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Freitag, 28. April 2023

FÜR MICH SOLL´S ROTE ROSEN REGNEN ...

Es ist nun einige Wochen her, dass ich einen Traum hatte, den ich wieder- und weitergeben möchte, weil ich mir wünsche, dass möglichst viele Menschen dieses himmlische Geschenk der Maria Magdalena für sich annehmen können.

Mir träumte, ich war als heutiger Erwachsener und zugleich doch auch als Jugendlicher zu Hause in der elterlichen Wohnung. Meine Eltern waren zurück in den Geburtsort meiner Mutter ins Schwäbische gezogen. Wir hatten 16 Jahre in Frankfurt am Main gewohnt. Mein Vater hatte dort bei der ESSO-AG gearbeitet; als die dortige Geschäftsstelle aufgelöst wurde, hatte er, vor die Wahl gestellt, mit der Familie nach Hamburg umzuziehen, um dort bei der ESSO weiterzuarbeiten, die Möglichkeit der vorzeitigen Pensionierung gewählt. 
Ich wollte in Frankfurt bei meinen Freunden bleiben und mein Abitur - es wäre noch ein Jahr bis dahin gewesen - im Heinrich-von-Gagern-Gymnasium zu machen, in das ich gerne ging; in seinem Orchester spielte ich Waldhorn und war auch immer wieder mal mit der Handball-Schulmannschaft unterwegs. Und dann war da noch der CVJM, in dem ich mich pudelwohl fühlte und der Posaunenchor, in dem ich - je nach Bedarf - auf Flügel- Wald- oder Tenorhorn herumtrötete.

Meine Eltern ließen das nicht zu. 

Zurück im Schwäbischen bekam ich eine Nervenentzündung mit ständigen Kopfschmerzen, schluckte über Monate Optalidon, bekam schmerzhafte Spritzen in die Augenbrauen und mir wurden die Mandeln entfernt, weil sie im Verdacht standen, mit ursächlich für die Kopfschmerzen verantwortlich zu sein. Natürlich waren sie es nicht. Ich vermisste einfach mein Frankfurt, obwohl ich auch im neuen Zuhause schnell Anschluss fand.
Meine Eltern waren superchristlich und in der Brüdergemeinschaft der Altpietisten aktiv. Für den Jungen zu Hause war es christlich supereng und heute weiß ich, dass es ein Christentum gibt, in dessen Rahmen viel über die Liebe Gottes gesprochen wird, weil Menschen sich darüber hinwegtäuschen müssen, dass sie selbst keine Liebe haben, vor allem auch nicht zu sich.

In meinem Traum tauchte eine Frau auf, der ich mein Leid von damals erzählte, die Lieblosigkeit, unter der ich litt, und dass ich das Gefühl hätte, bis heute nicht zu wissen, was Liebe ist. Wir waren noch in der elterlichen Wohnung im Erdgeschoss, der Hohenstaufenstraße. Mit ihrer rechten Hand nahm sie meine, mit der anderen wies sie nach oben und durch die Decken und Mauern sah ich eine Gestalt in einer Wolkenöffnung und die Frau sagte zu mir: Schau, Maria Magdalena singt für dich. Und was sie sang, war: "Für mich soll’s rote Rosen regnen , Dir sollen tausend Wunder begegnen …"

Ich bin dann aufgewacht und war so tief berührt, dass ich dieses Gefühl bis heute noch fühle und gewiss nicht mehr vergesse.
Und ich erzähle davon, weil ich glaube, dass Maria Magdalena nicht nur für mich dieses Lied der Hildegard Knef sang und singt, sondern dies auch für Menschen tut, die dieser himmlischen Liebe und Zuwendung bedürfen - und ich glaube (und fürchte), es sind viele.

Natürlich war es kein Zufall, dass Maria Magdalena, die angeblich große Sündern aus der Bibel, der Jesus begegnete, sang. Zu ihr habe ich ein besonderes Verhältnis, weil ihre große Liebe zu Jesus und Jesu große Liebe zu ihr mein Herz tief berührt.
Ich weiß auch um ein kleines und doch für mich so wertvolles Lied, eine liebevolle, vom Himmel auf die Erde niederperlende Abfolge von Klängen, die Maria Magdalena den Menschen geschenkt hat. Doch davon vielleicht ein andermal mehr.
Jedenfalls ist der Himmel uns näher als wir ahnen ... und mit welcher Liebe ...

Samstag, 15. April 2023

"Es war ein König in Thule": Warum Gretchen diesen König für eine beispielhafte Liebe wählt und man in Deutschland sich dem zweiten Teil des Faust endlich zuwenden sollte ...

Für mich ist das Thule-Lied eines der schönsten Liebeslieder und in Goethes Tragödie singt es Gretchen, sich zum Schlafengehen ausziehend, und erfindet es damit zugleich.
Gerade hat sie einen Mann kennengelernt, Faust, der zwar gut und gern an die zwanzig Jahre älter als sie sein mag, aber offensichtlich sagt ihr Herz ja zu ihm.
Sonst könnte sie nicht diese Töne und Worte finden:
Es war ein König in Thule
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber,
Er leert ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
Sooft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben,
Zählt er seine Städt im Reich,
Gönnt alles seinem Erben,
Den Becher nicht zugleich.
Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Vätersaale,
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensglut
Und warf den heiligen Becher
Hinunter in die Flut.
Warum wählt sich Margarete in ihrem Lied einen König - und dann nicht gerade den jüngsten?
Er ist nicht verheiratet, sondern liebt eine Geliebte, die ihn offensichtlich auch liebt und für ihre Liebe ein Symbol findet, einen goldenen Becher.
Für ihren königlichen Geliebten bedeutet er alles; die Liebe zu seiner verstorbenen Liebe ist dem König wichtiger als alles Gut und Geld.
Gretchen wählt ihn, weil dieser Mann eine Reife besitzt, die der Liebe fähig ist.
Bevor er stirbt, übergibt er den Becher dem Meer, der Ewigkeit. Für ihn ist ihrer beider Liebe nicht zu Ende, sondern sie setzt sich fort in Ewigkeit.
Solch eine Liebe wünscht sich Gretchen.
Was sie nicht weiß, ist, dass in ihrer Liebe zu Faust Mephistopheles mitmischt, der Faust mittels eines Hexengebräus präpariert hat, damit er, wie es bei Goethe heißt, Helena in jedem Weibe sähe.
Doch mit Helena hat es eine besondere Bewandtnis, denn wie wir aus den griechischen Mysterien wissen, war Helena gar nicht in Troja, sondern Paris fiel auf ein Bild, ein Eidolon herein, wie es dort heißt.
Männer glauben meist, sie führen Helena nach Hause, in Wirklichkeit aber existiert diese nur in ihrer Phantasie, ein (Abzieht)Bild, wie es in Soldatenspinden, Männerphantasien und diversen Illustrierten zu finden ist, eine seelenlose Realität, die mit wahrer Schönheit nichts zu tun hat.
Was dann folgt, ist, was man oft als Ehe bezeichnet ...
Was es mit der wahren Helena auf sich hat, erzählt Goethes „Faust“ in dessen zweitem Teil und es wird Zeit, dass Menschen des deutschen Kulturbereichs sich ihm widmen, damit Männer nicht mehr ´lieben´ mit ´begehren´ verwechseln und auch Frauen sich um das Ewig-Weibliche kümmern. Schon ein Bemühen darum kann uns der wahren Liebe näher- und nahebringen. Das Lied deutet an, dass die Liebenden dort darum wussten und der erste Teil des „Faust“ deutet ebenfalls an, dass auch Gretchen diese Liebe anstrebte. Leben konnte sie diese Liebe nicht. Im Gegenteil endet dieser Teil der Tragödie mit vier tödlichen Opfern, ihrer Mutter, ihrem Bruder, ihrem Kind (das nie wirklich ein Kind von Faust war) und auch sie wird gerichtet.
Das muss nicht (mehr) sein.
Auch deshalb ist der zweite Teil des „Faust“ empfehlenswert.

Samstag, 8. April 2023

OSTERN KANN LEBEN RETTEN, KANN SEELEN VERJÜNGEN

Eines der anschaulichsten Dokumente und Belege hierfür verdanken wir Goethe und was er im Verlauf seines Lebens als persönliche Wahrheit niederschreiben konnte, denn in den ersten Fassungen des „Faust“ kommt jene Szene nicht vor, als Faust kurz davor ist, sich das Leben zu nehmen, er den braunen Saft schon in die Phiole eingefüllt hat und zu sich sagt:
Der letzte Trunk sei nun, mit ganzer Seele,
Als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!
(Er setzt die Schale an den Mund.)
in der Regieanweisung heißt es dann weiter:
Glockenklang und Chorgesang.
Und der Text fährt fort_
CHOR DER ENGEL:
Christ ist erstanden!
Freude dem Sterblichen,
Den die verderblichen,
Schleichenden, erblichen
Mängel unwanden. 

FAUST:
Welch tiefes Summen, welch heller Ton
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?
Verkündigt ihr dumpfen Glocken schon
Des Osterfestes erste Feierstunde?
Ihr Chöre, singt ihr schon den tröstlichen Gesang,
Der einst, um Grabes Nacht, von Engelslippen klang,
Gewißheit einem neuen Bunde?

Wenn eine große Seele wie Goethe nicht in der ersten Fassung, dem Urfaust, und auch nicht in der ersten Veröffentlichung („Faust. Ein Fragment“) diese Zeilen eingebracht hat, dann deutet das auf etwas Wichtiges hin: 
die oben zitierten Zeilen sind ihm als ein Seelenereignis zuteil geworden. Deshalb können sie Jahre später auf einmal auftauchen.

Faust ist dabei, Selbstmord zu machen, zu verzweifelt ist er, nachdem ihn der Erdgeist hat abfahren lassen, wo er sich doch wie ein Gott vorkam und nun sich wie ein Wurm vorkommt, der den Staub durchwühlt.

Der Chor der Engel und Fausts Fragen sind nicht nur etwas Hingeschriebenes, ein guter Einfall. Sie sind in der Goetheschen Realität, in seiner Seelenrealität ein Ereignis. - Ostern ist ihm Wirklichkeit. Seelische Wirklichkeit.
Mir stellt sich die Frage, wie tief meine Oster-Realität geht ....
Ostern gibt es nur wirklich in der Tiefe der Seele.

Viele dichterische Figuren tauchen ja auf dem astralen Plan gar nicht auf - oder nur sozusagen als Mumien. Das Personal eines Shakespeare, zum Teil auch das eines Goethe, das ist dort vorhanden. Es ist erlebte und zu erlebende Realität, die sich auch in die Seelen der Leser oder Zuschauer einschreiben kann.

Goethe hat mit seiner Seele begriffen: Es gibt diese Osterglocken, diese Ostertöne. Christ ist erstanden. Warum also sollte ich sterben?

Ostertöne und Osterglocken retten Leben.

Sie können das, weil sich die Seele eines Faust, eines Goethe erinnert, was ihm sich als Kind und Jugendlicher in sein Inneres eingeschrieben hat - wie schlimm, dass das heute kaum mehr geschieht. Es ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, Kindern und Jugendlichen von all dem wieder zu erzählen - wenn möglich, von Herzen.

 Jedenfalls sind die folgenden Goetheschen Zeilen kein Zufall, sie sin geboren aus tiefer Seele:

Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Himmelstöne, mich am Staube?
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
Zu jenen Sphären wag ich nicht zu streben,
Woher die holde Nachricht tönt;
Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,
Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.
Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuß
Auf mich herab in ernster Sabbatstille;
Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Fülle,
Und ein Gebet war brünstiger Genuß;
Ein unbegreiflich holdes Sehnen
Trieb mich, durch Wald und Wiesen hinzugehn,
Und unter tausend heißen Tränen
Fühlt ich mir eine Welt entstehn.
Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele,
Der Frühlingsfeier freies Glück;
Erinnrung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle,
Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder! 

Tränen sind im Werk Goethes oft ein Zeichen der Verjüngung.

Ostern kann eine Seele retten.
Ostern kann unsere Seele verjüngen.

Donnerstag, 6. April 2023

O Haupt voll Blut und Wunden - Möge ein Karfreitag kommen, an dem die Mehrheit der Menschen an diesem Tag wenigstens eine MInute dieses Geschehens gedenkt!

Danke, Christus, dass Du diesen Weg gegangen bist, bis zum bitteren Ende.
Danke, Jesus, dass Du diesen Weg gegangen bist, bis zum bitteren Ende.
Danke, Joseph, Maria, Maria Magdalena, Johannes und all die anderen, die durch ihr Mitleiden wenigstens ein wenig das Leid von Jesus Christus gelindert haben.
Möge ein Karfreitag kommen, an dem die Mehrheit der Menschen wenigstens eine Minute an diesem Tag jenes Geschehens gedenkt, dessentwegen der ganze Kosmos und alle Engel im Moment des Todes eines Gottes den Atem anhielten.

Donnerstag, 30. März 2023

⚜️ EIN JEDER SIEHT, WAS ER IM HERZEN TRÄGT ⚜️

Obige Aussage aus Goethes „Faust“ geht weit über Saint-Exupérys „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ hinaus. Diese Bemerkung des Fuchs' will - so verstehe ich sie - darauf aufmerksam machen, dass nur unter maßgeblicher Beteiligung des Herzens die Wahrheit zu erkennen möglich ist. Etwas gut zu sehen bedeutet doch, möglichst die Wahrheit zu sehen. Und nur selten sehen wir sie - wie beispielsweise in der wahrhaftigen Schönheit einer blühenden Blume - auf der physischen Ebene; zumeist doch auf einer seelisch-geistigen, nur dem inneren Auge sichtbaren.

Warum ich nicht mehr in die Kirche gehe, ist, weil ich viel zu selten mal einen Gottesdienst gehört habe, wo ich das Gefühl hatte, da glaubt und sieht und spricht jemand von Herzen. Spricht von seiner Herzenswahrheit.

Zu oft - und das gilt nun wirklich nicht nur für die Kirche (nur erwartet da mancher noch anderes … mehr Herz … seit wann aber auch hat unsere Weise, religiös zu sein, mit dem Herzen zu tun …) - sind Münder reine Buchstaben-Verstreu-Vorrichtungen.

Jemand sieht mit dem Herzen und spricht aus dem Herzen.
Haben wir Mitmenschen in unserer Umgebung, die das immer wieder vermögen - niemand wird diese Fähigkeit ständig besitzen -, dann dürfen wir höchst dankbar sein.

Die Aussage der Lustigen Person aus dem „Vorspiel auf dem Theater“, dass ein jeder sieht, was er im Herzen trägt, würde, wenn die Menschen verstünden, was damit gemeint und was damit im Grunde über sie ausgesagt ist, die Mehrheit unter ihnen - also unter uns - schlagartig verstummen lassen und Facebook, Twitter, Whats App, Telegram und vergleichbare Wort-Müllhalden zu recht verwaisten Orten machen.
Denn wenn man zum Maßstab nimmt, was die Menschen sehen und aussprechen, dann gleichen die Herzen zu vieler Menschen niveaulosen, herzlosen Mülldeponien, deren Sumpf seinen Sauerstoff aus der Tatsache erhält, andere niederzumachen, Recht zu behalten oder einfach auch eine Meinung abzugeben, wo nichts zu sagen, das Niveau der Menschheit heben würde.

Die Menschen können nur sehen, sagen, fühlen, was in ihrem Herzen ist.
Das ist der Grund, warum so viele Dinge und Personen unterschiedlich beurteilt werden. Oder gleich, aber gleich hässlich.

Was immer Menschen sehen und schreiben, weil sie es zu sehen glauben, macht in erster Linie eine Aussage über ihr Herz und was sich darin befindet.
All unsere Äußerungen machen also eine Aussage über den Gehalt unseres Herzens.
Das könnte manchen erröten lassen ...
Deshalb sind viele Auseinandersetzungen so schrecklich, weil Herzmüll auf Herzmüll trifft und sich noch zu überbieten sucht.

Wir können an Dingen und Personen nur sehen, was wir im Herzen haben.

In vielen Leben - zusätzlich zu dem, was unser aktuelles Leben ausmacht - haben wir auch vieles Dunkle in uns angereichert. Deshalb können wir es auch sehen. Und das ist nicht schlimm. Es ist der Weg von uns Menschen, unser Inneres zu veredeln, so kitschig das für manchen klingen mag. Es ist es aber ganz und gar nicht!

Eigentlich müssten wir doch auch viel Liebevolles, Schönes, Friedvolles in uns haben - oder nicht?

Wenn man sieht, was die Menschen im Herzen haben und äußern, weil sie darüber verfügen, dann sollten wir dem, was unser Herz zu einer Schatzkammer von Wertvollem machen kann, endlich mehr Raum geben. Wir täten auch unseren Kindern und Nachkommen einen großen Gefallen.

Es gibt ein Herz der Menschheit.
Und wir sind dafür verantwortlich, was wir und unsere Kinder damit sehen können. Helfen wir uns und vor allem auch ihnen doch, viel wahrhaft Schönes sehen zu dürfen.

Dies bewusster zu ermöglichen, ist ab sofort möglich.

Freitag, 24. März 2023

Warum Höflichkeit so wertvoll sein kann. - Bemerkenswerte Gedanken von Albert Schweitzer und Max Frisch

HÖFLICHKEIT ALS DIKTAT DES HERZENS

Ich hatte das Glück, in meiner Jugend einigen Menschen zu begegnen, die sich, bei aller Achtung der geltenden gesellschaftlichen Formen, ihre Unmittelbarkeit gewahrt haben. Als ich sah, was sie den Menschen damit gaben, bekam ich den Mut, selber zu versuchen, so natürlich und herzlich zu sein, wie ich es empfand. Die Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, haben es nicht zugelassen, dass ich mich jemals wieder ganz unter das Gesetz der Zurückhaltung begab. So gut ich kann, suche ich nun, die Herzenshöflichkeit mit der geltenden Höflichkeit zu vereinen. Ob ich es immer richtig mache, weiß ich nicht. Regeln darüber vermag ich ebenso wenig aufzustellen als dafür, wann man sich in der Musik den überlieferten Gesetzen der Harmonie beugen soll und wann man dem Geiste der Musik, der über allen Gesetzen steht, folgen darf. Soviel aber habe ich erfahren dürfen, dass das Hinwegsetzen über die geltenden Regeln, das wirklich durch das Herz diktiert wird und aus Überlegung kommt, von den andern selten für gedankenlose Aufdringlichkeit genommen wird.

(Albert Schweitzer, "Aus meiner Kindheit und Jugendzeit")



HÖFLICHKEIT ALS EINE GABE DER WEISEN

Das Höfliche, oft als leere Fratze verachtet, offenbart sich als eine Gabe der Weisen. Ohne das Höfliche nämlich, das nicht im Gegensatz zum Wahrhaftigen steht, sondern eine liebevolle Form für das Wahrhaftige ist, können wir nicht wahrhaftig sein und zugleich in menschlicher Gesellschaft leben, die hinwiederum allein auf der Wahrhaftigkeit bestehen kann - also auf der Höflichkeit.
Höflichkeit natürlich nicht als eine Summe von Regeln, die man drillt, sondern als eine innere Haltung, eine Bereitschaft, die sich von Fall zu Fall bewähren muß -
Man hat sie nicht ein für allemal.
Wesentlich, scheint mir, geht es darum, daß wir uns vorstellen können, wie sich ein Wort oder eine Handlung, die unseren eigenen Umständen entspringt, für den anderen ausnimmt. Man macht, obschon es vielleicht unserer eigenen Laune entspräche, keinen Witz über Leichen, wenn der andere gerade seine Mutter verloren hat, und das setzt voraus, das man an den anderen denkt. Man bringt Blumen: als äußeren und sichtbaren Beweis, daß man an die anderen gedacht hat, und auch alle weiteren Gebärden zeigen genau, worum es geht. Man hilft dem andern, wenn er den Mantel anzieht. Natürlich sind es meistens bloße Faxen; immerhin erinnern sie uns, worin das Höfliche bestünde, das wirkliche, wenn es einmal nicht als Geste vorkommt, sondern als Tat, als lebendiges Gelingen -
Zum Beispiel:
Man begnügt sich nicht damit, daß man dem andern einfach seine Meinung sagt; man bemüht sich zugleich um ein Maß, damit sie den andern nicht umwirft, sondern ihm hilft; wohl hält man ihm die Wahrheit hin, aber so, daß er hineinschlüpfen kann.  
Warum so viel Erkenntnis, die meistens in der Welt ist, meistens unfruchtbar bleibt: vielleicht weil sie sich selber genügt und selten auch noch die Kraft hat, sich auf den andern zu beziehen -
Die Kraft: die Liebe.
Der Weise, der wirklich Höfliche, ist stets ein Liebender. Er liebt den Menschen, den er erkennen will, damit er ihn rette, und nicht seine Erkenntnis als solche. Man spürt es schon am Ton. Er wendet sich nicht an die Sterne, wenn er spricht, sondern an die Menschen. Man denke an die chinesischen Meister.
(Max Frisch, Tagebuch 1946 - 1949)

Sonntag, 19. März 2023

"Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele" - eines der Turmgedichte Friedrich Hölderlins: "Der Frühling".

Die einen haben gemutmaßt, Hölderlin spiele nur den Geisteskranken (u.a. der französische Politiker und Germanist Pierre Bertaux), andere führten seine diagnostizierte Geisteskrankheit auf die Wirrnisse um seine große Liebe und schlussendlich den Tod seiner Diotima Susette Gontard zurück – Rudolf Steiner hatte auf seine Umnachtung eine ganz spezielle Sicht (https://bit.ly/3TvjHQz).

Hier aber zunächst das Gedicht:

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag´ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

Unterschrieben ist es
„mit Untertänigkeit
Scardanelli“.

Man kennt diese Unterschrift von einigen seiner im später so genannten Hölderlinturm (s. Bild/Wikip.) verfassten Gedichte, die man kaum diesem großen Dichter zuordnen würde, wenn man sich u.a. seiner großen Hymnen wie „Patmos“ (https://bit.ly/3YTMoaV) oder der „Friedensfreier“ (https://bit.ly/3yMbUEu) erinnert, die oft in freien Rhythmen und gewagtem Satzbau gestaltet sind und den Leser immer wieder dazu zwingen, zu verweilen und zu sinnen.

Hier in seinem Turm, der ihm von dem Tischlerobermeister Ernst Zimmer, einem Verehrer seiner Werke, zur Verfügung gestellt worden war und in dem er etwas mehr als 40 Jahre, mal Spinett spielend, mal Tabak rauchend, mal dichtend verbrachte, schreibt der Mann Verse, in denen schon ein Zeilensprung – in „Der Frühling“ finden sich immerhin zwei – halsbrecherisch anmutet und die unterschiedliche Hebigkeit der jambischen Verse – einer ist vier- und mehrere fünf- und sechshebig – gewagt erscheint.

Aber was für ein Frieden strömt aus diesen Zeilen, in deren Rahmen alles lebt, alles personifiziert ist: 
Die Sonne glänzt, die Gefilde blühen, die Tage gehen abwärts, das Jahr erscheint … Und ist von den Tagen im Plural die Rede, so blüht „Der Abend“. Von dem Wesen des Abends ist da die Rede mit einer großen Selbstverständlichkeit. Das Jahr scheint nur Feste mit sich zu bringen. Und die Zeichen in der Welt scheinen vor allem Wunder zu sein.

Natürlich mag mancher denken, dass da ein debiler Geist am Werk gewesen sei, der es nicht wirklich mehr blickte.

Mir kommt es so vor, als blicke da jemand, der einst die Tiefen der Wirklichkeit so unnachahmlich erfasste, mit kindlichem Blick auf das menschliche Leben, und dieser Blick tut – mir geht es jedenfalls so – so gut angesichts der Tatsache, dass den Menschen in diesen Zeiten alles zum Problem wird.

Vergessen wir diesen Blick nicht!
Ja, üben wir ihn immer wieder.
Fassen wir neue Ziele!

Denn auch so ist das Leben: einfach schön, sich selbst mit Festen feiernd, blühend, glänzend, wundersam …

Es ist wie im Märchen vom „Mädchen ohne Hände“ (https://bit.ly/3FWU0mH):
Es gibt dieses Haus, in dem wir frei sind, frei, zu fühlen und zu denken wie und was wir wollen.
Und diese Freiheit ist keine Flucht vor dem realen Leben.
Denn die andere Seite des Lebens ist so, wie Hölderlin sie anspricht.

Warum sollten wir sie nicht auch leben ….
Gerade in diesen Zeiten …