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Dienstag, 12. November 2019

Ach, laß nicht zu, daß Zeit zwei Seelen trennt, / die Liebe eint. - Mein Shakespeare-Lieblings-Sonett:


Ach, laß nicht zu, daß Zeit zwei Seelen trennt,
die Liebe eint. Die Lieb ist nicht verliebt,
die Änderung, sich ändernd, anerkennt,
und allem Neuen neuerlich sich gibt.

O nein! Sie ist für alle Zeit und Not
ein stetiges und unvergänglich Licht,
ein Stern für jedes sturmverirrte Boot,
wovon, wenn er es rettet, keiner spricht.

Die Liebe geht nicht mit der Zeit. Ihr Mund
ist rosig noch, wenn sie ihn blasser mag.
Die Liebe ändert sich zu keiner Stund,
hat noch Beständigkeit am Jüngsten Tag.

Doch falls daraus ein Irrtum sich ergibt,
hat nie ein Mensch auf dieser Welt geliebt.

(Übersetzung: Karl Bernhard)

William Shakespeare (1564 - 1616)

Let me not to the marriage of true minds
Admit impediments. Love is not love
Which alters when it alteration finds,
Or bends with the remover to remove.

O, no! It is an ever-fixed mark,
That looks on tempests and is never shaken;
It is the star to every wand'ring bark,
Whose worth's unknown, although his height be taken.

Love's not Time's fool, though rosy lips and cheeks
Within his bending sickle's compass come;
Love alters not with his brief hours and weeks,
But bears it out even to the edge of doom.

If this be error, and upon me prov'd,
I never writ, nor no man ever lov'd.

Mittwoch, 6. November 2019

27 Likes für ein Goebbels-Zitat. Den entsprechenden Kommentar aber löscht Axel Burkart seit 4 Tagen nicht.

Wer meine Posts zu Axel Burkart kennt, weiß, dass er nicht nur meine, sondern auch Kommentare Anderer vielfach gelöscht hat, auch wenn sie durchaus im Ton höflich gehalten waren (die Aktivität des Löschens ist ihm also bestens vertraut). Seinen anthroposophisch ausgerichteten You-Tube-Kanal verglich er in entsprechenden Kommentierungen mit seinem Wohnzimmer und dort ist nur erwünscht, was sich im Rahmen der von ihm gesteckten Toleranzgrenzen bewegt.
Das so zu handhaben, ist Axel Burkarts Recht; jeder kann das machen, wie er möchte, und wer sein Verhalten nicht akzeptiert, kann fernbleiben.

Nun allerdings ist etwas eingetreten, was private Grenzen überschreitet: 

Dazu muss man wissen, dass Axel Burkart in einem Video zum Thema Lügen eine Grünen-Bundestagsabgeordnete an den Pranger stellt, die im ZDF, ohne als solche kenntlich zu sein, einen AfD-Kreisvorsitzender, der zugleich Hersteller von Bio-Produkten ist, negativ bewertete, indem sie gut fand, dass, weil er eben AfD-Mitglied ist, sein Hirse-Bio-Produkt aus der Produkt-Palette eines Bio-Versandhandels ausgelistet wurde,.

Ob man gewillt ist, die Schlussfolgerung Axel Burkarts zu teilen, dass es Rückwirkungen und auf Dauer ein Desaster geben muss für Grünenpolitiker, weil deren Verhalten die Geistige Welt nicht zulässt, ist eine andere Frage.

In der Vergangenheit hat sich bekanntlich Axel Burkart wiederholt für die AfD in die Bresche geworfen und noch kein einziges Mal die Fragwürdigkeiten von deren Spitzenpolitikern, insbesondere eines Björn Höcke thematisiert, dessen rechter AfD-Flügel erst kürzlich vom Verfassungsschutzpräsidenten als immer extremistischer eingestuft wurde.
(Meine persönliche Ansicht ist übrigens, dass ich obige Auslistung und die Begründung des Versandhandels, obwohl ich wahrlich kein Freund der AfD bin, indiskutabel finde).

Unter diesem Video findet sich nun - Stand heute - seit vier Tagen ein Kommentar:

"Je größer die Lüge desto mehr laufen hinterher".
Joseph Goebbels

Dass Axel Burkart diesen Kommentar im Gegensatz zu vielen anderen nicht löschte, ist das eine.

Das andere ist, dass er 27 Likes - Stand heute - erhielt.

27 Likes. Wenn man die Anzehl der Likes ansonsten anschaut, erkennt man, dass sich ausgerechnet bei diesem Zitat ungewöhnlich viele Leser in ihrer Gesinnung outeten.

Axel Burkart scheint diese Klientel nicht zu stören.
Seit 4 Tagen zeigt er keine Reaktion.

Vor allem aber zeigt sich, dass er mit seinem politischen Engagement Geister wachruft, die Anhänger der Anthroposophie erschüttern und zu einer eindeutigen Stellungnahme herausfordern müssten.




Hinweisen möchte ich darauf, dass es einen akualisierten Post zum Thema  Axel Burkart: Andersdenkende rigide zensierend, politisch manipulierend, Worthülsen produzierend und bar überzeugender Geistigkeit gibt.

Freitag, 1. November 2019

"In meinem Zimmer bin ich ganz verloren. / Die Dinge sagen, daß sie mich nicht kennen" - Wenn Gegenstände lebendig sind!


In meinem Zimmer bin ich ganz verloren.
Die Dinge sagen, daß sie mich nicht kennen.
Die Heizung mit getünchten Schlangenrohren
Zuckt unter meiner Hand und will sie brennen.

Der Stuhl schiebt peinlich scheu den Mantel nieder.
Im Glasschrank klirren flüsternd kleine Tassen.
Aus schmaler Vase schaut mich blauer Flieder
So duldend an, als hieße ich ihn blassen.

Ich ahnte nicht, daß dieses ist: Gewissen.
Der Sachen tote Feindschaft, die ich greife,
Mit hart brokatnem Blick das Sofakissen,
Der hohe Sessel mit gewollter Steife.

Wie lernt ein Tisch, was Menschen nie gebilligt
Und nie gescholten - und auch nie erfahren,
Verneint der Spiegel, da ich eingewilligt,
Und lügt im Haß den Glanz aus meinen Haaren ?

Mein großes Wollknäul sprang vom Fensterbrette,
Im Angstgehüpf wie eine lila Ratte;
Ich meinte wohl, daß ich's verworfen hätte,
Und wußte, daß es mich verworfen hatte.

("Die Verworfene", aus Gertrud Kolmar: "Weibliches Bildnis; 2. Raum"

Donnerstag, 31. Oktober 2019

Wenn das Leben aus dem eigenen Bett ein Gleisbett macht . . .

Ich bin im Dunkel und allein.

Und neben mir lehnt doch die Tür.
Wenn ich sie klinke, steh' ich ganz im Licht.
Da sind ein Vater, Mutter und die Schwestern,
Ein Hund, der stumm und freundlich spricht.

Wie darf ich lügen, und wie kann ich sagen,
Daß ich ins Finstre hingestoßen ward?
Ich hab' mich selbst aus allem fortgetragen.

Vor meinen Augen blühte Schnee.
Ich sah, daß er die Rispen zu mir neigte,
Zu meinen Jahren, und es tat mir weh.

Ich hatte nichts, dem Alter zu versöhnen
Mein Herz, das jung und rot wie Frucht erklang,
Es an die bleiche Kühle zu gewöhnen.

Da weint' ich sehr und ging
Und fand den Mann an einer Wegegabel,
War still und liebte und empfing.

Es sang in mir auf einer Geige
So süß, so leicht, im Anbeginn.
Nun singt es nicht mehr, wenn ich schweige.

Die Angst mit ihren Fleckenhänden kam,
Saß bei mir nieder, meinen Leib betastend,
Belud ein Grinsen: »Fühlst du keine Scham?«

»Wo blieb der Frauenring für deinen Finger ?
Du fürchtest Diebe, hältst ihn brav versteckt.«
Ist meine nackte Rechte denn geringer ?

So arm, so nackend wird es sich
Auch meinem Schoße bald entwinden.
Und wenn ich's denken muß, umkrampft es mich.

Es krallt sich ein und läßt mich zittern,
Wie Sturm den Baum im Winterfeld
Befreit von seinen letzten rost'gen Flittern.

So fegt es mir hinweg, was dünn und schal,
Die kleine Sorge, listiges Vergnügen,
Und bricht die Knospe auf der großen Qual.

Der großen Freude. O, ich will dich werfen
So wie ein Tier und glücklich sein! -
Ich finde Klauen, die ein Messer schärfen …

Es ist doch Nacht. Und ist ein Ding, das Schande heißt.
Ich darf dich nicht gebären.
Ich weiß den Schnellzug, der den Wald zerreißt.

Dem geh' ich zu an seinen blanken Gleisen
Und werde müd' und leg' mich froh zu Bett
Quer auf zwei flache Stäbe Eisen.

aus Gertrud Kolmar, "Die Gesegnete", in: "Weibliches Bildnis, zweiter Raum"

Wieder findet sich das Thema der Gertrud Kolmar, ihr Kind, das sie nicht gebären durfte. Aber auch die schonungslos aufgezeigte Situation in ihrer Familie, aus der sie sich selbst fortgetragen hat, wie sie, sich selbst als außerhalb ihrer sich befindend und gewiss nicht in sich ruhend formuliert.
Wie sie zu der Überschrift des Gedichtes gelangt, ist nur zu vermuten. - Ein weiblicher Hiob. So schwer fassbar diese Geschichte des Alten Testmants auch ist. Hiob mag wissen, dass all sein Leid sein Segen wurde.
Zu vermuten ist, dass diese Frau ohne die Worte, die sie in ihren Gedichten für ihr Leid und Elend fand, nicht hätte überleben können - bis zu jenem Tag in Auschwitz . . .
.
PS Auf diesem Blog finden sich weitere Gedichte der Gertrud Kolmar sowie einige, die ich aus dem lyrischen Werk der Gertrud Kolmar auswählte, weil sie mich persönlich sehr ansprachen: hier (Blog Methusalem)

Montag, 28. Oktober 2019

Nachts, / Wenn der orangene Mond sich ganz silbern gewandelt, / Kommen auch andere heimlich und bringen Gold . . . Bildnis eines Räubermädchens


Das Räubermädchen

Nachts,
Wenn der orangene Mond sich ganz silbern gewandelt,
Kommen auch andere heimlich und bringen Gold,
Hänger, klirrendes Springzeug, das um meinen Nacken tollt,
Blühende Steine, die man in dunklen Schächtelchen handelt,
In pfauenblauen und mohnroten Atlas rollt.
 

Alle nehme ich nicht: ich verachte die dummen Türkise;
Demanten sind glitzernd scharf, zu wirklich, ich liebe sie nicht.
Ich halte die graue Perle, ihr sinnendes Licht,
Und das Rätsel Opal - war so im Abend die Wiese ? -
Und den Zitrontopas, der Unheil zerbricht.
 

O grüne Schlangenaugen, heißt ihr smaragden ?
So sind Augen, die sich mit mir gefüllt,
Bis ich sagte »Genug« und mein Mund sie umhüllt,
Wenn Er vertauschte mit mir die Lust seiner Jagden
Und die geströmte Felldecke niederschlug, plump und zerknüllt.
 

Was ist gut ? Ich weiß nicht. Wird Gott mich strafen ?
Was ist böse ? Mich hat keiner Bosheit gelehrt.
Fraun tragen Ketten und Kinder; der Mann trägt ein Schwert,
Und es ist süß, an einer Brust zu schlafen,
Die anders als unsere, hart und zottig bewehrt.
 

Bald,
Wenn wieder große Waffen silbern sich kreuzend blitzen,
Kaufmanns Gewand in gelbe und schwarze Blumen zerfliegt,
Such' ich ein altes Lied zusammen, das schläfert und wiegt;
Aber den Natternzaubrer in Mauerritzen
Hat schon des Kindes grünliches Blinzeln besiegt.


(aus G. Kolmar, Weibliches Bildnis in vier Räumen)

Man muss in der Lyrik eines Georg Heym, eines Hölderlin, eines Rilke der Duineser Elegien, einer Gertrud Kolmar nicht alles verstanden haben. Man nähert sich den Bildern eines schreibenden Gegenüber, seinen Farben, seinen Tieren, seinem Personal. Es gibt kaum etwas Wertvolleres, als mit den Bildern und Worten anderer anders und auf neuen Wegen denken zu lernen. Man befreit sich selbst, sein eigenes Denken und macht es reicher, umfassender, tiefer.

Sonntag, 27. Oktober 2019

Wuchs nicht der ersten Menschen Schatten hinter uns hcch / da wir beieinander standen.


Am erweiterten Strande des Meeres
blieb ich zurück
klagend über die Flut
die das Meer mir brachte
und unerbittlich wieder zurücknahm.

Aber vielleicht ist es nur dies
dass ein Leben nicht ausreicht
abzuwarten
bis sie zurückkommt.
             (aus Paula Ludwig, Dem dunklen Gott II)


Mittwoch, 23. Oktober 2019

Einst zog ich Gott mit meinen Kleidern ab . . . - Wem schreibt Gott schon einen Herbstmondbrief?

 Einst zog ich Gott mit meinen Kleidern ab.                   
Ich warf ihn hin. Er hing vom Stuhl herab,
Wo schmaler Florstrumpf um die Lehne rankte.
Wie lang schon, daß ich nicht mit ihm mehr zankte!

Den Wänden ward mein Antlitz zugekehrt.
In lockre Träume stieg ich unbeschwert;
Aus meinen Hüften brachen blaue Falter,
Mit nackter Sohle trat ich Staub und Alter.

Und als sich Wiesenlandschaft wirr verschob,
Ein Nachtmeer schauernd mich in Morgen hob,
Da griff ich Hemd und Kittel, Gurt und Kragen,
Fand nicht mehr Gott und dachte nicht an Fragen. -

Ich war allein und schluchzte, rief und rief
Und schrie. Doch Gott schrieb einen Herbstmondbrief,
Gott rollte Sterne aus dem Wunderknäuel.
Und mir am Bette kniet' ein blödes Scheuel.

Ich streute Lampenwärme, gelben Sand,
Es zuzudecken. Wühlte Tuch und Band,
Gott nachzuspähn. Bin müd in mich verkrochen. -
Gott lag sehr fest um meinen Stirnenknochen.

Er war mir angewachsen als die Haut,
Von Glut geschwächt, in Frösten aufgerauht,
Ganz fahl und wund gebeizt von bittren Laugen.
Und fiel als Lid auf jedes meiner Augen.

Wie so viele Menschen ist auch Gertrud Kolmar von Gott enttäuscht.
Der schreibt Herbstmondbriefe und rollt Sterne, aber wenn man ihn braucht, ist er nicht da.

In "Die Leugnerin" thematisiert sie die Erfahrung unseres Menschseins in einer Zeit, wo Gott und die Götter hinweggedämmert sind, so dass manche einfach zu der Lösung greifen, dass sie Gott zum Teufel wünschen und einen auf Atheist machen oder aber brutal fest glauben und alle Zweifel weggecleant und -gestaubsaugt werden, damit auch ja nichts anderes gedacht werden mag . . . oder Gedichte schreiben und Gott über die Stuhllehne werfen zusammen mit den Kleidern.

Es ist diese bestechende Schonungslosigkeit und Ehrlichkeit, die so an dieser Frau fasziniert. Aus nichts macht sie ein Hehl, nicht aus ihrer Weiblichkeit, die sie nicht so ausleben darf wie sie möchte, nicht aus ihrem Mauerblümchendasein, wenn sie sich als Kröte sieht und doch um einen Edelstein weiß, den sie in sich trägt.
Für mich hat er viele Kinder - und es sind ihre Gedichte.

In Bezug auf Gott scheint im Übrigen das letzte Wort noch nicht gesprochen. Da gibt es noch Klärungsbedarf. So einfach lässt er sich via Kleider nicht über die Stuhllehne entsorgen. Sogar auf den eigenen Lidern spürt sie ihn.