Donnerstag, 30. Juli 2015

ich far do hin mein strassen / in fremde landt do hin

Die Flüchtlingsströme der Gegenwart, die immer neuen Wellen von Vertreibung und Verbannung sind kaum noch zu zählen. Gut möglich, dass man das 20. Jahrhundert einmal das der Flüchtlinge nennen wird ..."

Die Aussage des aus Pommern stammenden, in Düsseldorf und Diepholz arbeitenden und 1905 verstorbenen Künstlers Hans-Albert Walter lässt die dramatische Zuspitzung der diesbezüglichen Situation zu Beginn unseres Jahrhunderts so richtig deutlich werden, denn das 21. Jahrhundert könnte schon jetzt dabei sein, in puncto Vertreibung und Heimatlosigkeit dem 20. den Rang abzulaufen; die Aussage Walters ruft in uns aber auch vor Augen, dass die Geschichte der Menschheit schon immer auch eine Geschichte von Völkerwanderungen war, von Vertreibung, Heimatverlust und Exil. Bisweilen waren es ganze Völker, die förmlich verlegt wurden. Die bablonische Gefangenschaft der Juden verweist darauf, aber auch die Verwerfungen ganzer Volksstämme im Rahmen hunnischer und langobardischer Einfälle an den Flanken Europas.
Die Entstehung des mittelalterlichen Europa ist auch eine Geschichte von Angst, Schrecken, Vertreibung, Not, aber auch von umsichtigem politischem Handeln, beispielsweise von Theodosius dem Großen.

Die Kirchen ducken sich feige weg!

Heute haben wir andere Voraussetzungen, mit den Flüchtlingsströmen, die nach Europa hereinbranden, umzugehen. Was die Situation schwierig macht, ist, dass gerade in diesem zeitgeschichtlichen Moment insgesamt ein ethisches Gerüst endgültig weggebrochen zu sein scheint, das eine große Hilfe hätte sein können, in der aktuellen Situation menschlich, ökonomisch und ingesamt politisch verantwortlich zu handeln. Dass manche Staaten sich schlicht weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, zeigt, dass es zu Teilen auch nicht mehr die geringste christliche Substanz gibt, ja auch keine ethische.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Kirchen sich feige wegducken und de facto keine Stellung nehmen in den aktuellen innenpolitischen Diskussionen. Dabei ginge es ihnen nicht so wie jenen, die auf christlich-ethische Standpunkte verweisen und die dann vehement in eine Ecke geprügelt werden, hingestellt als Moralapostel und Illusionäre.
Das mag deutlich machen, wo Europa heute menschlich steht; es mag dem ein oder anderen aber auch einen Hinweis geben, dass diese Herausforderungen kein Zufall sind.

Vielleicht kommen sie noch rechtzeitig, um aufzuzeigen, wie sehr ein überzogener Individualismus - das gilt auch für den Individualismus manchen Staates - und Materialismus die Menschheit in eine völlig falsche Richtung treibt.
Dass Länder wie Österreich und Deutschland sich ihrer Aufgabe nicht entziehen, auch nicht der damit einhergehenden notwendigen Diskussionen und dem Ringen um eine angemessene Lösung, rechne ich persönlich ihnen und dem Land, in dem ich lebe, hoch an.

Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun

Wir erleben heute in weltweitem Maßstab, was Menschen schon immer erleben mussten und was ein unbekannter Verfasser schon 1539 in seinem Lied festgehalten hat, wenn er schreibt:

Insbruck, ich muß dich lassen, / ich fahr do hin mein straßen, / in fremde Land do hin. / mein freud ist mir genomen / die ich nit weiß bekummen, / wo ich im elend bin.

Und mancher mag anlässlich der Worte des Andreas Gryphius, die jener angesichts der Zerstörung seiner Heimat gegen Ende des Dreißigjährigen Kriegs schrieb, an das Grauen, das der IS verbreitet, denken:

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret. 
Die Türme stehn in Glut, die Kirch' ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd't, und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret. 
Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen. 
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
Daß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.

Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh' ich wieder aus.

Wie ein roter Faden durchziehen die Lieder von Heimatverlust und Exil die deutsche Literatur, so auch das von Joseph Schaitberger 1771 geschriebene:

Ich bin ein armer Exulant, / also muss ich mich schreiben.
Man tut mich aus dem Vaterland / um Gottes Wort vertreiben.
Doch weiß ich wohl, Herr Jesu mein, / es ist dir auch so gangen.
Jetzt soll ich dein Nachfolger sein; / mach´s Herr, nach dei´m Verlangen. 
Ein Pilgrim bin ich auch nunmehr, / muß reisen fremde Straßen,
drum bitt ich dich, mein Gott und Herr, / Du wollst mich nicht verlassen.
(...)

Im deutschen Vormärz und bei Heinrich Heine häufen sich dann die Lieder und Gedichte, die thematisieren, was Wilhelm Müller in der von Franz Schubert so unnachahmlich vertonten Winterreise so formuliert: Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh' ich wieder aus . . .

Manche Strophe, gerade auch von Heinrich Heine, lässt zu Herzen gehen, was vielen ein heute weitgehend unbekannter Verfasser, Theodor Kramer, der 1916 im Ersten Weltkrieg schwer verwundet, 1939 nach England emigieren musste und 1957 in seine Heimat nach Wien zurückkehren konnte, wo er ein Jahr später starb,1943 verfasste, indem er in Form der Stanze in fünfhebigen paarreimigen Versen metrisch so traditionell einen Inhalt vermittelt, der damals so brandaktuell und für viele galt:

Stehn meine Bücher, die ich vorm Verreisen
dir schenkte, noch auf deinem Bücherbord,
das roch nach Leder, Lack und schwarzem Eisen?
(Wir nahmen vielen noch den Umschlag fort.)
Kommst du dazu, in ihnen noch zu lesen,
wenn sacht am Licht der Wände Schatten zehrt
und wenn im Hinterhof der dürre Besen
des kranken Baums im Wind ans Fenster fährt?
(. . .)
Kann man bei euch die Freundschaft noch bewahren,
und macht, versteckt, ein Blick noch warm ums Herz?
Ich weiß es nicht und werd es erst erfahren,
bis es nicht Feuer regnet mehr und Erz.
Nichts kann ich tun, lang lieg ich wach im Leisen
und spür, wie mir der Laut im Mund verdorrt;
stehn meine Bücher, die ich vorm Verreisen
dir schenkte noch auf deinem Bücherbord?

Pars pro toto stehen hier die Bücher für die verlorene Heimat und den Schmerz, den das lyrische Ich empfindet.
In den unterschiedlichsten Schattierungen finden wir solche und ähnliche Schicksale gestaltet in den Gedichten von Bertolt Brecht, Hilde Domin, Rose Ausländer und Erich Fried.
Sie geben Zeugnis von Schicksalen, denen wir heute in so starkem Ausmaß wieder begegnen, dass sie uns zu überfordern drohen.

Es mag uns darüber nachdenken lassen, warum wir als Individuum nicht in ein Leben hineingeboren worden sind, das so unstet verläuft wie das so vieler Menschen auf unserem Planeten.

Mittwoch, 22. Juli 2015

Seehofer ist wirklich ein Vollhorst! (Bruno Jonas hat so Recht!)

„Wir müssen rigorose Maßnahmen ergreifen.“ – Wer in der derzeitigen Situation, da sich bei manchen Menschen das Unterste nach oben kehrt, geistig so zündelt, hat meines Erachtens auf der politischen Bühne in Deutschland nichts verloren.

Charakterlich ist Horst Seehofer noch nie überschätzt worden. Dass er aber - momentan sind Flüchtlinge bei uns wahrlich nicht mehr sicher - zu solchen Sätzen greift, wohl wissend, dass sie bei Akademikern nur wenig auslösen, bei denen aber umso mehr, die den Hass gegen Mitmenschen womöglich bis zur Kainsart ausleben, das ist so niedrig, dass er die Rote Karte für das politische Feld verdient.

Wartet erst mal den Herbst und Winter ab, sagt Seehofer.

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Freitag, 17. Juli 2015

Hilfe, ein Paket!

Erinnern Sie sich an das Lächeln Erich Honeckers? - Vergleichen Sie es mal mit dem von Angela Merkel! Honecker konnte auch so lieb und unbedarft lächeln, als könne er kein Wässerlein trüben.

In Wirklichkeit war er ein total Durchtriebener, dem es nichts ausmachte, dass an der DDR-Grenze Menschen erschossen wurden und ein ganzes Volk auf eine Weise bespitzelt wurde, die heute nur die NSA toppt, indem sie das Ganze im Weltmaßstab macht.

Das aber erklärt, warum Angela Merkel sich fast künstlich wegen ihres Handys aufregen musste. Es war doch eigentlich gewohnte DDR-Wirklichkeit, solch ein Bespitzeltwerden.

Besser, man passte sich an. Aus dieser Einstellung und dem heimlichen Westwärts-Blick aus DDR-Zeiten erklärt sich Merkels Fraternisierungs-Mentalität gegenüber den Amerikanern. Zum Ausgleich werden dann Kontrahenten umso unerbittlicher behandelt. Die CDU kann ein Lied davon singen. Und Tsipras auch. Ich bin wahrlich kein Freund griechischer Politiker, aber die Politik, in die sie ihn zusammen mit ihrem Hagen Schäuble hineingezwungen hat, das war schon - so sehe ich das heute auch - demütigend  (wobei sich mein Bedauern in Bezug auf Tsipras in Grenzen hält, zu sehr hat er über zu lange Zeit mit verdeckten Karten gespielt).

Für mich jedenfalls hat Deutschlands beliebteste Angela dieses Honecker-Lächeln (Gauck auch?). 

Angela Merkel tritt 2017 nicht mehr an (darauf setze ich ein viertes Hilfspaket)


weiterlesen: hier

Donnerstag, 16. Juli 2015

Unglaublich! Patent jetzt auf Lebensmittel! Monsanto kauft unsere Natur und lässt Brokkoli von der EU patentieren!

Die Patentierung ist wegweisend. Entsprechende Konzerne stehen in den Startlöchern. Demnächst wird doch auch Wasser, irgendwann auch die Luft patentiert.
Eigentlich kann man nur fassungslos sein! Selbst die Redakteurin des MDR erlaubte sich die Formulierung: ungeheuerlich!

Doch Jammern nützt nichts. Es gilt, der EU die Zähne zeigen, von mir aus ruhig auch richtig zuzubeißen!




Das Bundesjustizministerium prüft die Entscheidung des Europäischen Patentamtes.
Das bedeutet, wenn man diese Bundesregierung kennt:
Man wiegt mit dem Kopf - und stimmt zu.

Dabei ist die Entscheidung gegen geltendes Deutsches Recht!

Angela Merkel konfrontiert mit weinendem Flüchtlingsmädchen





Wenn jeder von Tausenden und Tausenden gesprochen hätte, wenn es gegolten hätte, EINEM Menschen zu helfen, dann wären wir heute noch weiß Gott wo . . .
"Du hast es ja prima gemacht ..." - so ein Geschwätz!

Samstag, 11. Juli 2015

Wege der Einweihung: Die Feuertaufe Dantes in seiner 'Göttlichen Komödie' - nur so gelangt er zu Beatrice.

In der Bibel sind die Evangelisten den vier Elementen zugeordnet, so der Evangelist Markus zum Beispiel dem Tierkreiszeichen des Löwen und dem Element Feuer. Der Löwe steht für die transformierende Kraft im Menschen hin zu Mut und Stärke und Liebe und nicht von ungefähr beinhaltet der Name Markus den des Kriegsgottes Mars, der Irrungen und Wirrungen mit sich bringen kann, aber den Menschen zu großer Kraft und Liebe führen will.
Das Zeichen des Evangelisten Lukas ist der Stier und das Element Erde, Johannes ist ursprünglich dem Skorpion und dem Wasser zugeordnet.
Aus der Bibel wissen wir, dass eine Seele zum Jordan kommen und getauft werden muss. Und das mit dem Wasser umzugehen, ein Meister des Wassers zu sein, nicht so einfach ist, muss Petrus erfahren, der kläglich untergeht und der Hand Jesu bedarf, um nicht in seinen eigenen Ängsten zu ertrinken.
Die bedeutendsten Weisen aller Zeiten haben uns wissen lassen, dass diese Einweihungswege mit großen Prüfungen verbunden sind, was erklärt, warum Hiob so leiden musste, Johannes Paul II, Nelson Mandela, Sokrates und andere mehr. Ihre Leiden waren fast übermenschlicher Natur, man denke nur an die 27 Jahre des Nelson Mandela hinter Gittern, mittels derer die Apartheid-Regierung ihn brechen wollte, aber doch nicht konnte. So wurde er zu einem unvergessenen und unübersehbaren Symbol gegen Rassismus und für mehr Menschlichkeit auf unserem Planeten.
Es ist im Übrigen nicht Gott, der sich diese Leiden ausgedacht hat, sondern mit dem Verlassen des Paradieses hat sich vor Äonen von Jahren die Menschheitsseele für diesen Weg entschieden, der alle Seelen durch den Tierkreis führt, durch alle Taten, die auch Herakles zu bestehen hatte.

Orthodoxe Christen tun sich mit diesem Wissen schwer; sie können und wollen zum Teil nicht nachvollziehen, dass die zwölf Stämme Israels, die zwölf Jünger und die Taten des Herakles allesamt mit dem Zodiakus zu tun haben, wobei es auch nur bedingt offensichtlich, aber dem, der offen genug ist, einsichtig ist, dass dem Zeichen des Widders z.B.  Herakles' Auseinandersetzung mit dem Eber von Erimanthes, dem Zeichen des Stiers der Stier von Kreta, dem Tierkreiszeichen des Löwen der Löwe von Nemea zuzuordnen ist, alles Kämpfe des Herakles von fast übermenschlicher Natur - die Reihe ließe sich für alle zwölf Tierkreiszeichen und Taten des Herakles fortsetzen; Gleiches gilt im Hinblick auf die Söhne Jakobs. Auch sie stehen für Eigenschaften, die es zu erringen gilt.
Man darf sich keineswegs dadurch irritieren lassen, dass es Menschen gibt, die fahrlässig mit astrologischem Wissen umgehen - man denke nur an Astro-TV und anderes.
Nein, hinter dem Gang der Sonne durch den Tierkreis verbirgt sich eine tiefe Wahrheit.
Deren Missbrauch enthebt uns nicht der Verantwortung, die wirkliche Wahrheit hinter allem Gestrüpp auf der Erde zu suchen.

Auch Dantes Schau der Hölle, des Fegefeuers und des Paradieses bezieht dieses Wissen ein, wie überhaupt der große Florentiner immer wieder auch auf vorchristliche Elemente zurückgreift, gern zum Beispiel auf die griechischen Musen, und sich im Übrigen an keiner Stelle dafür rechtfertigt, weil er weiß, dass das, worüber wir auch im christlichen Glauben sprechen, nach Aussage des höchsten Gottes selbst ja seit allen und für alle Zeiten gilt. Die Abwehr mancher Christen von allem Vorchristlichen, Heidnischen, wie sie es auch nennen, gibt vor allem Aufschluss über ihre Ängste und das fehlende Vertrauen darin, dass Gott ewig und über Raum und Zeit steht - Christus, sein Sohn natürlich genauso, auch wenn er den Menschen erst seit wenigen Jahrtausenden durch Jesus geoffenbart wurde.
Wie kann jemand ernsthaft annehmen wollen, dass es das Christuslicht erst seit etwas mehr als 2000 Jahren geben könne.

Gegen Ende seines Weges durch das Fegefeuer muss Dante sich der Feuer-Einweihung unterziehen und es bedarf des ganzen Einsatzes seines Führers Virgil, damit er nicht vor dieser letzten Schwelle zurückschreckt und alles Bisherige umsonst war, denn der ganze Weg Dantes durch die Hölle und den Berg der Läuterungen hinauf war ein Weg seiner Seele, der immer auch ein körperlicher war - der Schriftsteller Dante trennt nicht in Körper und Seele (um es hier in Kürze so zu formulieren).

Wie immer in solchen Situationen und vor einer weiteren Schwelle findet sich in der divina commedia ein Engel, ein Bote des Höchsten, auch hier - wie schon vorher im Rahmen der Etappen des Läuterungsberges - auf einer der Seligpreisungen verweisend ("Selig die, die reines Herzens sind")  und es heißt  - in der Übersetzung Hermann Gmelins:
So stand die Sonne, und der Tag ging nieder,
Als uns der Engel Gottes freudig nahte.
Am Rande stand er außerhalb der Flamme
Mit dem Gesang: »Beati mundo corde«,
Und einer Stimme, mächtiger als unsre.
Dann sprach er: »Ehe euch das Feuer brannte,
Dürft ihr nicht weiter gehen, heilige Seelen;
Ihr müßt hinein und drin die Lieder hören.«
So sagt' er uns, als wir ihm näher traten.
Weshalb ich, als ich seine Worte hörte,
Wie einer ward, den man zu Grabe leget.
Mit angehaltnen Händen drang ich vorwärts,
Zum Feuer blickend, und erfüllt mit Bildern
Von Leibern, die ich einst gesehn im Brennen.
Der Engel lässt keinen Zweifel: An diesem Feuer führt kein Weg vorbei, Dante muss durch diesen lodernden Wall hindurch. Gewiss hatte er - wenn man die Kommentare liest, bekommt man mit, wie brutal es damals unter Menschen zuging - Zeitgenossen gesehen, die bei lebendigem Leibe verbrannt worden waren. Das wird ihm diese Feuerprüfung gewiss nicht leichter gemacht haben.
Intuitiv ist ihm klar, dass er alles loslassen muss, was er noch mit sich führt, so wie wenn er stirbt und zu Grabe gelegt wird. - Als Tote können wir nichts mitnehmen, wir müssen alles Irdische loslassen. 
Diese Prüfung verlangt Dante alles ab, buchstäblich alles!
Die Qual ist unermesslich - incendio senza metro, ohne Maß, wie er schreibt.
Die Feuereinweihung bedeutet Tod und höchste Taufe zugleich.
Dantes Führer, Statius und Virgil - vor allem Letzterer - erkennen die große Gefahr, in der sich ihr irdischer Sohn befindet, doch vor diesem letzten Schritt zurückzuschrecken, und Virgil versucht ihn zu überzeugen, indem er ihn darauf aufmerksam macht, dass er in Wahrheit gar nicht sterben könne und seinem Führer doch vertrauen solle. Als Beispiel führt er an, dass er auch ihm, Virgil, habe vertrauen können, als sie Geryon in der Hölle begegnet waren, jenem von Herkules getöteten König, der zu seinen Lebzeiten seine Gäste tückisch überwältigt und seinen Stieren zum Fraße vorgeworfen hatte; schließlich waren sie ja sogar auf dessen Rücken ein Stück weit durch die Hölle gereist; auch damals hatte er doch, um die Brutalität Geryons wissend, Virgil vertraut:
Es wandten sich zu mir die guten Führer,
Worauf Virgil mir sagte: »Sohn, hier oben
Kannst du nur Qualen, doch den Tod nicht finden.
Denk doch zurück, denk doch zurück, ich habe
Dich unversehrt auf Geryon geleitet
Und soll es hier so nah bei Gott nicht können?
Glaub mir gewiß, daß, wenn du in dem Innern
Von diesen Flammen tausend Jahre bliebest,
So könntest du auch nicht ein Haar verlieren.
Und wenn du meinst, ich könnte dich wohl täuschen,
So geh nur hin und hol dir selber Glauben
Mit eigner Hand am Saume deines Mantels.
Laß ab, laß ab von allen deinen Ängsten,
Das Feuer war bereits so heiß, dass Dante, wenn er den Saum seines Kleides berührt hätte, normalerweise sich hätte verbrennen müssen. Trotz dieser Hitze aber war er nicht gefährdet - außer durch seine Angst!
Komm her und gehe weiter ohne Zagen.«
Doch ich blieb stehen, gegen mein Gewissen.
Als er mich immer stehn sah, steif und reglos,
Sprach er ein wenig zornig: »Sohn, o siehe
Die Mauer zwischen dir und Beatrice.«
Virgil greift zum letzten Mittel: Denk doch, hinter dem Feuer wartet Beatrice auf dich!
Ich wandte mich zum Führer bei dem Namen,
Der immerdar in meinem Geiste grünet.
Worauf er mit dem Haupte nickte, fragend:
»Wie, wollen wir hier stehen bleiben?« lächelnd,
Wie über Kinder, die ein Apfel fesselt.
Dann ging er vor mir her, hinein ins Feuer,
Und bat, daß Statius hinter uns sollt folgen,
Der erst uns eine lange Strecke trennte.
Als ich darin war, hätte ich mich zur Kühlung
Am liebsten in ein kochend Glas geworfen;
So war der Brand darinnen ohne Maßen.
Mein lieber Vater hat, um mich zu trösten,
Mir immer von Beatrice nur gesprochen,
Und sagt': »Mir scheint, ich seh schon ihre Augen.« 
Und wieder führt ein Engel sie weiter und die Stimme erklingt: Kommt, Gesegnete meines Vaters!
Uns führte eine Stimme im Gesange
Jenseits, und wir, die wir nur auf sie lauschten,
Sind vorgetreten, wo wir steigen konnten.
»Venite, benedicti patris mei«, -
Klang es aus einem Lichte, das dort drüben
So stark erglänzt', daß ich's nicht schauen konnte.
»Die Sonne weicht«, sang sie, »es kommt der Abend,
Ihr dürft nicht rasten, müßt den Durchgang suchen,
Solang der Westen sich noch nicht verfinstert.«
Das war eine der Lektionen gewesen, die Dante zu lernen gehabt hatte: Zeit ist ein kostbares Gut. Sie  zu vertändeln, das geht gar nicht. Die göttlichen Angebote haben ihre Zeitfenster. 
Auch Virgil hatte das zu lernen gehabt, und so sputeteten sie sich, vor Sonnenaufgang den Durchgang zur nächsten Ebene und das richtige Nachtlager zu finden.
Das gelingt ihnen und am Ende dieses Tages wird sich Virgil von Dante verabschieden. Bis zum Ende des Läuterungsberges, auf dessen Spitze sich das iridische Paradies befindet, das Dante in der Folge betreten wird - es ist noch nicht das himmlische -, hat er ihn geleiten dürfen; nun werden Mathilde und Beatrice und der heilige Bernhard die Führung übernehmen. Aber die Worte, die Virgil Dante noch mitgibt, sind zu berührend, als dass ich auf sie am Ende dieses Posts verzichten möchte; in der Übersetzung Otto Gildemeisters lauten sie:
Sieh da, die Sonne deine Stirn verklären,
Sieh Gras und Blumen, sieh die Bäume stehn,
So diese Fluren aus sich selbst gebären.
Bis froh dich jene schönen Augen sehn,
die weinend mich zu dir zu kommen baten,
Magst hier du sitzen oder dich ergehn.
Nicht warte mehr auf meine Wink' und Raten:
Dein Will ist frei, gesund, gerad'  in sich;
ihm nicht zu folgen wäre nicht geraten.
Drum krön' ich nun mit Kron' und Mitra dich.
Als Leser nimmt man fast etwas wehmütig von Virgil Abschied und findet seine Worte unglaublich tapfer, denn leicht ist es ihm bestimmt nicht gefallen, zu seinem Platz im Fegefeuer zurückzukehren und den schönsten Teil des Weges Dante allein ziehen zu lassen. Doch macht diesen großen Toten, der doch auch so sehr lebt, glücklich, dass er Dante so weit bringen konnte, dass dieser nun sein eigener König und Bischof ist, über die Maßen gestärkt durch den Weg durch Hölle und Fegefeuer und geweiht durch die Feuertaufe.
Nun kann er sich freuen auf jene Augen, die ihn so sehr ersehnen.
Die Augen der Beatrice.

Donnerstag, 9. Juli 2015

TTIP: So viel ist Bürgermeinung wert!

Obwohl Millionen von Deutsche gegen das TTIP-Abkommen sind oder größte Bedenken haben, ist das der CDU, der SPD und der FDP schnuppe.

SPIEGELONLINE schreibt:
Bei der Debatte warb EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström am Mittwoch für das Abkommen und lobte die Beratungen zwischen der EU und den US-Partnern als außerordentlich transparent. Doch viele Abgeordnete bleiben skeptisch, da aus ihrer Sicht die Diskussionen hinter verschlossenen Türen geführt werden. Sie vermissen eine breitangelegte öffentliche Debatte.
Die Grünen sprachen von einer "Täuschung der Öffentlichkeit". Besonders umstritten ist dabei die bisher übliche Schiedsgerichtsbarkeit (ISDS). Kritiker befürchten ein Aushöhlen der demokratischen Standards, wenn private Schiedsstellen über Klagen etwa gegen neue Umwelt- oder Sozialauflagen in der EU entscheiden können. Die EU-Kommission kündigte zwar eine Modernisierung an, vielen Kritikern geht das aber nicht weit genug.
Außerordentlich transparent? - Seltsam, diese Kommissarin!

Hier die Grafiken zur Abstimmung (ggf. zur besseren Sichtbarkeit anklicken):