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Donnerstag, 17. Januar 2019

Emporranken sich an vegetarischen Gedanken - Christian Morgenstern in weiser Voraussicht:


Der Hecht

Ein Hecht, vom heiligen Antōn
bekehrt, beschloß, samt Frau und Sohn,
am vegetarischen Gedanken
moralisch sich emporzuranken.

Er aß seit jenem nur noch dies:
Seegras, Seerose und Seegrieß.
Doch Grieß, Gras, Rose floß, o Graus,
entsetzlich wieder hinten aus.

Der ganze Teich ward angesteckt.
Fünfhundert Fische sind verreckt.
Doch Sankt Antōn, gerufen eilig,
sprach nichts als »Heilig! heilig! heilig!«

Mittwoch, 16. Januar 2019

Herz-Schmerz-Karneval der Gefühle: "... da schleicht der Mond so heimlich sacht" - hach, die deutsche Romantik!!

Wer annimmt, das folgende Gedicht - Nachts von Joseph von Eichendorff - gäbe meiner Meinung nach die wirkliche Seite der deutschen Romantik wieder, irrt sich gewaltig. Zu ihr gehört die Klarheit eines Novalis ebenso wie all jene Märchen, die das Böse mutig entlarven.

Böse nun ist das folgende nicht, aber so schön verführerisch:


Da schleicht der Mond so heimlich sacht
Oft aus der dunklen Wolkenhülle,
Und hin und her im Thal
Erwacht die Nachtigall,
Dann wieder alles grau und stille.
O wunderbarer Nachtgesang:
Von fern im Land der Ströme Gang,
Leis Schauern in den dunklen Bäumen –
Wirr’st die Gedanken mir.
Mein irres Singen hier.
  
Wie schreibt ein Interpret(in) auf der Lyrik-Datenbank Antikoerperchen:
Das lyrische Ich wandert durch die Nacht als der Mond zum Vorschein kommt. Es scheint aber etwas bedeckt zu sein, da er nicht nur einmal hervorkommt, sondern „[o]ft aus der dunklen Wolkenhülle“ schleicht. Hier wird besonders das Auge als Sinnesorgan angesprochen. Außerdem kommen gleich zwei sehr wichtige romantische Motive vor, nämlich die Nacht, die ja schon im Titel vorkommt und der Mond. Diese Motive tragen zu einer gewissen Mystifizierung der Szene bei, vielleicht gruselt sich das lyrische Ich sogar etwas. Es scheint aber kein negatives Gefühl zu sein, denn es gibt kein Wort das darauf hindeuten würde.
Gruseln: ja, aber kein negatives Gefühl?

Ein Mond, der schleicht, könnte einen schon hellhörig machen und irgendwie sind die Reime doch auch merkwürdig unrein: hülle auf stille und Thal auf -gall.


Wie so oft kein Zufall.

So schön einlullend der Beginn, wenn das lyrische ich durch die stille Nacht wandert (Stille Nacht, heilige Nacht ...). Kein Wunder ist sein Singen wie aus Träumen. Nur können Träume auch Alpträume sein und Singen kann so irre sein (in der Interpretation wird im Übrigen später auch darauf verwiesen), auch wenn der Nachtgesang als wunderbar bezeichnet wird. Dass er die Gedanken wirrt, kann man schon mal überlesen, zudem: Mancher und manche mag das. Denken kann manchmal so anstregend sein . . .

Nicht wenige finden auch Heines Lied von der Loreley (Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / dass ich so traurig bin ...) einfach so schön romantisch. Dass da ein Schiffer untergeht - was soll´s! Man muss einfach die Dinge getrennt sehen, die wunderschön singende Helene Loreley oben und den Fischer unten. Was hat das eine mit dem anderen zu tun!

Der Witz ist: Eichendorff macht eigentlich keinen Hehl daraus, dass das zweimal vorkommende stille sich mit grau kombiniert und dieses Singen irre ist und die Gedanken wirrt. Nur bietet er dem, der es so sehen möchte, den Nachtgesang als wunderbar an und Rufen aus Träumen ist doch auch irgendwie schön. So wie Sehnsucht.

Auch ein Eichendorff musste schließlich seine Gedichte und Novellen unters Volk bringen und Leutchen, die nicht so genau hingucken, gab es damals und gibt es heute. Das könnte ein Grund sein, warum er so dichtet.

Die Realität ist, und das wusste Eichendorff sehr wohl, dass beide angesprochenen Seiten in uns vorkommen, manchmal nur versteckt oder als Möglichkeit, manchmal ganz offensichtlich (unser Romantiker hat diese beiden Seiten hin und wieder auch in einer Person seiner Novellen aufblitzen lassen und sie nicht brav auf zwei verteilt).
Schade nur, dass so viele die deutsche Romantik mit dieser mondschleichenden, gedankenwirren und irr singenden Seite identifizieren. Die Romantik als Tiefenmöglichkeit der Seele hätte so viel Potential, Menschen aus unseligen Träumen zu reißen. Aus einer nur selbstmitleidigen Sehnsucht, einer, die das eigene Selbst so gerne einlullt.

Montag, 31. Dezember 2018

Trag dein Licht in die Welt!

"Trag dein Licht in die Welt", so hat eine liebe Freundin von mir eines ihrer Bilder genannt, mit dem ich alle Leserinnen und Leser grüßen und ein neues Jahr wünschen möchte, das ereignisreich in einem ganz positiven Sinne ist, in dem sich für uns alle immer wieder ganz freudvolle Augenblicke ereignen und Begegnungen stattfinden, die uns bereichern!

 


Mehr Bilder von Sigrid Jupitz aus dieser Serie und weitere, z.B. aus der Einhorn-Serie, findet ihr hier

Freitag, 28. Dezember 2018

Laß mich für die Erde / Sinnen, daß sie werde / Durch und durch verschönt! - Friedrich Rückerts ganz persönlicher Weltgesang.

Selten habe ich ein Gedicht gelesen, das thematisch so viel anspricht, so vielschichtig ist. Es ist wohl so wie jener Mann, der es geschrieben hat, der 50 Sprachen beherrschte und aus 44 Sprachen Texte übersetzte, der 10 Kinder zeugte, wobei seine auch durch die Vertonung von Gustav Mahler so bekannt gewordenen Kindertotenlieder zeigen, wie sehr er unter dem Tod zweier litt. 
Er hat über 1000 Gedichte geschrieben, was ein Leistungs-, aber noch kein Qualitätsnachweis ist. Als kleiner Anhaltspunkt aber sei gesagt, dass er mit einigen seiner Gedichte eigentlich in jeder Gedichtanthologie zu finden ist.
Das folgende findet sich nicht unter denen, die dort anzutreffen sind; wenn es nach mir ginge, stünde es dort. Es berührt mich schon gleich zu Beginn, wenn es über das eigene Leben und sein Verhältnis zur Welt heißt: Wo du mir geschwunden, / Hab' ich dich gefunden / Inniger in mir. - Worte, die mich berühren, weil sie eine Erfahrung betreffen, die auch ich gemacht habe: Wenn die Welt schwindet, die Vorstellung, die sich die Menschen und man selbst von ihr macht - und das geschieht eben manchmal und vor allem durch leidvolle Erfahrungen -, dann findet man etwas, was wert ist, Welt genannt zu werden und es ist möglich, dem Leben so produktiv-schöpferisch zu begegnen, wie Rückert das in der letzten Strophe tut.

Vorausschicken möchte ich zum besseren Verständnis noch, dass Rüster eine andere Bezeichnung für Ulmen sind, Brodem ausströmender Dunst bzw. Dampf und Unke eine recht flache Kröte, bauchseits mit Warnfarben, an der Oberfläche braun-grau-schwarz.


Friedrich Rückert (1788 - 1866)
 Waldstille.
..Tief im Walde saß ich,
Und die Welt vergaß ich,
Die nie mein gedacht;
Mich in mich versenkt' ich,
Und mein Sinnen lenkt' ich
In des Daseins Schacht.
...Welt, ich dein vergessen?
Erst dich recht besessen
hab' ich fern von dir.
Wo du mir geschwunden,
Hab' ich dich gefunden
Inniger in mir.
..Wie durch Bachkrystallen,
Dir mit Wohlgefallen
Schau' ich auf den Grund.
Du bist nicht so böse,
Wie du mit Getöse
Selbst es thuest kund.
..Draußen im Gewirre
Kann man werden irre,
Welt, an sich und dir;
Fern von deinem Rauschen
Kann ich dich belauschen
In mir selber hier.
..Leise hör' ich flüstern
Jedes Blatt der Rüstern,
Jegliches Gefühl
Sich im Busen regen,
Wie die Winde legen
Sich im Laubgewühl.
..Einen leisen Odem
Hör' ich, der den Brodem
Haucht hinweg vom Tag.
Du bist ohne Schleier,
O Natur, und freier
Geht mein Herzensschlag.
..Durch des Waldes Stille
Tönt die Sommergrille,
Und die Unk im Sumpf;
Lauter oder leiser,
Keine Stimm' ist heiser,
Keine Stimm' ist dumpf.
..Wer den Ton gefunden,
Der im Grund gebunden
Hält den Weltgesang,
Hört im lauten Ganzen
Keine Dissonanzen,
Lauter Uebergang.
..O Natur, du große
Mutter die im Schooße
Viele Kinder hält!
Lächelst recht von Herzen,
Wenn sie fröhlich scherzen,
Wie dir's wohlgefällt.
..Wenn die Kinder streiten,
Schlichtest du beizeiten,
Brauchest deine Macht;
Wenn sie sich verlaufen,
Sammelst du den Haufen
Doch zu dir bei Nacht.
..Deine Sonne wecket
Alles was bedecket
Goldner Schlummerduft.
Wache Lebenstriebe
Wiegst du ein in Liebe:
Wiege, Brautbett, Gruft!
Deine Arbeitsbienen,
..Kunsttrieb gabst du ihnen
Statt der Liebeslust.
Aber beide Flammen
Gossest du zusammen
In des Menschen Brust.
..Wo die beiden ringen
Werden sie bezwingen
Leben und den Tod,
Sich zum Himmel schwingen,
Und zur Erde bringen
Ew'ges Morgenroth.
Geisteswaffenschärfung,
Stoffes Unterwerfung,
Welterobrungskunst;
Hier den Forst zerschmettert,
Was ihn dort beblättert,
Stürmische Liebesbrunst.
..Auch der Haß ist Liebe,
Schöpfend mit dem Siebe
Statt der Schal' im Born.
Als ich hassen wollte,
Fühlt' ich nur, es schmollte
Kind'scher Liebeszorn.
..Du verzeihst den Kindern,
Aber weißt zu hindern
Ihre Unart auch.
Der ist wohlerzogen,
Dessen Hochmuthswogen,
Legt von dir ein Hauch.
..Laß mich auserkornen
Meinen blindgebornen
Bruder nicht verschmähn!
Was der Maulwurf wühlet,
Hat der Mensch gefühlet
Oder eingesehn.
..Was der Vogel singet,
Was die Quelle springet,
Was die Blume blüht,
Was die Schöpfung rauschet,
Mutter, nur belauschet
Hab' ich dein Gemüth.
..Laß mich für die Erde
Sinnen, daß sie werde
Durch und durch verschönt!
Laß mich sie verklären,
Daß im Chor der Sphären
Sie mit Freude tönt!

Dieses Gedicht hat eine unglaubliche Tiefe: hier mehr

Sonntag, 23. Dezember 2018

Stefan Sell: "Gehirnwäsche, die wir seit Anfang der 90er Jahre erleben". Umverteilung ist angesagt - und Sell ist kein Sozialist!

Sell macht darauf aufmerksam, dass Rentenabsicherung von Leuten gemacht wird, die Beamte sind und ihre sichere Rente haben - entsprechend geht es dann selbst Menschen, die 45 Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt haben und jetzt kaum mehr von ihrer Rente leben können - nachzufragen bei Krenkenschwestern, einfachen Gemeindearbeitern, Kassiererinnen . . .

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Beeindruckend dieser Karl May, er kann nicht nur Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi Effendi, er kann mehr/Meer !

Wie das Meer
Sei still in Gott, still wie das Meer!
Nur seine Fläche streift der Wind,
und tobt als Sturm er noch so sehr,
wiss, dass die Tiefen ruhig sind.
Sei weit in Gott, weit wie das Meer!
Es wogt nicht bloß am heim'schen Strand,
und wird dir's auch zu glauben schwer,
wiss, drüben gibt's doch wieder Land.
Sei tief in Gott, tief wie das Meer!
Nach dort, wo dich die Welt vergisst,
sei dein Verlangen, dein Begehr,
wiss, dass die Tiefe Höhe ist.
Ja, sei, mein Herz, stets wie das Meer
in Gott so still, so tief, so weit!
Dann landest du nicht hoffnungsleer
am Küstensaum der Ewigkeit.
...............
Karl May (1842 - 1912)

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Und lass so lang ein Leben währen kann / Die Liebe währen.

        Marie Luise Kaschnitz (1901-1974)
Die Ewigkeit

Sie sagen, dass wir uns im Tode nicht vermissen
Und nicht begehren. Dass wir hingegeben
Der Ewigkeit, mit anderen Sinnen leben
Und also nicht mehr von einander wissen.

Und Lust und Angst und Sehnsucht nicht verstehen,
Die zwischen uns ein Leben lang gebrannt,
Und so wie Fremde uns vorübergehen,
Gleichgültig Aug dem Auge, Hand der Hand.

Wie rührt mich schon das kleine Licht der Sphären,
Die wir ermessen können, eisig an,
Und treibt mich dir ans Herz in wilder Klage.

O halt uns Welt im süßen Licht der Tage,
Und lass so lang ein Leben währen kann
Die Liebe währen.
.