Sonntag, 7. Februar 2016

Ihr, von denen das Sein / leise sein großes Gesicht wegwandte! - Über Flüchtlinge im Niemandsland des Lebens.

Als ich obigen Beginn des Rilke-Gedichtes, das eigentlich Gebet für die Irren und Sträflinge überschrieben ist, heute las, kamen mir die Fernsehbilder zehntausender aus Aleppo flüchtender syrischer Frauen, Kinder und Männer in den Sinn, die im Niemandsland zwischen der Türkei und Syrien sind, Menschheitsreste, die keiner will, aus- und herausgebombt, warum auch immer. - Spielt es noch eine Rolle, von wem die Bomben waren?

Betend wendet sich das lyrische Ich den Irren, Sträflingen und Flüchtlingen zu, die, nichts verbrochen habend, zu den irren Irrenden und Bestraften dieser Erde gehören, ein lyrisches Ich, das sich selbst seines Seins gar nicht sicher ist, das nur weiß, dass es da Menschen gibt, die erdrückend viel Zeit haben.
Rilke konnte nicht ahnen, als er sein Gedicht vor wenig mehr als 100 Jahre schrieb, dass es mehrfach schrecklich aktuell sein würde. Es ist gar nicht in dem uns bekannten Ton Rilkes verfasst, der doch Gott und Engel so eindrücklich beschwören konnte oder einen Panther, einen Apoll oder eine Stadt namens Venedig als eine Kurtisane vor unsere Augen zu zaubern vermochte, unnachahmlich.

Hier schreibt er Zeilen, beginnend in prosaischem Ton, gerade, dass sie noch durch Reime gehalten sind. Die ersten beiden Strophen lauten:


Ihr, von denen das Sein
leise sein großes Gesicht
wegwandte: ein
vielleicht Seiender spricht

draußen in der Freiheit
langsam bei Nacht ein Gebet:
dass euch die Zeit vergeht;
denn ihr habt Zeit.



Man glaubt zu spüren, dass der Verfasser sich selbst im Gefängnis wähnt, in der Irrenanstalt, im Niemandsland, spricht er doch von "draußen in der Freiheit", als ob er selbst innen sei, und es ist, als ob er von einer, seiner Freiheit mit einer merkwürdigen Distanz spräche.

Welch seltsames Gebet eines vielleicht Seienden, ein Gebet, von dem man ahnt, dass er nie glaubte, es einmal zu beten.
Ein Gebet um das Vergehen der Zeit. Unwillkürlich denken wir daran, dass es viele nur dreißig Jahre später beteten eingedenk ihrer Lieben, die an einem viel schlimmeren Ort als einem Gefängnis waren, Leid ertragend, angesichts dessen selbst das übergroße Hiobs seinen einstmals so großen Schrecken verlor. 

Und auch heute leiden Tausende unter Heimatverlust und dem Verlust ihrer Lieben und müssen wie Hiob Reden von Freunden ertragen und solchen, die es gar nicht sein wollen, nicht können.

Inmitten des Gedichtes spricht der vielleicht Seiende von jenem Sein, das sein Gesicht wegwandte, gewiss aber nicht vor Verachtung, sonst gedächte dieses Sein jetzt nicht der Irren, Sträflinge und Flüchtlinge:


Wenn es euch jetzt gedenkt,
greift euch zärtlich durchs Haar:
alles ist weggeschenkt,
alles was war.



Da wirkt Rilkesche Sprachkunst, wirkt durch das anaphorische alles, die W-Alliterationen, die Eindrücklichkeit der Vokale, vor allem den Klang des a in uns hinein.
Durchs Haar greifen: Kann es sein, dass in dieser Bewegung mehr Hoffnung ist, als wenn sie sich ins Haar griffen?

Seid ihr wenigstens zärtlich zueinander! Das ist, was euch noch bleibt!
Wahr ist doch: alles war.

Es bleibt in der vorletzten Strophe die Hoffnung des lyrischen Ichs, dass Ihr, auch wenn das Herz Jahr um Jahr verjährt, stille zu bleiben vermöget. Und dass keine Mutter erfahre, dass es für ihre Kinder dieses Niemandsland des Lebens gebe.

Schlussendlich wird Rilke zu einem Erzähler, aus der Vergangenheit schreibend und einen Blick durch die Zweige eines Baumes auf den Mond werfend, durch Zweige, deren Entzwei-Sein klagt, fast schreit.
Denn der Mond ist so alleine wie jene, denen das Sein sich nicht mehr zuwendet, von denen es sich abwandte.
Verächtlich?
Gewiss nicht.
Eher voller Schmerz.
So muten die Worte des vielleicht Seienden an wie eine große Klage, fast eine Totenklage, angestimmt für jene, die sich selbst eine Stimme zu haben nahmen, und für jene, denen das unbegreifliche Leben eine Stimme zu haben nahm.

Hier die bewegenden fünf Strophen, Zeile für Zeile:


Ihr, von denen das Sein
leise sein großes Gesicht
wegwandte: ein
vielleicht Seiender spricht


draußen in der Freiheit
langsam bei Nacht ein Gebet
dass euch die Zeit vergeht,
denn ihr habt Zeit.


Wenn es euch jetzt gedenkt,
greift euch zärtlich durchs Haar:
alles ist weggeschenkt,
alles was war.


O dass ihr stille bliebt,
wenn euch das Herz verjährt;
dass keine Mutter erfährt,
dass es das gibt.


Oben hob sich der Mond,
wo sich die Zweige Centzwein,
und, wie von euch bewohnt,
bleibt er allein.


Samstag, 30. Januar 2016

Erich Fromm against Seehofer and Co! Widerlich und demagogisch, der Ex-Weltbank-Direktor Paul Collier!

Gerade  jetzt, wo es Seehofer und den anderen Brandstiftern zunehmend gelingt, alle Hilfesuchenden zu stigmatisieren, finde ich besonders wichtig, was Erich Fromm in Die Kunst des Liebens über das Geben und Nehmen schreibt:

Der merkantile Charakter ❴wir sprechen dann im Deutschen von einer Krämer-Seele❵ ist bereit zu geben, aber nur im Austausch gegen etwas anderes, das er dafür empfängt; Geben ohne Empfangen ist für ihn Betrug. Menschen, deren Charakterstruktur wesentlich unproduktiv ist, haben das Gefühl, dass man ihnen etwas wegnimmt ... Manche machen dagegen aus dem Geben eine Tugend im Sinne des Opfers ... 
Geben ist für den schöpferischen Charakter (dagegen) der höchste Ausdruck von Kraft ... Geben bringt mehr Freude als Empfangen, nicht weil es ein Opfer ist, sondern weil in der Handlung des Gebens der Ausdruck meiner Lebenskraft liegt ... Nicht der, der hat, ist reich, sondern der, der viel gibt. Der Geizige, der Angst vor jedem Verlust hat, ist - psychologisch gesagt - ein armer und armseliger Mensch, ungeachtet der Tatsache, wie viel er besitzt.

Deshalb stehe ich auch in Zeiten der Stimmungswende dazu:

When you have more, than you need build a bigger table, not a higher fence!

Dass ich mal Angela Merkel in Schutz nehmen würde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen.

Aber das Interview der WELT mit dem Ökonomen und Ex-Weltbank-Direktor Paul Collier ist schon widerlich.
Als ob Angela Merkel an der Flüchtlingskrise schuld sei!

Wer hat denn durch die Destabilisierung des Irak dafür gesorgt, dass der IS überhaupt entsteht?

Wer hat denn den IS unterstützt, so dass Syrien und die ganze Region total destabilisiert wurde?
Waren das nicht die Saudis und die Türkei? Letztere tut mittlerweile so, als ob sie ihn bekämpft, dabei weiß jeder, dass es Erdogan vor allem um die Vernichtung der Kurden geht.

Wie lange haben ganz Europa inclusive der USA tatenlos zugesehen, dass weder Italien noch Griechenland mit den Flüchtlingen klarkommen?

Genau so funktioniert Demagogie: Hilfe wird den Deutschen nun als Schwäche ausgelegt, als Rettersyndrom desavouiert.

Immer wieder kommt dieses Argument, Merkel habe die Flüchtlinge eingeladen. Klar, war da nicht alles glücklich, was sie gemacht hat (wenn sie auch in manchen Situationen meines Erachtens zum ersten Mal wirklich Herz gezeigt hat).

Als ob aber die Millionen in hoffnungslos überfüllten Lagern sich nicht auch ohne Merkel auf den Weg gemacht hätten!

Alle diese Menschen leben dieses eine Leben ein einziges Mal. Da wartet man Monat um Monat, bis man es nicht mehr aushält, weil Lebenszeit kostbar ist und einem bewusst wird, dass es einem Seehofer, einem Collier, einem Erdogan, einem Juncker und anderen in ihren vollklimatisierten Zimmern und Herzen scheißegal ist, wie lange Menschen in Lagern verrotten! Im Übrigen ist da auch ein Sigmar Gabriel um keinen Deut besser (Sozialist zu sein bedeutet heutzutage offenbar, besonders erfolgreich Waffen verkaufen zu können).

Und was mir auch maßlos auf den Senkel geht: diese Bigotterie, als ob es nicht auf deutschen Handys hunderttausende von Pornos gäbe und Gewaltfilme, genauso wie Tag für Tag in den Medien.

Dann aber wird total hyperventiliert, wenn Kriminelle das in Wirklichkeit vorführen.
Ich wünschte, dass jeder Einzelne verknackt wird.

Aber diese Heuchelei ist widerlich!
Genau so aber funktioniert das, wenn man die inneren Schatten der eigenen Seele auf andere projiziert! Man merkt es daran, dass besonders laut geschrien und lamentiert wird.

Echauffiert wird sich auch darüber, dass alle Flüchtlinge Handys haben - aber dass 62 Super-Reiche so viel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, also 3,6 Milliarden Menschen, darüber regen dieselben sich nicht auf.
Wehe, einer dieser Superreichen würde im Mittelmeer treiben. Alle Flugzeugträger dieser Welt kämen ihm zu Hilfe! 
Aber wenn so ein paar Syrer da rumpaddeln . . .




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Buchveröffentlichung Gedichtinterpretationen gestalten lernen
Für Oberstufenschüler und alle, die verstehen möchten, auf 
welche Weise Inhalt und Form von Gedichten in unsere 
Tiefenstruktur hineinwirken. - Mehr unter diesem Link

Donnerstag, 28. Januar 2016

"Gedichtinterpretationen gestalten lernen" - ein Buch zu schreiben macht echt Spaß und stresst zugleich :-)




Ich liebe es einfach, mich auf die Gedanken eines anderen Menschen einzulassen, zu fühlen, was er fühlt, zu spüren, was er empfindet.
Das ist, als ob man weitere Leben lebt!
Deshalb macht mir das Hineinfinden in Gedichte Spaß. Und ich finde nicht, dass man da etwas zerpflückt, vor allem nicht, wenn man dem Schreibenden Wertschätzung entgegenbringt, dass also in erster, zweiter und dritter Linie SEIN Wort gilt, was ER fühlt und denkt, nicht, was ich fühle und denke; sonst würde ich zu den Menschen gehören, die immer und überall nur sich selbst finden (wollen).

Ich finde es auch spannend zu sehen, wie Worte und Bilder wirken, ja, wie Grammatik auf unser Bewusstsein Einfluss nimmt, beispielsweise ein Konjunktiv II.

Von all dem weiterzugeben, und zwar auf eine Weise, dass niemand durch superschlaue oder geschwollene Formulierungen ausgeschlossen wird, das war auch eines meiner Ziele; also habe ich auch gern erklärt, wie ein Konjunktiv II gebildet wird oder woran man einen Nebensatz erkennt, zwar in der gebotenen Kürze, aber hoffentlich immer verständlich.
Zu viele Bücher gibt es in diesem Bereich, wo sich die Schreibenden vor allem selbst verstehen.
Und dass im Bereich der Metren, also von Jambus, Trochäus und anderen, vieles viel zu heiß gekocht wird, weil die Experten nur so tun, als sei es hundertprozentig so, wie sie schreiben, auch das habe ich deutlich werden lassen wollen.

Wer einen Zugang zum Gestalten von Gedichtinterpretationen finden will oder einfach auch nur Sicherheit in der Gestaltung gewinnen möchte, für den habe ich dieses Buch geschrieben.

Zu oft habe ich auch erlebt, dass in abiturnahen Klassen das Üben von Gedichtinterpretationen und -vergleichen zu kurz kam und manche Schülerinnen und Schüler gar nicht die Option hatten oder sich nicht trauten, eine Gedichtinterpretation im Abitur zu nehmen.
Meine Erfahrung aber war einfach, dass die, die Gedichtinterpretationen und -vergleiche wählten, sehr oft gut abgeschnitten haben.

Mit Hilfe dieses Buches soll, wer möchte, Sicherheit gewinnen können; ich hoffe, ab der 9., spätestens 10. Klasse kann man alles gut verstehen; sonst bitte per Kommentar auf dem eingerichteten Buch-Blog nachfragen (hier geht´s direkt zur Fragemöglichkeit).

Ich habe es aber auch für Menschen geschrieben, die mehr darüber erfahren möchten, wie Gedichte wirken, wie es lyrischen Texten also gelingt, die Tiefenstruktur unseres Inneren zu erreichen.

Stress hat mir das Korrigieren der geschriebenen Texte bereitet. Das war echt hart, knapp 140 Din-A4-Seiten zu korrigieren und immer wieder doch erleben zu müssen, Fehler übersehen zu haben - Gott sei Dank kann meine Tochter supergründlich lesen und punktgenau denken  :-)  Dankedanke!!

Wer mehr über das Buch lesen will, gegebenenfalls auch beispielhafte Buchauszüge, der ist

Sonntag, 24. Januar 2016

Ich sah meinen Herrn mit dem Augen des Herzens!

Mustafa al-Hallaj, ein arabischer bildender Künstler, 1913 in Palästina, unweit Jaffas geboren und 2002 in Damaskus gestorben, äußerte einmal:
Ich sah meinen Herrn mit dem Auge des Herzens.


Ich sagte:

"Wer bist du?"

Er antwortete:

"Du".


Unerhörte Worte!
Sie erinnern an die Sufis und ihre Lehre von Fana, der Auslöschung, also der Tatsache, dass unser Selbst selbst ausgelöscht werden will, wenn wir wirklich zu Gott kommen wollen - und er zu uns.

Sufis verstehen die islamische Weisheit:

Es gibt keinen Gott außer Gott
als
Es gibt nichts außer Gott.

Das bedeutet letztendlich, dass alle, wirklich alle Wirklichkeit Gott ist, göttlich; und das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, ist Maya, Illusion, wie die Hindus sagen würden.

Eigentlich sagt der deutsche Mystiker Angelus Silesius, wenn auch nicht ganz so hart, im Grunde dasselbe:

Gott, dessen Wolllust ist, bei dir, o Mensch zu sein, 
Kehrt, wenn du nicht daheim, am liebsten bei dir ein.


Gedanken und Zitate habe ich gefunden in Huston Smith' leider nicht mehr aufgelegtem hervorragenden Buch über die Weltreligionen Eine Wahrheit. Viele Wege (antiquarisch ist es noch echt preiswert erhältlich).




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Montag, 18. Januar 2016

Überzeugender ist für mich nie wieder Liebe als höchstes Opfer in Worte und Bilder gefasst worden:



Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,

wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,

und ohne Füße kann ich zu dir gehn, 

und ohne Mund noch kann ich dich beschwören. 

Brich mir die Arme ab, ich fasse dich 

mit meinem Herzen wie mit einer Hand, 

halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen, 

und wirfst du in mein Hirn den Brand, 

so werd ich dich auf meinem Blute tragen.



Ein Gedicht aus dem Stundenbuch Rainer Maria Rilkes.

Es scheint an Gott geschrieben zu sein. Adressiert allerdings war es an Lou Andrea-Salomé, die von Rilke so verehrt wurde, ja, die er heiß liebte. Sie war allerdings nicht nur eine ungewöhnlich attraktive, sondern ganz und gar ungewöhnlich, weil ungewöhnlich selbstständige und selbstbewusste Frau. Sie nahm entscheidenden Einfluss auf ihn, eine Frau, die, als sie 1887 den Heiratsantrag ihres Mannes Friedrich Carl Andreas annahm, dies nur unter der Bedingung tat, dass es zwischen ihnen keine sexuelle Beziehung gäbe. Überliefert ist, dass für ihn ihre folgenden Liaisons nicht unproblematisch waren.

Eine besonders intensive hatte sie mit Rainer Maria Rilke, die 1897 in München begann.

Ich glaube, ohne diese Frau wäre dieses übersensible Wesen Rilke nicht zum Ende seines Lebens jener Orpheus unter den Dichtern geworden. Mit am beeindruckendsten sind nicht von ungefähr seine Sonette an Orpheus.

Wer mehr zu einem Post mit dem Titel Mild und leise / wie er lächelt! - Ist die Zeit der unglücklich Liebenden vorbei?, im Rahmen desssen auch obiges Gedicht eingebracht ist, lesen möchte:
hier.




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Donnerstag, 7. Januar 2016

Die großen Städte täuschen den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind!

Vor 100 Jahren geschrieben, trifft heute mehr denn je zu, dass unser Leben seine Struktur und Ordnung verliert. Unsere Gesellschaft und ihre Politiker haben das eine innere und äußere Ordnung gebende Christentum einer multikulturellen Verflachung preisgegeben, bevor sie den Wert ihrer eigenen Religion verstanden haben.
Deshalb fürchtet diese Gesellschaft zu weiten Teilen auch den Islam, weil sie spürt, dass diese Religion und ihre Vertreter diese Lücke zu füllen bereit sind.

Zunächst möchte ich die Zeilen, die mich zu den folgenden Gedanken angeregt haben, in ihrer ursprünglichen Gestaltung zitieren. Ich fand sie in Rainer Maria Rilkes Stundenbuch, in dessen drittem Teil, dem Buch von der Armut und dem Tode; es heißt dort:


Die großen Städte sind nicht wahr; sie täuschen
den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind;
ihr Schweigen lügt, sie lügen mit Geräuschen
und mit den Dingen, welche willig sind.

Wir wissen, dass die beiden folgenden Jahrzehnte nach Verfassen des Stundenbuchs, das Rilke 1903 vollendete, in der deutschen Literatur eine Fülle von Gedichten hervorgebracht haben, die sich mit dem Thema Stadt auseinandersetzten, in das auch alle Ängste vor dem, was kommen würde - und viele Expressionisten ahnten den kommenden Weltkrieg voraus (manche sehnten ein großes Donner-Wetter auch herbei) - hineinprojiziert wurde. Viele Künstler aber traten auch der Stadt deshalb so skeptisch gegenüber, weil ihr Wachstum mit einem hemmungslosen Fortschritt gleichgesetzt wurde, wobei man nicht vergessen darf, dass um 1900 Berlin 1,7 Millionen Einwohner umfasste, eine für damalige Verhältnisse keineswegs geringe Zahl.
Heute mögen wir eine solche Angst angesichts der nunmehr vorhandenen Giga-Städte belächeln (vor wenigen Jahren konnten wir der Presse entnehmen, China plane eine 42 Millionen umfassende Stadt); doch mancher wird diese Ängste nachvollziehen können.
In ihnen offenbarte sich ja ein großes Unbehagen an dem, was empfindsame Menschen auf die Menschheit zukommen sahen, und es ist kein Fortschritt, dass heute Menschen dieses Unbehagen überwiegend nicht mehr empfinden.
Viele haben es in eine dunkle Ecke gestellt, aus der es manchmal als unkontrollierte Angst hervorschnellt. Der, den sie aber betrifft und aus dem eigenen Inneren heraus trifft, weiß oft nicht um deren Ursprung. Solch eine Angst kann im Einzelfall mit einem persönlichen Schicksal zusammenhängen; ich vermute aber, öfter, als wir denken, mag sie ein verdrängtes Unbehagen an einer Kultur zeigen, der es bisher nur in Ansätzen gelungen ist, Menschlichkeit und Fortschritt zu verknüpfen. Das liegt auch daran, weil Politiker aller Herren Länder, aber nicht nur sie, sich sofort flach auf den Boden legen und den Mund aufsperren, wenn Geld gerollt kommen könnte.
Es waren nicht nur Literaten, sondern auch ein Maler wie Edgar Munch, dessen Bild Der Schrei jene Zeit damals am bemerkenswertesten kennzeichnet, der, sein Inneres offenlegend, sagte: Ich fühlte das große Geschrei durch die Natur.


Ohne Natürlichkeit gibt es keine Menschlichkeit

Auch für Rilke ist das Verhältnis zur Natur und gelebte Natürlichkeit ein Gradmesser. Nur wenig vor jenen oben zitierten Zeilen finden wir noch weitere aufschlussreiche, die lauten:

Denn, Herr, die großen Städte sind
verlorene und aufgelöste

und es heißt weiter:

Da leben Menschen, leben schlecht und schwer,
in tiefen Zimmern, bange von Gebärde,
geängsteter denn eine Erstlingsherde;
und draußen wacht und atmet deine Erde,
sie aber sind und wissen es nicht mehr. 
Da wachsen Kinder auf an Fensterstufen,
die immer in demselben Schatten sind,
und wissen nicht, daß draußen Blumen rufen
zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind, –
und müssen Kind sein und sind traurig Kind.

Aufschlussreich ist, dass Rilke von „deine(r) Erde“ spricht, so, als ob er darauf hinweisen wolle, dass der Mensch jene im Ersten Buch Mose ihm übertragene Verwantwortung für die Schöpfung nie wirklich verantwortlich übernommen habe.

Nicht, dass ich im Übrigen glaube, dass alle Kinder traurig sind, doch die Frage, die Rilke letztendlich aufwirft, ist, ob mittlerweile Kinder wissen, dass draußen Blumen rufen und Erwachsene das Atmen der Erde wahrnehmen.

Innenstädte: kinderfreie Räume

Muss auch heute noch die Mehrheit der Kinder dieser Erde Kind sein, wie Rilke formuliert, oder dürfen sie es mittlerweile sein?

Auch heute ist es noch so, dass, wenn in der Mitte einer Stadt eine Freifläche vorhanden ist, sie mit Appartementwohnungen, Büros, einem Einkauf-Center oder einem Hotel bestückt wird, bevor ein Kinderspielhaus dorthin kommt, womöglich mehrstöckig, damit es auch bei Regen und im Winter Raum zum Spielen gäbe.

Wir haben Kinder nicht aus Innenstädten vertrieben, aber nur deshalb, weil sie dort letztendlich noch nie einen Raum fanden, wir könnten auch sagen: eine Herberge.

Rilke spricht auch von Erwachsenen und mancher mag sagen: Die Mehrheit lebt doch keineswegs schlecht und schwer. 
Es gilt allerdings zu sehen, welcher Aufwand betrieben wird, um Gefühle zu übertönen, die der Unnatürlichkeit des Lebens Ausdruck verleihen möchten.

Rilke sagt ausdrücklich: Die großen Städte sind nicht wahr.

Das ist bemerkenswert und knüpft an einen religionsübergreifenden Gedanken an, der im Christentum sich in der Aussage Jesu zeigt, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, und im fern-östlichen, insbesondere im hinduistischen Denken Ausdruck in der Sichtweise findet, dass Leben auf der Erde Maya sei, eine große Illusion.

Immer dann, wenn es Menschen gelingt, Wahrheit auf unserer Erde, also auch im Leben der Menschen sichtbar werden zu lassen - und Wahrheit mag hier auch ein Synonym für Natürlichkeit und wahre Menschlichkeit sein -, sind sie zum einen höchst gefährdet, zum anderen aber gehören solche Momente zu den Sternstunden menschlichen Lebens, weil sie beide Reiche verbinden, das, was in der Alchemie als mysterium coniunctionis bezeichnet wird.

Ich persönlich glaube, dass die Aussage, dass Gottes Reich nicht von dieser Welt sei, nicht bedeutet, dass unsere Erde die Möglichkeit einer gemeinsamen Existenz ausschließt, sondern dass sie angesichts einer Baals- und Börsenkultur nicht möglich ist, wenn sie aber vorkommt, eben jenes mysterium coniunctionis meint, was in der Alchemie höchstes Ziel des Lebens ist, die Hochzeit von Himmel und Erde, von himmlischem und irdischem Bewusstsein.

Dazu müsste ein Interesse daran vorhanden sein.

Das aber ist nicht vorhanden. Man muss nur sehen, mit welcher Dumpfheit einer der derzeit renommiertesten Naturwissenschaftler, Stephen Hawking, ein Weltbild proklamiert, das die geistige Tradition dieses Planeten negiert. Das wäre weiter nicht bemerkenswert, weil Hawkings Denken fast infantil und zu offensichtlich linkshirnig und einseitig ist, wenn es nicht so wäre, dass die Flachheit seiner als Trojaner verpackten spirituellen Aussagen eine Spur blinder Gefolgschaft zeitigt.

Kann menschliches Bewusstsein überhaupt noch genesen?

Diese Frage stellt sich fast zwangsläufig.
Ich denke, dass es möglich wäre, wenn wir unserem Leben wieder Struktur und Ordnung und Sinn gäben.

Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren einmal ein Kind, weil es mehrfach verhaltensauffällig gewesen war, ein Bild zum Thema Ordnung zu zeichnen bat. 
Weil es so privat ist und aus Datenschutzgründen kann ich es nicht einscannen, aber es ist für mich auch heute noch erschütternd und zeigt einen Tisch unter einer Lampe. Und um den Tisch herum liegen die Stühle kreuz und quer auf dem Boden.

Dieser Tisch war der Familientisch und dieser so begabte Junge hat damit gemalt, woran seine Seele leidet, ein Leid, dass sie mit in die Schule brachte und dort über sein Verhalten Ausdruck finden ließ.

Ich weiß noch sehr genau, dass die Eltern dieses Kindes der Psychotherapeutin, die dem Kind helfen sollte, dieses Bild nicht gegeben haben (ich hatte es ihnen zukommen lassen). Die Psychologin hätte sofort gesehen, dass sie mit den Eltern zu arbeiten hat, nicht mit dem Kind (was ohnehin meistens am sinnvollsten zu geschehen hat, aber oft nicht durchführbar ist, weil sich Eltern ihren Versäumnissen nicht stellen wollen, ihren Fehlern, die sie selbst negativ werten, die allerdings menschlich und verständlich sind und nur jene Steine werfen lassen, die von ihren eigenen Schwächen ablenken wollen).

Unser Leben braucht Ordnung und Struktur. Vor allem brauchen Kinder Ordnung und Struktur. Sie brauchen den Familientisch und sie brauchen die gemeinsamen Zeiten, auch Essenszeiten, im Rahmen deren klar sein muss, dass das Smartphone aus ist und niemand niemandes Raum einschränkt.

Wie sehr ist das Smartphone zum Symbol einer fehlenden Wertschätzung gegenüber dem Nächsten geworden. Es ist ständig on, mehr, als die meisten Menschen für ihre Mitmenschen im persönlichen Gespräch online sind.

Der Sinn von Zyklen, Ritualen, Gebräuchen und Festen

Es gibt allerdings wieder vor allem ländliche Orte und dort lebende Menschen, die ein Bewusstsein dafür entdeckt haben, wie wertvoll es war und ist, dass Feiertage und festliche Anlässe dem Leben Struktur gaben, so, wie zu früheren Zeiten wie selbstverständlich der Sonntag dem wöchentlichen Leben Struktur gab. 
Es ist kein Zufall, dass man in jeden Kreis mit Hilfe des halben Kreisdurchmessers sieben Kreise einzeichnen kann, wobei der siebte inmitten der sechs anderen diese um sich schart und sozusagen deren Zentrum ist. Es ist, als ob uns die Geometrie auf den Sinn des Wochenzyklus verweisen wolle, so wie es im jüdisch-kabbalistischen, biblischen (Jesaja 40,12), pythagoreisch-platonischen Denken wie auch bei Kepler und anderen fest verankert ist, dass Zahlen Wegmarken des geistigen Weges sind. 
Sie wissen zu er-zähl-en, mehr als wir zumeist ahnen.

Es ist ein wertvoller Aspekt unseres Lebens, dass nämlich unser Bewusstsein Grenzen überwindet, Grenzen von Zeit und Raum, wie es Einstein gelang, Grenzen von Himmel und Erde, wie es Buddha und Jesus taten wie vor ihnen und nach ihnen andere auch, wenn auch nicht so wegweisend, wie es durch den Achtfachen Pfad und die sieben Seligpreisungen geschah.

Dass aber das konkret und real existierende Leben solcher Grenzen im Sinne von Strukturen bedarf, damit es seine Leben ermöglichende Ordnung nicht verliert, ist außer Blickes geraten und entschwindet mehr und mehr unserem Bewusstsein.

Klar kann man Läden rund um die Uhr öffnen, was noch nicht der Fall ist. Aber sicher ist, dass die Ladenöffnungszeiten bis 22 Uhr in den Großstädten und ihren Randgebieten vielen Kindern immer wieder Vater und Mutter nehmen, vielen Frauen den Mann und vielen Männern die Frau, denn jemand, der bis 22 Uhr arbeitet, verändert nicht nur sich, sondern seine ganze Umgebung, insbesondere deren Lebensqualität - notgedrungen.

Die aus den Fugen geratene Struktur liegt im Detail:

Ein Zug von München nach Hamburg hält möglichst selten, weil es ja nicht um Menschen geht, die zu- oder aussteigen möchten, sondern um die Zeit und wie schnell die Bahn eine Strecke zurücklegen und sagen kann: In 5 Stunden bringt die DB sie von München nach Hamburg. Mit schnelleren Trassen wird es in vier Stunden sein können, vielleicht geht es noch schneller.

Wir haben längst akzeptiert, dass diese Steigerung sein muss und dass Menschen dafür gesorgt haben, dass die Zeit uns regiert; es ist das Regiment des citius, altius, fortius. Wie recht doch Michael Ende mit seinem Momo hatte. Als Schullektüre ist das Buch in der heutigen Zeit zu umfangreich. Kein Mensch hat mehr Zeit für Sätze wie die Worte von Meister Hora:

So wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.

Wird Deutschland gewöhnlich?

Deutschland hat in der letzten Zeit auf fatal gekonnte Weise das Bild einer fairen und inneren Werten verpflichteten Nation zerstört, um die sich vorausgehende Generationen bemüht haben. Da ist ja nicht nur der VW-Skandal oder die Tatsache, dass der Bundesnachrichtendienst unmittelbare Nachbarn und „Freunde“ bespitzelte. Deutsche Sportfunktionäre standen auch nicht nach im Kaufen, was gekauft werden muss. Und obwohl unsere Politiker wussten, wem sie da in Wirklichkeit Waffen lieferten, wurde es dennoch getan. Nun heuchelt ein Sigmar Gabriel, man müsse den Waffenexport Richtung Saudi Arabien neu überdenken. Als ob er nicht schon immer gewusst hätte, wem er da Waffen liefern lässt, einem Staat, der den IS unterstützt und weltweit mit an führender Stelle im Köpfen von Menschen steht.
Kaschiert wird das Ganze durch Worthülsen wie Strategische Partnerschaft und Ähnliches.

Auch das Bildungswesen wird immer unnatürlicher.

Eine Einstellung hält Einzug, die alle Natürlichkeit außer Kraft setzt. Sogenannte Interaktive Whiteboards ersetzen zunehmend die Kreidetafeln. Die Vorteile der ersteren sind gewiss nicht zu übersehen, immerhin können Tafelanschriebe abgespeichert und einen oder mehrere Tage später wieder aufgerufen werden, angeschlossene Dokumentenkameras ermöglichen, dass Schülerhefte oder Buchseiten sofort eingelesen und auf der elektronischen Tafel sichtbar gemacht werden können und einer Besprechung zur Verfügung stehen. Genauso können in Minutenschnelle Internetseiten aufgerufen und You-Tube-Filme eingespielt werden, und das in tafelgroßem Format. 
Wenn solche elektronischen Tafeln eine Alternative zur weiterhin vorhandenen Kreidetafeln wären, auf denen Schüler nun einmal besser schreiben und z.B. geometrische Skizzierungen gerade auch für und durch Kinder viel besser vorgenommen werden können, wäre das alles ja in Ordnung, aber das lässt der Platz in den Unterrichtsräumen kaum zu. In mehr und mehr Schulen verschwindet die gute alte Kreidetafel. - Warten wir im Übrigen einmal ab, wie der Gesundheitszustand von Lehrerinnen und Lehrern sich entwickelt, die täglich diesen Tafeln, Beamern und weiteren Geräten sehr direkt und nah ausgesetzt sind (Whiteboards und Beamer werden in der Regel nicht abgeschaltet, auch nicht, wenn sie nicht verwendet werden).

Jedenfalls haben diese viele hunderte von Euro teuren Whiteboards zur Folge, dass die Räume in den Pausen abgeschlossen werden müssen, da diese Anschaffungen viel zu teuer sind, als dass sie unbeaufsichtig gelassen werden könnten, was wiederum zur Folge hat, dass Klassen sich vor den abgeschlossenen Klassenräumen auf den Fluren aufhalten und morgens, bevor der Lehrer erscheint, nicht gemütlich den eigenen Klassenraum aufwärmen können, sondern diesen erst mit Erscheinen des Lehrers betreten können. Ja, in mehr und mehr Schulen gibt es keine Klassenräume mehr, sondern zunehmend nur noch Fachräume, Fachräume für Deutsch, Geschichte, Religion … - das gute alte Klassenzimmer ist deutlich auf dem Rückzug.

Schule wird meines Erachtens zunehmend entseelter.

Diese ganze Entwicklung im Zusammenhang mit den Interaktiven Whiteboards - faszinierend, diese Namensgebungen - führt aber auch dazu, dass sich Schüler auch in der Schule an eine immer höhere Reizfrequenz gewöhnen. Wenn Methoden und Materialien in solcher Hülle und Fülle vorhanden sind, reduziert sich die Bereitschaft des Einzelnen, sich einem Text, gar einer Textpassage eine Stunde lang oder gar länger zu widmen. 
Dass Studenten zunehmend der Fähigkeit ermangeln, einen Text zu verstehen, wen wundert das?
Und natürlich stehen Lehrer ebenfalls in Gefahr, sich der Überfülle an Material zuungunsten der Arbeit an Text und Wort zu bedienen.

Die strukturierende, sinnstiftende Bedeutung des Christentums

Aus Parteiprogrammen ist ersichtlich, dass Menschen, die sie schreiben, keine Vorstellungen mehr davon haben, was menschliches Leben fundamental ausmacht. Viel zu sehr sind die dort formulierten Grundlagen zu Hülsen degeneriert. Was ganz basal menschliches Leben ausmacht, wird nicht mehr benannt. Der vorhandene Raum wird für Worthülsen, die sich gut lesen, die in Wirklichkeit niemand mehr ernst nimmt, gebraucht.

Das Christentum, das strukturierend wirkte mit seiner Rhythmisierung der Woche und des ganzen Jahres, seinen Feiertagen, die es gliederten und ihm ein Gepräge gaben, ist nie in dieser sinnstiftenden Bedeutung wirklich erkannt worden. Nicht nur Kinder, auch wir Erwachsene brauchen Ordnung und Struktur, wir brauchen Rituale von Raum und Zeit. 
In den Wohnungen und Häusern von Römern ebenso wie bei den Indianern gab es diese heiligen Orte. Es war ein Segen für dieses Land, dass es von einem Geflecht solch heiliger Orte in Form der Kirchen durchzogen und strukturiert war. Irgendwann wird es allerdings den ersten Richter geben, der das Läuten von Glocken kippt. Dröhnendes Autogehupe anlässlich von Hochzeiten und Festgegröle wird sicherlich weiterhin sein dürfen, ja zunehmen.

Menschengerechte Schöpfung ist ordnungs- und damit sinngebend, denn Ordnung stiftet Sinn in Raum und Zeit.
Zu früheren Zeiten war den Menschen bewusst, dass ihre heiligen Orte nicht von ihnen gewählt waren, sondern von ihnen entdeckt wurden, so, wie sie Ordnung als Geschenk begriffen. 
In der Bezeichnung der Griechen für das All als Kosmos, übersetzt Ordnung, findet dies auch noch seinen Widerhall. Sie begriffen Ordnung nicht nur als räumliche Ordnung, sonst hätte sie jenen Gott, der ihr Goldenes Zeitalter regierte, nicht Zeit, nicht Kronos genannt.

Unordnung macht krank, innere wie äußere

Es hat nicht einmal primär etwas mit Tradition oder einer konservativen Grundhaltung zu tun, dass menschliches Leben der Ordnung und Struktur bedarf, sondern mit der Tatsache, dass Leben ohne Ordnung und Struktur krank macht.

Ganz- und Heil-Sein setzt Ordnung und Struktur voraus. Nicht von ungefähr zeigt sich dies in den großen Symbolen der Menschheit, die geprägt sind von Kreis und Quadrat, von der Drei- und der Vierzahl.

Es ist kein Zufall, dass die Maße der Arche Noah und der Bundeslade so genau angegeben waren (waren deshalb, weil dieses Bewusstsein längst erloschen ist), genauso wenig wie die Tatsache, dass zu Beginn menschlichen Lebens die Siebenzahl eine zentrale Rolle spielte.

Mancher mag den Untertan von Heinrich Mann gelesen haben, jenes Werk, das so entblößend zeigt, welche geistige Mentalität zum Dritten Reich führte und zu einer Vorstellung von Ordnung und Struktur, die niemand mehr will. Immer aber wird es eine Gratwanderung sein, dass Menschen eine lebendige Ordnung und Struktur leben und sie nicht pervertieren in eine geistige Enge (leider dann auch manchmal eine konzentrierte äußere), die nicht zulassen kann, dass Leben und Bewusstsein sich ständig erweitern, so wie es das Weltall tut.

Licht stiftet Bewusstsein und es stiftet auch noch heute - obwohl die Quellen kaum jemand noch ernst nimmt - Zeichen, Zeiten, Jahre und Tage (1. Mose 1,14)
Lichtordnungen sind Zeitordnungen; sie geben Sinn, so wie das Licht jedes Tages uns Sinn geben will.

Vielleicht ist die sogenannte Dunkle Energie viel zu hell für uns

In einer Zeit, die sich so gewaltig und gewaltig schnell verändert, braucht unser Leben eine Ordnung und Struktur. Sie besteht in einer ausgeglichenen Balance zwischen Tag und Nacht, Vorwärtsstürmen und Stillesein, Einatmen und Ausatmen, erweitern und sich wieder fokussieren (Systole und Diastole, wie es Goethe nennt und wie sein ganzer Faust strukturiert ist), sich veräußern und sich verinnerlichen.

Eine Lösung könnte sein, dass Parteien in ihren Parteiprogrammen Abstand nehmen von ihren Worthülsen und in ihren Vorstellungen für eine gesunde Gesellschaft auf die Gesetze des Lebens, auf dessen Struktur und Ordnung konkret eingehen. Vielleicht würden sie dann erkennen, dass die sinnstiftenden Angebote des Chistentums nicht nur in Worten bestanden, sondern tatsächlich eine strukturgebende geistige Macht waren.

Wer weiß, vielleicht ist jene Dunkle Energie, die wir suchen und die für die Ausdehnung des Alls verantwortlich gemacht wird - eine Ausdehnung, die sich ja zudem ständig beschleunigt - gar nicht dunkel, sondern so hell, dass es besser ist, dass wir sie noch nicht sehen können. Es könnte ein Licht sein, dessen Ordnung wir noch nicht verstehen.

Wie es scheint, haben wir allerdings noch nicht einmal den Wert jener Ordnung wirklich verstanden, die Sonne und Mond geben wollen.




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welche Weise Inhalt und Form von Gedichten in unsere 
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Mittwoch, 6. Januar 2016

Nr. 200 001 - So nenne ich in Zukunft Horst ‪Seehofer‬.

Ich stelle mir vor, er kommt an die Bayrische Staatsgrenze und da klingelt es wie bei einem, der an der Ladenkasse was schmuggeln will. 

Horst darf nicht rüber. Auch nicht, wenn er nach Syrien zurücktrampt und schwimmt und mit (gefälschtem) Pass wieder zurückkommt (falls er überlebt). 

Der Grenzbeamte gibt ihm immerhin den Tipp, er könne, in der Schlange anstehend, bis 2017 warten, in der Hoffnung, er sei nicht ärgerlicherweise wieder der 200 001-Tausendste.
Sicherer sei es allerdings, meint der Grenzbeamte noch, er stelle sich gleich für 2018 an.


Solch einen Beratungsservice bietet auch nicht jedes Land. Das ist einfach typisch CSU,
 einfach christlich‬ und sozial‬.




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