, doch ein nicht zu übersehendes Strahlen umgab ihn.
* "Geheim" bedeutet eigentlich: zum Heim gehörend! *
Die letzte Strophe von Weltgeheimnis lautet:Wie wahr Hofmannsthal seine Ballade Weltgeheimnis nannte.
Wir können dankbar sein, in einer Zeit zu leben, in der einstiges Wissen nicht mehr im Kreis als Traum herumzucken muss. Wir dürfen es in unser Heim holen.
Tom Kenyons und Judi Sions Das Manuskript der Magdalena kann wieder die Türe aufmachen, damit Paare aber genauso auch Alleinstehende den Weg der zwei Schlangen gehen, von denen ich schon in meinem letzten Beitrag geschrieben habe. Es ist ein Weg des Bewusstseins, eines Bewusstseins, das in unsere Wirklichkeit zurückholt, dass Sexualität keine Sünde ist und kein Verbrauchen von Energie, sondern sie ermöglicht mit Hilfe der Alchemie des Horus den Erwerb eines höheren Bewusstseins. Dieses Bewusstsein hat eine Rückkehr der Kosmischen Mutter zur Folge. Und mit dieser Rückkehr ist eine Würdigung des Weiblichen verbunden und damit eine Gleichheit von weiblichem und männlichem Prinzip.
Möglicherweise hat die Menschheit noch einen weiten Weg vor sich. Wie weit er jedoch ist, hängt auch davon ab, wie ernsthaft und wahrhaftig ihn jeder von uns geht.
Mittwoch, 4. Oktober 2023
Warum die Madonna die Seele so vieler Menschen berührte und berührt.
Gerade auf diesem Hintergrund war ein Aspekt im Werk Rudolf Steiners einer, der mich zutiefst berührt hat, als ich von ihm zum ersten Mal las, weil er mir einen ganz neuen Blick auf die Gestalt der Madonna eröffnet hat.
Es gehört ja zur spirituellen Aufgabe eines jeden Menschen, seine Seele zu reinigen von allen möglichen Süchten, Leidenschaften und Begierden. Das bedeutet nicht, dass alles Sinnliche, was uns in der Natur und im täglichen menschlichen Leben begegnet, minderwertig sei. Aber gerade im zwischenmenschlichen Bereich und auch in der Sexualität gibt es eine Sinnlichkeit, in der Liebe eine immer größere Bedeutung gewinnt und es zwar nach wie vor ein Begehren gibt, das aber nicht die Sinne überbordet. Im Rahmen solch einer Liebe mag sogar die körperliche Liebe eine seelisch-geistige Zuneigung zwischen zwei Menschen in Tiefen hinein verwirklichen, die erkennen lässt, warum die Körperlichkeit von uns Menschen eine himmlische Gabe ist, von Gott geschaffen.
Leider nehmen wir momentan auf unserer Erde bei vielen eine eher gegenteilige Entwicklung war: „Liebe“ darf gar nicht tierisch genug sein.
Luther hat bedauerlicherweise die letzte der neun Früchte des Geistes, wie sie Paulus im Galater-Brief benennt - dazu gehören Freude, Frieden, Geduld, Sanftmut -, übersetzt mit „Keuschheit“. Das hat im religiösen Bereich zu einem völlig falschen Zungenschlag hinsichtlich der Bedeutung von Sexualität geführt.
Im Griechischen findet sich das Wort „enkrateia“. Wie Luther dazu kam, dieses Wort mit „ Keuschheit“ zu übersetzen, mag er allein wissen. „enkrateia“ bedeutet, abgeleitet vom griechischen "krátos" = Macht, > in der Macht sein <; seiner selbst mächtig; frei von fremden Mächten, gerade auch seelisch niederen.
Über einen Menschen, der sich solchermaßen entwickelt hat, schreibt Steiner in seinem Vortrag „Isis und Madonna“ (GA 57):
Versuchen wir, die Seele, welche den höheren Menschen aus sich, aus dem geistigen Universum, herausgebiert, zu verbildlichen, so brauchen wir uns nur vorzustellen das Bild der Sixtinischen Madonna, das wunderbare Kind in den Armen der Madonna.Im Grunde ist es kaum möglich, im Bereich der Sinne ein Bild für das Innere eines Menschen, wie wir ihn eben in seiner Entwicklung angesprochen haben, zu gestalten. Wenn es jemandem gelungen ist - darauf verweist Steiner -, dann Raffael und ergänzend mag man hier ebenfalls Michelangelos Pietà nennen und gewiss zu Recht auch die ein oder andere künstlerische Madonnengestaltung.
Für mich war der Gedanke, in der Madonna dies zu sehen, ehrlich gesagt, umwerfend. Mit einem Mal wurde mir klar, warum über Jahrhunderte hinweg so viele Menschen sich der Madonna zuwandten, gerade auch einfache Seelen, die ihren Zugang zur Wahrheit intellektuell noch nicht so verstellt hatten: im Grunde wandten sie sich in der Madonna ihrem eigenen zukünftigen Inneren zu.
Dann kann in der Seele eine Frucht entstehen, welche die ägyptische Mythe von Isis und Osiris Horus nannte und die, von zu vielen Menschen noch nicht verstanden, Christus heißt.
Montag, 12. September 2016
Ausgetretene Pfade verlassen: Von der Religion des weißen Schneefeldes und dem Weg zur schönen Lilie.
Jenes Land zu betreten, das jenseits der Brücke beginnt und mit dem ich ein weißes, weites Schneefeld assoziiere, erinnert mich an jene Gefühle, die ich empfand, wenn ich damals - es sind nun gut dreißig Jahre her - von jenem Haus, das wir zu viert erworben hatten, auf Langlauf-Skiern Richtung Wald und dann durch den Wald glitt, wenn der Schnee über Nacht gefallen war und alles reines Weiß war, unberührt. Ob mitten durch den Wald oder auf Waldwegen oder über Felder zu gleiten: Immer war es ein Gefühl, als ob die Tatsache, dass man der Erste sei, der den Schnee berühren dürfe, ein ganz besonderes Privileg sei und eine besondere Wertschätzung dieser Situation gegenüber erfordere, aus der - man kann es nur so sagen - ein gewisses Gefühl der Heiligkeit resultiert.
In aller Regel gehen wir unser Leben lang recht ausgetretene Pfade, über die schon viele Menschen gegangen sind. Selten, dass Menschen auf der Erde etwas tun, was noch keiner vor ihnen tat, was noch keiner vor ihnen dachte, was noch keiner vor ihnen fühlte.
Aber es ist dies nicht nur ein Geschehen, was sich auf die Erde bezieht, sondern auch auf unsere Seele:
Ich glaube, ab einem bestimmten Punkt, ab einem bestimmten Geschehen verlassen wir als Menschen die ausgetretenen Pfade der Seele und eine Seele nimmt ihren eigenen Weg, geht über ihre Brücke, die nur für sie bestimmt ist. Das erinnert an Kafkas Türhüterlegende, im Rahmen deren ein Mann vom Lande sich zwangsläufig vor einer Tür niederlassen muss, hinter der das Gesetz beginnt, weil ihn ein Türhüter nicht einlässt. Es lohnt sich, sie zu lesen, denn sie ist in höchstem Maße spirituell. An deren Ende jedenfalls weiß der Mann vom Lande, dass er sterben wird; seltsamerweise beginnt er nun erst ein Licht aus jener Tür, die zum Gesetz führt, wahrzunehmen und nun erst fällt ihm auf, dass niemand je an ihm vorbei durch diese Tür wollte und genau danach fragt er den Türhüter. Und jener antwortet: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für Dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“
Ich bin mir recht sicher, dass nicht jeder Mensch zwangsläufig durch diese Tür geht oder über jenes weiße Schneefeld. Am Ende von Entwicklungszyklen der Menschheit gibt es immer eine vielleicht recht große Zahl von Menschen, die einen anderen Weg gehen, der sie nicht ihrem eigentlichen und wahren Ziel näherbringt, eher vielleicht sogar im Gegenteil. Man muss das nicht werten, es hat auch nichts mit einem gleichsam moralischen Verständnis von Himmel oder Hölle, gut oder böse zu tun. Es ist einfach Fakt, dass Menschen sich für eine Gesinnung, eine Einstellung für eine Lebensweise und Sicht auf das Leben entscheiden. Und die hat Konsequenzen. Ich glaube, dass die Menschheit seit geraumer Zeit und vielleicht auch noch einige Dekaden an einem neuerlichen Scheideweg steht. Die eine Richtung weist Richtung Materialismus, Richtung reinem Naturalismus der Naturwissenschaften, dass also alles stofflich ableitbar sei, auch wenn die Elementarteilchen immer kleiner werden. Der österreichische Philosoph Peter Strasser spricht in diesem Zusammenhang in seinem Buch Ontologie des Teufels von einer Entgeistung, ja Seelenlosigkeit des modernen Menschen. Ich stelle fest, dass eine damit verbunden Einstellung momentan fast en vogue zu sein scheint, dass sich Atheisten besonders stark und selbstsicher vorkommen - zumindest tun sie so.
Bisweilen scheint es mir im Internet, wenn manche Menschen kategorisch alles Religiöse ins Reich der Fabel verweisen und Zeitgenossen, die noch auf so etwas hereinfallen, ggf. als fehlgesteuert durch die Kirchen ansehen, als ob das für jene mit einem gewissen Spaßfaktor verbunden sei, dagegen zu sein, dass, wie Tertullian es formuliert, die Seele von Natur aus christiana sei.
Ich persönlich glaube, dass der Spaß spätestens nach dem sogenannten Tod aufhört, denn wer den Geist ablehnt, sitzt dort im absolut Dunklen. Und es gibt dort keinen Schlaf, der manches eine Zeitlang mal erleichtert.
Ich vermute, dass Menschen, die über mehrere Leben bei dieser Einstellung bleiben, über keine Brücke gehen. Man muss sie nicht bedauern. Es ist auch nicht gut oder schlecht. Es ist einfach ihre Entscheidung. Ob sie bei dieser frei waren, ist eine andere Frage, die man mit ihnen nicht diskutieren kann, weil es Geist in diesem Sinn für sie nicht gibt, also auch nicht einen, der sie an der Nase herumführt, ganz im Sinne Goethes, der im Faust I, in Auerbachs Keller den Teufel selbst, also Mephistopheles zu Faust sagen lässt:
Den Teufel spürt das Völkchen nie,
Und wenn er sie beim Kragen hätte.
Manche dünken sich so frei, aber weil sie den Geist, auch in seiner Ausprägung als Mephistopheles, sprich Satan, nicht als real anerkennen, checken sie ihn auch nicht. Es kann und darf ihn ja nicht geben!
Die Alternative ist, dass ein Mensch in seiner Entwicklung hin zu der Erkenntnis, dass Materie nur ein anderer Aggregatzustand des Geistes ist, dass also, wie es Buddha formulierte, alle Dinge im Geist entstehen oder wie es das Johannes-Evangelium formuliert, im Anfang der Logos war, das Wort also, dieses Wissen nicht nur begrifflich erfasst, sondern mit seinem ganzen Wesen. Dieser Unterschied zwischen rein begrifflichem Erfassen und einem Erfassen mit dem ganzen Wesen ist heute besonders wichtig, weil gerade ethische und religiöse Begriffe erschreckend hohl geworden sind.
Dann ist er auf der Brücke. Und dann beginnt für ihn die wirkliche Freiheit, die Freiheit des weißen Schneefeldes, über die vor ihm noch nie jemand gegangen ist, ein Schneefeld, das nur für ihn bestimmt ist. Das ist ganz unabhängig davon, dass er sein bürgerliches Leben ganz normal lebt, vielleicht im Verein regelmäßig Tischtennis spielt oder mit Freunden Skat, mit seiner Frau einen Tanzkurs macht, was auch immer; ja, ich möchte behaupten, das ist sogar Voraussetzung und schützt am wirkungsvollsten vor Scheinheiligkeit.
In Goethes Märchen von der schönen Lilie und der grünen Schlange gibt es zwei Möglichkeiten, ins Land der schönen Lilie zu gelangen, die nichts anderes ist als unsere unvergängliche Seele.
In der Mythologie und der Literatur ist sie immer wieder angesprochen, so am Ende des Faust II, wenn es heißt, dass das Ewig-Weibliche uns hinanziehe. In der ägyptischen Mythologie ist es die Göttin Isis mit dem Horusknaben, in der Kunst ist es die Madonna mit dem Kind. In der Bibel sind es die Jungfrauen, die auf den Herrn warten, den Geist, den Gott allen Ursprungs.
Wer frauenbewegt das Weibliche als sekundär eingestuft fühlt, weil es nicht unmittelbarer Teil der Gottheit, nicht Geist, sondern Seele nur sei, steckt leider noch in einer sehr materialistischen Auffassung von Männlichem und Weiblichem. Das ist so, wie wenn sich die Materie beleidigt zurückzöge, weil sie scheinbar nicht Geist ist, der als Vaterenergie strahlt, nicht verstehend, wie wichtig sie ist, denn ohne ihr Sein, ohne das Sein der Materie würden wir nie jenes Licht sehen, das nur sie reflektiert. Auch das schönste Licht würde im materielosen All sich einfach in der Unendlichkeit verpuffen.
Zurück aber noch einmal zu dem weißen Schneefeld und den Spuren, die nur wir eingravieren dürfen. In gewisser Weise ist es ein Traum, eine Vision von mir, denn Goethes Märchen macht deutlich, dass der Weg zur schönen Lilie nicht dem über ein weißes Schneefeld gleicht. Der Jüngling, der in Goethes Erzählung für alle Suchenden steht, stirbt zunächst - die Lilie muss ihn wiedererwecken - und das ganze Geschehen macht deutlich, dass sich sehr viel ereignen muss, bevor sich der Tempel aus dem Erdinneren nach oben bewegt. Der goldene, silberne und eherne König manifestieren Seelenzustände, die es sich zu erarbeiten gilt, die Irrlichter, die Schätze aus sich herausschütteln, die todbringend und segensreich zugleich sein können, wollen durchschaut sein, und jeder braucht die Hilfe des Alten, dessen Licht nur dort Wirkung zeigen kann, wo Licht bereits da ist. Ein Licht, das wir mitzubringen haben, eine Arbeit, die wir zu leisten haben und die nur zu einem Ergebnis kommen kann, wenn wir diese innere Arbeit im Rahmen unserer alltäglichen Arbeit leisten; nur dort zeigt sich, wie wertvoll innere Arbeit ist.
Der Weg zur schönen Lilie ist voller Mühen und Arbeit, kein Spuren im weißen Schnee. Und doch ist vielleicht beides gar nicht so weit voneinander entfernt.
Montag, 17. Mai 2010
"anima naturaliter religiosa". – Was das baden-württembergische Abitur 2010 an Bewusstsein voraussetzt.
Sonntag, 14. März 2010
Wer verträgt die ganze Wahrheit über sich? - Die Wahrheit ist: NIEMAND!
Es ist schon eine Weile her, dass ich für viele Jahre regelmäßig nach Paris zu meinem Freund Bernard fuhr, einem ehemals exzellenten Balletttänzer und Körpertherapeuten. Von ihm habe ich viel über den menschlichen Körper gelernt und mein Körper hat viel gelernt. Bernard sah die Menschen an und wusste über sie Bescheid. Er verstand die Sprache des Körpers zu hören, zu lesen und hat mit Hilfe eines von ihm wieder entwickelten Verfahrens, das ursprünglich aus dem alten Ägypten stammt, Stück für Stück den Menschen, die mit ihm arbeiteten, Puzzleteile ihrer körperlichen Freiheit zurückgegeben. – Und damit auch ihrer seelischen.
Eines Tages hat er mir erklärt, dass es gar nicht möglich sei, alle Verspannungen des Körpers auf einmal zu lösen; kein Mensch könne das aushalten, er würde von der frei gesetzten Energie überflutet werden.
Damals war mir das ein völlig neuer Gedanke und ich habe nicht so recht verstehen können, was er meinte, wenn er davon sprach, dass er in den Sitzungen gewaltigen Energien ausgesetzt sei, wenn sie sich freisetzten; oft werden Menschen bekanntlich versteckt oder offen aggressiv, wenn etwas in ihnen zu Tage tritt, was sie nicht sehen wollen oder nur widerwillig ansehen können.
Heute möchte ich sagen: Jeder Mensch würde, wenn seine Energie in Gänze freigesetzt würde, von dieser entfesselten Energie zerissen werden. Wir ahnen nicht, wie viel von ihr in Verspannungen des Körpers und Verwerfungn der Seele gebunden ist. In diesen Bindungen steckt zugleich eine tiefe Weisheit und ein notwendiger Schutz.
Wer seine Seele und seinen Körper der Freiheit und Weisheit öffnen darf und kann, ist zudem zutiefst gefährdet. Denn er muss die zunehmende Offenheit des Körpers und der Seele schützen. Wird er doch immer empfindsamer.
Der Wahnsinn Nietzsches und Hölderlins beispielsweise und der frühe Tod vieler sensibler Künstler hängen damit zusammen, dass es damals kaum jemand gab, der ihnen helfen konnte; auch heute noch muss man das Glück haben, auf einen guten Therapeuten und/oder einen Menschen zu treffen, der nicht wertet, sondern hört, sieht, versteht, weil er vieles selbst erlebt hat; nicht umsonst war der Schmetterling in Griechenland Symbol der Seele; kaum etwas ist so verletzbar und zugleich schützenswert.
Niemand wird einen Steinway-Flügel auf eine Verkehrsinsel stellen, den wunderbaren Körper eines Balletttänzers wird niemand in einen Boxring beordern. Beides, beide würden zugrunde gehen.
So ist es mit der zarten Seele, sie sich von ihren Hornhäuten und Krebszellen befreien darf.
Wer sich jedoch zu Wahrheit und Weisheit, unendlicher Intuition und Gefühl Zugang verschafft und nicht reif dafür ist, geht zugrunde.
Das ist der Grund, warum so vielen Drogenopfern nicht zu helfen ist. Wer seine Seele mittels Drogen öffnet, erlebt zwar bisweilen ungeahnte Trips, aber er ist auch ungeahnt offen für dunkle Energien, die ihn überfluten. Kaum ein Therapeut wird ihm helfen können.
Deshalb sind viele Abhängige so gravierend abhängig; es ist nicht nur die körperliche Abhängigkeit …
Märchen haben dieser Tatsache bildhaften Ausdruck verliehen.
Wer sich das Sesam öffne Dich ergaunert, muss schlimmstenfalls sterben. Mit Ali Babas Bruder geschieht das und auch das Grimm-Märchen Simeliberg erzählt davon. Die Tür zum Berg ist die Tür zum eigenen Inneren; man muss wissen, wie man hineinkommt, damit man auch wieder heil hinauskommt, wenn es angesagt ist. Wenn man aber den Zugang findet - und bisweilen geschieht das zunächst über Träume - findet man wie Heinrich in Novalis´ Heinrich von Ofterdingen die Blaue Blume, zusammen mit dem Gral eines der höchsten Menschheitssymbole.
Im Grunde geschieht im Nibelungen-Lied Vergleichbares. König Gunther aus Worms erobert mit Hilfe Siegfrieds eine Frau, Brünhilde aus Isenstein, der er nicht gewachsen ist.
Aus der Eddha wissen wir, dass es in Wahrheit Siegfrieds eigene Frau ist, eine Walküre, die er für Gunther erobert. Nur Siegfried selbst ist ihrer Energie wirklich gewachsen. Doch er erkennt sie aufgrund eines ihm durch seine zukünftige Schwiegermutter verabreichten Vergessenstranks nicht mehr.
Diesen Hintergrund verschweigt das deutsche Nibelungenlied. Das Blutbad auf der Etzelburg und der Tod Siegfrieds sowie der Burgunden, das ganze Gemetzel des Schlusses also ist eine Folge der Tatsache, dass Gunther sich auf hinterhältige Weise, mit Hilfe der Tarnkappe Siegfrieds und dessen Kraft, Zugang zu einer Energie in Gestalt Brünhildes verschafft, die für ihn um ein vielfaches zu groß ist.
Wie die Schalen einer Zwiebel müssen Ring für Ring die Türen geöffnet werden, die den Menschen seiner inneren Wahrheit und Größe näher bringen. Wer das nicht berücksichtigt, muss die Konsequenzen tragen. Friedrich Schiller hat in seiner Ballade Das verschleierte Bild zu Sais dieser Tatsache ein literarisches Denkmal gesetzt.
Wer noch glaubt, im Unbewussten seiner Seele würden nur ein paar harmlose Fischchen herumschwimmen, keine Haie, Rochen und anderes Ungetier, sollte Schillers Taucher aufmerksam lesen, denn was der Knappe sieht, sind im Grunde die Seelentiefen eines jeden Menschen. Es ist das Verdienst von Hieronymus Bosch, diese Welt ins Bild gesetzt zu haben.
Zwei Seelen wohnen - und Goethe weiß, warum er hier ein "ach" einfügt - in unserer Brust ...
