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Freitag, 17. Mai 2019

Wenige Worte, so einfach, und so viel Liebe!


Der Strauß, den ich gepflücket,
Grüße dich vieltausendmal!
Ich hab mich oft gebücket,
Ach, wohl eintausendmal,
Und ihn ans Herz gedrücket
Wie hunderttausendmal!
                                     
                   (einfach Goethe)
.

Dienstag, 14. Mai 2019

In meinem Duden steh´n sie drin: gedankenbekümmert, glührot, wiegenliedheimlich, neugierklug, mondbeglänzt.

Am blassen Meeresstrande
Saß ich gedankenbekümmert und einsam.
Die Sonne neigte sich tiefer, und warf
Glührote Streifen auf das Wasser,
Und die weißen, weiten Wellen,
Von der Flut gedrängt,
Schäumten und rauschten näher und näher -
Ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeifen,
Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen,
Dazwischen ein wiegendliedheimliches Singen -
Mir war' als hört' ich verschollne Sagen,
Uralte, liebliche Märchen,
Die ich einst, als Knabe,
Von Nachbarskindern vernahm,
Wenn wir am Sommerabend,
Auf den Treppensteinen der Haustür,
Zum stillen Erzählen niederkauerten,
Mit kleinen, horchenden Herzen
Und neugierklugen Augen; -
Während die großen Mädchen,
Neben duftenden Blumentöpfen,
Gegenüber am Fenster saßen,
Rosengesichter,
Lächelnd und mondbeglänzt.

Unvergessener Heinrich Heine.
Noch die letzte Zeile von "Abenddämmerung" zeigt, wie wichtig es ist, dass es ein Partizip Präsens und ein Partizip Perfekt gibt. Wie Jakim und Boas stehen sie da, wie jene Säulen. Eingangsworte zum Vermächtnis unserer Sprache. Wirklich ein Tempel!

Samstag, 11. Mai 2019

"Könnt ich an ihrem Halse schluchzen, klagen!" - Mutterwunden deutscher Dichter: Nikolaus Lenau, Heinrich Heine, Friedrich Hebbel, Karl May. - Ein Muttertagspost.

Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde
Und will sie stumm bis an mein Ende tragen;
Ich fühl ihr rastlos immer tiefres Nagen,
Und wie das Leben bricht von Stund zu Stunde.

Schon mit 5 Jahren verlor Nikolaus Lenau, der bekannteste österreichische Lyriker des 19, Jahrhunderts, seinen Vater, der die Familie völlig verarmt zurückließ. Zunehmend wurde er unter drei Geschwistern das Lieblingskind seiner Mutter, die zwar erneut heiratete, aber sich, als Lenau 15 Jahre alt war, wieder trennte und fortan mit ihren Kindern unter ärmlichsten Verhältnissen lebte. Fast 16-jährig machte Lenau mit ausgezeichneten Leistungen sein Abitur. In der Folge brach er ein Philosophiestudium ab, studierte ungarisches Recht und in Wien Rechtswissenschaften.
Mit 24 Jahren wurde er Vater, die Vaterschaft allerdings zweifelte er an.
Lenaus wechselvolles Leben kann hier nicht weiter wiedergegeben werden, erwähnenswert ist aber v.a., dass er dreißigjährig nach Amerika auswandert, allerdings nach knapp einem Jahr und misslungenem Farmerleben und Bodenspekulationen enttäuscht zurückkehrt (in der Folge spricht er in einem Brief von den verschweinten Staaten von Amerika).
In Deutschland ist er, der vor seinem Amerikatrip seinen ersten Gedichtband herausgegeben hatte, ein bekannter Dichter. Weitere Veröffentlichungen, u.a. mit sehr kritischen Positionen der Kirche gegenüber, führen zu Schwierigkeiten mit der österreichischen Zensurbehörde.
Insgesamt ist seine Lyrik gekennzeichnet von einem Hang zu Weltschmerz, Melancholie und einer engen Beziehung zur Natur.
Kennzeichnend für sein Leben sind in der Folge wechselvolle und wenig glückliche Beziehungen zu einigen Frauen, vor allem zu der mit einem Freund verheirateten Sophie von Löwenthal. Seine Beziehungsversuche waren ebenfalls Anlass zu zahlreichen Gedichten (Goethe darin durchaus ähnlich).
42-jährig ereilt ihn ein Schlaganfall mit anschließenden schweren psychischen Störungen; er unternimmt mehrere Selbstmordversuche und wird in eine Heilanstalt in der Nähe Stuttgarts später in eine in der Nähe Wiens eingeliefert. 48-jährig stirbt er in geistiger Umnachtung.
Studiert man sein Leben gewinnt man den Eindruck, dass hier ein hochbegabter Mensch, hochsensibel und mit einem großen Hang zur Schwermut, was sich immer wieder auch in seinen Gedichten niederschlägt, mit den vielen Facetten seines Inneren nicht klarkam und nicht jenen Lebensplan, den vielleicht jeder Mensch sich vor seinem Leben vornimmt - bei manchen Menschen sind sie ja überdeutlich, denken wir an Künstler wie Bach, Mozart, Dürer, Goethe und andere -, verfolgen konnte. Womöglich hat ihm eine vorbildhafte Vaterenergie gefehlt und vielleicht hat er seinen vergeblichen Beziehungsversuchen seine Mutter gesucht.
Vielleicht war es eine Vater- und eine Mutterwunde, die er in sich trug; er selbst spricht in seinem Sonett Der Seelenkranke von nur einer Wunde, allerdings einer tiefen; man glaubt auch zu spüren, dass ihm in seinem Leben ein spiritueller Halt fehlte. Immer wieder ist es ja so, dass Menschen, die in ihrem Leben eine starke irdische Vaterenergie nie kennenlernten, nichts mit einer möglichen himmlischen anzufangen wissen:

Der Seelenkranke

Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde
Und will sie stumm bis an mein Ende tragen;
Ich fühl ihr rastlos immer tiefres Nagen,
Und wie das Leben bricht von Stund zu Stunde.

Nur eine weiß ich, der ich meine Kunde
Vertrauen möchte und ihr alles sagen;
Könnt ich an ihrem Halse schluchzen, klagen!
Die eine aber liegt verscharrt im Grunde.

O Mutter, komm, laß dich mein Flehn bewegen!
Wenn deine Liebe noch im Tode wacht,
Und wenn du darfst, wie einst, dein Kind noch pflegen,

So laß mich bald aus diesem Leben scheiden.
Ich sehne mich nach einer stillen Nacht,
O hilf dem Schmerz, dein müdes Kind entkleiden.
.

Wer in seinen Werken herumschnuppern möchte, kann es im Rahmen von Projekt Gutenberg tun. Dort auf der Seite unten finden sich vier Links in seine Werke hinein.

Heinrich Heine (1797 - 1856) wuchs in behüteten und gesicherten bürgerlichen Verhältnissen auf. Er war der erste große Schriftsteller Deutschlands mit jüdischer Abstammung. Sein wechselvolles Leben verschlug ihn später nach Paris, wo er auch das im Folgenden zitierte Gedicht Nachtgedanken schrieb.
Zunächst aber seien zwei Strophen, die er seiner Mutter widmete, wiedergegeben und deutlich wird, wie sehr er sie liebte, obwohl sie ihm doch - als zukünftigem Schriftsteller von Weltrang - jeden Roman aus den Händen riss - vor der Poesie hatte sie Angst - und den Besuch des Schauspiels verbot. Dafür verkaufte sie Halsband und Ohrringe, um ihm sein Studium zu erleichtern. Sie war eine ganz praktische Natur. Dass er sein Dichtertalent nicht von seiner Mutter hatte, war Heine bewusst. Aber wie verehrte er sie!
Die folgenden zwei Strophen wird er mit 20 oder 21 geschrieben haben, vielleicht auch ein, zwei Jahre später; Genaueres ist nicht gesichert; das aber trübt nicht den Eindruck, wie sehr er sich nach ihrer Liebe sehnte:

I.
Ich bin’s gewohnt den Kopf recht hoch zu tragen,
Mein Sinn ist auch ein bisschen starr und zähe;
Wenn selbst der König mir in’s Antlitz sähe,
Ich würde nicht die Augen niederschlagen.
Doch, liebe Mutter, offen will ich’s sagen:
Wie mächtig auch mein stolzer Muth sich blähe,
In deiner selig süßen, trauten Nähe
Ergreift mich oft ein demuthvolles Zagen.
Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget,
Dein hoher Geist, der Alles kühn durchdringet,
Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget?
Quält mich Erinnerung, daß ich verübet
So manche That, die dir das Herz betrübet,
Das schöne Herz, das mich so sehr geliebet?

II.
Im tollen Wahn hatt’ ich dich einst verlassen,
Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende,
Und wollte sehn ob ich die Liebe fände,
Um liebevoll die Liebe zu umfassen.
Die Liebe suchte ich auf allen Gassen,
Vor jeder Thüre streckt’ ich aus die Hände,
Und bettelte um gringe Liebesspende, –
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.
Und immer irrte ich nach Liebe, immer
Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer,
Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.
Doch da bist du entgegen mir gekommen,
Und ach! was da in deinem Aug’ geschwommen,
Das war die süße, langgesuchte Liebe.

.
Ich verehre Heinrich Heine unter anderem wegen seiner Gedichte aus der Matratzengruft, wie er sein Zimmer über den Dächern von Paris nannte, in dem er nach langem Siechtum starb - es ist nicht gesichert, ob wegen Syphilis (die er seinen zahlreichen Hamburger Bordellbesuchen zu verdanken gehabt hätte) oder wegen Bleivergiftung (was neuere Untersuchungen nahelegen).
Nachtgedanken ist gegen Ende hin ein sehr politisches Gedicht; doch wie sehr steht die Mutter im Mittelpunkt der ersten acht Strophen der 1843 geschriebenen Zeilen:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Thränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh’ ich wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre floßen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht an’s Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd’ ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär’;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.
.

Für Heinrich Heine war das Vaterland im Grunde Mutterland.

Der Vollständigkeit halber seien noch die drei Schlussstrophen angemerkt:

Seit ich das Land verlassen hab’,
So viele sanken dort in’s Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist als wälzten sich die Leichen
Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!

Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heit’res Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.
.

Friedrich Hebbel (1813-1863), der über Mutterliebe in seiner Tragödie Maria Magdalena Folgendes sagt:

Mutterliebe, man nennt dich des Lebens Höchstes!
So wird denn jedem, wie schnell er auch stirbt,
dennoch sein Höchstes zuteil!

hat ein Gedicht geschrieben, überschrieben Das Kind, das wahrlich kein wirkliches Muttertagsgedicht ist, aber es macht auf eine unglaublich zu Herzen gehende Weise deutlich, wie wichtig eine Mutter doch für ihr Kind ist:

Die Mutter lag im Todtenschrein,
Zum letzten Mal geschmückt;
Da spielt das kleine Kind herein,
Das staunend sie erblickt.

Die Blumenkron‘ im blonden Haar
Gefällt ihm gar zu sehr,
Die Busenblumen, bunt und klar,
Zum Strauß gereiht, noch mehr.

Und sanft und schmeichelnd ruft es aus:
Du liebe Mutter, gieb
Mir eine Blum‘ aus deinem Strauß,
Ich hab‘ dich auch so lieb!

Und als die Mutter es nicht thut,
Da denkt das Kind für sich:
Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht,
So thut sie’s sicherlich.

Schleicht fort, so leis‘ es immer kann,
Und schließt die Thüre sacht
Und lauscht von Zeit zu Zeit daran,
Ob Mutter noch nicht wacht.
.

Und zu guter Letzt sei ein Gedicht von Karl May (1842-1912), über den ich schon an anderer Stelle ausführlicher geschrieben habe, angeführt. Karl May hat einige Gedichte an und über seine Mutter schrieben, die ich gern bei anderer Gelegenheit einbringe; das Folgende ist überschrieben: An die Mutter

Ich hab gefehlt, und du hast es getragen,
so manches Mal und, ach, so lang, so schwer.
Wie das mich nun bedrückt, kann ich nicht sagen;
o komm noch einmal, einmal zu mir her!

Du starbst ja nicht; du bist hinaufgestiegen
zu reinen Geistern, meiner Mutter Geist.
Ich weiß, du siehst jetzt betend mich hier liegen;
o komm, o komm, und sag, daß du verzeihst!

Komm mir im Traum; komm in der Dämmerstunde,
wenn, Stern um Stern, der Himmel uns umarmt.
Bring mir Verzeihung, und bring mir die Kunde,
daß auch die Seligkeit sich mein erbarmt!
.

Dienstag, 7. Mai 2019

Aus dem „Veilchenlied” Neidharts (oder: wie aus einem Veilchen zum Entsetzen einer Herzogin ein stinkender Haufen wird) . . .

Hier die erste Strophe des Veilchenliedes, zunächst in mittelhochdeutsch:
Urlaub hab der winter
und auch der kalte snee!
Uns kumt ein sumer linder:
man siht anger unde klee
gar sumerlich bestellet.
Ir ritter und ir frauen,
ir sult auf des maien plan
den ersten veihel schauen,
der ist wunniglich getan.
Die zeit hat sich gesellet.
Ir sult den sumer grússen
und all sein ingesinde.
Er kann wol swere pússen
und fert da her so linde.
So will ich auf des maien plan
den ersten veihel suchen.
Gott geb, das es mir wol muß ergan!
der zeit soll wir gerúchen,
seit sie mir wol gefellet.
                        
Strophe 1, übersetzt:
Urlaub hab der Winter,
und auch der kalte Schnee.
Uns kommt ein linder Sommer
man sieht schon Gras und Klee
gar sommerlich bestellet.
Ihr Ritter und ihr Frauen,
sollt auf des Maien Plan
das erste Veilchen schauen,
wie es ist wunderbar erwacht.
Die Zeit hat sich eingestellt
grüßt nun den Sommer
und all seine Gehilfen.
Er kann wohl Leid ausgleichen
und fährt so sanft einher.
So will ich auf der Maienwiese
das erste Veilchen suchen.
Gott geb mir ein Gelingen
dass wir der Zeit entprechen
nun sie mir wohl gefällt.
Der weitere Verlauf des Liedes ist allerdings ziemlich dramatisch. Neidhart stülpt seinen Hut über das Veilchen und führt von ihrer Burg die bayrische Herzogin zu jener Stelle, um ihr den Frühlingsgruß zu zeigen. Was er nicht weiß, ist, dass ihn Bauernlümmel beobachtet haben und einen übelriechenden Haufen auf der Stelle unter dem Hut zurücklassen. Verständlich, dass die Dame not amused ist und glaubt, Neidhart habe das absichtlich getan: „Bei allen meinen tagen / geschah mir nie so leidt” - so sehr nimmt sie es sich zu Herzen, dass sie sagt: „Ich wolt, das ich wer todt”!
Die 5. Strophe des Liedes deutet an, dass all die Beteiligten, 32 an der Zahl, ihr linkes Bein einbüßten („It waren zwen und dreissig / die verlorn doch ir linkes bein”). Ob es faktisch so war, sei dahingestellt, die linke Seite steht ja auch für die des Teufels, allerdings endet das Lied mit der Aussage eines der Übeltäter namens Wissigk: „Nu múg wir nimmer spríngen.” - Dass Neidhart offensichtlich ganz und gar verquer mit den Bauern, den Bauerntölpeln lag, ist bekannt; es wird überliefert, dass sein Grab in Wien von Bauern mit Heugabeln traktiert worden sein soll.

Neidhart von Reuental, wie er genannt wird (wobei nicht ganz klar ist, ob nicht vor allem die Herkunftsbezeichnung allegorisch zu verstehen ist, kann man doch „Reuental” mit „Jammertal” übersetzen, wobei übrigens auch „Neidhart” als eine Bezeichnung des Teufels gilt), lebte und wirkte zu Beginn des 13. Jahrhunderts in der Gegend um Salzburg, Hallstein, Berchtesgaden, Bad Reichenhall. Er ist eine der prägenden dichterischen Gestalten dieser Zeit, wenn nicht DIE prägende. Seine Lieder wurden bis in die Zeit des Buchdrucks überliefert, er selbst wurde zu einer immer wiederkehrenden Gestalt der Fastnachtsspiele und nach ihm wurde ein eigenes Genre, ein Gattungstyp genannt - Ein Neidhart -, wenn also auf seine typische Weise gedichtet wurde. Seine Texte ließen auch zum Teil an sexuell-schlüpfriger Offenheit nichts zu wünschen - bei Gelegenheit vielleicht mal ein Beispiel.

(HIER gibt´s das ganze Veilchenlied - am Ende findet sich dort auch die nicht immer sehr lyrische Übersetzung)

Donnerstag, 2. Mai 2019

Bewusst religiös: Paul Gerhardts "Nun ruhen alle Wälder" und das Abendlied von Matthias Claudius enthalten wertvolle spirituelle Wahrheiten.

Beide Männer lebten ihr Leben auch sehr bewusst und gerade Paul Gerhardt zeigte eine bemerkenswerte  Zivilcourage und religiöse Konsequenz gegenüber dem großen Kurfürsten. Dass die Bevölkerung so hinter ihm stand, gibt Auskunft darüber, wie sehr sie den Prediger und Dichter schätzte.

Dass u.a. Goethe und Wilhelm von Humboldt Matthias Claudius in ihrem Urteil so zu demütigen suchten, mag vermitteln, wie wenig sie sein "Lass uns einfältig werden" verstanden haben. Mehr dazu  ⤵⤵



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Donnerstag, 25. April 2019

Ich habe Dich geliebet und ich will Dich lieben, / Solang’ Du goldner Engel bist . . . Matthias Claudius für seine Frau Rebecca

Anlass war beider silberne Hochzeit und ich kann mir vorstellen, dass ein solches Geschenk eine Frau sehr glücklich macht, denn wie so vieles bei Matthias Claudius glaubt man auch hier zu spüren, wie sehr diese Zeilen für eine Frau, die ihm zwölf Kinder gebar, von Herzen kommen:


Ich habe Dich geliebet und ich will Dich lieben,
Solang’ Du goldner Engel bist;
In diesem wüsten Lande hier, und drüben
Im Lande wo es besser ist.

Ich will nicht von Dir sagen, will nicht von Dir singen;
Was soll uns Loblied und Gedicht?
Doch muß ich heut der Wahrheit Zeugnis bringen,
Denn unerkenntlich bin ich nicht.

Ich danke Dir mein Wohl, mein Glück in diesem Leben.
Ich war wohl klug, daß ich Dich fand;
Doch ich fand nicht. GOTT hat Dich mir gegeben;
So segnet keine andre Hand.

Sein Tun ist je und je großmütig und verborgen;
Und darum hoff’ ich, fromm und blind,
Er werde auch für unsre Kinder sorgen,
Die unser Schatz und Reichtum sind.

Und werde sie regieren, werde für sie wachen,
Sie an sich halten Tag und Nacht,
Daß sie wert werden, und auch glücklich machen,
Wie ihre Mutter glücklich macht.

Uns hat gewogt die Freude, wie es wogt und flutet
Im Meer, so weit und breit und hoch! –
Doch, manchmal auch hat uns das Herz geblutet,
Geblutet... Ach, und blutet noch.

Es gibt in dieser Welt nicht lauter gute Tage,
Wir kommen hier zu leiden her;
Und jeder Mensch hat seine eigne Plage,
Und noch sein heimlichCrève-cœur



Heut aber schlag ich aus dem Sinn mir alles Trübe,
Vergesse allen meinen Schmerz;
Und drücke fröhlich Dich, mit voller Liebe,
Vor Gottes Antlitz an mein Herz.