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Sonntag, 13. September 2020

Über die Bedeutung des Herbstes, auch in uns: "Sieh, des Herbstes Geisteshelle klärt und adelt die Gelände . . ."

Eine kleine Auswahl aus den vielen wunderbaren Herbstgedichten, die es in der deutschen Lyrik gibt:


Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

23 Jahre war Mörike alt, als er sein „Septembermorgen“ schrieb, das, wie manches seiner Perlen, ein Kosmos im Kleinen ist. Ungewöhnlich, dass ein junger Mann so virtuos malen kann. Denn das Gedicht ist weniger ein Gedicht als vielmehr ein Gemälde. Jede Zeile zaubert ein neues Bild vor unser Auge.
In den Tiefen seines Wesens heilen Mörikes Verse, indem sie uns an den Zyklus des Lebens anschließen, vertrauensvoll anschließen. Dieses Vertrauen kommt, weil dieses Gedicht nicht schreit, wie so vieles in unserer Welt, da, wo sie mehr und mehr verkommt. Nein, Mörikes Welt ist gedämpft. - Weil sie im Herbst so ist und darin besteht ihr Segen. 
Und damit kein Zweifel über des Goldes göttliche Herkunft besteht: 
Es ist warmes Gold.
Die Welt fließt in warmem Gold.

Wer wirklich zu leben vermag, muss fallen können; daran gemahnen Rilkes so feinfühlig geschriebene Verse:
 
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
 
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
 
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält. 


 
Fast wünschte man, dass Trakls Herbstgedicht „Der Herbst des Einsamen“ mit der ersten Strophe endet; doch es geht weiter und nimmt den so frühen Tod dieses Dichters, der im Grunde sein Leben lang drogenabhängig war und wie kaum ein anderer um seine Seele kämpfte, vorweg:

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.



Christian Morgenstern schrieb einige Herbstgedichte. Das folgende spricht vom Winterwerden, auf das uns der Herbst vorbereiten möchte, und der Geisteshelle, die an Stelle der Sommerhelle nun die Gelände kärt; im Herbst beginnt sich die Natur auf geistige Weise zu adeln:

Sieh, des Herbstes Geisteshelle
klärt und adelt die Gelände;
Erdenbreiten, Himmelswände
kost dieselbe lautre Welle.

O du glückversunken Säumen,
eh' die Sommerfarben sterben!
O du letztes Liebeswerben
aus den unbegriffnen Räumen!

Dass mir so die Seele leuchte,
wann ich einst des Winters werde!
Und in meines Auges Feuchte
spiegelt sich der Schmelz der Erde.

Samstag, 22. Februar 2020

Als man noch, ohne unter Rassismusverdacht zu geraten, "Zigeuner" sagen durfte - Georg Trakl schrieb sogar ein Zigeuner-Gedicht

„Ihr Linken habt immer Probleme mit dem Wort Zigeuner“, zitierte (..) das
sozialistische „Neue Deutschland“ den Violinisten Markus Reinhardt, der die
Wortakrobatik „Sinti und Roma“ zu „Quatsch“ erklärte. Auf der Webseite des Musikers
steht ein Liedtext: „Wir gehen unseren Weg und bleiben auf der Welt, weil wir immer
wieder anders erscheinen. Weil wir Zigeuner sind.“ (aus Die Welt, Link s. unten)

Heute allerdings ist es so, dass, wenn man Pech hat, noch eine Anzeige wegen Volksverhetzung hinzukommt.

Da tut richtig gut, was Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller zu dem Thema sagt:
"Ich bin mit dem Wort 'Roma' nach Rumänien gefahren, habe es in den Gesprächen anfangs benutzt und bin damit überall auf Unverständnis gestoßen. 'Das Wort ist scheinheilig', hat man mir gesagt, 'wir sind Zigeuner, und das Wort ist gut, wenn man uns gut behandelt.'"
Vielleicht kann eine solche Aussage uns darauf besinnen lassen, dass entscheidend ist, was Menschen über Menschen denken und dass es tatsächlich noch Menschen gibt, für die jeder Andere Würde hat, ob er nun HIV hat, aussätzig ist, von Corona befallen oder dem Schicksal, ein Jude oder Zigeuner zu sein. 

Wir sollten nur darauf achten, dass es in Deutschland tatsächlich wieder eine AfD gibt, die Gräben aushebt zwischen Deutschen und Untermenschen Nicht-Deutschen.

Für Georg Trakl ist ein Zigeuner wie Ahasver, der Ewige Jude.
Und auch hier gilt dasselbe. Erwin Leiser schrieb dazu:
Der ewige Jude gehört mit Jud Süß und Die Rothschilds zu den drei 1940 in Deutschland uraufgeführten Filmen, die Juden nicht mehr, wie bis dahin gemäß nationalsozialistischer Filmpolitik üblich, als komische Figuren, sondern als gefährliche „Untermenschen“ darstellen
Tatsächlich war die Gestalt des Ewigen Juden ursprünglich gar kein Jude und jene, die ihren Juden brauchen, weil sie einen haben müssen, den sie fertig machen können, haben aus ihm einen Juden gemacht. - Gut, dass manche nicht vergessen, dass die vielleicht wertvollste Gestalt unserer Erdengeschichte ein Jude war und ist.


Georg Trakl (1887-1914)

Zigeuner

        Die Sehnsucht glüht in ihrem nächtigen Blick
        Nach jener Heimat, die sie niemals finden.
        So treibt sie ein unseliges Geschick,
        Das nur Melancholie mag ganz ergründen. 

        Die Wolken wandeln ihren Wegen vor,
        Ein Vogelzug mag manchmal sie geleiten,
        Bis er am Abend ihre Spur verlor,
        Und manchmal trägt der Wind ein Aveläuten       

        In ihres Lagers Sterneneinsamkeit,
        Daß sehnsuchtsvoller ihre Lieder schwellen
        Und schluchzen von ererbtem Fluch und Leid,
        Das keiner Hoffnung Sterne sanft erhellen.
                                             (aus Gedichte 1909)


Wer die Gedichte Trakls kennt, weiß, dass er selbst dieser Zigeuner ist, der keine Heimat findet, keine Ruhe für seine Seele. Er hat ja durchaus immer wieder über Gott und Christus geschrieben, aber nie von Auferstehung, immer von des Letzteren Verwesung und Tod. Und Gott hat ihm nie geantwortet.

Gut, wer erkennt, dass dieser ererbte Fluch, von dem Trakl schreibt, weder ein ewiges Erbe ist noch ein Fluch. Alles hängt davon ab, ob man gewillt ist, den Sinn des Menschseins zu ergründen. Denn dessen Ziel ist nicht - mal einfach so kitschig-christlich-kirchlich dahingesagt - der Himmel oder alternativ, die Ewige Verdamnis, sondern ein Weg zu einer Freiheit, die viele meinen zu haben, dabei aber einem großen Irrtum erliegen. Frei ist der Mensch ansatzweise - für mich jedenfalls - frühestens vielleicht im Rahmen der fünften Erdinkarnation - in der Bibel heißen diese Inkarnationen der Erde Schöpfungstage -, eher im Rahmen des sechsten oder siebten. - Solange wir sterben wie im Rahmen des vierten Weltentages, in dem wir leben, sind wir nicht wirklich frei. (Ich bin da ganz auf der Seite Hildegard von Bingens, die das so sieht, dass wir mitten in der Schöpfung sind und auch nicht glaubt, was die heilige christliche Kirche so erzählt von wegen, die Schöpfung sei vorbei und das Ebenbild Gottes vollendet erschaffen).

Auch wenn jemand sagen mag, wir sterben ja nicht wirklich, wir nennen eben Tod, wenn wir von einem momentan beleuchteten in einen unbeleuchteten Raum eintreten, so ist doch der Einfluss von Kräften, die auf uns einwirken, noch so groß, dass wir - auch das ist natürlich meine persönliche Meinung - nicht wirklich selbstbestimmt sind. Selbstbestimmt sind wir, wenn wir die Glocken des Aveläutens, von dem Trakl am Ende der zweiten Strophe schreibt, sehen.

Melancholie vermag das Geschick des Menschen nicht ergründen, auch Sehnsucht nicht. Trakl hat immer wieder diese Sehnsucht abgebildet, in seinem Gedicht über den Knaben Elis zum Beispiel, der den Menschen vor der luziferischen Verführung darstellt (dazu in meinem nächsten Beitrag mehr). Aber es ist die Sehnsucht dennoch notwendig, denn nur sie treibt den ein oder anderen dazu, danach zu forschen, was es mit unserem Geschick auf sich hat. Dazu muss man die Angst vor Luzifer - Goethe nennt ihn Mephistopheles, er ist der ständige Begleiter des Faust und von uns - ablegen. Sonst ist man ständig sein Opfer.

Nur wer jenes Geschick erforscht, ist einem Hauch von Freiheit begegnet.

Wolken und Vogelzüge spielen bei Trakl immer wieder eine Rolle. Der Vogelzug verliert bei unserem Dichter die Spur der Zigeuner. Es ist das tragische Gefühl des Verloren-Seins dieses Menschen, dieser großen Seele, ein Gefühl, das ihn im Grunde sein Leben lang begleitet. Auch ein Nietzsche war zutiefst von diesem Gefühl ergriffen. Es ist ein Gefühl, das mit dem Schicksal der Menschen tief in seinem Inneren verbunden ist. Ich fürchte fast, man muss es in irgendeinem Leben mit aller Intensität erfahren haben, um als verlorener Sohn oder verlorene Tochter bedingungslos wieder ins Vaterhaus zurückkehren zu wollen.

PS: Zu dem Thema "Zigeuner) gibt es, finde ich, zwei bemerkenswerte Zeitungsartikel

Welt/Kultur: "Wir sind Zigeuner,  und das Wort ist gut"
stern.de: Darf man neute noch Zigeuner sagen?

Und auch die Wikipedia-Artikel zum Ewigen Juden sind aufschlussreich:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ewiger_Jude
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_ewige_Jude


Donnerstag, 6. Februar 2020

Der Sechser im geistigen Lotto ist es, der >Wanderer< zu sein. – Von einem, der auszieht, seinen inneren Raum zu erreichen., ja zu gestalten.

In Trakls „Ein Winterabend“ sind zu Beginn "viele" angesprochen, dann "manche"; zum Schluss nur der „Wanderer“. – Wanderer zu sein, ist eine Auszeichnung. Ihrer teilhaftig zu werden gibt es Voraussetzungen: eine ist, bereit zu sein, dunkle Pfade zu gehen, wie Georg Trakl vermittelt, die andere, einen inneren Raum zu finden und zu gestalten, wie Rudolf Steiner weiß.
Trakls Spiritualität mag der ein oder andere in dessen Werk fast übersehen. Wer aufmerksam seine Gedichte liest, findet doch immer wieder Gott benannt (der allerdings nie antwortet), Engel, Brot und Wein und beispielsweise auch den Vogelzug, der für Menschen noch vor zweitausend Jahren wertvolle Hinweise zu ihrem Leben gab und der uns Heutige aus gutem Grund innerlich berührt. Darüber mehr im Video und auch, dass Georg Trakl - leider, muss man im Hinblick auf sein Leben, seine Drogenkarriere und sein Ende sagen - der Prototyp des zerrissenen Menschen der Neuzeit ist. Es lässt sich aber nicht übersehen, dass er verzweifelt um sich kämpfte. – Auch deshalb gibt es dieses wunderbare Gedicht.

Montag, 27. Januar 2020

Wenn das Leben zum gordischen Knoten wird . . . manche zerschlagen ihn . . .

In einer Zeit, in der Zeitungen schon die Lesedauer von Artikeln angeben, stehen Autoren wie Georg Trakl auf verlorenem Posten. Seine zum Teil kaum enträtselbaren Bilder und sein reihender Stil, der oft Unzusammenhängendes aneinanderreiht, wollen, so mag es scheinen, kaum verstanden sein. Zumindest von jenen, die nicht mehr wissen, wie wertvoll die Fähigkeit ist, nicht immer sich selbst zu denken, sondern einen Anderen. Das genau schult eine der wertvollsten Fähigkeiten von uns Menschen, nämlich die Welt im Anderen zu verstehen. Sonst laufen wir Gefahr, immer nur unsere eigene kleine Welt zu sehen, zu verstehen (wir lernen dieses Verstehen übrigens auch über MitMenschDenken in der Literatur). - Dass das oft unter uns Menschen so ist, beweisen die vielen hartherzigen Urteile über unsere Zeitgenossen, der Hass, den alle Welt im Anderen sieht (wo auch sollte er sonst sein ...)
 
Es gibt Menschen, denen das Leben zum Rästel wurde, schlussendlich zum gordischen Knoten. Und manche zerschlugen und zerschlagen ihn einfach - irgendwann. Nicht immer muss der Anlass so schrecklich sein wie bei Georg Trakl.
Doch was schrecklich ist, ist subjektiv.

Manche Menschen sind scheinbar einfach gestrickt. Und vielleicht leben sie in der Tat auch ein Leben, das weniger komplex ist als das vorausgehende oder ein zukünftiges. Tief im Inneren ist jedoch auch der scheinbar einfach Gestrickte nicht einfach. Und gewiss hätten wir vor vielen Menschen mehr Achtung, wenn wir vor uns die Bildergalerie ihrer Leben sähen.

Wie mag diese Bildergalerie bei Trakl ausgesehen haben? Warum musste er, der so zu Drogen neigen sollte, ausgerechnet eine opiumabhängige Mutter haben, warum eine Lehre in einer Apotheke machen, warum Pharmazie studieren . . . um ständig an der Quelle zu sein und sich mit Veronal, Opium, Morphium und anderem vollzupumpen . . .  Warum musste er eine Schwester haben, mit der er sich sehr wahrscheinlich inzestuös einließ und sie zudem noch zum Drogenkonsum verführte . . . (sie machte drei Jahre nach ihm ebenfalls Selbstmord . . . Zufall . . . ?)

Wer sich über eine Seite der zwei offensichtlichen Seiten des Georg Trakl informieren möchte: hier.

Dienstag, 7. Januar 2020

Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse. / Es flüstert wo: Wer nimmt von euch die Schuld? - Georg Trakls "Blutschuld"

Es gibt Leben, die sind fast zu erschütternd, um genau hinzuschauen.
Das betrifft auch das Georg Trakls (1887-1914). Dabei steht uns nicht nur sein schrecklicher Tod vor Augen, als er sich mit einer Überdosis Kokain das Leben nahm, u.a. weil er die Folgen der Schlacht von Grodek nicht aushielt, als er als Sanitäter, alleingelassen in einer Scheune mit nahezu hundert Schwerverletzten, die um Hilfe und Sterbehilfe schrien und baten, zerbrechen musste (einer der Verwundeten, der die Schmerzen nicht mehr aushielt, schoss sich vor Trakls Augen eine Kugel in den Kopf; als er ins Freie lief, sah er in die Gesichter von Ukrainern, die hingerichtet in den Bäumen hingen), sondern auch seine schulischen Misserfolge, die ihn eine Lehre als Pharmazie-Praktikant aufnehmen ließen und - war er doch direkt an der Quelle - für den Rest seines Lebens an Drogen auslieferten; die Tatsache, dass er nicht nur ziemlich sicher ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Schwester hatte, sondern sie auch zum Drogenmissbrauch verführte - was er sich wohl danach nie verzieh -, seine ständigen vergeblichen Versuche, Arbeit zu finden, seine über lange Zeit sich hinziehenden Geldnöte und und und ...

Es gibt Gedichte von ihm, die zeigen, dass Literatur immer wieder auch mahnend uns die dunkle Seite des Lebens vor Augen führt und Menschen, die an ihm zerschellten und anmahnt, dass dankbar sein kann, wen das sogenannte Schicksal in die Lage versetzt, dem Leben helle Seiten abzugewinnen, die es ermöglichen vorwärtszugehen.


Blutschuld

Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse.
Es flüstert wo: Wer nimmt von euch die Schuld?
Noch bebend von verruchter Wollust Süße
Wir beten: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Aus Blumenschalen steigen gierige Düfte,
Umschmeicheln unsere Stirnen bleich von Schuld.
Ermattend unterm Hauch der schwülen Lüfte
Wir träumen: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Doch lauter rauscht der Brunnen der Sirenen
Und dunkler ragt die Sphinx vor unsrer Schuld,
Daß unsre Herzen sündiger wieder tönen,
Wir schluchzen: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!
                                                     (ca. 1909)



hier zu diesem Thema mehr. Am Ende der verlinkten Stelle habe ich geschrieben:

In den zahlreichen Werken, in die ich zu der Inzest-Thematik im Hinblick auf Trakl und seine Schwester Grete hineingeschaut habe - es gilt auch für Zeitungsartikel, Essays oder Aufsätze -, wird deutlich, dass es Germanisten, Journalisten und Buchrezensenten, die zu diesem Thema sich geäußert haben, verwehrt ist, daran zu denken, dass diese beiden Menschen natürlich karmisch miteinander zutiefst verflochten gewesen sind - vielleicht gar aufs Höchste -, so hoch, dass durchaus auch in Erwägung zu ziehen ist, dass beide Schwesterseelen sind (bisweilen auch Dual genannt). Wenn Letzteres zutreffen würde, dann wäre nachvollziehbar, warum  Georg Trakl das Verhältnis zu seiner Schwester vor fast unauflösbare Probleme gestellt haben könnte, vor allem, wenn er diese Möglichkeiten nicht einbezieht.

Es ist kein Zufall, dass in seinen Texten bzw. Gedichten er der Fremdling ist, sie die Fremdlingin, er der Jüngling, sie die Jünglingin, er der Mönch, sie nicht einmal die Nonne, nein, die Mönchin.

Im Nachlass Trakls findet sich ein Gedicht - das unter dem Beginn des ersten Verses als Titel firmiert. In diesem Gedicht lässt der Dichter die zwei Menschen aus seiner Erinnerung heraus - sie durften sterben, der Tod für sie gewiss eine Erlösung - als Schuldige durch den Garten wandeln, einst der Garten Eden, in dem sie, wenn es denn zutrifft, was ich annehme, guten Gewsssens und in Reinheit vereint waren, hier nun beider Antlitz im Wasser verschmolzen, "in wilder Umarmung" dem Zorn der Schöpfung verfallen.
Und dennoch weiß die letzte Zeile um einen Engel der Versöhnung, der Liebenden ihre Liebe, die sie doch nie wirklich leben durften, in Reinheit zurückgibt - so möchte ich einfach formulieren . . .


Die blaue Nacht ist sanft

Die blaue Nacht ist sanft auf unsren Stirnen aufgegangen.
Leise berühren sich unsre verwesten Hände
Süße Braut!

Bleich ward unser Antlitz, mondene Perlen
Verschmolzen in grünem Weihergrund.
Versteinerte schauen wir unsre Sterne.

O Schmerzliches! Schuldige wandeln im Garten
In wilder Umarmung die Schatten,
Daß in gewaltigem Zorn Baum und Tier über sie sank.

Sanfte Harmonien, da wir in kristallnen Wogen
Fahren durch die stille Nacht
Ein rosiger Engel aus den Gräbern der Liebenden tritt.



Donnerstag, 1. November 2018

Trakls "Herbst des Einsamen": Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle . . .


 .

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

Wer ein wenig informiert ist über das Leben des Dichters obiger Zeilen, Georg Trakl, der weiß, dass er - man kann es im Grunde so sagen - Zeit seines Lebens drogenabhängig war. Dennoch - oder vielleicht deshalb, weil er es auf einer freieren Ebene nicht schaffen konnte, nach der er sich tief in seinem Inneren wohl immer gesehnt hat - hat er Zeilen geschrieben, die hoch spirituell und bewundernswert klar waren, ich denke an jenes Gedicht, das ich als sein Abendmahls-Gedicht bezeichnen möchte, Abendmahl, nicht in kirchlichem, sondern in tief empfundenem urchristlichen Sinne, in dem Brot und Wein zusammengehören wie Himmel und Erde.

Die Topoi, also jene Bilder, die in uns etwas auszulösen vermögen, finden sich auch in dem Herbst dieses einsamen Menschen: Es sind u.a. der Flug der Vögel, der früheren Kulturen heilig und immer bedeutsam war, das reine Blau, das manchen die heilige Farbe Marias, anderen einfach die des Himmels und geistiger Weite und Unbeschränktheit ist, und jene Stille, in die hinein wir zwar oft dunkle Fragen stellen mögen, die aber so gern für uns mit Milde antwortet. Selbst wenn auf einer äußeren Ebene das Rohr rauscht oder uns ein köchernes Grauen vor der Vergänglichkeit, das mit dem Herbst in dunklen Stunden einhergeht, anfällt, so sind es Engel, die aus den blauen Augen - eine Farbe, die sich bei Trakl wie bei vielen Dichtern des Expressionismus immer wieder findet - von Liebenden hervortreten.

Mit diesem Gedicht sagt Trakl - vielleicht aus der tiefen Not seiner leidenden Seele heraus - Ja zur Vergänglichkeit, der er sich irgendwann auch bewusst hingegeben hat, weil er das Leid dieser Welt nicht mehr aushalten konnte; wenn man um die Umstände seines Todes weiß, kann man das nur zu gut verstehen. 

An der Saale im Kurpark Bad Kissingens

Samstag, 31. Oktober 2015

Das Zeitliche segnen - Herbstzeit ist Lernzeit!

Wir leben auch, um fallen zu lernen. Nur wohin? - Antwort kann einer geben, der zu den wenigen gehörte, die das Zeitliche zu segnen vermochten.

Als Rainer Maria Rilke nach mehrjähriger Krankheit endlich sterben durfte - er litt an einer seltenen Form von unheilbarer Leukämie - ließen seine Freunde auf seinen Grabstein, den er auf dem im Wallis hoch über dem Rhonetal gelegenen Kirchhof der alten Kirche zu Raron wissen wollte, die von ihm dafür selbst entworfenen Worte eingravieren:


Allerheiligen-Rose

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

Die Rose ist eines der großen Symbole des einstmals Christlichen Abendlandes, sinnbildlich für das, um was es Rilke ein Leben lang ging, und stehend zugleich für die unio mystica, das Eins in Gott. Wer um ihren Widerspruch, ihre Gestalt und ihr Wesen, ihren Duft und ihre Dornen weiß, schläft niemals.

Wir kennen in der deutschsprachigen Lyrik Herbstgedichte der unterschiedlichsten Art; viele vermögen ihre Spuren in uns zu hinterlassen, ich denke nur an jenes berühmte Traklsche Sonett über den Herbst, überschrieben Verfall:


Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Im Grunde nimmt dieses Sonett, das so wunderbar beginnt mit seinem Ende in den Terzetten den bevorstehenden Ersten Weltkrieg und den mit ihm zusammenhängenden Tod des Zeit seines Lebens drogenabhängigen und so hochsensiblen Georg Trakl vorweg, der nicht verarbeiten konnte, dass ihm, der während der Schlacht von Grodek als Sanitäter eingesetzt war und Schwerverletzte und Sterbende in einer Scheune betreuen sollte, kein Arzt zur Seite stand und er kein Verbandsmaterial zur Verfügung hatte.

Einen ganz anderen Weg durfte Rainer Maria Rilke gehen, der von sich schreiben durfte:


Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dingen ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Wenn ich seine Gedichte anschaue, möchte ich zu Letzterem,  zum großen Gesang neigen, denn sie sind geprägt von einer Musikalität und einer Fülle an Tönen, wie man sie selten findet.
Das gilt gerade auch für sein Gedicht Herbst:


Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält. 

Diese Zeilen bezeugen diese Musikalität, denn der Klang so vieler Wörter, deren Vokale aufeinander verweisen - man denke an assonante Worte wie welken, ferne,  schwere, Erde, Sterne oder fallen, allen, andre sowie Blätter, Gärten, Nächten, Händen erinnern an jene wundervollen orientalischen Teppiche, in denen wiederkehrende Farben und Muster uns Strukturen vermitteln und eine Ordnung, die wir in allem Sein brauchen

Unsere Seelen reagieren auf Töne und Musik und Strukturen, auch unbewusst. Damit hängt zusammen, dass solche Gedichte und der Klang der Worte in uns Spuren hinterlassen.

Hier aber geschieht dies noch aufgrund einer anderen Ebene:

Trakl lenkte in seinem Gedicht den Leser mit Hilfe der Augen seines lyrischen Ichs in die Höhe und Weite und auch seine Zeilen waren hohe Kunst, was sich allein in der Personifikation der Glocken zeigte, die läuten. Läuten ist ein intransitives Verb, es erfordert keinen Zusatz, doch hier läuten sie etwas, sie läuten Frieden. Auf dem Hintergrund des eindrucksvoll alliterativen Beginns - Am Abend - wirkt, dass Glocken Frieden läuten, ganz besonders.

Rilkes Weg ist auf andere und ihm ganz eigene Weise ebenso beeindruckend und höchste dichterische Kunstfertigkeit:

Er lässt uns sehen, dass die Blätter wie von weit fallen. Obwohl doch jedes Blatt eigentlich nur einige Meter zurücklegt, so ist es für Rilke doch, als fielen sie von weit, von weit her.
Es ist, als ob in den Himmeln Gärten welkten
Welkten ist ein versteckter Konjunktiv II, und der beinhaltet gern eine Nicht-Wirklichkeit, einen Irrealis. Für Rilke aber ist dieses Fallen wie von weit, dieses Welken von himmlischen Gärten keine Nicht-Wirklichkeit, sondern eine Vorstellung, mit der er uns einlädt, im irdischen Fallen der Blätter mehr zu sehen.
Wir kennen das, wenn wir davon sprechen, jemand habe ein Dach über dem Kopf. Als Stilmittel sprechen wir dann von einem pars pro toto, einem Teil fürs Ganze. Mit einem Dach, das man über dem Kopf hat, ist angesprochen, dass jemand zwischen festen Mauern sich befindet, in einer Wohnung, einem Haus - das Dach steht als Teil für Letzteres. 
Ganz selten, dass sich das Gegenteil von pars pro toto findet, hier ist es der Fall, hier findet sich ein totum pro parte, das Übergeordnete verweist auf eine untergeordnete Ebene, die Gärten auf welkende und fallende Blätter. In das Geschehen des Welkens sind nicht nur die Blätter, es sind viel mehr Ebenen einbezogen, als wir sehen können.

Sieh, sagt dieser Dichter und Seher, sieh, dass hinter dem Kleinen ein Großes verborgen ist, sieh in den Dingen auf der Erde, dass sie ein Größeres spiegeln.
Deine Hand fällt. Unsere Hände fallen.

Fanden wir oben ein totum pro parte, so finden wir hier ein pars pro toto: unsere Hände stehen für unser aller Sein.
Rilke zeigt uns in unnachahmlicher Künstlerschaft, dass hinter dem Fallen der Blätter sich viel mehr verbirgt: Auch die Erde fällt - und deine Hand, unsere Hände, unser Sein.

Herbstzeit ist Lehrzeit. Sie kann uns das Fallen lehren.
Wir leben auch, um Fallen zu lernen.

Ältere Menschen, wenn sie sich nicht gegen den Prozess des Lebens stemmen, wissen darum, spüren, dass sich mit zunehmendem Alter die Verbindung zum Physischen lockert. Bei manchen ist es so: Die Seele wird freier. Manchen Älteren spürt man die damit verbundene Form der Gelassenheit an.
Sie ist auch eine Vorbereitung auf das Fallen.
Irgenwann löst sich ein Blatt vom Baum.

Die Furcht vieler Menschen vor dem Tod kommt daher, weil ihnen die verneinende Gebärde eines Blattes fremd ist.
Wir bedürfen seiner Gelassenheit. Von jedem Blatt können wir sie lernen.

Irgendwann verlässt jede Seele endgültig ihren Körper.
Das aber ist kein trivialpsychologischer Vorgang, wie er sich in der Gesinnung derer findet, die davon recht leichtfertig schreiben und sprechen, wenn sie mit einem Rat zuschlagen, sagend: Lass dich einfach fallen! Lass einfach los!

Niemand kann wirklich auf eine friedliche Weise loslassen, wenn er nicht weiß, wohin er fällt.
Dieses Wissen hängt nicht mit den Worten, die jemand spricht, zusammen. 
Ich habe das Sterben eines Menschen begleitet, der ein so überzeugter Christ war und doch nicht sterben konnte.
Es geht nicht darum, dass wir "wissen", ob Gott uns in seinen Händen hält, sondern es geht um diese Gebärde, von der Rilke spricht.

Eine Gebärde kann eine äußere sein und eine innere.
Rilke meint eine innere.
Die verneinende Gebärde weiß darum, dass Leben ein Steigen und Fallen ist, ein Geben und Nehmen, ein Einatmen und Ausnahmen, ein Ja und ein Nein.
Doch niemand kann wirklich loslassen, wirklich fallen, wenn er nicht um jene Hände weiß.
Es ist gut, wenn wir uns diese innere Gebärde eigen ist.
Wenn wir sie uns zu eigen machen.
Und wenn wir wissen, dass jene Hände, die, pars pro toto, für den Einen stehen, unser Fallen umgeben und halten.

Dienstag, 30. Oktober 2012

Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen. – Gewiss weiß unsere Seele um die Bedeutung des Vogelflugs.


Dichter, Künstler überhaupt, stehen oft in unmittelbarer Berührung zum urzeitlichen Wissen der Menschheit. Georg Trakl war einer von ihnen, ganz gewiss. Man erkennt es daran, welche Bedeutung der Vogelflug und Vögel überhaupt in seinen Gedichten spielen. Die Zeile in der Überschrift stammt aus Der Herbst des Einsamen. In einem anderen Gedicht, Verfall überschrieben, lesen wir:

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten
folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen
entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

In Verklärter Herbst grüßt Ende der zweiten Strophe ein Vogelzug auf der Reise und der Gesang des Abgeschiedenen beginnt:

Voll Harmonien ist der Flug der Vögel.

Selten, dass so verdichtet bei einem Dichter so viele Hinweise sich finden im Hinblick auf die Bedeutung des Vogelflugs. Auch bei Homer finden wir die ein oder andere Stelle, das ein oder andere Geschehen, aufgrund dessen deutlich wird, dass der Vogelflug als meist mahnendes Zeichen gilt; aus dem Nibelungenlied kennen wir den Falkentraum, Schillers Kraniche des Ibykus sind ein gewaltiger Beleg für die Macht der Vögel und ihre Bedeutung als göttliche Boten; auch Brechts Gedicht Die Liebenden und der Verweis dort auf die Kraniche zählt für mich dazu; nicht zuletzt finden sich auch in der Bibel zahlreiche Verweise und Vergleiche und mit am berührendsten finde ich, dass Gott als Himmlischer Vater auch der Vögel bezeichnet wird. 

Man muss auch nur einmal beobachten, wie Menschen auf die scheuen Tiere reagieren. Wenn man einem nahe kommen darf oder wenn eines der scheuen Tiere näher kommt, hält man doch unwillkürlich fast den Atem an. Und wie schlimm ist es für einen Menschen, wenn er einen toten Vogel liegen sieht, erst recht auf dem eigenen Balkon oder vor der eigenen Haustür!
Seltsam auch, wie viele Vögel es gibt, die doch auch naturnotwendig sterben. Doch finden wir in der Regel keinen verstorbenen Vogel.
Wo sind sie?

Die Zeit des Vogelflugs ist nun für Monate vorbei, der Winter hat  überraschend früh bei uns Einzug gehalten. Am vergangenen Samstag habe ich die Moderatorin im Radio noch einmal berichten hören, dass sie Kraniche auf dem Flug beobachtete und am selben Tag hörte ich einen Schwarm, vielleicht waren es Stare, in einem Baum.
Nun haben die meisten hoffentlich gesund ihre wärmeren Gefilde bereits erreicht.

In der Tat, wie im letzten Post zum Vogelflug bereits angesprochen, habe ich bei Rudolf Steiner einen interessanten Hinweis zum Thema gefunden und weil er so lange ist, bringe ich das Zitat von Philon von Alexandria an anderer Stelle.
Wie schon einmal gesagt, bin ich kein Anthroposoph, ich stehe ihnen nicht einmal nahe, weil viele von ihnen mir viel zu heilig wirken wollen und ich auch nicht nachvollziehen kann, dass man, religiös gesinnt, hundertmal mehr auf  Rudolf Steiner verweist denn auf Gott.
Dessen ungeachtet  habe ich bei Steiner viele hochinteressante Hinweise gefunden, gerade im Bereich der Mythologie, die mich nun einmal fasziniert. Wenn auch das, was er sagt, mir zu sachlich nüchtern herüberkommt - ich mag es nunmal, wenn jemand auch mal Humor zeigt und sich erlaubt, ein bisschen flapsig zu sein -, so habe ich doch höchsten Respekt vor seinem Wissen, wie es sich zum Beispiel in seinem Buch Mythen und Sagen. Okkulte Zeichen und Symbole und dort in seinem Vormittagsvortrag vom 21. Oktober 1907 zeigt, wobei man wissen muss, dass seine Vorträge auf Mitschriften von Mitgliedern beruhen, die allerdings wohl sehr akribisch aufgezeichnet sind. Wissen muss man auch um seine Ansicht, dass der Mond und die Erde einst vereint waren. Dezidiert spricht er von der Mondentrennung. Wissen muss man auch um seine ausführlichen Hinweise zur Entstehung und Entwicklung des Menschen, so wie wir ihn und uns damit vorfinden. Das betrifft die Entwicklung der Körperlichkeit, die Entstehung der physischen Sprache und vieles mehr. In jenem Vortrag - in dem auf eben Angesprochenes immer wieder Bezug genommen wird -  heißt es, zu Beginn ungewöhnlich lyrisch für Steiner anmutend:

Auf wunderbaren Bahnen ziehen die Vögel mit der einbrechenden kalten Herbsteszeit vom äußersten Norden nach dem wärmeren Süden, manchmal Hunderte von Meilen, und gelangen im Frühling zurück auf anderen Wegen. Wir haben gesagt, daß die Vögel ein Geschlecht sind, das auf einer früheren Stufe der Entwickelung stehengeblieben ist. Sie wissen, daß der eigentliche Fortschritt auf der Erde erst begann in dem Zeitpunkt, als sich der Mond von der Erde abtrennte. Früher, als die Erde noch mit dem jetzigen Monde zusammen einen Himmelskörper bildete, den sogenannten Erden-Mond oder die Mond-Erde. da bewegte sich dieser Körper um die Sonne in einer bestimmten Bahn und in einer gewissen Zeit, indem er ihr stets eine Seite zuwendete. In dieser Zeit wanderten alle Lebewesen einmal um den Mond herum, um einmal die Sonneneinwirkung zu empfangen. Jener Zug um den Planeten hat sich heute noch erhalten im Vogelflug, weil die Vögel damals, bevor das Ich in die Erdenentwickelung eintrat, sich abgespalten haben von der fortschreitenden Entwickelung auf der Erde.Etwas anderes ist noch viel merkwürdiger. Mit der fortschreitenden physischen Entwickelung des Menschen und der höheren Tiere hat sich das Geschlechtliche des einzelnen Leibes bemächtigt. Jene Begierde, die im einzelnen Leibe sitzt, die heute ganz im Geschlechtlichen lebt, war vorher dort nicht vorhanden, sie war eine kosmische Kraft. Dem alten Erden-Monde strömte sie von der Sonne zu. Sie war die Ursache jener Umgänge um den Planeten, mit denen die Art zusammenhing, wie sich die Fortpflanzung vollzog. Der Frühlingszug der Vögel ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Art Brautzug. Bei diesen Wesen ist das Geschlechtliche noch in der Umwelt, und die kosmische Kraft ist die dirigierende Macht, die den Zug von außen lenkt und leitet, während bei den anderen Wesen diese Kraft eingezogen ist in die einzelnen Leiber. Dieselben Kräfte, die im Innern des Menschen, in seinem Leibe wirken, wirken auchim äußeren Makrokosmos. Dieselbe Kraft, die Mensch und Mensch zusammenführt, die im Leibe des Menschen als Geschlechtskraft wirkt, wirkt bei der Vogelspezies nicht im Innern der Wesen, sondern von außen und drückt sich in dem äußeren Zuge der Vögel um den Planeten aus. So wandern die Kräfte, die außen sind, in das innere der Wesenheiten hinein, um im Menschen die Möglichkeit zu finden, wiederum hinauszuwirken, wenn er die Fähigkeit erobert haben wird, wieder eins zu weden mit dem ganzen Kosmos, dem Außerirdischen.

Soweit Steiner.

Diese Vereinigung von Kosmischem und Irdischem finden wir bekanntlich allüberall. Verliebte greifen immer zu Sternen und finden ihre Liebe himmlisch; Max Frisch spricht auf wunderbare Weise davon. Wir finden diese Beziehung im Vater unser in der Formulierung Wie im Himmel so auf Erden und in Hermes Trismegistos´ Hinweis, dass das Oben gleich dem Unten sei. Auf diesem Hintergrund habe ich auch den Vogelflug in meinem letzten Post zu diesem Thema mit tanzenden Galaxien verglichen. Nicht umsonst huldigt auch Einstein einer kosmischen Religiosität.

Wenn wir dem Flug der Vögel unsere Aufmerksamkeit schenken, öffnen wir - unbewusst oder bewusst - unsere Seele für das Einwirken des Göttlichen; so ist gewiss mancher Atheist in diesem Sinne höchst religiös :-))

PS:
In dem hier verlinkten Beitrag habe ich weitere Rudolf-Steiner-Stellen zum Vogelflug/Vogelzug zusammengestellt.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Der Herbst des Einsamen - Georg Trakls Sicht dürfen wir transformieren.


      Georg Trakl (1887-1914)
 Der Herbst des Einsamen

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.
Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Geberde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.
Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.


Respekt gebührt diesem sensiblen Dichter, dessen Seele so tief verletzt war und dessen Weise, sterben zu müssen, wir alle bedauern - ich habe an anderer Stelle darüber geschrieben.
Dennoch wollen wir uns - wenn es nach mir geht - seinen Gedanken, vor allem den Schlussgedanken, nicht anschließen, gründen sie doch auf seinem Leben- und Sterbenmüssen, das stellvertretend für das noch anderer unglücklicher Menschen steht.

Auch in diesem Herbstgedicht, wie in vielen Traklgedichten, finden wir Töne, die unsere Seele tief berühren, weshalb es wert ist, dass sie Beachtung finden.
Da findet sich der Topos des Fluges der Vögel, von dem wir wissen, dass er tiefe Geheimnisse enthält, die uns Modernen verschlossen sind und die wir nur dunkel ahnen. Wir wissen um die Geheimnisse der Sagen, der alten Sagen, deren Wissen uns so tief bereichern kann und es momentan nur unbewusst tut.
Auch sprachlich berühren Trakls Worte, und dies geschieht ja fast immer auf einer unbewussten Ebene: Wir finden die Zwillingsformel Frucht und Fülle, die zugleich als Alliteration wirkt, wir finden Gekeltert und Erfüllt, inversiv, das heißt, abweichend vom normalen Satzbau, als parallel gestellte Partizip-II-Konstruktionen am Zeilenanfang, auf uns wirkt die milde Stille als assonanter Binnenreim, Alliterationen wie die Wolke, die über den Weiherspiegel wandert, die zugleich auch eine Personifikation beinhaltet, wie das ebenso  von des Abends blauem Flügel gesagt werden kann, der dadurch ein besonderes Leben erhält.
Da sind zugleich auch ganz besonders die Farbklänge, die um DIE Farbe des Expressionismus kreisen, um das Blau.
Trakl weiß um dessen Geheimnis: Das Blau, das wir auch als Farbe der GottesMutter Maria kennen, befreit sich in die Stille hinein, wenn alles lautere Farbenspiel der Hitze, des Sommers zurücktreten konnte. Wir kennen viele Blautöne, kennen das Himmelsblau, das Blau des Meeres, sprechen davon, dass der Morgen blaut; wir dürfen ganz besonders um das stille Blau wissen.
Bei Trakl tritt dieses stille Blau als reines Blau hervor und bei ihm ist es nicht der Morgen, sondern der blaue Flügel des Abends, der menschliche Gefilde berührt; es sind die blauen Augen der Liebenden, von denen er spricht.
Wir spüren aber in allem zarten Ton eine leise und doch dringliche Not: die Hülle ist verfallen, es gibt dunkle Fragen, die Herde verliert sich, Liebende leiden, Stroh ist dürr, Stuben sind kühl, es fällt ein knöchernes Grauen an, das den Blick öffnen will, hin zu Gevatter Tod; nicht von ungefähr ist von schwarzem Tau die Rede, der von kahlen Weiden tropft.

Bei dieser Sicht der Dinge darf der Mensch nicht stehen bleiben, sonst versäumt er es aufzumerken, dass der November ein Monat der Wandlung ist, der uns einstimmen will auf die Tage der Ankunft, des Advents, die gipfeln in dem intensivsten Licht, das der Menschheit geschenkt worden ist, dem Weihnachtslicht, der Sonne um Mitternacht, wie wir sie ganz besonders in der Stillen Nacht empfinden können.
Jedes Jahr aufs Neue. Jedes Jahr wird es aufs Neue geschenkt.

Es gilt, solche Trauer, wie wir sie bei Trakl finden, anzunehmen, die, wie gesagt,  eine Trauer vieler Menschen ist.

Doch einsam ist niemand; es gibt Antworten für eine Seele, die sie vernehmen kann, und sie kommen von den Sternen, die uns ewig begleiten, und den Engeln, die uns Antwort geben, gerade wenn die Tage dunkler werden. In deren zunehmender Dunkelheit liegt die Möglichkeit, jenes Licht wahrzunehmen, von dem wir wieder einen ganzen Sommer lang zehren.

Es sei denn, uns gelingt etwas Besonderes: Weihnachten als seelische Entwicklungsstufe das ganze Jahr in uns mitzunehmen.


Samstag, 18. Dezember 2010

"Da erglänzt in reiner Helle/Auf dem Tische Brot und Wein" - Von der Sehnsucht nach dem Abendmahl.


Die folgenden 12 Zeilen, die Trakl 1914 schrieb, habe ich vor Jahren schon auswendig gelernt. Es gibt nur wenige, die mich so berühren; es gibt nur wenige, die so visionär und doch zugleich in das Zentrum des menschlichen Seins führen wie die folgenden drei Strophen, überschrieben: 


                EIN WINTERABEND.

Wenn der Schnee ans Fenster fällt.
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohl bestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.  


Dieses Bild hat Saskia in der 10. Klasse anlässlich unserer Gedichtinterpretation gemalt und mir zur Verfügung gestellt. Danke! 

















Am 3. November 1914 erliegt Georg Trakl - für mich einer der bedeutendsten Dichter deutscher Sprache; er lebte von 1887-1914 - abends um  neun  Uhr einer Überdosis Kokain. Nie wird man aufklären können, ob es ein beabsichtigter Selbstmord war. Zu diesem Zeitpunkt hält er sich im Krakauer Garnisonsspital auf, in das er zur Beobachtung seines Geisteszustandes eingewiesen worden war. Hintergrund war, dass ihn Kameraden nur mit Mühe daran hindern konnten, Selbstmord zu begehen, als er ein Gewehr auf sich richtete. 
Nie hatte Georg Trakl die Folgen der Schlacht von Grodek überwunden, als er auf sich allein gestellt, 90 Schwerstverwundete zu betreuen hatte, die nach dieser Schlacht am 24. August 1914 in jene Scheune eingeliefert worden waren, in der er als ausgebildeter Apotheker Dienst tat. Kein Arzt war zugegen, es gab kaum Verbandsmaterial, Trakl war ausgesetzt den Schreien, den Todesschreien der Schwerstverletzten. 
Dabei wissen wir aus seiner Biografie: So wie diese Menschen schrie seine Seele über viele Jahre selbst.
Georg Trakl hat uns ein Werk voll innigster und unterschiedlichster Zeilen hinterlassen, das er in den 27 Jahren seines Lebens schuf. Im Grunde steht er in einer Reihe jener genialen und schwerst verletzten Dichter deutscher Sprache wie Jakob Michael Reinhold Lenz, Friedrich Hölderlin, Friedrich Nietzsche und anderen, die so oft bestrebt waren, Unsagbares in Worte zu fassen.
mehr zu diesem Gedicht: hier