Donnerstag, 27. August 2015

Das Pack sind immer die anderen!

Ich möchte nicht so weit gehen, dass in allen Menschen gleichermaßen ein Kain, ein Goliath, ein Franz Moor oder Sauron ist, aber sie gehören zu uns Menschen. Und keiner ist frei davon. Mancher nur hat gelernt, mit dem Mephistopheles in sich zu leben und mit ihm auf eine richtige Weise umzugehen. Gerade aber diejenigen, die sich fast als heilig finden, sind diejenigen, die diese Haie und Molche und Untiere verbergen - vor sich wie vor anderen - und ihnen damit Unterschlupf gewähren und Ausgangslager für ihre Kriegszüge in unsere menschliche Existenz.

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Montag, 24. August 2015

Vor knapp 800 Jahren gab es noch eine Burg für 1200 Mark zu kaufen - waren das noch Zeiten :-)

Es war die Burg Botenlauben, und der sie verkaufte, war Graf Otto I. von Botenlauben, allerdings, nicht ohne sich ein Wohnrecht in den Kemenaten für sich und seine Gattin zu sichern - die Bilder bitte ggf. großklicken:


Das hatte sicherlich damit zu tun, dass, wie ich weiter unten schreibe, er keinen Erben hatte; ich vermute aber auch, dass er spürte, endlich zu sein - sein Leben, wie in der Folge klar werden wird, war auch absolut abwechslungs- und gefahrreich gewesen -, und er wollte sich noch rechtzeitig bei der Kirche in der ersten Reihe einen Platz sichern. Damals konnte sie ja den Menschen noch weismachen, dass nur über sie der Weg in den Himmel zu finden sei. Das mag auch der tapfere Kreuzfahrer, der im Gelobten Land auch insofern seines Seelenheils ansichtig geworden war, als er dort seine Frau gefunden hatte, mit der er noch eine ganze Weile im Heiligen Land lebte, bevor es ihn Richtung Rhön  zurückzog, geglaubt haben. Dazu später mehr.
Was hier aber so flapsig klingen mag, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich glaube, dieser Otto war ein toller Typ und ich habe so das Gefühl, die beiden liebten sich wirklich. Es mag auch deutlich werden, dass die beiden zudem wirklich Ideale hatten, über die sie nicht nur redeten.
Davon nachher noch mehr. Jetzt aber erstmal einen Blick auf die Burg, die auf ihre Weise beeindruckend ist:


Und wenn man von der Saale hochblickt, ist sie nicht minder schön:


Sie erstreckt sich ja von ihrem Bergfried, auf den man hochsteigen kann



bis  zu ihrem Kapellenturm, von dem aus man ganz Bad Kissingen sieht und bis weit in die Rhön, bei schönem Wetter bis zum Kreuzberg:


Und ganz nebenbei hat man von der Burg aus auch einen schönen Ausblick Richtung Therme und den Ortsteil Garitz, oberhalb dessen der wunderbare Weg der Besinnung beginnt.
Das große Gebäude links vorn ist die alte Schlächterei, dahinter fließt verdeckt hinter Bäumen die Saale, die man hier nicht sieht.


Die Burg war es auch, nach der sich Otto, der väterlicherseits dem bedeutenden fränkischen Geschlecht der Henneberger, mütterlicherseits der mächtign Dynastiefamilie von Andechs entstammte, seit 1206 nach seiner Erbburg von Botenlauben benannte. Über seine Mutter war er übrigens sowohl mit der heiligen Elisabeth von Thüringen als auch mit der heiligen Hedwig von Schlesien verwandt.

Der Tradition seiner Vorfahren folgend mag Otto 1196 beim Hoftag in Würzburg das Kreuz genommen haben und möglicherweise mit seinem Vetter Boppo von Wasungen im Gefolge des Erzbischofs Konrad von Mainz nach Italien gezogen sein. Jedenfalls findet sich sein Name als Zeuge auf einer Schenkungsurkunde, die auf Sizilien ausgefertigt worden war. Die Kreuzfahrerflotte errreichte dann über Zypern Akkon. Die Städte Dschebail und Beirut wurden besetzt, aber die Burg Toron, die zum Erbe Beatrix´ - seiner Frau, die er damals noch nicht kannte - gehörte, konnte nicht erobert werden. Die Heerfahrt nach Jerusalem unterblieb dann, weil 1197 die Nachricht vom Tod des Kaisers eintraf und die Fürsten zur Königs-Neuwahl zurückkehrten, obwohl der dreijährige Friedrich II. bereits gewählt war und es nur eines Regentschaftsrates bedurft hätte. Wer weiß, vielleicht war der Tod des Kaisers für nicht wenige nur willkommener Anlass, den Strapazen des Kreuzzuges Lebewohl zu sagen :-) Jedenfalls nimmt Otto zu den damaligen politischen Querelen in seinem Gedicht Karfunkel ist ein Stein genannt kritisch Stellung.



Otto blieb im Heiligen Land, denn er hatte am Königshof von Akkon Beatrix von Courtenay kennengelernt, die Tochter Joscelins III., des Seneschalls des Königreiches  Jerusalem; wahrscheinlich heirateten sie 1198.
Bis 1220 hielten sich die beiden vorwiegend in Palästina auf, verkauften dann aber ihre Herrschaft an den Deutschen Orden und nahmen Wohnsitz auf Botenlauben.
Zu der Zeit mag Otto schon als Troubadour und Minnesänger kein Unbekannter mehr gewesen sein. Jedenfalls erscheint er mit 16 Liedern und auf Bildtafeln im Codex Manesse, der berühmten Mannessischen Liederhandschrift. Sieben seiner Lieder wurden in die Weingärtner Liederhandschrift und sein Tagelied VIII in die Carmina Burana aufgenommen.


Ich finde übrigens auch sein Minnelied um Beatrix wunderschön:

Ich trage Fesseln, die kein Blick kann schauen.
Bezwungen haben sie mir Herz und Sinne,
ihr holder Reiz ist schuld, dass andre Frauen
mich zeihn, ich übe nicht die rechte Minne.
Doch der Liebe pfleg´ ich nur zu einem Weibe . . .


Weil der einzige Sohn des Paares sich von seiner Frau getrennt hatte und in den geistlichen Stand getreten war, sie also keine Erben hatten, gründeten die beiden mit ihrem Geld das Kloster Frauenrode. Dies war auch der Grund, warum sie Botenlauben verkauften, denn mit dem Geld finanzierten sie ihre neue Unternehmung.
So war Otto I. Kreuzfahrer, Minnesänger und - zusammen mit Beatrix - Klostergründer.
Und was sich im Folgenden auf der Tafel findet, finde ich echt beeindruckend, nämlich, dass Otto zusammen mit seiner Frau, zurückgekehrt aus dem Heiligen Land, eine große soziale Idee verwirklichte: Neues Siedlungsland wurde dem Wald entrissen - damals hatten die Menschen ja noch ein anderes Verhältnis zum Wald, der ja nicht, wie heute, in irgendeiner Form gepflegt wurde -, die Klosteruntertanen erhielten tragbare Abgabesätze und wurden den Machtkämpfen der Mächtigen entzogen. So setzten Otto und seine Frau die Ideen des heiligen Franziskus und der heiligen Elisabeth um, die damals das Denken der Menschen, die für sie offen waren, beeinflussten. Otto und Beatrix waren es, und sie handelten danach!



Auf der folgenden Tafel findet sich noch einmal eine Zusammenfassung der Burg-Geschichte:


Im Übrigen finden sich noch weitere Informationstafeln, z.B. zum Kloster Frauenrode, dem Saale-Burgenweg und dem Burgen-Radwanderweg.


Wer zur Saale hinabsteigt und Lust auf ein Eis hat, möge einen kleinen Umweg über den Mac Donalds machen, der ganz in der Nähe der Lindes-Mühle liegt, einem imposanten alten Mühlen-Bau, der heute (leider) die Stadtwerke beherbergt:


Die Rückansicht von der Saale her:


Man mag ja zu Mac Donalds stehen, wie man will -, aber das Vanilleeis mit Schokoladensauce für 1,20 € ist best of world! (Ich sehe Otto und Beatrix im Himmel nicken :-)

Zum Schluss noch ein Blick auf die Saale, die sich in und um Bad Kissingen einfach zum Teil wunderschön durch die Landschaft mäandert:



PS Sicherheitshalber und korrekterweise sei noch angemerkt, dass man vor 800 Jahren für 1200 Mark sicherlich 10 Jahre bestens hätte leben können :) - Ronaldo hätte man sicherlich für 30 Mark zum FC Akkon transferiert :)

Donnerstag, 20. August 2015

Unter einer Dunstglocke, wie gelähmt: Sind wir alle kleine Merkels?

In diesem Land gibt es kein offenes, befreites Lachen mehr. Alles ist wie sediert. Eine große Lähmung hat sich breitgemacht. De Bundesbürger, glaubt man den Umfragen - ich traue Letzteren nicht -, finden das normal, ja gut:
So erfolgreich war und ist das große Sedativum Merkel.
Eine echte Medusa, nur dass ihr Gift schleichend wirkt. Nun schon zehn Jahre.

Vielleicht geht es Ihnen auch so: Es ist so schön, hin und wieder befreit zu lachen, in strahlende Augen zu sehen, einen wirklich lebendigen Menschen vor sich zu haben.

Mir scheint, dass in Deutschland die Erinnerung daran, dass es so etwas gibt, mehr und mehr verblasst, womöglich schon gänzlich verdrängt ist.

Sie wissen, wie Frau Merkel lacht?
Sie kennen dieses verkniffene Schmunzeln?

hier weiterlesen

Mittwoch, 12. August 2015

Gott reift!

Für mich ist es eine wirklich schwierige Frage, ob Gott immer der ist, der er seit Ewigkeiten war, oder ob er sich verändert, wo ich ihn mir doch nicht einmal vorstellen kann und im Grunde keine Ahnung habe, wer er ist, nur glaube, dankbar zu sein dafür, dass ich überzeugt bin, dass es ihn gibt.
Wenn er sich verändert, wo verändert er sich dann hin?
Vielen - mittlerweile sind es bei der scheinbar zunehmenden Säkularisierung unserer Erde vielleicht nur noch manche Menschen - gibt ja auch der Glaube in die Unveränderlichkeit Gottes, in die Unveränderlichkeit der Liebe Gottes Vertrauen in das Leben, in das Sein.

Möglicherweise allerdings habe ich eine falsche Vorstellung von Vollkommenheit.
Vielleicht bedeutet Vollkommenheit gerade: Veränderbarkeit. Reife.
Ewige Reifung. Vertrauen in den Kosmos. Die ewige Ordnung.

Wie sehr ist doch Dante Alighieris Göttliche Komödie noch geprägt von dem Vertrauen in diese ewige Ordnung. So ein Buch fehlt unserem Inneren.

Auch wenn Dante noch Ptolemäer war und seine Erde und er der Mittelpunkt des Alls:
In Wirklichkeit sind wir - und vielleicht werden wir es auch immer sein - Ptolemäer und fühlen uns und unsere Erde als Mittelpunkt und lassen die Sonne auf und untergehen.

Rainer Maria Rilke jedenfalls hat sich, was obige Frage betrifft, entschieden, zu erkennen in einem Gedicht, 1899 in Berlin geschrieben und erschienen in seinem Buch vom mönchischen Leben:

Daraus, dass einer dich einmal gewollt hat,
weiß ich, dass wir dich wollen dürfen.
Wenn wir auch alle Tiefen verwürfen:
wenn ein Gebirge Gold hat
und keiner mehr es ergraben mag,
trägt es einmal der Fluss zutag,
der in die Stille der Steine greift,
der vollen. 
Auch wenn wir nicht wollen:
Gott reift.

Das Reifen und Sinnen Gottes ist für Rilke womöglich nie vorbei:

Dein allererstes Wort war: Licht:
da ward die Zeit. Dann schwiegst du lange.
Dein zweites Wort ward Mensch und bange
(wir dunkeln noch in seinem Klange)
und wieder sinnt dein Angesicht. 

Wobei Rilke eines weiß und in einer Frage formuliert:

Ich geh doch immer auf dich zu
mit meinem ganzen Gehn;
denn wer bin ich und wer bist du,
wenn wir uns nicht verstehn?

Gott ist, was wir in uns verstehen.
So ist er für manche, für viele nichts, und Glauben ist ein zunehmendes Sich-Verstehen und es gilt für unsere Zeit - und unsere Kinder:

Manchmal steht einer auf beim Abendbrot
und geht hinaus und geht und geht und geht, -
weil eine Kirche so im Osten steht.
 
Und seine Kinder segnen ihn wie tot. 
Und einer, welcher stirbt in seinem Haus,
bleibt drinnen wohnen, bleibt in Tisch und Glas,
so dass die Kinder in die Welt hinaus
zu jener Kirche gehn, die er vergaß. 

Donnerstag, 6. August 2015

Gut Ding will Weile haben - auch bei der Geburt. Das gilt gerade für das Abtrennen der Nabelschnur!

In der Huffington Post erschien ein interessanter Beitrag über die Forschung schwedischer Wissenschaftler, die feststellten, dass ein zu rasches Abtrennen der Nabelschnur womöglich lebenslange Folgen haben kann.

Hier ein Auszug:
Die Vierjährigen, deren Nabelschnur erst nach drei Minuten durchtrennt worden waren, schnitten in verschiedenen Tests zur Feinmotorik, Sozialkompetenz und Persönlichkeitsbildung deutlich besser ab als die Kinder in der anderen Gruppe. Das zeigte sich bei Jungen noch sehr viel deutlicher als bei Mädchen.

http://www.huffingtonpost.de/2015/05/27/nabelschnur-neugeborene-durchtrennen_n_7448700.html?ncid=fcbklnkdehpmg00000002

Donnerstag, 30. Juli 2015

ich far do hin mein strassen / in fremde landt do hin

Die Flüchtlingsströme der Gegenwart, die immer neuen Wellen von Vertreibung und Verbannung sind kaum noch zu zählen. Gut möglich, dass man das 20. Jahrhundert einmal das der Flüchtlinge nennen wird ..."

Die Aussage des aus Pommern stammenden, in Düsseldorf und Diepholz arbeitenden und 1905 verstorbenen Künstlers Hans-Albert Walter lässt die dramatische Zuspitzung der diesbezüglichen Situation zu Beginn unseres Jahrhunderts so richtig deutlich werden, denn das 21. Jahrhundert könnte schon jetzt dabei sein, in puncto Vertreibung und Heimatlosigkeit dem 20. den Rang abzulaufen; die Aussage Walters ruft in uns aber auch vor Augen, dass die Geschichte der Menschheit schon immer auch eine Geschichte von Völkerwanderungen war, von Vertreibung, Heimatverlust und Exil. Bisweilen waren es ganze Völker, die förmlich verlegt wurden. Die bablonische Gefangenschaft der Juden verweist darauf, aber auch die Verwerfungen ganzer Volksstämme im Rahmen hunnischer und langobardischer Einfälle an den Flanken Europas.
Die Entstehung des mittelalterlichen Europa ist auch eine Geschichte von Angst, Schrecken, Vertreibung, Not, aber auch von umsichtigem politischem Handeln, beispielsweise von Theodosius dem Großen.

Die Kirchen ducken sich feige weg!

Heute haben wir andere Voraussetzungen, mit den Flüchtlingsströmen, die nach Europa hereinbranden, umzugehen. Was die Situation schwierig macht, ist, dass gerade in diesem zeitgeschichtlichen Moment insgesamt ein ethisches Gerüst endgültig weggebrochen zu sein scheint, das eine große Hilfe hätte sein können, in der aktuellen Situation menschlich, ökonomisch und ingesamt politisch verantwortlich zu handeln. Dass manche Staaten sich schlicht weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, zeigt, dass es zu Teilen auch nicht mehr die geringste christliche Substanz gibt, ja auch keine ethische.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Kirchen sich feige wegducken und de facto keine Stellung nehmen in den aktuellen innenpolitischen Diskussionen. Dabei ginge es ihnen nicht so wie jenen, die auf christlich-ethische Standpunkte verweisen und die dann vehement in eine Ecke geprügelt werden, hingestellt als Moralapostel und Illusionäre.
Das mag deutlich machen, wo Europa heute menschlich steht; es mag dem ein oder anderen aber auch einen Hinweis geben, dass diese Herausforderungen kein Zufall sind.

Vielleicht kommen sie noch rechtzeitig, um aufzuzeigen, wie sehr ein überzogener Individualismus - das gilt auch für den Individualismus manchen Staates - und Materialismus die Menschheit in eine völlig falsche Richtung treibt.
Dass Länder wie Österreich und Deutschland sich ihrer Aufgabe nicht entziehen, auch nicht der damit einhergehenden notwendigen Diskussionen und dem Ringen um eine angemessene Lösung, rechne ich persönlich ihnen und dem Land, in dem ich lebe, hoch an.

Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun

Wir erleben heute in weltweitem Maßstab, was Menschen schon immer erleben mussten und was ein unbekannter Verfasser schon 1539 in seinem Lied festgehalten hat, wenn er schreibt:

Insbruck, ich muß dich lassen, / ich fahr do hin mein straßen, / in fremde Land do hin. / mein freud ist mir genomen / die ich nit weiß bekummen, / wo ich im elend bin.

Und mancher mag anlässlich der Worte des Andreas Gryphius, die jener angesichts der Zerstörung seiner Heimat gegen Ende des Dreißigjährigen Kriegs schrieb, an das Grauen, das der IS verbreitet, denken:

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret. 
Die Türme stehn in Glut, die Kirch' ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd't, und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret. 
Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen. 
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
Daß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.

Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh' ich wieder aus.

Wie ein roter Faden durchziehen die Lieder von Heimatverlust und Exil die deutsche Literatur, so auch das von Joseph Schaitberger 1771 geschriebene:

Ich bin ein armer Exulant, / also muss ich mich schreiben.
Man tut mich aus dem Vaterland / um Gottes Wort vertreiben.
Doch weiß ich wohl, Herr Jesu mein, / es ist dir auch so gangen.
Jetzt soll ich dein Nachfolger sein; / mach´s Herr, nach dei´m Verlangen. 
Ein Pilgrim bin ich auch nunmehr, / muß reisen fremde Straßen,
drum bitt ich dich, mein Gott und Herr, / Du wollst mich nicht verlassen.
(...)

Im deutschen Vormärz und bei Heinrich Heine häufen sich dann die Lieder und Gedichte, die thematisieren, was Wilhelm Müller in der von Franz Schubert so unnachahmlich vertonten Winterreise so formuliert: Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh' ich wieder aus . . .

Manche Strophe, gerade auch von Heinrich Heine, lässt zu Herzen gehen, was vielen ein heute weitgehend unbekannter Verfasser, Theodor Kramer, der 1916 im Ersten Weltkrieg schwer verwundet, 1939 nach England emigieren musste und 1957 in seine Heimat nach Wien zurückkehren konnte, wo er ein Jahr später starb,1943 verfasste, indem er in Form der Stanze in fünfhebigen paarreimigen Versen metrisch so traditionell einen Inhalt vermittelt, der damals so brandaktuell und für viele galt:

Stehn meine Bücher, die ich vorm Verreisen
dir schenkte, noch auf deinem Bücherbord,
das roch nach Leder, Lack und schwarzem Eisen?
(Wir nahmen vielen noch den Umschlag fort.)
Kommst du dazu, in ihnen noch zu lesen,
wenn sacht am Licht der Wände Schatten zehrt
und wenn im Hinterhof der dürre Besen
des kranken Baums im Wind ans Fenster fährt?
(. . .)
Kann man bei euch die Freundschaft noch bewahren,
und macht, versteckt, ein Blick noch warm ums Herz?
Ich weiß es nicht und werd es erst erfahren,
bis es nicht Feuer regnet mehr und Erz.
Nichts kann ich tun, lang lieg ich wach im Leisen
und spür, wie mir der Laut im Mund verdorrt;
stehn meine Bücher, die ich vorm Verreisen
dir schenkte noch auf deinem Bücherbord?

Pars pro toto stehen hier die Bücher für die verlorene Heimat und den Schmerz, den das lyrische Ich empfindet.
In den unterschiedlichsten Schattierungen finden wir solche und ähnliche Schicksale gestaltet in den Gedichten von Bertolt Brecht, Hilde Domin, Rose Ausländer und Erich Fried.
Sie geben Zeugnis von Schicksalen, denen wir heute in so starkem Ausmaß wieder begegnen, dass sie uns zu überfordern drohen.

Es mag uns darüber nachdenken lassen, warum wir als Individuum nicht in ein Leben hineingeboren worden sind, das so unstet verläuft wie das so vieler Menschen auf unserem Planeten.

Mittwoch, 22. Juli 2015

Seehofer ist wirklich ein Vollhorst! (Bruno Jonas hat so Recht!)

„Wir müssen rigorose Maßnahmen ergreifen.“ – Wer in der derzeitigen Situation, da sich bei manchen Menschen das Unterste nach oben kehrt, geistig so zündelt, hat meines Erachtens auf der politischen Bühne in Deutschland nichts verloren.

Charakterlich ist Horst Seehofer noch nie überschätzt worden. Dass er aber - momentan sind Flüchtlinge bei uns wahrlich nicht mehr sicher - zu solchen Sätzen greift, wohl wissend, dass sie bei Akademikern nur wenig auslösen, bei denen aber umso mehr, die den Hass gegen Mitmenschen womöglich bis zur Kainsart ausleben, das ist so niedrig, dass er die Rote Karte für das politische Feld verdient.

Wartet erst mal den Herbst und Winter ab, sagt Seehofer.

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