Montag, 29. September 2014

Kore, Heilige Jungfrau der Griechen, Herz der Welt und Seele der Erde.

Über Kali Ma, Urgrund und Mutter der Welt, wie sie in dem Gebet einer tantrischen Schrift bezeichnet wird, bin ich auf die griechische Göttin Kore gestoßen und ihr Bild hat mich fasziniert - vielleicht, weil sie so ganz anders wirkt als die hinduistische Göttin, deren Bild in der westlichen Welt geprägt ist durch ihr zerstörerisches Wesen, ihr alles Leben verschlingendes Sein. Sie steht für die schreckliche, dunkle Mutter, in die Männer gern archetypische Urängste projizieren. Doch wird überliefert, dass Poeten viel mehr innige Rufe des Herzens vernommen haben, wenn sie die Gottheit nicht als Vater, sondern als Mutter verstanden. 
Die Dichter der Kali Ma näherten sich, so lesen wir in Das geheime Wissen der Frauen, einem hervorrragenden und viele wenig bekannte Quellen ausschöpfenden Lexikon, der Göttin in Liebe und es heißt:


Nur im Fühlen ist sie zu erkennen. 
Wie also könnte Mangel an Gefühlen Sie finden?

In wenigen Worten wird hier das Dilemma westlich-männlichen Denkens aufgezeigt, für das unvorstellbar ist, dass Erkennen im Fühlen gründet. Vielleicht bleibt deshalb so vielen Männern der Zugang zu Kali Ma - manche der älteren Namen Kalis finden sich übrigens sogar in der Bibel wieder - versperrt; vielleicht ist darin der Grund zu sehen, dass vor allem ihr zerstörerischer Aspekt, der darauf basiert, dass mütterliches Sein immer auch den Tod, der zum Leben gehört, mit einschließt, so dominieren muss. Nur über das Fühlen nämlich schließt sich in Wirklichkeit auf, dass auch Tod in Liebe gebettet ist. Dieser Zugang aber bleibt westlich geprägtem Erkennen meist verwehrt. 
Dabei heißt es über Kali Ma:" Ohne Tod sind diejenigen, die an der Brust der Mutter des Universums lagen." Schatzhaus des Mitleids wurde sie genannt, Lebensspenderin der Welt. Zugleich aber war sie auch Kundalini, die weibliche Schlange, und glich damit der archaischen Schlangenmutter, der ägyptischen Weltschöpferin. 
Solche Zusammenhänge nun überfordern in aller Regel Theologen und Denker christlicher Provenienz, deren Gottesvorstellung geschichtslos aseptisch ist, keimfrei und nicht wirklich. Auch darin liegen Gründe, warum das Christentum sich heute so schwer tut. Die Welt zerfällt nicht in Heiden und Christen. Bewusstsein fließt durch alle Zeiten.

Zurück zu Kore:
Die ebenmäßigen ausdrucksstarken Züge, die so viel Selbstachtung ausstrahlen, haben mich sogleich fasziniert.




In Das geheime Wissen der Frauen ist zu lesen:
Die Heiligtümer bei Karnak in Ägypten sowie die bei Carnac in der Bretagne waren gigantische Tempel und Bestattungskomplexe, die vor über 5000 Jahren der Göttin Kar oder Kore geweiht waren. In Frankreich gab es vergleichbare Heiligtümer an Orten mit ähnlich klingenden Namen: Kerlescan, Kercado, Kermaria (...)
Car oder Carna war den Römern bekannt als »eine Göttin aus den alten Zeiten«; die archaische Form, in der sie verehrt wurde, hing mit den Karneia-Festen in Sparta und dem klassisch römischen Karneval zusammen. Mitunter tauchte auch die Gottheit Carmenta auf, d.h. »Geist von Car«; ihr wurde die Erfindung des römischen Alphabets zugeschrieben. Ein sehr alter Tempel auf dem Caelius war dieser Göttin geweiht. Eine spätere Abwandlung ihres Namens war Ceres, das Ursprungswort für Wörter wie Korn, Kern, Zerealien, Kardia usw.
Faszinierend, die Bedeutung des Ewig-Weiblichen, wie es sich hier weltweit zeigt; der große Weise aus Weimar wusste schon, warum er es am Ende seines Faust II so eindeutig hervorhebt.
Goethe, der in einem protestantischen Elternhaus aufgewachsen und streng lutherisch erzogen worden war, lässt dennoch sein über fast 60 Jahre hin verfasstes Werk katholisch-marianisch enden: Mit der Mater Gloriosa taucht ganz am Ende Maria auf und zuvor schon ein Doktor Marianus.

Die Gottesmutter wendet sich an das ebenfalls anwesende Gretchen, um der Seele des verstorbenen Faust zu helfen:
Komm! hebe Dich zu höhern Sphären!
Wenn er Dich ahnet, folgt er nach. 
Maria weiß sehr genau, wie Männer zu beeinflussen sind und so kann der Chorus Mysticus singen:
Das Unbeschreibliche,
Hier ist´s getan.
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.
Das gilt für Jahrtausende, die wir überschauen!

Nicht von ungefähr wird das griechische kardia und das lateinische cor - beide bedeuten in ihrer Sprache Herz - von den Namen der vorchristlichen Göttinnen abgeleitet.

Kali Ma, Kore, Maria:  vielleicht EIN Strom kosmisch-weiblicher Energie.

Montag, 22. September 2014

Vom Wilden Mann, dem Herrn der Tiere, dem Gott der Tiefe, der Wunden und des Opfers

Zu Beginn des Brüder-Grimm-Märchens Eisenhans finden wir den Wilden Mann in einem Tümpel.
Vermutlich haben ihn die Menschen da untergebracht, denn seiner würdig ist dieser Ort nicht.

Als tanzender Herr aller Geschöpfe finden wir ihn an den Wänden der Dordogne-Höhlen, die vermutlich ungefähr 12 ooo v. Christus entstanden.
Robert Bly schreibt bezeichnenderweise:
In unserer industriell geprägten Gesellschaft ignorieren wir die Große Mutter, und wir ignorieren auch den Gebieter der Tiere. Wir gehören zu den ersten Menschen in der Geschichte, die versucht haben zu leben, ohne ihn und seine Tiefe zu ehren, seine Verletztheit und sein Wissen um ein angemessenes Opfer. Das hat dazu geführt, dass unsere Opfer unbewusst, regressiv, sinnlos, undifferenziert, selbstzerstörerisch und sehr groß geworden sind.
Um 1515 hat der deutsche Maler Schweiger ein eindrucksvolles Bild von Maria Magdalena als Wilder Frau gemalt. Vielleicht wusste Jesus sie als solche zu schätzen - wer weiß.

Ich glaube, es ist nicht in seinem Sinn, dass sich das Christentum so sexualitätsfeindlch und asketisch aufführte. Kein Wunder schlägt heute die Sexualität völlig degenerierte Kapriolen.
Augustinus sagte, ein Mann schäme sich von Natur aus seiner körperlichen Begierden und Männer der ersten nachchristlichen Jahrhunderte flehten, so berichtet Justinus, Chirurgen an, sie zu kastrieren.
Dahinter stand die Ansicht, Sexualität verhindere geistiges Wachstum.

Ohne dass ein Mann in sich den Wilden Mann befreit - und um das zu können muss er den Schlüssel zum Käfig des Wilden Mannes unter dem Kopfkissen der Mutter entwenden (!) -, bleibt er ein Leben lang Handlanger seiner Mutter, ein großer Bub, der nicht wirklich eine erwachsene Frau finden kann, denn die duldet Gott sei Dank keine Mutter neben sich. Dafür findet der große Bub vielleicht eine Frau, die ihren Vater mitbringt.
Im Inneren dieser Menschen ist der Weg zum Großen Vater und zur Großen Mutter damit aber gewiss verbaut.

Die langjährige Jung-Mitarbeitern Marie-Louise von Franz stellte fest, dass ihr in den letzten Jahrzehnten in Träumen von Männern und Frauen eine Figur aufgefallen sei, die sprirituell sei, aber auch von Haaren bedeckt (übrigens: Maria Magdalena oben war das auch!), eine Art behaarter Christus. Sie war der Auffassung, dass die Seele heute nach einer neuen Figur verlange, einer religiösen, aber doch auch haarigen Figur, die in Verbindung stehe mit Gott und der Sexualität, mit dem Geist und mit der Erde.

Das impliziert eine haarige Forderung, zu haarig für die aseptischen Menschen heute, die doch den Körper von allen Haaren befreien - gewiss kein Zufall. 

Samstag, 20. September 2014

Herbert Grönemeyer - Der Mond ist aufgegangen

Vorhin suche ich für mein Webinar eine Version von Der Mond ist aufgegangen und finde das:





Nur schön!

Donnerstag, 18. September 2014

Die Generation Event startet wieder durch!

Das neue Schuljahr hat allüberall begonnen und der Trend wird sich weiter verstärken, dass das Normale, Alltägliche nicht mehr zählt, es sei denn, es wird zum Event.

Aufmerksam wurde ich auf diesen Aspekt, als mir vor den Großen Ferien eine Sportkollegin und dreifache Mutter genau das berichtete, dass nämlich jeder Kindergeburtstag, jedes mögliche Ereignis, das sich dafür eignet, zum Event stilisiert werden muss; sonst – so möchte ich den Gedanken fortführen – zählt es nicht, sonst ist es für ein Kind womöglich eine defizitäre Veranstaltung nach dem Motto: Wenn Du mich liebst, mach ein Event!

Sind intrinsisch Motivierte zunehmend von gestern?

Kinder, die nur vom Drei-Meter-Brett sprangen, wenn der Lehrer oder Klassenkameraden zusahen, gab es schon immer. In der Motivationspsychologie nennt man sie extrinsisch motiviert. Es gab oder gibt aber auch schon immer die anderen, denen es schnurzpiepegal ist, ob jemand zuguckt oder nicht: Sie springen, und ihr Sprung ist FÜR SIE ein Erlebnis, es ist ein ERLEBNIS AN SICH.

Dass ein Kind von Natur aus in die ein oder andere Richtung tendiert, mag sicherlich sein; natürlich aber gibt es eine Erziehung, die Kinder von Lob und Tadel abhängig macht und extrinsische Motivation schon früh konstelliert.

Und es gibt eine gesellschaftliche Entwicklung, die das ebenfalls fördert, denn was wir seit einiger Zeit wahrnehmen können, ist, dass in einem vorher nicht gekannten Ausmaß Menschen Dinge tun, nur, weil sie für andere ein Ereignis sind. Und diese Tatsache stilisiert sie in ihren eigenen Augen als Person offensichtlich zur beachtenswerten Persönlichkeit. Der Schein, das Event wird zum Zweck der Existenz. Damit einher geht, dass es nicht mehr primär darum geht, etwas selbst zu erleben, sondern damit prunken zu können, etwas erlebt zu haben.

Erfahrung im Sinne einer Persönlichkeitsbildung spielt immer weniger eine Rolle; Er-Leben degeneriert zum Event, zum Like-Auslöser auf diversen Plattformen.

Nur was geil ist, zählt.

wer weiterlesen möchte: hier

Dienstag, 16. September 2014

Wir sind von Natur aus Künstler des Lebens!

Man kann nicht erwarten, daß wir alle Wissenschaftler sind, aber wir sind von Natur aus so beschaffen, daß wir alle Künstler sein können — natürlich nicht bestimmte Künstler wie Maler, Bildhauer, Musiker, Dichter usw., sondern Künstler des Lebens. Dieser Beruf, »Künstler des Lebens«, mag neu und ziemlich seltsam erscheinen, aber tatsächlich sind wir alle als Künstler des Lebens geboren. Aus Unwissenheit jedoch üben die meisten von uns diese Kunst nicht aus, und das Ergebnis ist, daß wir unser Leben verpfuschen, indem wir fragen: »Was ist der Sinn des Lebens?« »Stehen wir nicht vor dem puren Nichts?« »Wohin gehen wir, wenn wir achtundsiebzig oder sogar neunzig Jahre alt geworden sind? Niemand weiß es« (...) Wie ich höre, ist dies der Grund für die Neurosen, an denen die meisten modernen Männer und Frauen leiden. Aber der Anhänger des Zen kann ihnen sagen: sie haben alle vergessen, daß sie als Künstler, als schöpferische Künstler des Lebens geboren wurden und daß sie von Neurosen, Psychosen, oder wie sie ihre Leiden auch nennen mögen, geheilt sein werden, sobald sie diese Tatsache und Wahrheit erkannt haben.

Was versteht man nun unter einem Künstler des Lebens? Soviel wir wissen, müssen alle Arten von Künstlern irgendein Instrument benutzen, um sich auszudrücken und ihre Schöpferkraft in irgendeiner Form zu demonstrieren. Der Bildhauer benötigt Stein, Holz oder Ton sowie Meißel oder irgendwelche anderen Werkzeuge, um seine Ideen auf das Material zu übertragen. Aber ein Künstler des Lebens braucht nicht aus sich herauszugehen. Alles Material, alles Werkzeug, alle technische Handfertigkeit, die normalerweise erforderlich sind, trägt er vom Augenblick seiner Geburt, ja vielleicht schon bevor ihn seine Eltern geboren haben, in sich. Das ist ungewöhnlich und außerordentlich, sagen Sie vielleicht, aber wenn Sie ein wenig darüber nachdenken, werden Sie sicherlich verstehen, was ich meine. Wenn nicht, will ich es Ihnen noch genauer erklären: 
Der Körper, der physische Körper, den wir alle besitzen, ist das Material und entspricht der Leinwand des Malers, dem Holz, Stein oder Ton des Bildhauers, der Geige oder Flöte des Musikers, den Stimmbändern des Sängers. Und alles, was zum Körper gehört wie Hände, Füße, Rumpf, Kopf, Eingeweide, Nerven, Zellen, Gedanken, Gefühle, Sinne - kurz alles, was die gesamte Persönlichkeit ausmacht -, ist gleichzeitig das Material und das Werkzeug, mit dem der Mensch seine schöpferische Begabung in Verhalten Benehmen, in alle Formen von Handlungen, kurz in das Leben selbst umformt. 
Das Leben eines Künstlers des Lebens spiegelt jedes Bild wider, das er aus der unerschöpflichen Quelle seines Unbewußten erschafft. Jede seiner Taten ist Ausdruck seiner Originalität, Schöpferkraft und lebendigen Persönlichkeit. In ihm gibt es keine Konventionalität, keine Konformität, keine hemmende Motivierung. Er bewegt sich so, wie es ihm gefällt. Sein Verhalten ist wie das des Windes, der bläst, wie er mag. Sein Ich ist nicht in seiner fragmentarischen, begrenzten, gehemmten egozentrischen Existenz eingekerkert; er hat sein Gefängnis verlassen. 
Einer der großen Zen-Meister der Tang-Dynastie sagt: »Ein Mensch, der allüberall Herr seiner selbst ist, ist stets sich selbst treu.« Diesen Menschen nenne ich den wahren Künstler des Lebens. 
Sein Ich hat das Unbewußte, die Quelle unendlicher Möglichkeiten berührt. Er ist »Nicht-Geist«. 
Der hl. Augustinus sagt: »Liebe Gott und tu, was du willst.«

Daisetz Teitaro Suzuki in Zen-Buddhismus und Psychoanalyse

Samstag, 13. September 2014

DA BACH HAD SEHNSUCHT NACH'N FLUSS UND DA FLUSS HAD SEHNSUCHT NACH'N MEER

Einer meiner absoluten Lieblingssätze - von einem Mann, der viele merkens-werte und bemerkenswerte Sätze geschrieben hat und leider viel zu früh, 2007, verstorben ist, als er einem Krebsleiden erlag: Georg Danzer.

Ein weiterer wichtiger Satz kommt ebenfalls in dem folgenden Lied vor:

KA MENSCH WIRD OHNE SINN GEBURN ...

Ja, jeder Mensch, wenn er geboren wird, ist gleichsam in den Sinn seines Lebens eingebettet.
Leider gibt es viele Einflüsse, die doch viele, zu viele Menschen in Brackwasser oder Kehrwasser treiben, wo sie ihr Leben verbringen. 
Leider üben Vater oder Mutter oft einen unseligen Einfluss auf den Lebenslauf ihrer Kinder aus. Morgen, anlässlich meines Webinars, werde ich etwas ausführlicher darauf eingehen, was die C.G.Jung-Mitarbeiterin Marie-Louise von Franz über die männliche Seite in der Frau, den sogenannten Animus schreibt:
Der Vater gibt dem Geist der Tochter die spezifische Färbung jener erwähnten undiskutierbaren Ansichten 〚ein Aspekt, wie sich der Animus in einer Frau zeigen kann, worüber vorher geschrieben worden war〛, die so oft die Wirklichkeit der Tochter verfehlen. Leider merkt eine Tochter zu oft nicht, dass sie Ansichten vertritt, die gar nicht die ihren sind.
Ohne dass wir es merken, steuert manche Mutter das Leben ihres Sohnes - übrigens auch noch nach ihrem Tod - und dasselbe kann der Vater mit der Tochter tun. Kann, muss nicht - wir haben vieles in unserem Leben zu enttarnen und besonders skeptisch bin ich immer, wenn ich von jemandem höre: Ich habe ein ganz liebes Elternhaus gehabt.
"Liebe" kann so erdrückend sein, wenn Kinder immer lieb sein wollen, weil doch die Eltern so lieb sind/waren. - Vorsicht!

Der Sinn unseres Lebens ist, dass wir das Meer erreichen, dass wir nicht in einen Seitenarm reinschwimmen und uns da häuslich niederlassen, sondern dass wir uns von den Wassern des Lebens tragen lassen.
An Danzers Lied habe ich mich erinnert, als ich mein Webinar am Sonntag vorbereitet habe, wo es um gefährliche Wasser geht.
Ja, wir müssen uns vor der Charybde in uns vorsehen und dass wir als Kann z.B. nicht - wie der Schiffer im kleinen Schiffe, wie es in Heines Lied heißt - an einer Loreley scheitern. 

Hier Georg Danzers Lied:

MEI LEB'N

DE MEISTN LEB'N IHR LEB'N AUF PROBE
OIS KENNT'N S' OLLAS WIEDAHOIN
DAUN KUMMANS DRAUF DASS DES NED WOA IS
UND FÜHN SI UM IHR LEB'N BESCHDOIN
DAUNN WEANS GEHÄSSIG UND VABITTERT
UND WOIN DE JUNGAN EINEDRAHN
AUS REINA BOSHEIT UND AUS RACHE
WEUS SÖWA FEIGE SCHWEINE SAN

I HOIDS JEZD NIMMA LÄNGA AUS
UND DI ENTSCHEIDUNG FALLT NED SCHWER
DA BACH HAD SEHNSUCHT NACH'N FLUSS
UND DA FLUSS HAD SEHNSUCHT NACH'N MEER
MEI LEB'N IS MEI LEB'N
UND MEI LEB'N GHEAD MIA

I WASS GENAU, DASS IHR NED RECHT HABTS
UND WÜ NIE SO WERD'N WIE IHR
WEU EICHRE G'SICHTA SAN AUS PLASTIK
UND EICHRE HERZ'N AUS PAPIER

A HOFFNUGSLOSER OPTIMIST
IS ANA, DER AUNS GUADE GLAUBT
UND DEM, A WAUN ER TRAURIG IS
NIX AUF DA WÖD DIE HOFFNUNG RAUBT
MEI LEB'N IS MEI LEB'N
UND MEI LEB'N GHEAD MIA
(KANN VODA, KAN LEHRA, KAN MASTA, KAN SCHDOD)

UND ANS, DES MUASST DA TÄGLICH SCHWÖR'N
DI NIE UND NIMMA AUFZUGEB'N
DAUN KÄMPFST AN EHRENWERT'N KAUMPF
DES IS DA KAUMPF UMS ÜBERLEB'N
I HOB SO SEHNSUCHT NACH MIA SÖBST
I WÜ MEI LEB'N NED VERTUAN
I WASS NED FÜ, NUA ANS IS G'WISS:
KA MENSCH WIRD OHNE SINN GEBURN ...

Sonntag, 7. September 2014

Warum die Großmutter Groß-Mutter heißt und was man von Rotkäppchen lernen kann!

Man kann als Lehrer nicht umhin zu erkennen, dass Großeltern für Kinder eine bedeutende Rolle spielen. Bisweilen überwinden sie den Tod von Großvater oder Großmutter nur schwer. Jedenfalls habe ich das wiederholt festgestellt, wenn ich Klassenlehrer einer 5. und 6. Klasse war.
Immer wieder, wenn Kinder von ihrer Familie erzählt haben, dann taten sie das besonders liebevoll von der Großmutter, übrigens mehr noch als von dem Großvater.
Bei C.G. Jung habe ich gelesen, dass, wenn das kindliche Ich sich entwickelt und einen mehr und mehr differenzierenden Blick auf die eigene Mutter erlaubt, die Großmutter als Große Mutter in den Vordergrund rückt.
Die Große Mutter ist ja nach Ansicht des bedeutenden Schweizer Psychologen ein Archetypus in der menschlichen Seele, also ein Grundmuster, was jeder Mensch in sich trägt. Jeder hat in seiner Seele einen Platz für etwas, was Jung als etwas bezeichnet, das einer Idee im Sinne des griechischen Philosophen Platon gleichkommt, eine ursprüngliche Wesenheit.
Was da vorhanden ist - gleichsam ein Platzhalter, der gefüllt sein will - wird in jedes Menschen Leben in der Regel ausgefüllt durch die reale Mutter. Und wenn auf diese nicht mit der Zeit eine differenzierende, distanzierte Sicht eintritt, dann wirkt diese Mutter - gleichsam als Große Mutter - aus dem Urgrund der Seele ein Leben lang. Gerade bei einem Mann ist das wichtig, denn seine weibliche Seite, seine Anima, ist ja maßgeblich durch sie geprägt. Sie kann in seinem Leben als depressive Laune, Reizbarkeit und ewige Unzufriedenheit auftreten, sie kann es sein, die dem Mann immer einflüstert, dass doch alles keinen Sinn habe, sie kann eine heimlich-unheimliche Angst vor dem Tod in ihm installieren. Letztendlich kann sie auch verantwortlich sein für eine gelebte Homosexualität.
Wenn das Ich eine differenzierende Sicht auf die eigene Mutter erlaubt, übernimmt die Großmutter die bisherige Rolle der Mutter.
Sie wird zur Groß-Mutter.
Sie ist dann die Gestalt, in die alles Gute und weniger Gute hineinprojiziert wird; sie ist Pool für die Wärmespenderin und die Höhle, in die man sich kuschelt genauso wie das Hexenhafte, das man in ihrem Wesen vielleicht zu erspüren vermag, für alles Numinose, Vergangene.
Die eigentliche Große Mutter kennt keine Differenzierung in Gut und Böse.
Unglaublich, was dieser Archetypus für Ausprägungen erfahren kann - Jung hat sie einmal in Die Archetypen und das kollektive Unbewußte aufgelistet:

die persönliche Mutter und Großmutter; die Stief- und Schwiegermutter, irgendeine Frau, zu der man in Beziehung steht, auch die Amme oder Kinderfrau, die Ahnfrau und die Weiße Frau, in höherem, übertragenem Sinne die Göttin, speziell die Mutter Gottes, die Jungfrau (als verjüngte Mutter, zum Beispiel Demeter und Kore), Sophia (...); die Materie, die Unterwelt und der Mond, in engerem Sinne als Geburts- oder Zeugungsstätte der Acker, der Garten, der Fels, die Höhle, der Baum, die Quelle, der tiefe Brunnen, das Taufbecken (...); im engsten Sinne die Gebärmutter, jede Hohlform (...); die Yoni; der Backofen, der Kochtopf; als Tier die Kuh, der Hase und das hilfreiche Tier überhaupt.
Im Wesen des Menschen ist all dies als Bewusstsein enthalten und wirkt über Märchen und Volkslieder.
Das ein oder andere findet sich auch als Inhalt in meinem nächsten Webinar Die Weisheit der Volkslieder (II): Gefährliche Wasser für Liebe und Leben.

Die reale Großmutter ist also wirklich oft eine Große Mutter - und es ist gut, dass sie es sein kann.
Wir brauchen dieses heimelige Gefühl, dieses Gefühl, daheim zu sein, ein Gefühl, dass uns die Große Mutter gibt - oder sagen wir: geben möchte, wenn uns der Zugang zu ihr nicht verstellt ist. Siegfrieds Kampf gegen den Drachen war auch ein Kampf gegen den negativen, zerstörerischen Aspekt der Großen Mutter. 

Gut, wenn man, wie Rotkäppchen, so einen wachen Animus, eine wache männliche Seite hat wie es in seinem Falle der Jäger ist; denn manchmal ist man nicht einmal in der Lage, den Wolf von der Großmutter zu unterscheiden.
Gut im Übrigen auch, wenn man aus Fehlern lernt; Rotkäppchen konnte das, es heißt nämiich bei den Gebrüdern Grimm,
daß einmal, als Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und ging gerade fort seines Wegs und sagte der Großmutter, daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: »Wenn's nicht auf offner Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.« »Komm«, sagte die Großmutter, »wir wollen die Türe verschließen, daß er nicht herein kann.« Bald darnach klopfte der Wolf an und rief: »Mach auf, Großmutter, ich bin das Rotkäppchen, ich bring dir Gebackenes.« Sie schwiegen aber still und machten die Türe nicht auf: da schlich der Graukopf etlichemal um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten, bis Rotkäppchen abends nach Haus ginge, dann wollte er ihm nachschleichen und wollt's in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte, was er im Sinn hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, da sprach sie zu dem Kind: »Nimm den Eimer, Rotkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog.« Rotkäppchen trug so lange, bis der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte und anfing zu rutschen: so rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein, und ertrank. Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Haus, und tat ihm niemand etwas zuleid.