Samstag, 19. Juli 2014

Wie kommt der Johannes durch den Klinkmüller? - Unser Vorname enthält unser Wesen!

Es sind die familiären Muster, die uns binden, einengen; sie spiegeln sich im Familiennamen.
Darüber ging es im letzten Post.




Erhard Meyer Galow, der sich bekanntlich auf Graf Dürckheim bezieht, veröffentlicht in seinem Buch Leben im Goldenen Wind obiges Bild mit der Aufforderung:

Schreiben Sie auf ein weiteres Blatt nochmals ihren Nachnamen mit einem Bleistift und zeichnen sie um diesen herum dick ein Rechteck.

Das Rechteck mit dem Familiennamen, so schreibt er, ist wie ein kleines Aquarium, das sich unser ICH im Laufe des Lebens gebaut hat. 

Wir schwimmen als kleiner Fisch darin herum, stoßen ständig mit der Nase an die Wände und sind fest davon überzeugt, dass dieser kleine Raum unsere Welt ist. Wir  haben das Wissen verloren, dass außerhalb des Aquariums unsere wesentliche, wunderbare, größere Welt liegt. Viele Menschen spüren die Enge des Ich-Raumes nicht. Sie spüren nur in Krisen eine Enge, wissen aber nicht, dass sie selbst diese Enge verursacht haben.
Eigentlich steht das kleine Aquarium im Meer, aber wir wissen es nicht, und wir haben es nie erfahren.
Die Glasscheiben des ICH-Aquariums gibt es gar nicht. Wir bilden sie uns ein.

Oder sagen wir so: In der Realität unseres ICHS gibt es sie sehr wohl und mir kommt spontan Hugo von Hofmannsthals Goldener Topf in den Sinn. In ihm gibt es eine Stelle, in der stehen Menschen in Glasbehältern - man versteht die Symbolik dort nicht so ohne Weiteres; auf dem Hintergund des oben Angesprochenen ist sie auf einmal klar. 

Was ich noch anmerken möchte:

Die Symbolik des Meeres, die Meyer-Galow wohl von Williges Jäger hat - ganz klar wird das nicht -, finde ich klasse, wenn ich auch Meyer-Galows obiges Bild gerade auf dem Hintergrund dieser Symbolik nicht passend finde. Diese wunderbare, größere Welt ist nirgends angedeutet; das fehlt mir. Seine Erhards vermitteln den Eindruck, ganz auf das Aquarium fixiert zu sein. Auch von außen stoßen sie ständig gegen die Wände des Aquariums. – In diesem Bild gibt es keine Hoffnung, die doch immer da ist; das Meer ist da!

Ich hätte mir ehrlich gesagt ein richtig befreiendes Bild von ihm gewünscht. Entweder zum Abschluss des Kapitels, im Rahmen dessen diese Thematik behandelt wird, oder zum Abschluss des Buches. - Und es hätte ruhig bunt sein dürfen, auch wenn das den Gewinn aus dem Buch geschmälert hätte.

Das Meer als Urelement unserer Möglichkeiten findet sich auf überzeugende Weise in Goethes Faust in Margaretes Thule-Lied dargestellt. Dort ist es die Liebe, die die Fesseln des Aquariums sprengt. Die Liebe löst die Wände auf, schwemmt den Familiennamen ins offene Meer. Dort verliert er seine dominante Kraft und unser Wesen kann seinen Platz einnehmen. 
Die Liebe zu einem Anderen, aber auch zu uns kann und wird uns entgrenzen.

In der Tat ist das unsere Lebensaufgabe wie  es Karlfried Graf Dürckheim (siehe vorausgehender Post) formuliert hat.
Und womöglich geht diese Entgrenzung über die Grenzen des Meeres hinaus. Wir wissen es nicht.
Möglich ist es schon. Auf meinem Bild habe ich es angedeutet:





Wichtig finde ich, dass wir unseren Familiennamen nicht verteufeln; deshalb findet er sich auch in meinem Bild, in dessen Zentrum mein Wesen in der Wort-Gestalt meines Vornamens steht; aber der Familienname ist auch immer wieder zugegen. Wir sollten, finde ich, uns dessen bewusst sein, dass er immer zugegen sein wird; er ist nicht die Ursache des Übels, falls wir uns eingegrenzt und ins Aquarium begeben hatten; die Ursache ist unsere kindliche Sozialisation und das, was wir an seelischen Dispositionen aus früheren Leben mitgebracht haben, was unser  Bewusstsein geprägt und dieses Aquarium gebaut hat. Eltern und Lehrer und andere haben daran mitgewirkt - in der Regel ohne böse Absicht.

Wie schreibt Günter Kunert in seiner Ballade Wie ich ein Fisch wurde:

Denn aufs Neue wieder Mensch zu werden,
Wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist,
Das ist schwer für unsereins auf Erden,
Weil das Menschsein sich so leicht vergisst.

Unser wahrer Familienname ist Mensch.
Mensch ist ein Adelstitel.

Wie kommt der Karlfried durch den Dürckheim? - Über die Bedeutung von Vornamen und Familiennamen.

Endlich mal wieder Zeit für einen Post. In über 30 Jahren meines Lehrerdaseins habe ich es nicht geschafft, die letzten Arbeiten so zu legen, dass ich nicht fast jedes Jahr zum Ende hin in absoluten Stress komme, noch dazu, wenn alle Zeugnis-Noten ausgerechnet, vergeben werden müssen. 
Es ist einfach unheimlich anstrengend, die Gedanken von Menschen nachzuvollziehen, vor allem, wenn sie manchmal etwas verworren sind und  man gern Hinweise geben möchte, wie das zu vermeiden ist. Und dann die Noten . . . 
Für Jugendliche, die gute erhalten, kein Problem. Wer aber gibt gern Noten, wenn sie nicht gut sind? – Ich vermute, vor dem habe ich mich immer jedes Jahr möglichst lange gedrückt, jedenfalls vor der letzten Serie der Arbeiten.

Wer weiß, vielleicht hängt das alles bei mir mit dem folgenden Thema zusammen:

In Meyer-Galows Buch Leben im Goldenen Wind, das ich nicht generell empfehlen möchte, weil es für mich doch einige Schwächen aufweist, es aber auf der anderen Seite zwei wertvolle Kostbarkeiten enthält und viele oft sehr ausführlich zitierte Buchpassagen, die dem ein oder anderen auch durchaus Anregungen sein könnten auf seinem Weg, den Goldenen Wind in sein Leben zu integrieren, findet sich jedenfalls eine Kostbarkeit, die ich außerordentlich wichtig finde - die zweite im Übrigen ist das zweiseitige Kapitel über den Goldenen Wind und dessen Symbolik. 

Die erste Perle bezieht sich auf die Bedeutung des Vornamens und die Rolle des Nachnamens in unserem Leben. Meyer-Galow verweist auf Karlfried Graf Dürckheim, den 1988 in Todtmoos verstorbenen Diplomaten, Psychotherapeuten, Zen-Lehrer und weltweit gelesenen Buchautor, der immer sehr gerne gesagt habe:

Die wichtigste Aufgabe in meinem ganzen Leben war immer wieder die Frage: Wie kommt der Karfried durch den Dürckheim?

Der Weise aus Todtmoos, der sein therapeutisches Zentrum im Schwarzwald gründete, wies darauf hin, dass der Vorname unser Wesen symbolisiere. Gemeint ist der Vorname, wie er im Stammbuch eingetragen ist, auf keinen Fall eine abgekürzte Version, womöglich eine indisch-esoterische Variante oder sonst etwas, was man gern sein oder wie man sich gern inszenieren möchte.

Der Nachname steht nach Meyer-Galow für das, was wir in der Welt erreicht haben, er bezeichnet ihn als "ICH in der Welt".

Schiller, für den das Thema der Unterscheidung von Sein und Schein ein zentrales Thema z. B.  in seiner Maria Stuart war, würde ihn dem Schein zuordnen. Er beinhaltet unsere Rollen, die wir beruflich spielen, die Funktionen, die wir innehaben, was wir an Verpflichtungen übernommen haben, was eben alles der Nachname so generationenübergreifend beinhaltet und weitergibt: die Familie. Ein schwerer Packen!
Nicht, dass dieser Nach-Name grundsätzlich von unserem wahren Wesen getrennt sein muss - oft aber ist er es.

Nach Meyer-Galow sieht unsere persönliche Ausgangssituation in der Regel so aus:




Es heißt bei ihm:
Der dicke Strich unter ihrem Namen ist ihr ganzes Dilemma. Mit dem Strich trennen Sie Ihren Vornamen von Ihrem Nachnamen ab. Als Kind wurden Sie nur mit Ihrem Vornamen angesprochen. Sobald Sie erwachsen sind, spricht man Sie in der Regel nur mit Ihrem Vornamen an. Der Nachname steht also gewissermaßen für das, was Sie in der Welt erreicht haben. Es symbolisiert Ihr ICH in der Welt. (...) Sie haben es gar nicht gemerkt, dass ihr ICH durch eine dicke Mauer zunehmend vom Wesen getrennt wurde (...) Es geht für Sie und für alle anderen Leserinnen und Leser um ENTGRENZUNG Ihres ICH.

Auf was Meyer-Galow nicht aufmerksam macht, ist, warum der Nachname, den er besser auch als Familienname bezeichnen würde, all die Normierungen enthält, die das ICH so stark machen und das Wesen reduzieren, minimieren: weil dieser Name für all die familiären Normierungen und Gesetzlichkeiten steht, die eine Familie mit sich bringt. Als Namensgeber gibt der Vater sein Bewusstsein weiter und, wenn er es nicht reflektiert hat, das Bewusstsein seiner ganzen Familie und all der Väter, die hinter ihm stehen.
Jede Familie hat ihre Gesetzlichkeiten, mittels deren festgelegt ist, wie gelobt wird, wie bestraft wird, wie Liebe praktiziert wird, wie über andere gesprochen wird, wie man dem Leben gegenüber tritt, ob offen und vertrauend oder vorsichtig, ja skeptisch. Und da in Mann und Frau, in Vater und Mutter zwei Familienkreise aufeinandertreffen, können sich Gesetzlichkeiten widersprechen oder - z. B. für die Kinder - sehr widersprüchlich sein. - So empfinden Kinder dann das Leben, empfinden dann, oft unbewusst, eine Unvereinbarkeit des Männlichen mit dem Weiblichen oder eine große Harmonie, ein wertvolles Sich-Ergänzen, ein Gemeinsam-stark-Sein.
Im Rahmen dieser familiären Gesetzlichkeiten ist also beileibe nicht alles schlecht, keineswegs, da kann z.B. ein überzeugendes Wertebewusstsein verankert sein, die Bereitschaft, in die Welt zu gehen und zu wirken.

Allerdings, in diesen althergebrachten Namen stecken auch die ganzen überholten Familienmuster drin, die uns unentrinnbar normieren, wenn wir ihnen nicht ihre Macht nehmen.
Und diese Muster sind mächtig, ja oft letztendlich todbringend, todbringend für unser Wesen.
Man sieht und spürt es Menschen oft an, wie wenig in ihnen wirklich lebt, wie viel in ihnen abgestorben ist. Erschütternde Beispiele der Macht von Familien finden wir immer wieder, man denke nur an Franz Kafkas Brief an seinen Vater, ein einziger Aufschrei nach Leben. – Nie abgesandt!
Familienstrukturen können Kinder die Luft zum Atmen nehmen. Nicht von ungefähr war Franz Kafkas Lunge so krank, musste er doch recht früh sterben.

Nicht in allen Familien sind, wie gesagt, diese Muster gleichermaßen stark. Meine Familie hatte jede Menge starker Muster!
Das alles kann dann dazu, dass die - überholten - gesellschaftlichen Muster so stark wirken können. Oft zementieren sie ja familiäre Muster endgültig.

Manchen lässt die Familie große Freiheiten. Solche Menschen gibt es auch; bisweilen haben sie es nicht leicht; sie werden sehr beneidet. In ihnen spiegelt sich ja eine Freiheit, die die meisten nicht haben.

Fortsetzung hier

Dienstag, 17. Juni 2014

Am farbigen Abglanz haben wir das Leben!


Keine philosophische Abhandlung könnte mit vielen Worten ein zentrales Wesens-Merkmal menschlichen Lebens so präzise erfassen, wie es dieser vor annähernd 200 Jahren geschriebene Satz vermag. Zugleich vermittelt er uns, warum Politiker von einem Dilemma ins andere taumeln. 
Obige Erkenntnis gilt allerdings nicht nur für Politiker, sondern für uns alle, wenn wir uns verhalten wie Faust; immerhin muss unser Hochgelehrter am Ende von Faust I auf vier tödlich verletzte Menschen verantwortlich zurückzublicken.
  • Da ist die Mutter Gretchens, die auf Fausts Insistieren einen von Mephistopheles zubereiteten  Schlaftrunk erhält, der sich als Todestrunk erweist. 
  • Da ist der Bruder Gretchens, der, echauffiert darüber, dass sein Schwesterchen sich auf einen Fremden eingelassen hat und nun als Metze verschrieen ist, sich mit Faust duelliert, nicht wissend, dass diesem Herrn der Ratten und der Mäuse, der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse, wie sich Mephistopheles selbst bezeichnet, den Degen führt mit dem Ergebnis, dass im Grunde beide Hand in Hand dem Bruderherzen den Todesstoß setzen.
  • Um das schwangere Gretchen kümmert sich Faust einen feuchten Kehricht;  er treibt sich, als diese alleingelassen und in tiefster Verzweiflung angesichts des Kindes unter ihrem Herzen im Dom zum Himmel schreit, mit jungen Hexen walpurgisnächtlich auf dem Brocken herum. Als ihm dort in einer Vision das tote Gretchen erscheint, ist es zu spät: Gretchen hat ihr Kind ertränkt und als er sich mit Hilfe Mephistos Zugang zu ihrem Kerker verschafft, um sie vor ihrer Hinrichtung zu bewahren, gipfeln ihre Worte in Heinrich! Mir graut´s vor dir. 
Mephistopheles, richtig verstanden, ist ein Teil von uns
(. . .)

wer weiterlesen mag: hier

Sonntag, 15. Juni 2014

So viel Liebe für ein Kind mit Down-Syndrom . . .




Sorry, die blöde Werbung schaltet Google automatisch zu; sie verblasst nach einiger Zeit. Wenn sie auf das Video doppelklicken, stört sie aufgrund des Vollbildes kaum noch.

Montag, 9. Juni 2014

Langeweile: hirntechnisch gesehen das Beste für Ihr Kind! Und nicht nur hirntechnisch . . .


Das muss alle die Eltern schocken, die schon vor der Geburt ihres Kindes sich einen Plan zurechtgelegt haben, wie es sinnvollst gefördert werden kann.
Das beginnt mit der mozartlich vorgeburtlichen Beschallung, geht weiter mit gezielter Befüllung der Spiegelneuronen, dem Mutter-Vater-Kind-Schwimmen, mit ach so spielerischem Lernfreudetrainig, mit sensomotorischen Lerneinheiten während der Kita-Zeit, mit Ballett-Einheiten im Leib-Seele-Kindergarten . . . okay, ich übertreibe ... aber so weit von der Realität bin ich nun auch nicht entfernt.
Übrigens - und das möchte ich hier schon auch anmerken - halte ich einen Kindergarten mit hohem Aufforderungscharakter, um Dinge zu entdecken, für durchaus wertvoll. Allerdings bin ich hier eher auf der Montessorie-Linie: Es dürfen, ja sollen Dinge sein, die immer wieder auch aus dem Kind kommen. Wobei es durchaus so sein darf, dass eine gute Mischung stattfinden darf: Lieder lernen Kinder nun einmal, wenn sie der Kindergärtnerin nachsingen, auch wenn sie ihre eigenen haben und manchmal goldig vor sich hinbrabbeln und -singen - ich möchte sagen: 
Die Mischung macht´s, eine Mischung, die allerdings für jedes Kind anders aussehen wird; so weit möglich, gehen Menschen, die mit Kindern zu tun haben wollen, darauf ein.

Hochfrequenz-Lernen cancelt die Lernfreude

Zu obigem Programm, beginnend schon in der vorgeburtlichen Phase (irgendwann kommt ein Wissenschafler und weist nach, dass es am besten schon vor der Zeugung losgeht), sagt Gerald Hüther jedenfalls eindeutig STOPP, und was er zum Ausdruck bringt, bedeutet nichts anderes, als dass solches Verhalten für die Lernfreude eines Kindes sehr kontraproduktiv sein kann, ja in der Regel ist - zu den elterlichen Neurosen, die hinter solch einer Einstellung stecken, äußert er sich nicht  (weil sich damit auch die Chance, dass Betroffene es sich zu Herzen nehmen, steigt).

Gut, ich hatte als Kind viel Langeweile und bei mir hat es trotzdem nur zum Lehrer gereicht (kleiner Spaß, ich bin gern Lehrer), aber was ich weiß und als sehr wertvoll für mich empfinde:
Die Langeweile hat bei mir dazu geführt, dass ich die örtliche Bibliothek sehr stark frequentiert habe und dass sich meine Fähigkeit, alles in Bildern sehen zu können, sehr ausgeprägt hat, denn ich musste die etwas dürftige Eisenbahnanlage immer aufpäppeln durch meine Vorstellungen, wie die Lok mit 20 Wagen gerade die Alpen überquert oder durch unwirtliche Canyons fährt (manchmal mit Indianerüberfall). Und am meisten gefordert war meine Phantasie, als ich mir den damals noch dick aufgepolsterten, runden Klavierhocker gegen den heftigen Widerstand meiner großen Schwester erkämpfte, ihn schräg stellte und zu einem Bus-Lenkrad umfunktionierte, seiner eigentlichen Bestimmung, wie ich fand. Das war schon tollkühn, wie ich da diesen großen Bus durch den Stadtverkehr manövriert habe. - Was meine Mutter dachte, wenn sie mich so sah, weiß ich nicht, aber sie ist mit mir auch nicht zum Arzt gegangen.

Heute kann ich mir alles - kein Wunder bei so viel Übung - bestens in Bildern vorstellen (was dazu führt, dass ich mir selten eine Literaturverfilmung ansehen mag, weil meine eigenen Bilder mir einfach lieb sind, in aller Regel viel lieber als die Filmbilder), und - man mag es nicht glauben - es hilft mir nicht unerheblich z. B.  beim Interpretieren von Gedichten. Wenn man sich alles in Bildern wie in einem Film vorstellt, fällt einem sofort auf, wo die Knackpunkte liegen, was ungewöhnlich ist, wo Brüche sind, was außergewöhnlich ist, was womöglich gar nicht gesagt oder getan wird, aber doch eigentlich ansteht ...
Ich sehe manchmal in misstrauisch staunende Augen, wenn ich zu meinen Schülern sage: Schaut euch alles wie in einem Film an, dann liegt die Interpretation fast auf der Hand.
Was ich immer mitbedenken muss: Viele können das nicht mehr, sich eigene Bilder zu machen. Von frühester Kindheit werden sie mit fremden Bildern erschlagen, ihre eigenen kommen nie zum Tragen.  Dafür sorgen Video, Play-Station und Smartphone.
Ein Jammer.
Wie wertvoll ist die eigene Phantasie.

Einstein wäre für G10

Vergessen wir nicht, dass Einstein seine Relativitätstheorie sich zunächst nur vorgestellt hat: Alles, was das Verhältnis von Raum und Zeit betrifft und was seit Jahrhunderten Gültigkeit besaß, die Vorstellung nämlich von einer gleichförmig ablaufenden Zeit, die für jedes Bezugssystem diesselbe Gültigkeit haben müsse, revidierte er durch seine Vorstellungskraft dahingehend, dass jedes System seine Eigenzeit besitzt. Eine gigantische Leistung dieses, seines Vermögens.

Nun weiß ich natürlich nicht, ob er Langeweile hatte, aber von Videos und Smartphone-Schrott ist er jedenfalls nicht zugeballert worden.
Doch wie sinnvoll es sein kann, sich mit Lange-Weile und durchaus langsam zu entwickeln - die Diskussion um G8/G9 lässt grüßen -, machen seine Zeilen an James Franck deutlich:

"Ich (..) habe mich derart langsam entwickelt, daß ich erst anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich bereits erwachsen war."

Das ist für Einstein, so möchte man sagen, der Stein der Weisen:

"Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, dass an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen."

Diese Sätze möchte man allen Bildungsplanern und jenen Eltern ins Stammbuch schreiben, die glauben, sie müssten Kinder möglichst früh möglichst viel eintrichtern, damit sie alle Einsteins werden.

Genau der aber würde sagen: Lasst ihnen doch Zeit. Zeit zum Staunen. Zeit zum Wundern.

Ein Kindergarten darf, ja sollte immer auch ein Wunderland sein.
Dann entwickeln sie Dinge, die wir nicht zu denken wagen, nicht denken können, weil wir von zu eilfertigen Erwachsenen auf ihr Denken hin gedrillt worden sind.
Um Einstein noch einmal ausführlicher zu zitieren:

"Ich (..) habe mich derart langsam entwickelt, daß ich erst anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich bereits erwachsen war. Naturgemäß bin ich dann tiefer in die Problematik eingedrungen als ein gewöhnliches Kind."

Lassen wir doch Kindern so weit als möglich ihre Ungewöhnlichkeit. Vielleicht können dann viele auch ungewöhnlicher bleiben und müssen sich nicht in ADHS-Symptome flüchten.

Ich empfehle Ihnen jedenfalls das folgende Video, auch deshalb, weil es denjenigen, denen die überzogene Leistungs-Erziehung unserer Kinder gefühlsmäßig schon immer ein Dorn im Auge war, argumentatives Material an die Hand gibt. Manchmal tut das unseren Gefühlen ja auch wirklich gut :-)




PS  Übrigens glaube ich - auch wenn ich mich darüber mokiert habe -, dass Mozart-Musik wirklich einem Ungeborenen gut tut. Mozart hat sich Zeit seines Lebens - und das, obwohl er ja durchaus schon als Kind ziemlich hart rangenommen wurde - so viel Kind bewahrt: Da muss seine Musik förmlich gut tun - und das gilt auch für die inneren Kinder der Erwachsenen :-)

PPS  Und Spiegelneuronen zu befüllen, wenn es nicht nur ein lern-technischer Akt ist, sondern einer in Liebe, mit Zuwendung und Freude, ist natürlich ausgesprochen sinnvoll - dazu habe ich ja an anderer Stelle geschrieben . . .


PPPS  als Nachtrag: Ich sehe gerade im Newsletter von Gehirn und Geist: Die neueste Ausgabe enthält einen Artikel zum Thema Langeweile:
Wenn die Zeit kriecht.
Ist Langeweile zu erforschen nicht ganz schön öde? Keineswegs! Wissenschaftler entdecken ein erstaunlich vielschichtiges Phänomen, das gute und schlechte Seiten birgt - und uns sogar zur Sinnsuche inspirieren kann.

Ich finde die Zeitschrift echt gut, den Artikel allerdings eher langweilig, Forschungen konglomerierend :-)
Interessant vielleicht dieser Absatz:

Wer stimulationsarme Phasen stets füllt, tut daher vor allem Kindern nichts Gutes, meint etwa die britische Sozialwissenschaftlerin Teresa Belton. Sie schrieb bereits 2001 den Mangel an Kreativität vieler Kinder deren TV-Konsum in Zeiten der Langeweile zu. Inzwischen sind noch Playstations und Smartphones hinzugekommen. Wann immer Kinder gelangweilt sind, wenden sie sich elektronischer Unterhaltung zu, fürchtet Belton: »Sie lassen sich von Reizen bombardieren, anstatt sich auf ihre inneren Ressourcen zu verlassen.«

PPPPS  Was unser gesunder Menschenverstand übrigens schon immer wusste :-)

Donnerstag, 29. Mai 2014

Zu Himmelfahrt: Wer wüchse nicht gern mit einem Engel auf . . .

Im Kindergarten könnte noch Platz für ihn sein . . .
. . .  wo auch sonst?


✣   ✣   ✣

Engel 
Ich sah einen er kam im Taxi der Vordersitz
war flachgelegt so hatte er Platz
man hob ihn heraus vor dem kleinen Fischgeschäft
geleitete ihn in einen geschorenen Garten
da stand er ernst in der Luft überragte
die ihn stützten seine Augen erreichte nichts
die Kleider waren verblaßt Goldreste
überzogen die Brust er war ohne Flügel
seine Führer lehnten ihn an einen Karren
blockierten zuvor die Räder damit er
nicht ins Gleiten käme sich etwa zerschlüge
ich sah seine Hände sie waren leer
hatten wohl vorher den Ölzweig getragen oder
ein Saitenspiel jahrhundertelang
jetzt war er taxiert unterwegs auf Wohnungssuche
erst ins Antiquitätengeschäft was wird aus ihm wer
braucht schon einen Engel der so groß ist
er füllt eine Küche stände
wo besser ein Kühlschrank steht oder der Tisch mit
der Brotschneidemaschine, der Ausweg für ihn
wäre ein Kindergarten wenn der ihn beherbergte
wer wüchse nicht gern mit einem Engel auf

aus Sarah Kirsch; Landaufenthalt, Langewiesche-Brandt, 1999



Sonntag, 18. Mai 2014

Glaube, Hoffnung, Liebe - Warum wir so viel Glauben und Hoffnung brauchen, damit die Liebe eine Chance hat. - Worte wieder Heuchelei und Scheinheiligkeit!


In Ödön von Horváths bemerkenswerten Roman Jugend ohne Gott geht ein Lehrer während der Zeit des Nationalsozialismus einen steinigen Weg zur Wahrheit. Es sind einige Stationen, die er durchlaufen muss, um zu erkennen:

Einst dachte ich, Gott hätte tückische stechende Augen - Nein, nein!
Denn Gott ist die Wahrheit.


Und doch scheint das ganz und gar nicht glaubwürdig.
Kurz zuvor war er in das Haus eines Schülers gerufen worden, der Selbstmord begangen hatte. Es war ein Schüler, dessen kalte, stechende Augen ihn dazu verlanlasst hatten, ihn als Fisch zu bezeichnen. Was der Lehrer wusste, war, dass auch dieser ihn als Fisch bezeichnet hatte, als er zu dem Lehrer sagte:


"Wissen Sie denn nicht, Herr Lehrer, was Sie in der Schule für einen Spitznamen haben? Haben Sie ihn nie gehört? Sie heißen der Fisch." Er nickt mir lächelnd zu.
"Ja, Herr Lehrer, weil Sie nämlich immer so ein unbewegliches Gesicht haben. Man weiß nie, was Sie denken und ob Sie sich überhaupt um einen kümmern. Wir sagen immer, der Herr Lehrer beobachtet nur, da könnt zum Beispiel jemand auf der Straße überfahren worden sein, er würde nur beobachten, wie der Überfahrene daliegt, nur damit ers genau weiß, und er tat nichts dabei empfinden, auch wenn der draufging -"


Zum damaligen Zeitpunkt hatte das gestimmt. Der Lehrer war jener römische Hauptmann gewesen, der ihm auf einem Bild, das im Wohnzimmer seiner Eltern hing, aufgefallen war, der dastand und zusah, wie Jesus gekreuzigt wurde, obwohl er wahrnahm, dass hier kein Mensch stirbt, sondern ein Gott.

Doch obwohl er die Möglichkeit als Offizieller der Besatzungsmacht gehabt hätte, die Kreuzigung zu abzubrechen, tat er nichts; er stand da.

Der Lehrer wusste, dass er auch so einer war. Zu zu vielem hatte er geschwiegen, sich schon als Lehrer im Unterricht nicht von den Meinungen des Radios distanziert, das damals als Volksempfänger das Bewusstein der Menschen manipulierte; er hatte im Rahmen des Zeltlagers geschwiegen, als er sich hätte zu seinem eigenen Verhalten bekennen müssen, was ihn hätte sehr schlecht dastehen lassen. Er hatte sich nicht zur Wahrheit bekannt, obwohl dadurch vielleicht hätte ein Menschenleben gerettet werden können.

Nun war dieser Schüler tot, und zu den Beamten, die ihn hatten holen lassen redet er über diesen Schüler, der im Rahmen eines Zeltlagers einen Mitschüler erschlagen hatte, dass jener

zuschauen wollte, wie ein Mensch kommt und geht. Geburt und Tod, und alles, was dazwischen liegt, wollt er genau wissen. Er wollte alle Geheimnisse ergründen, aber nur, um darüberstehen zu können - darüber mit seinem Hohn. Er kannte keine Schauer, denn seine Angst war nur Feigheit. Und seine Liebe zur Wirklichkeit war nur der Haß auf die Wahrheit. 


So weit so gut, wenn dann nicht die Innensicht des Lehrers sich aufgetan hätte und es heißt:

Und während ich so rede, fühle ich mich plötzlich wunderbar leicht, weil es keinen T mehr gibt.
Einen weniger!
Freue ich mich denn?
Ja! Ja, ich freue mich!
Denn trotz aller eigenen Schuld an dem Bösen ist es herrlich und wunderschön, wenn ein Böser vernichtet wird!

Wie kann das sein, dass jemand sich Sekunden später zur göttlichen Wahrheit bekennt, doch offensichtlich auf dem richtigen Weg ist und hier sich noch freut, dass ein Mensch vernichtet wird?
Sich dabei wunderbar leicht fühlt, offensichtlich wie befreit?

Des Rätsels Lösung liegt in der Natur der menschlichen Seele.

Dabei muss ich an meine eigene Kindheit denken, an mein überreligiöses Elternhaus und all die religiösen Menschen jener Kirchengemeinde, in der meine Eltern aktiv waren, die mich damals umgaben, die sich alle zu Gott bekannten, alles nahezu Heilige.
Ja, so war es: Wer sich zu Gott bekannt, wer sich bekehrt hatte, hatte sich von allem Bösen abgewandt, denn er war ja rein gewaschen mit dem Blut Jesu, das am Kreuz für uns alle vergossen war, damit wir selig werden; wie oft und immer wieder hatte ich das vernommen.

Nur war das nicht die Realität der Menschen, die mich umgaben, und ihres Herzens. In ihrem Herzen waren weiterhin üble, so genannte böse Gedanken. 
Was allerdings der Fall war, war die Tatsache, dass diese Menschen meiner Umgebung unter einem unglaublichen Druck standen, denn natürlich war ihnen alles Böse abhold, aller Neid, alle Eifersucht, aller Geiz, alles Reden hinter dem Rücken anderer . . . sie waren ja Nachfolger, Jünger, Bekehrte.

Als Kind nahm ich die Realität dieser Menschen wahr, dass sie über die Gebete der anderen lästerten, dass sie hinter dem Rücken über andere sprachen, dass sie tratschten, eifersüchtig waren, auf Pöstchen und Posten im Kirchenvorstand aus . . .

In meiner Realität hatte das dazu geführt, dass ich wusste, dass dieser Gott, an den diese Menschen glaubten, inclusive meiner Eltern, nicht mein Gott sein konnte; das konnte er nicht sein.
Damals hatte ich beschlossen, mich von diesem Gott abzuwenden und später für mich zu klären, was es mit ihm auf sich habe.

Was aber hier der Lehrer denkt - und damit zurück zu ihm -, ist für mich absolut befreiend - obwohl man es als wirklich übel bezeichnen könnte -, denn er  macht aus seiner Seele keine Mördergrube, er zensiert seine Gedanken nicht, er lässt sie zu.

Wie absolut wichtig!
Wie absolut wichtig für seine weitere Entwicklung.

Denn nur so kann er die wahre Realität seiner Seele erkennen.
Nur so muss er nicht so scheinheilig werden wie viele andere, die so etwas denken, aber doch nicht denken dürfen, mit der Folge, dass sie nicht mehr wahrnehmen können, was in Wahrheit in ihnen ist.
Damit negieren sie die göttliche Wahrheit. Denn ihre Seele ist von Natur aus göttlich und will, so glaube ich heute, zu dieser Realität zurückkehren.
Doch dies geht nur, indem wir zulassen, wie es in Wahrheit in uns aussieht.

Wir sind keine Heiligen.
Noch lange nicht.

Glaube Hoffnung Liebe - diese drei
aber die Liebe ist die größte unter ihnen (Paulus)

Und damit wir dahin kommen, bedarf es Glauben, Glauben, Glauben und Hoffnung, Hoffnung, Hoffnung, damit Liebe in uns werden kann!

Paulus weiß, warum diese Reihenfolge so wichtig ist: 
Erst kommt der Glaube, dann kommt die Hoffnung und dann kommt manchmal lange nichts oder nur fallweise in bestimmten Situationen, bis immer mehr und immer häufiger in uns die Liebe einziehen kann. 

Aber das ist ein langer, ein dornenreicher Weg. Dafür steht die Dornenkrone.
Wer ahnt, an wie vielen Zacken wir noch hängen bleiben können, ahnt auch, wie wichtig Glauben ist, wie wichtig Hoffnung ist.