Sonntag, 24. Juli 2016

Duineser Meditationen: Ewigkeit spüren.

In seinen 10 Duineser Elegien, die er von 1912 an bis 1922 schrieb, umkreiste Rainer Maria Rilke (1875-1926) vor allem die Themen von Tod und Liebe, von Lebenssinn und dem Sinn des eigenen Seins, auch seines Seins als Dichter, und dem schrecklichen Engel, dem er in der ersten Elegie begegnet und jenen der 10. Elegie, die seinem Jubel und Ruhm zustimmen, Engel also, denen verbunden zu sein nur zeigt, wie dünn die Grenzlnie zwischen dem Reich der Neige, wie Rilke unser Leben hier auf der Erde in den Sonetten an Orpheus auch bezeichnet, und jenem anderen Reich ist, in das Rilke immer wieder hineinzulauschen vermag.

Der Name der Elegien leitet sich ab von Schloss Duino bei Triest, das einer Frau gehörte, der Gräfin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe, die die letzten eineinhalb Jahrzehnte seines Lebens als Freundin, Gönnerin und Muttergestalt begleitete, die dem manchmal zu Überspannung und Selbstmitleid neigenden Dichter, den sie liebevoll und auch voller Wertschäftung D.S., also Dottore Serafico nannte, auch ordentlich den Kopf waschen konnte, so, als er sich einmal über eine seiner zahlreichen Verehrerinnen beschwerte, die ihm, der jenen durchaus sehr gerne Hand und Wort reichte, zu nahe treten wollte:

Und was brauchen Sie immerfort dumme Gänse retten zu wollen, die sich selbst retten sollen - oder der Teufel soll die Gänse holen (...) 
Es kommt mir so vor, D.S., daß der selige Don Juan ein Waisenknabe neben Ihnen war - und Sie tun sich immer solche Trauerweiden aussuchen, die aber gar nicht so traurig sind in Wirklichkeit, glauben Sie mir -
Sie, Sie selbst spiegeln sich in allen diesen Augen -

Das lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen, und Rilke bedurfte auch ab und an solch klarer Worte.

Jedenfalls hielt sich Rilke seit 1910 immer wieder auf dem Schloss der Gräfin auf, mal kürzer, mal länger, und dort begann er 1912 jene Zeilen zu schreiben, die uns bisweilen so dunkel, bisweilen so hell gegenübertreten und wohl sich aus Quellen speisen, die sicherlich zur Seele des Dichters gehören, aber gewiss gleichzeitig im großen Weltinnenraum des Lebens beheimatet sind, von dem Rilke an anderer Stelle schreibt. 

Rilke berichtet jedenfalls der Gräfin, dass er eines Tages einen lästigen Brief beantworten wollte und sich ins Freie begeben habe, wo die Bora, jener kalte und böige Wind der Triester Gegend blies. Gerade tauchte die Sonne das Meer in blaue und silberne Farben, als es ihm auf einmal so gewesen sei, als ob im Brausen des Sturms eine Stimme ihm zugerufen habe:
Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel 
Ordnungen?
Mit diesen Worten aber beginnt die erste der Elegien und am Abend, so lässt Rilke die Gräfin wissen, sei sie geschrieben gewesen.

Man kann weder die Sonette an Orpheus, die Rilke gegen Ende der Duineser Elegien begann und fast zeitgleich beendete, noch die Duineser Elegien einfach so lesen. Wie Tropfen an einem Faden herunterrinnen können, so wollen die Worte dieser Dichtungen von unserer Seele aufgenommen sein, wenn wir denn ihr Einträufeln zulassen können.

Und manches Mal ist es gut, einzelne Abschnitte für sich zu lesen, so jenen - es ist der vierte der ersten Elegie - in welchem das lyrische Ich einen der jungen Toten, denen begegnet zu sein es im vorherigen Abschnitt erzählt, uns ein gewiss subjektives Empfinden über seine Situation als junger Toter weitergeben lässt. Das aber ist gerade deshalb so aufschlussreich, weil es HInweise geben mag, wie wir Dinge unseres Lebens auch sehen können, weil damit vielleicht mehr, als wir es ahnen, die Wahrheit über ihre Bedeutung zutage treten mag, wenn beispielsweise unser Name offensichtlich seine Bedeutung im Reich der sogenannten Toten verloren hat und einem zerbrochenen Spielzeug gleichkommt, man Wünsche nicht mehr weiterwünscht, Dinge und Wesen nicht mehr in Beziehung untereinander sind, die wir gewohnt waren, und wir vor allem nicht mehr so sehr unterscheiden sollten bzw. könnten (so wir das möglicherweise übend wollen) zwischen dem Reich des Lebens und des Todes, denn Engel, so lässt uns der junge Tote wissen,"wüßten oft nicht, ob sie unter / Lebenden gehn oder Toten". 
Aber, so lässt uns der junge Tote ebenfalls wissen: Totsein muss nicht selbstverständlich, kann mühsam sein und offensichtlich kann es dauern, bis man Ewigkeit spürt. 
Umso sinnvoller mag es sein, sich dieser Ewigkeitssicht zu nähern:

Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen,
kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben,
Rosen, und andern eigens versprechenden Dingen
nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben;
das, was man war in unendlich ängstlichen Händen,
nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen
wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug.
Seltsam, die Wünsche nicht weiter zu wünschen. Seltsam,
alles, was sich bezog, so lose im Raum
flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam
und voller Nachholn, daß man allmählich ein wenig
Ewigkeit spürt. - Aber Lebendige machen
alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.
Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter
Lebenden gehn oder Toten. Die ewige Strömung
reißt durch beide Bereiche alle Alter
immer mit sich und übertönt sie in beiden. 

Ewige Strömung reißt durch den Bereich unseres Lebens; sie kommt aus einem anderen Bereich, bewegt sich durch unsere Gegenwart und fließt weiter in jenen des Lebens nach dem Leben. Wir müssen diese Dreiteilung so nicht sehen, denn alles könnte ein großer Raum, Rilkes Weltinnenraum sein.
Eine veränderte Wahrnehmung unserer Wirklichkeit könnte uns jene Stäbe entfernen helfen, die uns zu einem Panther im Käfig unseres Seins haben werden lassen.

Sie, diese veränderte Wahrnehmung, könnte damit zum einen eine große Hilfe für uns sein, weil sie uns vorbereitet auf unser Leben nach dem Leben, damit unser Totsein, und den Übergang nicht mühsam sein lässt, und weil sie unser augenblickliches Sein zu erweitern vermag, wenn wir

Weltinnenraum spüren.

Ewigkeit.
 

Samstag, 16. Juli 2016

Was sind Bad Kissingens Gärtner eigentlich von Beruf? - Die zwei Gesichter einer Kurstadt!

Die Bilder des letzten Herbstes habe ich noch im Kopf, als Arbeiter, die ich nicht als Gärtner zu bezeichnen wagen möchte, den Park entlang der Saale winterfest machten. Das war grauenhaft, und ich weiß noch, dass ein Gruppenmitglied der facebook-Gruppe Du weißt, du bist aus Bad Kissingen sich über meine Kritik mokierte und mir als Neu-Zugezogenem schrieb: 

Ich empfehle, dass sie ihre Zelte hier sofort wieder einreißen, dann werden Sie recht behalten. Sollten Sie es aber doch noch ein paar Jahre hier aushalten, dann werden sie im Frühjahr feststellen : hoppla, das ist ja alles wieder TOP! In diesem Sinne: Einen gesegneten Winterschlaf

Nun, man sieht noch immer, vor allem, wenn der Grasbewuchs niedriger als jetzt ist, die Spuren des gärtnerischen Vandalismus und ich glaube, es gibt nur wenige so bekannte Kurstädte, deren Kurpark etwas abseits der stärker frequentierten Pfade so heruntergekommen ist. Immerhin ist das aber doch die Passage entlang der Dampferle-Route; so wenige laufen da nun auch nicht.

Ich hätte nicht gedacht, dass dieser gärtnerische Vandalismus weitergeht. Vor 8 Tagen habe ich die folgenden Aufnahmen im sellben Kurparkbereich wie im Herbst gemacht:


Ich dachte immer, die Information zum Röhricht wäre für die Kurgäste, aber nein: Sie sind für Gärtner! Nur leider  umsonst, denen ist das egal, die machen Fahrtraining im Kurpark; die Übung: von einem Weg zum anderen quer über die Wiese:


Scheiß-Natur, scheinen da einige zu denken:



 Büsche sehen nach der Bearbeitung wie gerupfte Hühner aus





und man möchte nur noch wünschen: viel Spaß beim Wohlfühlen:


Das alles ist umso bedauerlicher, weil Bad Kissingen ja auch seine wunderschönen Flecken hat:


Man kommt sich fast wie in südlichen Gefilden vor


einfach nur schön:



Und dass man Städte aus der Flussperspektive kennenlernt, gilt nicht nur für die Seine oder die Themse, sondern auch für die Saale flussauf und -ab:




Schade, um jenes lieblose Gesicht Bad Kissingens, das auch bedrückt, weil es einen so gefühllosen Umgang mit der Natur zeigt - vielleicht kümmert sich da endlich mal jemand drum!
Sonst könnte noch jemand denken, in Bad Kissingen regiert der schöne Schein, was bedeutet: Je weniger Besucher und Kurgäste irgendwo hinkommen, desto herzloser wird mit entsprechenden Flächen umgegangen.


Sonntag, 10. Juli 2016

"Was wirst du tun Gott, wenn ich sterbe?" - Als Rainer Maria Rilke sich beinahe mit Gott verwechselte.

 Liebe Leserin, lieber Leser, ich habe den im folgenden Post dargestellten
Inhalt unter der Überschrift Geh Deinem dunklen Gott entgegen vor allem
auch in Bezug auf das Leben Rilkes hier ausführlicher dargestellt -
falls Du Interesse hast.

Eigentlich wollte ich mich einem Rilkeschen Sonett aus den 1922 geschriebenen Sonetten an Orpheus widmen. Dann aber kam ich, wie so oft, vom Hundertsten ins Tausendste, und solche Prozesse sind manchmal sehr ergiebig. Genau weiß ich nie, wo sie enden. Diesmal aber endeten sie bei einem Ergebnis, das bisher offensichtlich nicht möglich war: Ich ließ es zu, mir bewusst werden zu lassen, dass es eine Phase im Leben Rilkes gab, in der er sich nachgeradezu auf eine Höhe mit Gott stellte und dass dies einem Verhalten korrespondiert, wie wir es noch heute bei manchen religiösen Menschen, vor allem aber Esoterikern finden.

Was ich meine, spiegelt ein Gedicht aus Rilkes Stundenbuch wieder:


Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)

Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.

Nach mir hast du kein Haus, darin
dich Worte, nah und warm, begrüßen.
Es fällt von deinen müden Füßen
die Samtsandale, die ich bin.

Dein großer Mantel lässt dich los.
Dein Blick, den ich mit meiner Wange
warm, wie mit einem Pfühl, empfange,
wird kommen, wird mich suchen, lange -
und legt beim Sonnenuntergange
sich fremden Steinen in den Schoß.

Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange.

Zur Zeit des Verfassens des Stundenbuchs, um also die Wende zum 20. Jahrhundert, gab sich Rilke der esoterischen Strömung seiner Zeit hin (die wir in dieser Ausprägung auch heute noch finden), dass man Gott mit dem eigenen Bewusstsein, aus der eigenen Seele heraus  erfahren könne, dass womöglich nur eine dünne Wand einen selbst von Gott trenne und Gott als anthropomorphe Gestalt, als quasi menschliche Gestalt also (nur eben unmateriell geistig), von uns erfahrbar sei (vielleicht ist das für manchen der Fall; niemand möge sich von mir in dieser Hinsicht beeinflussen lassen; viele Künstler zu Rilkes Zeit, gerade auch bildende Künstler, waren übrigens in großem Ausmaß sehr spirituell, nicht in kirchlichem, in esoterischen Sinne, ja sie waren, wie auch Rilke, auf okkultem Gebiet durchaus aktiv - dazu ein andermal mehr).

Obige Sicht spiegelt auch jenes Gedicht, 1899 verfasst, aus dem Stundenbuch wieder:

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds -
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.

Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen.
Und wenn einmal in mir das Licht entbrennt,
mit welchem meine Tiefe dich erkennt,
vergeudet sichs als Glanz auf ihren Rahmen
Und meine Sinne, welche schnell erlahmen,
sind ohne Heimat und von dir getrennt.

Liest man diese Gedichte - und von der Rilke-Gemeinde werden sie entsprechend ehrfurchtsvoll aufgenommen -, dann mag man sie spontan also als eine mögliche Annäherung an Gott empfinden.
Mir jedenfalls ist es so gegangen.
Wenn man denn Gott als existent annimmt - und aufgrund meiner religiösen Erziehung hatte ich nie eine Wahl (und ich bin immer noch dankbar dafür) -, wechseln die Verhältnisse zu und die Sichtweisen auf Gott in regelmäßigen Abständen (bei mir jedenfalls ist es so): Mal ist er nahezu unerreichbar, mal darf er fast dankbar sein, dass er durch die Augen der Menschen - also auch meine - seine Erde anschauen darf.

Letzteres Gedicht hat mich immer sehr bewegt. Ich fand Rilkes Worte mutig und suchend zugleich und fand, dass Rilke Gott etwas brauchen lasse, eine durchaus kesse, aber in ihrem Suchen legitime Form der Annäherung an ihn (das muss er schon aushalten). Seltsamerweise aber habe ich mich immer davor gedrückt zu schreiben, wie sehr doch offensichtlich Rilke sich selbst in Gott hineinprojiziert. Sicherlich ist es Rilke selbst, der sein Atmen nicht hört und der sich allein im Saal fühlt, der sein Atmen und das Atmen Gottes auf eine Stufe stellt. Das hat schon Züge von Blasphemie. Gottes Atmen verlieh schließlich erst jener ursprünglichen Lehmgestalt wahres menschliches Sein; wir erinnern uns der mosaischen Schöpfungsgeschichte. Solches Atmen ist doch von unseren Atemnöten manche Elle entfernt.
Manchem Rilke-Verehrer mag das ketzerisch erscheinen, aber sein Tonfall dünkt mich nicht so weit von der Wortwahl Mephistos zu Beginn des Faust entfernt , als jene Satansgestalt äußert: Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern / Und hüte mich mit ihm zu brechen . . .

Im Rahmen von Rilkes spirituell orientierten Äußerungen und okkulten Aktivitäten finden sich meines Erachtens schon deutliche Ausschläge von Selbstüberschätzung, ein Kennzeichen mephistophelischer Gesinnung. Vielleicht haben ihn seine okkulten Erlebnisse dazu verleitet. Die Wand zwischen der anderen Seite der Natur, wie er es selbst formulierte, dem Reich der sogenannten Toten und der Geister also, war für einen Rilke doch sehr dünn; seine Briefe, u.a. an die Fürstin von Turn und Taxis, geben davon Zeugnis. Diese hohe spirituelle Sensibilität hat er mit vielen Künstlern gemein.

Umso aufschlussreicher war es für mich, zu lesen, dass er sich ca. 7 Jahre nach der Stundenbuch-Phase (geschrieben von 1899-1903) von seiner Distanzlosigkeit im Verhältnis zu Gott, wie sie obige Gedichte spiegeln, distanzierte. Allerdings war seine Sicht auf Gott und sein Verhältnis zu ihm immer vielschichtig gewesen, auch schon im Stundenbuch (Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, / und ich kreise jahrtausendelang . . .) Zumal niemand meinen Worten entnehmen möge, ich würde Rilke verurteilen (was mir gar nicht zusteht). Rilke hat sich selbst immer als Suchenden gesehen, und im Rahmen unserer Suchen befinden wir uns nun mal im tiefsten Wald oder auf freiem Feld, mal in tiefster Nacht oder (zu) nahe der Sonne - Ikarus lässt grüßen.

Vergessen wir nur nicht:

Wir stehen am Strand des Meeres und hören sein Rauschen und sagen: Das ist das Meer! 
Aber was wir hören, ist nicht das Meer. Es ist ein klitzekleiner Ausschnitt des Meeres an einem belanglosen Strand und was wir hören, ist ein Rauschen an der Oberfläche im Rahmen dieses Ausschnittes.
Das Meer bis in seine Tiefen, die Weltmeere bis in ihre Tiefen hinein zu vernehmen, ist uns unmöglich.

Von Gott zu reden, gleichsam wie mit einem Vertrauten, entspricht oben angesprochenen Verhältnis zum Meer.
Was wissen wir vom Meer, seinem Rauschen in allen Tiefen?
Was wissen wir von Gott? 

Wie also mit ihm umgehen? 

Oft bin ich ratlos.

Samstag, 9. Juli 2016

Vielleicht, bevor Sie wünschten, zu empfangen, / war ich zum Geben schon geneigt. - Plädoyer für ein wirkliches Miteinander-Reden.

Es könnte das vorletzte Gedicht Rainer Maria Rilkes gewesen sein, das ich unten stehend wiedergebe, bevor er sein letztes schrieb, das so eindrücklich beginnt

Komm du, du letzter, den ich anerkenne,
heilloser Schmerz im leiblichen Geweb


und er von seiner Krankheit - er starb an Leukämie - übermannt wurde. 

Jenes vorletzte ist geschrieben - so die Überschrift - Für Fräulein Alice Bürer, und es ist mir deshalb so bemerkenswert, weil es zum Ausdruck bringt, was möglich wäre, wenn wir offen miteinander sprechen könnten. Dass die meisten von uns es nicht mehr tun, liegt an unseren Erfahrungen, an Verletzungen, die wir erlitten, weil jemand mit unseren Worten nicht angemessen umging, oder wir selbst vorschnell im Urteilen und Werten waren und daraus den Schluss zogen, vorsichtiger im Umgang mit Worten zu sein.
All diese Dinge führen doch dazu, dass wir nicht mehr wirklich - oder immer seltener - offen miteinander sprechen.
Zu sehr ist es unser Denken, das unser Leben bestimmt, und nicht das Vermögen, im Anderen zu denken, um ihn zu verstehen. Zu oft meinen wir, dass unser Erleben so sein müsse wie das, von dem ein Anderer spricht.
So ist es nicht.

Offensichtlich hatte jene Alice Bürer Rilke um Zeilen von seiner Hand gebeten. Und unser Dichter sagt ihr, dass ihr Wunsch schon vorher in ihm als Bereitschaft zum Geben vorhanden gewesen sei. 
Muss doch nur einer aufsingen, damit der andere es wagt einzustimmen.

Wie so oft klingen die Worte Rilkes in uns, jedenfalls in mir. Und auch wenn es wirklich ganz unscheinbare sind, so treffen sie doch auf vieles in unseren Leben zu und lassen, gerade weil sie so unaufdringlich sind, uns nachdenklich sein:


Wie waren Sie im Recht, dem Wunsche nachzugeben,
von meiner eignen Hand beschenkt zu sein!
Vielzuviel Zögern unterbricht das Leben:
singt einer auf, so stimmt der andre ein.

Was wir versäumen, das bleibt an uns hangen;
die Zeit wird schwer von dem, was man verschweigt.
Vielleicht, bevor Sie wünschten, zu empfangen,
war ich zum Geben schon geneigt. 


 

Dienstag, 5. Juli 2016

Die Migräne meiner Mutter. - Und warum manche Männer so gerne auf den Volksfesten an der Schießbude losballern würden!

Meine Mutter war eine unglückliche Frau. Ich glaube, sie musste sich in ihrem Leben ihr Glück mühsam zusammensuchen. 
Bei allem Respekt vor dem Menschen, der mein Vater war: Beide waren wenig glücklich miteinander und legten sich ihre Religiosität wie ein Kettenhemd um, damit die Seele ja keine Ausbrüche in Gefilde nähme, die neue Freiheiten hätten bedeuten können, die so verlockend waren und zugleich so gefährlich. Schließlich glich alles Verlockende der Schlange im Paradies. Und was die angerichtet hatte, das sagte einem ja jeden Sonntag überdeutlich der Pfarrer und die Stundenleute abendlicher Andachtsstunden.

Ich erinnere mich noch sehr gut, dass - wir lebten noch in Frankfurt - meine Mutter zunehmend Migräne bekam. Ich glaube, sie ging  zu einer naturkundlichen, wenn nicht sogar homöopathischen Schwester in der Berger Straße, die ihr Sahne und allerlei anderes untersagte.

Nichts gegen Homöopathie - ich verdanke ihr viel, wobei es leider unter deren Vertretern nicht wenige gibt, die ziemlich dilettantisch mit Globuli um sich werfen. Homöopathie ist aber im Grunde eine Wissenschaft. Diese homöopathische Schwester (vermutlich arbeitete sie auf heilpraktischer Basis) verhalf jedenfalls wider Willen meiner Mutter zu einem unglaublichen Aha-Erlebnis.

Eines Tages hatte sie nämlich die Nase voll von diesen ganzen Vorschriften und sie schlug sich einen ordentlichen Topf Sahne und aß ihn genüsslich.

Fortan war die Migräne fort!

Und meine Mutter genoss immer mal wieder ihre neue Sahne-Freiheit.

Leider hat sie dieses Erlebnis nicht dazu benutzt, einiges, was ihr Leben so sehr einengte, gleich mit fortzuschicken. - Jedenfalls war diese Erfahrung doch so eindrücklich für sie, dass sie von ihr immer wieder erzählte.

Das erinnert mich daran, dass nicht wenige Menschen, die sich so bewusst ernähren, mir kränker vorkommen, als mancher Normal-Sterbliche, der sich sein Ripple oder Schnitzel gönnt.
Grundsätzlich glaube ich in der Tat auch, dass pflanzliche Ernährung gesünder ist als regelmäßiger Fleischgenuss. Aber mancher mag es von seiner Konstitution, die ja auch immer eine innere ist, brauchen. Wer sich zu etwas zwingt, zwingt sich womöglich in eine Krankheit hinein.
Und Angst vor Krankheit ist ohnehin der gerade Weg in sie hinein.

Das erinnert mich an die Tatsache, dass doch mancher Öko- und Peace-Jünger so gerne mal losballern würde. Zum Beispiel an einer Schießbude auf dem Jahrmarkt. 
Aber das macht man nicht! 
Wo es doch so viel Krieg auf der Erde gibt!
Das gehört sich nicht! 
Man nimmt kein Gewehr in die Hand!
Das wäre gegen alle Grundsätze!
( Zudem könnte einen jemand dabei sehen! Womöglich ein GEW-Kollege!)

Dabei würde seine ganze Person doch mal so gerne peng machen. Und nochmal peng
Ganz phallisch und chauvimäßig.
Klar, mit nachladen.

Aber das gehört sich nicht. 
Und so gehen halt die Schüsse nach innen los.

Da aber richten sie dann wirklich Unheil an!


PS Gerade fällt mir ein, dass ja Hermann Hesse in seinem Steppenwolf über diese Männerlüste unnachahmlich geschrieben hat und dass ich vor Jahren darüber schrieb > Hochjagd auf Automobile

Und dass Max Frischs Graf Öderland ja auch so ein guter Bürger war, der sich allerdings dann seine Freiheiten gönnte! Was sich da Max Frisch wohl von der Seele geschrieben hat . . . > Ich war noch niemals in New York

Samstag, 2. Juli 2016

"I ask the Lord one small request" - Eines der schönsten Kindergebete, gesungen von der damals 10-jährigen Jackie Evancho

Lass mich versuchen, immer zu glauben, dass wir traurige Herzen heilen können, so singt sie, und erinnert daran, dass ohne Gebet die angstvollen Schreie armer Menschen nie enden werden.

Jackie Evanchos TO BELIEVE  ist eines der eindrucksvollsten Kindergebete, das ich je gehört habe.
Mit welchem Ernst sie  singt, wie der ganze Körper erfüllt ist von dieser wertvollen Botschaft und wie vertrauensvoll sie sich vor dem Einschlafen mit einer kleinen Bitte - one small request - an Gott wendet:

Let me try always to believe
that wie can heal the hearts that grieve
please help me not ignore
the anguished cries of the poor
or their pain will never leave . . .




Mittwoch, 29. Juni 2016

... wenn es die Liebe nicht vereint!

Was auch als Wahrheit oder Fabel
In tausend Büchern dir erscheint,
Das alles ist ein Turm zu Babel,
Wenn es die Liebe nicht vereint.
                               (Goethe in Zahme Xenien)