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Dienstag, 17. September 2019

Axel-Burkart-TV: Missbrauch von Anthroposophie; Spaltung statt Verstehen; gelöschte Kommentare.

Wer sich v.a. für meinen auf dem Forum gelöschten Islam-Kommentar zu den Aussagen Axel Burkarts zum Islam, die zumindest mich fassungslos gemacht haben - Mohammed als Retter des Christentums - interessiert, hier der Link:  https://bit.ly/2mlDVAX

Vorab möchte ich bemerken, dass ich kein Anthroposoph bin, mich aber aus germanistischen Gründen - Rudolf Steiner war ein absoluter Goethe-Kenner und, wie ich finde, bemerkenswerter Faust-Interpret -, ihm zugewendet habe, auch aus meinem Interesse an der Mythologie heraus, im Hinblick auf die Steiner bisher nie Gesagtes und so nie Gesehenes beisteuerte, und aus meinem Interesse an religiösen Fragen. Ja, ich möchte fast sagen, ich habe einzelne seiner weit über 100 Vortragszyklen studiert. Denn kein Zweifel ist, dass die Lektüre seiner Vorträge höchst anspruchsvoll ist, u.a.
  • seine Vorträge zur biblischen Schöpfung im 1. Buch Mose, die - entgegen der kirchlichen Lehre - seiner Ansicht nach keineswegs vorbei ist, sondern wir uns inmitten des Werdens der Schöpfung befinden (am 4. Weltentag), 
  • seine Sicht auf das sogenannte Böse, das er unterteilt in Ahriman, den kirchlichen Satan, der die Menschen versucht, an das Materielle zu koppeln und im Materialismus seelisch zu ersticken, sowie in Luzifer, den gefallenen Engel, der Menschen lösen möchte von der Erde und sie schweben lassen möchte in unproduktiv Seelisch-Geistigem und festzurrt in emotionalen Fallstricken - Beispiele hierfür wären Anthroposophen, die nur noch heilig sein möchten, die esoterische Licht-und-Liebe-Fraktion, die, bevor sie noch das Böse wirklich kennt, es schon umwandelt in das, was sie für Liebe halten. 
  • Vergleichbares gilt in früheren Zeiten für die Essener, zu denen, Steiner zufolge, Jesus regen Kontakt gehabt hat, aber nie Mitglied ihrer Gemeinschaft war, und in heutigen Zeiten für all jene, welche die wertvolle Bedeutung der Materie und der Bedeutung der irdischen Verkörperungen der Menschen, ohne die das wahre Christentum (bitte nicht verwechseln mit der Kirche) nie hätte Realität werden können, geringschätzen - der Buddhismus neigt dazu - und damit eine Sicht verhindern, die dazu führt zu erkennen, dass die erste Person des Personalpronomens im Deutschen als einziger Sprache der Erde die Initialen I-CH enthält und auf Jesus-Christus verweist, der ohne seine physische Existenz nicht auf diese Weise unter uns hätte existieren können.

Seit einigen Jahren nun gibt es das Axel-Burkart-TV, einen geisteswissenschaftlich-anthroposophischen Kanal auf You-Tube mit mittlerweile mehr als 32 000 Followern und einer Fan-Gemeinde, die, liest man die Kommentare, Axel Burkart guruhaft verehrt (eine Verehrung, die sich im Rahmen der Kommentare unter den letzten Videos etwas abgeschwächt hat, da doch, so glaube ich wahrzunehmen, einigen dämmert, dass da jemand sich auf Kosten eines Mannes namens Rudolf Steiner inszeniert, um u.a. seine Sicht auf den Klimawandel zu verbreiten und sein politisches Süppchen zu kochen, zu offensichtlich ist, dass er bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Grünen in die Pfanne haut und die AfD als demokratisch gewählte Partei auffallend in Schutz nimmt, was man möglicherweise vor 5, 6, 7 Jahren durchaus noch hätte halbwegs nachvollziehen können, nicht mehr aber zu Zeiten eines Björn Höcke und Andreas Kalbitz und eines doch recht rechtsextremen Flügels dieser Partei, die nicht nur die Realität eines Klimawandels leugnet.

Vielfach stellt Axel Burkart Aspekte der Klimapolitik oder der Politik im Allgemeinen einseitig dar - wobei er in seinen Videos immer wieder mal betont: "Ich sage das ganz neutral" - und zerzaust das europaweite klima- und umweltpolitische Engagement der Jugendlichen, indem er sie als fehlgesteuert und manipuliert hinstellt, wobei er bezüglich Greta Thunberg, deren Engagement sicherlich unterschiedlich beurteilt werden kann, nicht mehr so abwertend und fast despektierlich formuliert, wie er das zu Anfang ihres Auftretens tat, weil er aufgrund nicht nur meiner Kommentare mitbekam, dass er doch übertreibt und unglaubwürdig werden könnte.
Zu der Art und Qualität seines Vorgehens gehört auch, sich z.B. mit ganz offensichtlich großer Freude einem österreichischen Professor anzuschließen, der behauptet, dass kein Abiturient mehr richtig Deutsch schreiben könne, und er verwendet Aussagen eines Journalisten als Grundlage zu einem Vortrag, der bekanntermaßen in Veröffentlichungen nicht nur einmal Zitate gefälscht hat. Auf meinen Einwand hin, dass sich auf einen solchen Mann zu stützen sehr fragwürdig sei, meinte er dann schon mal, dass das eine (seine Lügen und Fälschungen) nichts mit den Aussagen, die er, Burkart, verwendet, zu tun habe (für mich eine moralisch äußerst eigenwillige Rechtfertigung).
Anmerken möchte ich noch, dass ich aus eigener vieljähriger Erfahrung weiß, dass in jedem Abiturjahrgang immer ein Viertel bis ein Drittel aller Arbeiten im Einser- und Zweierbereich sind, wobei immer auch exzellente Arbeiten darunter sind, die mancher Deutschlehrer so nicht hätte schreiben können. Dieser Tatbestand gilt auch angesichts einer Bildungspolitik, die zu einem eindeutig nachlassenden gymnasialen Niveau geführt hat (G8 etc.). Wenn Burkart fast freudestrahlend eine solche falsche Meinung, wie die des Professors weiterverbreitet, ist das moralisch und charakterlich fragwürdig, zumal er aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis Jugendliche kennen könnte, die des Deutschen durchaus mächtig sind.

Im Gegensatz zu seinem großen Vorbild Rudolf Steiner, dessen Werk er sicherlich exzellent kennt, geht es Burkart allerdings nicht um Wahrheit, obwohl er diese mantrahaft ein ums andere Mal auf den Schild hebt (ebenso wie die Freiheit und ein richtiges Denken, dessen Bedeutung er immer und immer wieder betont), sondern ganz offensichtlich um Deutungshoheit bezüglich gesellschaftspolitischer Fragen und Machtverfügung über anthroposophisches Wissen, wobei es ihm die allermeisten Leute leicht machen, weil sie förmlich an seinen Lippen hängen. Dazu sind ihm viele Mittel recht, unter anderem kritische Kommentare auszusperren und vor allem zu polarisieren. Er schreckt nicht einmal davor zurück, als Aufmacher Kinder zu missbrauchen; eingangs gezeigtes Bild war tagelang als Videoaufmacher zu sehen. Ich schrieb ihm darauf folgenden und von ihm recht schnell gelöschten Kommentar:

Ich finde es sehr fragwürdig, solch ein Bild als Aufmacher für diesen Vortrag zu wählen. Was soll das - ein schießendes Kind? Was hat das mit Klimamördern zu tun? Und warum setzen Sie, Herr Burkart, mit diesem Bild solch eine Energie frei? Um was geht es Ihnen? Um Klicks? - Um die Sache kann es Ihnen nicht gehen. Sonst würden Sie Kinder nicht so missbrauchen! Sonst würden Sie nicht solche Wortenergien (Klimamörder) freisetzen. Das ist Spiegel-Niveau. Kein Wunder, dass Sie sich ständig auf ihn berufen. Er spiegelt SIE!




Irgendwann fand sich auf einmal ein anderes Bild, aber wie wenig sensibel der Mann dafür ist, dass im Rahmen eines Forums, das sich um Geisteswissenschaftliches bemüht, meines Erachtens jedenfalls nicht schreiende bildzeitungshafte Aufmacher wie Klimamörder-Überschriften und schießende Revolver benutzt werden sollten, zeigt das Nachfolge-Bild:

 

Bevor ich weitere gelöschte Kommentare im Zusammenhang mit diesem Video einfüge, möchte ich noch anmerken, dass ich mir durchaus vorstellen kann, dass Burkarts anthroposophische Vorträge, wenn sie auch meines Erachtens energetisch niedrigwertig sind, für nicht wenige Menschen Anregung sein können, sich mit dem Werk und den Sichtweisen Steiners zu beschäftigen, was ich persönlich wichtig finde, vermitteln dessen Vorträge doch unter anderem eine viel intensivere Sicht auf das Geschehen um Golgatha, als das in der Kirche vermittelt wird, und auch eine viel substantiellere Sicht auf die Evangelien und deren Verständnis sowie auf die Bedeutung des sogenannten Bösen, des Leides der Menschen und weiteren wichtigen Sinn-Aspekten. Man mag die Ausführungen Steiners teilen oder nicht: anregend sind sie allemal und wie tief man sich auf seine Sicht einlässt, bleibt jedem überlassen.
Ob man im Sinne Steiners auch Kommentare wie die folgenden löschen muss, mag jeder für sich entscheiden, ich persönlich finde es mehr als befremdlich, wie ich überhaupt die gesellschaftspolitischen Einlassungen Burkarts fragwürdig finde, in deren Rahmen sich im Übrigen auf erschreckende Weise zeigt, wie wenig er selbst das Steinersche Denken praktiziert, weil er polarisiert und nicht zum gegenseitigen Verständnis beiträgt; er hat z.B. null Verständnis dafür, warum große Teile unserer Gesellschaft sich so sehr auf die CO2-Reduzierung kaprizieren, ist diese Reduzierung doch das Einzige, auf was wir Menschen im Zusammenhang mit dem Klimawandel Einfluss nehmen können, falls wir nicht darüber nachdenken wollen - und wer kann und will das ernsthaft schon -, dass nach Steiner die Gedanken der Menschen den Wärmemantel der Erde zerstören. Dass Menschen sich an den CO2-Strohhalm klammern, solange ihnen keine umfassendere Sicht auf die Wirklichkeit möglich ist, das spricht Burkart nicht an, weil er es im Rahmen seiner polarisierenden Geisteshaltung nicht sehen kann. Anstatt verstehend auf Menschen zuzugehen, mokiert er sich ein ums andere Mal über sie, in jedem Video, in dem es um das Klimathema geht, aufs Neue; immer wieder stichelt er gegen andere Sichtweisen; ganz offensichtlich geht es ihm darum, Recht zu haben, nicht darum, gemeinsam einen Lösungsansatz zu suchen. - Von Steinerschem Denken hat er meines Erachtens wenig, vielleicht keine Ahnung, denn jener wünscht sich, dass man sich darum bemüht, vom anderen her zu denken. Burkart kann das nicht, das ist eindeutig. Das zeigt auch sein Umgang mit dem Engagement der Jugendlichen, hinter dem sich viel mehr verbirgt als nur Fragen der Umwelt und des Klimas; auch das kann Burkart nicht sehen.  

Ich möchte jene, die sich auf seinem Forum bewegen, dazu anregen, möglichst nicht Burkart und Steiner in einen Topf zu werfen und die Burkartschen Ansichten und Vorgehensweisen auf Steiner abfärben zu lassen. Ersterer weiß schalmeienklingend und rhetorisch absolut gekonnt zu sprechen und gibt auch Fakten aus dem Steiner-Werk, soweit ich das beurteilen kann, korrekt wieder - bis auf die aus meiner Sicht katastrophalen Einlassungen zum Islam -, aber es ist an seiner Rhetorik und Selbstdarstellung spürbar, dass er sich nicht hinter das Wort zurückziehen, sein Ego zurücknehmen kann zugunsten anthroposophischer Inhalte, sondern meines Erachtens sich viel zu sehr selbst inszeniert, weshalb er auch ein so großes Bedürfnis hat, über Politisches zu sprechen, aus diesem Ego heraus zu polarisieren und missliebige Ansichten zu löschen - auch einer lieben Bekannten von mir wurden übrigens mittlerweile mindestens ein halbes Dutzend Kommentare gelöscht.

Ein Vincent - wie gesagt, mittlerweile ist sein Thread inclusive aller Folge-Kommentare gecancelt - schrieb:

Axel! Ich fühle mich seit langem nicht mehr wohl oder verstanden auf deinem Kanal.  Ich bin dir sehr dankbar, denn du hast mich zur Reinkarnation geführt und Geisteswissenschaft. Mit dem Christlichen kann ich nicht mehr umgehen, und ich verstehe auch nicht, was Geisteswissenschaft mit Klima, Greta oder sonstwas zu tun haben. Man sollte Politik raushalten, sonst ist es eine RELIGION wie jede andere. Ein paar Tage lasse ich den Kanal noch aboniert! Tschüss

Es waren wohl auch noch die Inhalte weiterer Kommentare, die zur Löschung des gesamten Threads von Vincent geführt haben.




Zum Schluss noch ein Kommentar von mir und vorab noch eine Anmerkung: Ich persönlich finde es im Grunde heimtückisch, dass die Kommentare, auch wenn sie gelöscht sind, dem Verfasser weiterhin auf SEINEM Computer angezeigt werden und ihn der illusion anheimfallen lassen, er werde gelesen. Niemand kann und will A.B. hindern, auf seinem Forum das zu tun, was er für sinnvoll hält, aber ich finde es eine Frage des Charakters und der Moral, Menschen, die sich engagieren, zu informieren, dass ihre Ansicht auf dem Forum nicht erwünscht ist.





Montag, 9. September 2019

"Sie neigt sich müd in duftendem Verlangen, / Die reife Frau. Und ist ein Herz doch bloß." - Gertrud Kolmars "Die Rose in der Nacht".


Sie glüht. Und ihre Haare kriechen groß
Auf blutrot dumpfen Sammet, schwarze Schlangen.
Sie neigt sich müd in duftendem Verlangen,
Die reife Frau. Und ist ein Herz doch bloß,

Ein heißes, sanftes Herz. Und birst, ein Schoß,
Der Liebe auf, den Himmel zu empfangen.
Und wird ein Antlitz mit gemalten Wangen.
Wenn Abend meerwärts fährt auf braunem Floß,

Ein Totenkauz im Düster greinend lacht,
Dann schlägt es tiefe Augen auf und wacht
Und fängt den Männertraum auf seinem Fluge.

Und sinkt schon morgen welk, am Strauch, im Kruge,
Und stand als eine Rose in der Nacht.
Die dunkelrote Rose in der Nacht.



mehr zu Gertrud Kolmar: hier

Samstag, 7. September 2019

Aber ach! du lebst im Licht, / Meiner Liebe lebst du nicht – Friedrich Schillers "An Emma"

Der Name Emma ist übrigens wieder modern. Seit 10 Jahren gehört er regelmäßig zu den 10 häufigsten Mädchennamen in Deutschland und führt momentan die Liste der beliebtesten Vornamen an. 

Friedrich Schiller: An Emma
Weit in nebelgrauer Ferne / Liegt mir das vergangne Glück,
Nur an einem schönen Sterne / Weilt mit Liebe noch der Blick.
Aber wie des Sternes Pracht / Ist es nur ein Schein der Nacht.
Deckte dir der lange Schlummer, / Dir der Tod die Augen zu,
Dich besäße doch mein Kummer, / Meinem Herzen lebtest du.
Aber ach! du lebst im Licht, / Meiner Liebe lebst du nicht.
Kann der Liebe süß Verlangen, / Emma, kanns vergänglich sein?
Was dahin ist und vergangen, / Emma, kanns die Liebe sein?
Ihrer Flamme Himmelsglut, / Stirbt sie wie ein irdisch Gut?

Der Name Emma, so lesen wir auf einer Seite der Gesellschaft für Deutsche Sprache, stellt eine Kurzform von Namen dar, die vom germanischen Wort ermana, irmina abgeleitet wurden, das so viel wie ›Erde, Welt; weltweit umfassend, allumfassend‹ bedeutet, etwa Ermelina, Ermengilda, Ermengard.  

Man mag zu Alice Schwarzer stehen wie man will - mir persönlich ist sie nicht sonderlich sympathisch -, aber mit dem Namen ihrer Zeitschrift hatte sie schon einen gewissen Riecher. Und auch wenn man wie ich kein Freund eines Feminismus ist, der von einer sinnvollen Bewegung, die Frauenrechte bewusst vertrat, sich längst verabschiedet hat hin zu einer unbalancierten Selbstverwirklichungsmanie einzelner Frauen, so sind doch die Verdienste von Alice Schwarzer auch für mich unbestritten, ganz davon abgesehen, dass von einer wirklichen gesellschaftlichen Balance der Geschlechter in Deutschland noch immer nicht gesprochen werden kann - von anderen Gegenden unseres Planeten und ewig gestrigen religiösen Bekenntnissen, die Gott Vater (oder wie er auch immer heißt) zum Männlichkeitspopanz stilisieren müssen, einmal ganz abgesehen (so leicht lässt sich innere Zwanghaftigkeit und reduziertes Bewusstsein eben nicht überwinden: Ach Emma!)

Dienstag, 27. August 2019

"Einmal wandelt Läuten durch mich hin" - Gertrud Kolmar, unterwegs in ihre Heimat und zu ihrer Schwesterseele!

Liest jemand an heißen Spätsommertagen Gedichte?

Eher nicht.

Aber es drängt mich, dieses Gedicht von Gertrud Kolmar dennoch zu veröffentlichen und jemandem, der doch liest, mitzuteilen. Es ist eines meiner Lieblingsgedichte von ihr; sie schrieb es in jenem poetisch für sie so fruchtbaren Jahr 1917, dreiundzwanzigjährig, und es deutet sich ihre Tiefe, die sie später u.a. in ihren Wappengedichten und dem Zyklus Welten uns zeigt, mehr als nur an. Sie weiß um eine Zeit, in der wir einmal wieder reine Seele sein werden mit all den Erfahrungen, die uns jetzt ereilen und die wir den himmlischen Mitbewohnern, die uns auf unserer Reise über die Erde so aufmerksam verfolgen, spürend, wie schwer erkauft unsere Erfahrungen oft sind, aber zugleich uns bewundernd und teilnehmen wollend, weil sie ihnen nicht vergönnt waren, seien sie Cherubim, Seraphim, Throne, Erzengel, Engel. dann mitbringen werden.

Gertrud Kolmar weiß um das Es war einmal der Märchen, das auf jene Zeit anspielt, als wir aufbrachen, und sie wiederholt diese magische Formel in ihrem ersten Wort und verwandelt in und mit ihm die Vergangenheit zugleich in eine uns erwartende Zukunft.

Sie weiß darum, dass wir eine sozusagen vertikale Schwesterseele haben - die Germanen und die nordischen Mythen nannten sie Walküren - die in ewigen Regionen sich aufhält, um unseren Weg abzusichern, weswegen sie als unverlierbarer Teil von uns, als wir abstiegen, zurückblieb.

Sie weiß auch um etwas, was wir Schwesterseele auf einer horizontalen Ebene nennen könnten, jener Teil, von dem wir uns trennten - die Bibel bezieht sich mit jener Stelle darauf, als Gott aus der Rippe Adams (was bekanntlich Mensch, nicht Mann bedeutet) die Frau erschuf -, um wirklich zu erfahren, was Liebe sei, Liebe, die wir sehnsüchtig in dem verlorenen Teil suchen und so oft nicht finden und deshalb erst wirklich wertschätzen lernen. 
In unseren Erdenwanderungszeiten begegnen wir in unseren vielen Leben ingesamt zwölfmal unserer Schwesternseele, so habe ich gelesen und halte es für durchaus der Wahrheit entsprechend, und wir können so oft nachlesen, dass solche Begegnungen leider auch sehr unglücklich ausgehen können - Shakespeare hat es in Romeo und Julia abgebildet, die Volkslieder in jenem Lied von den Königskindern, Schiller in Reminiszenz, Ödon von Horvath in seinem Schaupiel Das jüngste Gericht, Marc Levy in Sieben Tage für die Ewigkeit, das Nibelungenlied in der unerfüllten Liebe Brünhildes zu ihrem wahren Mann Siegfried - die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen; selbst Nietzsche spricht in Also sprach Zarathustra von ihr: Hast du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht? Zusammen lernten wir alles; zusammen lernten wir über uns zu uns selber aufsteigen und wolkenlos lächeln . . .

Woher weiß die junge Gertrud Kolmar darum? Ich vermute, dass das in ihrer Familie gelebte Judentum dieses Wissen nicht unbedingt zuließ, vielleicht aber die Kabbala, zu der sie womöglich Zugang besaß - darüber habe ich aber keine Informationen.
Hier nun dieses wunderschöne Gedicht: 

Einmal
 
Einmal wandelt Läuten durch mich hin,
Seelensingen - eine Glocke tönt,
Glocke, der ich reines Echo bin,
Nicht mehr Fleisch, das sündig jauchzt und stöhnt.

Bin ein Sprößling dann des grünen Baums,
Sinnbild ew'gen Werdens, ew'ger Rast,
Und mein Leib, der Rest des Menschentraums,
Steht und wartet, daß er Wurzel faßt.

Einmal bist du Trug, mein Leib, mein Stamm,
Der du heute noch mir Wahrheit heißt,
Einmal bist du tot, bist Erde, Schlamm,
Doch ich leb', ein Nichts, ein Alles: Geist.

Bald!

Denn schon hör' ich, wenn den bitt'ren Tag versüßt
Irgendwo mir eine Vogelkehle,
Liebe, ferne Stimme, die mich lautlos grüßt:
»Schwesterseele!«

Donnerstag, 15. August 2019

Mutterschaft als Seelenweg: Gertrud Kolmars "Wappen von Juliusburg"

 

Wappen von Juliusburg

In Rot über silberner Burg ein golden
beschwingtes Engelsköpfchen.

Dein Kind ist's, Mutter! Und dein Herz laß klopfen,
Und scheuch' ihm ersten Schlaf mit seinem Schlag,
Wirf ihm ins Haupt den scharlachroten Tropfen,
Erzwing' die Leuchte seinem Lebenstag!
Stürz' deine Kniee auf die Silberstufen,
Die himmelan in steilen Türmen gehn.
Dein Auge zittre! Gott, den du gerufen,
Er reißt dich auf und läßt in dir sich sehn.

Die Hände leer! Kein Nehmen mehr und Schenken;
Denn was dir kommt, das will dich arm und scheu.
An deinem Bett kein Brau'n von Liebestränken
Noch Bettlergreinen kraftlos dürft'ger Reu',
Kein Denken, scharrend gleich geschäft'gen Hennen,
Das ängstlich sich um kleine Speise müht:
Nackt sei dein Leib und innig dein Erkennen
Der Lust, die funkelt, und der Qual, die glüht.

Heut bist du ewig, weise und erhaben,
In dir ist sel'ge Wahrheit ausgesagt,
Für dich hast du das Rätselspiel begraben,
Das vor des Todes Unbedingtsein zagt.
Die Wände zucken blau und voll Kometen,
Das Fenster flammt. Zum Berge wächst das Spind
Und neigt sich fromm dem Säugling des Propheten,
Um dessen Wiege Leu und Otter sind.


Vom Herbst 1927 an schrieb Gertrud Kolmar (1894-1943) an ihrem Zyklus "Das Preußische Wappenbuch". – Die Firma Kaffee Hag hatte Werbemarken herausgegeben, die seit 1913 in deutschen Haushalten stark verbreitet waren. Gertrud Kolmar nahm sie zum Anlass, einen Gedichtzyklus mit 53 Gedichten entsprechend der Anzahl der Wappen zu schreiben. Die Gedichte nehmen die Pictura auf (die Autorin beschreibt kurz mit eigenen Worten die Darstellung der Wappen), gestalten aber sehr oft einen persönlichen Inhalt mit eigenwilligen Mythen und Bildern und einer oft auch eigenwilligen Wortwahl. - Das ´Preußische Wappenbuch´ zeigt die Dichterin auf dem Weg zu einer der Großen ihrer Zunft, die in Deutschland in Vergessenheit geriet. Reclams Dichterlexikon kennt sie ebenso wenig wie die bekannte Gedichtanthologie echtermeyer/wiese.

Eines dieser Wappengedichte zeigt, wie so oft bei Gertrud Kolmar, ein Kind im Mittelpunkt, ihr Kind, das sie auf Betreiben der Eltern abtreiben musste und das sie ein Leben lang begleiten wird. Selten wird so deutlich wie bei dieser Frau, wie folgenreich eine Abtreibung sein kann, weil man einen so wertvollen Teil von sich verliert. – Gertrud Kolmar spricht eine Mutter an, die sie doch so gern selbst gewesen wäre. Dies wissend, ahnt man, wie sehr ihr diese Verse aus dem Herzen kommen und dass die Sprach- und Glaubensmacht der letzten Strophe kein Zufall ist. Sie bezieht sich auf die prophetischen Worte Jesajas (11, 6-9):

„Da wird ein kleiner Knabe Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen; und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des Herrn, wie Wasser das Meer bedeckt.”

Diese Christusvision möge sich erfüllen, auch wenn diese wunderbare Frau und deutsche Jüdin in Auschwitz sterben musste.

Samstag, 10. August 2019

Warum Glaube unersetzlich ist? - Glauben ist dem Wissen immer einen Schritt voraus. – Glaube ist mehr als Sehnsucht. - Nur wer glaubt, kann lieben.

Wir leben in einer Zeit, in der manche Menschen immer bewusster leben. Bewusst zu leben, bewusst zu sein aber bedeutet, zum Wissen gelangen zu wollen. Wer sich etwas bewusst ist, der weiß. Von daher dachte ich für mich, dass das Wort des Paulus, den ich ansonsten sehr schätze, sich zu überholen beginnt, dass Glaube, Liebe und Hoffnung eine unersetzliche Trinitität für unser Leben sei.

Bis ich verstanden habe, was Glaube eigentlich ist.
Es ist der Glaube, der uns von Wissen zu Wissen zieht; jedes Wissen ist ja nur eine Etappe, eine Stufe. Wissen ist immer Stückwerk. Was wir als Wissen bezeichnen, ist immer nur ein Puzzleteil.
Wer keinen Glauben hat, erstarrt.

Wir kennen Menschen, die vermitteln, sie wüssten alles. Es gibt einige Wissenschaftler und Philosophen, die mir da spontan einfallen, natürlich auch nicht wenige Politiker. Zwar würden sie auf die Frage, ob sie alles oder viel wissen, immer ganz bescheiden sagen, dass sie sich natürlich dessen bewusst sind, dass … blablabla … , aber wenn man sie dann in Diskussionsrunden beobachtet, erlebt man, dass sie fast beleidigt reagieren, wenn jemand das, was sie sagen, anzweifelt, oder sie rücken, was sie sagen immer so zurecht, dass niemand auf die Idee kommen sollte, ihnen zu unterstellen, sie wüssten etwas nicht.
Das sind im  Grunde erstarrte Existenzen, oft eitel bis zum Geht-nicht-mehr.
Bei manchen gehört mittlerweile das Zugeben, etwas nicht zu wissen, zu einer Strategie, die vermitteln will, dass sie im Grunde doch alles wissen.

Mir ist auch bewusst geworden, warum mir das Christentum in seiner ursprünglichen Form, wie es die Evangelien vermitteln, so sympathisch ist, denn es ist nach dem Sohn benannt. Ein Sohn bedeutet immer Entwicklung. Das väterliche Bewusstsein ändert sich immer durch das Bewusstsein des Sohnes. Der christliche Gott ist eben kein Allah - deshalb finde ich es einfach nur falsch, wenn manche Leute sagen, dass es einerlei sei, ob man Gott oder Allah oder Brahman sage. Es ist eben nicht einerlei, denn Allah ist ein monolithischer unbeweglicher Block, der nicht von ungefähr unter Strafe gestellt hat, ihm einen Sohn zu unterstellen. In Allah ist nicht die Spur von Bewegung.
Der ein oder andere mag sagen, auch ein Muslim glaube.
Im christlichen Sinne aber glaubt er nicht, denn der christliche Glaube ist untrennbar mit der Bewegung des Sohnes verbunden.
(Ich muss bitte nicht schon wieder betonen, dass ich nichts gegen Muslime als Menschen habe . . .; aber ich erlaube mir zu betonen, dass ihr Glaube ein starrer ist; der Koran lässt daran keinen Zweifel. Und ich bedaure nach wie vor, dass die Christlichen Kirchen sich nie zu der besonderen Qualität ihres Glaubens bekannt und dafür gekämpft haben - heute denke ich, dass sie sich dieser Qualität nicht bewusst sind; vielleicht sind sie aber auch einfach total feige.)

Was Bewegung in unser Leben bringt, ist der Glaube.

Alle, die versucht haben, Glaubensbekenntnisse in Dogmen festzuzurren, haben das Wesen des Glaubens nicht verstanden.

Warum man nicht Glauben durch Sehnsucht ersetzen kann?

Sehnsucht ist eine Sucht - unsere Sprache ist da sehr klar und unmissverständlich. Und sie erklärt sich daraus, dass mit diesem Sehnen etwas Unbestimmtes verbunden ist, etwas, was einen irgendwo hinzieht. Wer Sehnsucht hat, gibt sich nicht von ungefähr gern auch einem diffusen Gefühl hin. Da erklingt das Posthorn, und bei Eichendorff springt zwar dann der Mensch im Fensterrahmen doch nicht aus selbigem, aber es zerreißt ihm schier das Herz - warum genau, das weiß er nicht - Sehnsucht halt, Ferne, Weite, ein Liebchen . . . (wobei in der ernsthaften Romantik sehr viel Wertvolles sich verbirgt).

Der Mensch, der glaubt, weiß, dass sein Sehnen - nicht seine Sehnsucht - verursacht ist durch einen Mangelzustand, den er sich zugesteht und sich seiner nicht schämt. Man muss diesen Zustand auch nicht als Mangel sehen, denn er gehört zu uns Menschen wie das halbleere Glas. Wir aber haben auch Fülle.

Glaube ist Voraussetzung für Liebe. Liebe bewegt und bewegt sich.

Eigentlich ist es so: nur wer glaubt, kann lieben.
Wenn er an sich selbst glaubt, kann er sich lieben.
Wenn er an den Anderen glaubt, kann er ihn als Nächsten lieben.

Donnerstag, 8. August 2019

Ist das Bewusstsein der Menschen aktuell so viel anders als 1933? - Gertrud Kolmars ""Die hier umhergehn sind nur Leiber / Und haben keine Seele mehr"!

Zeilen wie die der zweiten und vierten Strophe findet man in der deutschen Lyrik selten: Ohren, die nicht mehr hören, Körper ohne Seelen und Menschen, die wie Schlachtvieh auf den Metzger warten - das ist kaum mehr überbietbar. 

Das Üble ist nur, wenn man die Realität unserer Tage anschaut: die Mehrheit der Menschen hat nichts dazugelernt; die offensichtliche Wirklichkeit wird weiterhin nicht ernst genommen; allein die Berichte aus den Lagern von Syrien und Griechenland sind eigentlich unsäglich. 
In den letzten Zeilen ihres Gedichtes Im Lager spielt Gertrud Kolmar auf Jesus an und diese bitteren Zeilen sind wohl ziemlich sicher zurückzuführen auf die Kollaboration der Kirchen mit den Nationalsozialisten:

Die hier umhergehn, sind nur Leiber
Und haben keine Seele mehr,
Sind Namen nur im Buch der Schreiber,
Gefangne: Männer. Knaben. Weiber.
Und ihre Augen starren leer (schwer)
Mit bröckelndem, fallnem Schauen
Auf Stunden, da in düstrem Loch
Gewürgt, zertrampelt, blindgehauen
Ihr Qualgeächz, ihr Wahnsinnsgrauen,
Ein Tier, auf Händ und Füßen kroch . . .
Sie tragen Ohren noch und hören
Doch nimmermehr den eignen Schrei.
Die Kerker drücken ein, zerstören:
Kein Herz, kein Herz mehr zum Empören!
Der feine Wecker schrillt entzwei.
Sie mühn sich blöde, grau, entartet,
Von buntem Menschensein getrennt,
Stehn, abgestempelt und zerschartet,
Wie Schlachtvieh auf den Metzger wartet
Und dumpf noch Trog und Hürde kennt.
Nur Angst, nur Schauder in den Mienen,
Wenn nachts ein Schuß das Opfer greift . . .
Und keinem ist der Mann erschienen,
Der schweigend mitten unter ihnen
Ein kahles Kreuz zur Richtstatt schleift. –
(ausführlicher hier: https://bit.ly/2YKgFOA)