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Samstag, 9. Dezember 2023

Zur Herzensbildung (Teil 4): ÜBER DEN LÖWEN IN UNS

(der Beginn, Teil I findet sich hier: https://lmy.de/cyrr )

Wer den Löwen in sich hat, braucht ihn außerhalb nicht mehr fürchten. Es mag etwas - ich sage sogar: viel - Wahres an dieser Ansicht sein und Goethes „Novelle“ gibt uns ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel über den Zusammenhang von Löwe, Feuer, Herz und Mut. In Teil V dazu mehr.

Zunächst möchte ich auf eine Geschichte verweisen, die meine Kindheit prägte und ich wünschte, Eltern würden sie ihren Kindern als Gute-Nacht-Geschichte immer mal wieder vorlesen oder erzählen; es ist jene von Daniel in der Löwengrube [https://lmy.de/aXOA].
Die Löwenenergie, die Daniel besitzt, ist dem Feuer verwandt, und so verwundert es nicht, dass sich im alttestamentarischen Buch Daniel eine vergleichbare Geschichte findet, jene von den Drei Männern im Feuerofen [https://lmy.de/ZMDd]; auch sie ist - im angesprochenen Sinne - eine wertvolle Gute-Nacht-Geschichte.

Warum solche Erzählungen wie Balsam für die Seelen sind, erklärt sich daraus, dass wir in einer Welt zunehmend ohne Prinzipien, ohne Werte, ohne Ideale leben, ohne herzenstiefe Religiosität. Gewiss gilt das nicht für alle lebenden Zeitgenossen, aber jene, die wie Daniel sowie Schadrach, Meschach und Abed-Nego zu ihrer Überzeugung stehen und mutige Bekenner eines Sinnes, der in ihnen ist und zu dem sie stehen, wenn es auch das Leben kostet, sind, finden sich doch selten.
Man spürt, wie sehr die Seele aufatmet, wenn sie solche Erzählungen hören darf, weil sie doch den Mut nicht verlieren will. Die Seele braucht in dieser Zeit mehr denn je diese Nahrung!
Gerade auch die von Kindern!

Gewiss ist der Mut eine Eigenschaft, die mehr dem Weiblichen zuteil ist, was mit der Herkunft der Frauen aus der Gruppenseele der Löwentiermenschen (vgl. Sphinxtiere) zusammenhängt, dennoch haben wir in oben erwähnten Erzählungen zugleich ein Beispiel für echte Männlichkeit und Standhaftigkeit.

Gerade vor dem Hintergrund, dass wir derzeit einen Bundeskanzler haben, der lügt und sich an krumme Absprachen nicht erinnern will (Cum-Ex) und der, bei ihm selten extrem, kaum eine männliche Seite bzw. Energie hat – man schaue nur einmal, wie er geht und dass er kaum in der Lage ist, die Hüfte zu bewegen und zum Teil fast Tippelschritte macht wie ein Kind – , wird offenbar, wie sehr sich unser Volk bzw. Kulturkreis sehnt nach einer Männlichkeit, die lebendig ist und gelebt sein will - sie darf sich auch im Äußeren zeigen. Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass so viele Menschen diesen Mann in seiner männlichen Unmännlichkeit immer wieder ansehen müssen; die Seele leidet, wenn sie solch menschliche Reduktion sieht, vor allem, wenn sie behebbar wäre. Sie benötigt aber dieses Lehrprogramm.
Die Seelen der Menschen leiden ganz besonders in dieser Zeit des Übergangs von der kaputten patriarchalischen Männlichkeit hin zu einer neuen kosmischen, weil viele spüren, dass das Alte geht, sie aber das Neue noch nicht wirklich sehen.
Gewiss ist, kosmisch gesehen, eine neue Männlichkeit zur Erde unterwegs und lebt hier auch schon in Ansätzen und entwickelt sich, noch aber haben zu wenige Männer bewusst das unerlöste, nicht zu erlösende, weil dem Untergang geweihte kollektive Feld einer kaputten degeneriert-patriarchalischen Männlichkeit verlassen, bewusst verlassen. Das Patriarchat hatte für eine gewisse Zeit eine Funktion im Rahmen der menschlichen Entwicklung; die Zeit aber ist nun endgültig vorbei und Frauen und Männer sollten die Erdogans, Putins, Orbans, Bidens, wie überhaupt diese ganzen alten Männer, die sich zum Teil auch in jungen Männern, gerade auch Politikern verstecken, entmächtigen. Im übrigen sollten auch Frauen aus ihrer Opferrolle, die als solche nicht stimmig ist, herauskommen, soweit sie sich darin befinden – und es tun das nicht wenige –, und sehen, dass auch eine neue Weiblichkeit gelebt sein will, eine Weiblichkeit, wie sie auf eine bisher nicht gekannte Weise das Männliche schätzt, anstatt, wie das viele zum Teil unbewusst tun, das Männliche zum Maßstab zu nehmen, an dem man erfolgreiche Weiblichkeit misst, um so sich endlich überlegen zu fühlen.- Eine totale seelische Sackgasse.

UNTERWEGS ZUR ZEHNTEN HIERARCHIE

Auf eine untrennbare Weise ist der Löwe in uns mit unserer Herzenskraft verbunden und mit dem Mut, einem Mut, der Voraussetzung dafür ist, dass wir demütig sein können vor der Größe menschlichen Seins als der zehnten Hierarchie, wie sie sich entwickelt, weil sie eine geniale Idee vorausgehender Hierarchien ist, die eine unvorstellbare Größe besitzen und im Menschentum ein Neues schaffen, etwas kosmisch ganz Neues, von dem die Bibel in Bezug auf die nächste große Phase als dem Neuen Jerusalem spricht, auf das noch der sechste und siebente Schöpfungstag folgt. Unsere Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen.
Die wunderbare Ricarda Huch, Autorin u.a. von Luthers Glaube, selbst im Übergang vom Krebs zum Löwen geboren, lässt ein sehr ehrliches, sehr schonungsloses Gedicht beginnen mit - kein Zufall dieser Zusammenhang - „Mein Herz mein Löwe“ und die ersten beiden Zeilen lauten:
Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest,
Sein Geliebtes fest in den Fängen …
Es ist übrigens bezeichnend, dass sie in ihrem eben genannten Buch mit jenen ins Gericht geht, von denen es zur Zeit viel zu viele gibt:
Die meisten Berufenen scheitern daran, dass sie nicht kämpfen und leiden wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno [in Mozarts „Zauberflöte“; Anm. J.K.], nicht durch Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen, die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, nämlich durch das Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein Schicksal selbst.
Unsere Erde braucht Frauen und Männer mit innerem Feuer und Löwenkraft.

HILFEN DURCH UNSERE TIERKREISZEICHEN

Den Zusammenhang von Löwe, Feuer und Herz stellt insbesondere White Eagle - in seinem letzten Leben ein großer Irokesen-Häuptling, wohl Hiawatha [https://de.wikipedia.org/wiki/Hiawatha], der legendäre Gründer des Bundes der sechs Irokesenstämme und nun wohl Mitglied der Weißen Bruderschaft - in seinem „Großen Heilungsbuch“ heraus. In dessen letztem Kapitel „Astrologie und geistiges Heilen“ betont er, wie wichtig es für das geistige Heilen sei, um die Bedeutung des Sonnenzeichens, unter dem die Menschen geboren sind, zu wissen, ihr Tierkreiszeichen. Er weiß darum, dass Löwe-Menschen - ihr Zeichen ist dem Element des Feuers zugeordnet - dazu neigen, ihr Vertrauen zu spontan und leichtgläubig zu verschenken und sich dadurch häufig heftige Enttäuschungen einzuhandeln, weiß auch, dass sie gegebenenfalls im Verhältnis zu geliebten Partnern und Kindern viel Herzenskummer und Enttäuschungen erleben, doch wirken sich diese Erfahrungen oft sehr segensreich für sie aus, öffnen sie doch das Herz des Löwe-Menschen zu echtem Verständnis, zumal im Herzen aller Feuerzeichen ein ausgeprägter Sinn für Ehrenhaftigkeit und Integrität brennt und alle Seelen unter diesem Zeichen nicht anders könnten, als im Lichte zu leben. So White Eagle.

Für alle Heiler in diesem Zeichen sei es unerlässlich, sich selbst der großen machtvollen Sonne zu öffnen, zumal es ihnen als Löwe-Geborenen leichtfalle, sich zum ewigen Licht der Sonne zu erheben und von ihrem Herzen aus alle ihre Werke zu vollbringen, von ihrem Löwe-Herzen, das wie kein anderes Organ dazu erschaffen worden sei, das solare, also das Sonnen-Feuer in sich zu entwickeln und weithin zu allen Wesen auszustrahlen.

Anmerken möchte ich hier, dass alle Tierkreiszeichen auf ihre Weise wunderbare spezifische Heilungsmöglichkeiten beinhalten, doch spielt im Tierkreiszeichen des Löwen das Herz eine ganz besondere Rolle.

Wenn Paracelsus darauf verweist, dass wir den Himmel in uns reinigen mögen, so bedeutet das in einem umfassenden Verständnis der Bedeutung des Tierkreises, dass wir alle Tierkreiszeichen in uns integrieren, damit wir zu einem umfassenden Verständnis des Kosmos gelangen.

In einem abschließenden Teil möchte ich auf die zukünftige Bedeutung des Herzens verweisen, wie es sich also weiterentwickelt in zukünftigen Entwicklungsstufen unseres Menschseins und ich möchte Goethes Novelle empfehlen, die auf wunderbare Weise zeigt, wie in unserem Menschenleben äußeres und inneres Feuer, äußerer und innerer Löwe, Mut und Herzfähigkeit zusammenhängen.

Sonntag, 19. November 2023

Geef mij je angst - Gib mir Deine Angst !


Ein Lied, so recht zum Thema Herzensbildung
🌺❤🌺

Du sagst "ich bin frei", aber du meinst
"ich bin so einsam",
du fühlst dich großartig, sagst du,
aber ich träume doch nicht,
denn diese Blicke in deinen Augen
sagen mir alles,
mir geht es genauso wie dir,
du kannst also ehrlich sein.
Dir geht es sehr gut, sagst du, und deine Lippen beginnen zu zittern,
ich weiß, dass ich dir helfen kann, aber du musst es selber wollen.
Sich jetzt gegenseitig einen Gefallen tun, das ist alles, wonach ich frage,
weg mit der Angst,
ich wusste es schon,
heute ist mein Tag!
Gib mir deine Angst,
ich gebe dir die Hoffnung dafür zurück,
gib mir jetzt die Nacht,
ich gebe dir einen Morgen zurück,
solang ich dich nicht verliere,
finde ich schon meinen Weg mit dir.
Schau mich jetzt mal an,
nein, sag nichts, am besten schweigst du einfach,
es fällt jetzt noch schwer,
aber ich weiß, dass ich dich kriegen kann.
Das braucht nie mehr zu passieren,
wenn du heute Nacht bei mir bleibst,
denn dann wirst du sehen,
wenn du wach wirst, dass du wieder lachst.
Gib mir das Gefühl,
dass ich von nun an wieder dazugehöre,
ich gehe mit dir mit,
und ich lasse dich jetzt nie mehr gehen.
Gib mir deine Angst,
ich gebe dir die Hoffnung dafür zurück,
gib mir jetzt die Nacht,
ich gebe dir einen Morgen zurück,
solang ich dich nicht verliere,
finde ich schon meinen Weg mit dir.
Gib mir das Gefühl,
dass ich von nun an wieder dazugehöre,
ich gehe mit dir mit,
und ich lasse dich jetzt nie mehr gehen.
Gib mir deine Angst,
ich gebe dir die Hoffnung dafür zurück,
gib mir jetzt die Nacht,
ich gebe dir einen Morgen zurück,
solang ich dich nicht verliere,
finde ich schon meinen Weg mit dir.
---------------
Je zegt, ik ben vrij, maar jij bedoelt,
ik ben zo eenzaam.
Je voelt je te gek,zeg jij,
maar ik zit niet te dromen.
Want die blikken in je ogen,
zeggen alles tegen mij.
Ik voel me precies als jij, dus jij kan eerlijk zijn.
Je voelt je heel goed, zeg jij, je mond, begint te trillen.
Ik weet dat ik jou kan helpen, maar je moet zelf willen.
Elkaar nu een dienst bewijzen, dat is alles wat ik vraag.
Zet weg nu die angst,
ik wist het al,
dit is m'n dag vandaag.
Geef mij nu je angst,
ik geef je er hoop voor terug.
Geef mij nu de nacht,
ik geef je een morgen terug.
Zolang ik je niet verlies,
vind ik heus wel m'n weg met jou.
Kijk mij nu eens aan,
nee zeg maar niets, je mag best zwijgen.
Het valt nu nog zwaar,
maar ik weet dat ik jou kan krijgen.
Dit hoeft nooit meer te gebeuren,
als je bij me blijft vannacht.
Want dan zul je zien,
als jij straks wakker wordt, dat jij weer lacht.
Geef mij het gevoel,
dat ik er weer bij hoor voortaan.
Ik ga met je mee,
en ik laat je nu nooit meer gaan.
Geef mij nu je angst,
ik geef je er hoop voor terug.
Geef mij nu de nacht,
ik geef je een morgen terug.
Zolang ik je niet, verlies,
vind ik heus wel m'n weg met jou.
Geef mij het gevoel,
dat ik er weer bij hoor voortaan.
Ik ga met je mee,
want ik laat je nu nooit meer gaan.
Geef mij nu je angst,
ik geef je er hoop voor terug.
Geef mij nu de nacht,
ik geef je de morgen terug.
Zolang ik je niet, verlies,
vind ik heus wel m'n weg met jou.

Dienstag, 14. November 2023

Nur Herzensbildung bewirkt ein Klima, in dem wir Menschen überleben (Teil II)

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum-
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
So beginnt Goethes "Faust" - genauer gesagt: die Fausthandlung - und mancher mag sich fragen, warum man überhaupt Kinder womöglich aufs Gymnasium schickt, wenn sie doch zu der Erkenntnis des Faust kommen könnten. Zumal der im Gespräch mit seinem Famulus Wagner noch äußert:

Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.
Sitzt ihr nur immer! leimt zusammen,
Braut ein Ragout von andrer Schmaus
Und blast die kümmerlichen Flammen
Aus eurem Aschenhäuschen 'raus!
Bewundrung von Kindern und Affen,
Wenn euch darnach der Gaumen steht-
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
Wenn es euch nicht von Herzen geht.
(…)
Erquickung hast du nicht gewonnen,
Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.

Ohne Gefühl, ohne Seele geht doch Faust/Goethe zufolge offensichtlich gar nichts, schon gar nicht ohne Herz.
Wird Faust dem Anspruch selbst gerecht?
Ziemlich am Ende von "Faust II" müssen immerhin Philemon und Baucis, das alte sympathische Pärchen, sterben, weil Faust nicht glaubt, ohne die Parzelle, auf der sie leben, verzichten zu können und Mephisto mitsamt dessen Schergen losschickt mit den bekannten Folgen, dem Tod der beiden Alten.

Dessen ungeachtet:
Wird unsere Bildung den Aussagen des Faust gerecht, was Gefühl, Herz und Bedeutung der Seele als Quelle betrifft?
Ich bin kein Freund von Ironie, weil jene, die sich nicht trauen, die Wahrheit offen zu sagen, mit ihrer Hilfe ihre Unfähigkeit oder fehlende Bereitschaft zu Klarheit und Eindeutigkeit hinter ihr verstecken, hier sei sie mir aber gestattet:

Gut, dass in unserer Schule immer seltener der "Faust" gelesen wird, wo heute doch wichtiger ist, dass Schüler einen Computer oder ein Tablet bedienen sowie mit diversen scheinbar lebenswichtigen Programmen umgehen können. Immer weniger kommen Bildungspolitiker in eine Bredouille, was die Forderung, der Bedeutung von Gefühlen gerecht zu werden, betrifft; nach wie vor steht Wirtschaftswachstum an erster Stelle, und wenn Menschlichkeit und Herz eine Rolle spielen, dann höchstens, wenn sie für das ständige Wachstum notwendig sind, beispielsweise, weil sie, auf die Fahne zu schreiben, verkaufsfördernd ist.

ÜBER DAS VERHÄLTNIS VON TRADITIONELLER BILDUNG ZU HERZENSBILDUNG

Ist es also noch zeitgemäß, Goethe ernst zu nehmen? Sollte man den "Faust" nicht am besten aus dem Bildungskanon entfernen (damit niemand mehr auf dumme Gedanken kommt)? – Wobei man den "Faust" ja lesen kann, um eben gebildet zu sein - das kann doch genügen. Man kann ihn ja zu Kopf, aber nicht zu Herzen nehmen ….

Vor mir liegen zwei Bücher, der Verfasser des einen ist Dietrich Schwanitz und der Titel lautet „Bildung. Alles, was man wissen muß.“ Das klingt etwas zwanghaft und wenn einer sich das ausführliche Inhaltsverzeichnis anschaut – ich habe es auf Wortbrunnen eingescannt > https://bit.ly/49wZfXg < – dann mag in der Tat der ein oder andere Alpträume bekommen – aufgrund seiner ungeheueren Bildungslosigkeit.
Aber ist es nicht zugleich doch durchaus angebracht, das ein oder andere zu wissen, um zu verstehen, wie Menschen früher gelebt haben, warum die griechische Philosophie, unter anderem Platon und Aristoteles, einen so großen Einfluss auf unser Denken und unser Erkennen hatten, warum unsere heutigen Fähigkeiten durchaus eng mit Leonardo da Vincis Wirken zusammenhängen und dem von Galileo Galilei, Kopernikus und Einstein? Ist unser heutiges seelisches Befinden vorstellbar ohne die Werke der bildenden Kunst und der Musik, dem Schaffen Freuds oder auch C.G. Jungs? Reden wir nicht heute wie selbstverständlich mit Jung von dem Schatten und von introvertiert und extrovertiert und ist es nicht gut, dass wir gelernt haben, diesbezüglich zu differenzieren?
Wären wir nicht erheblich anders, wenn es nicht das Wissen darum und die Entwicklung des daraus folgenden Bewusstsein gegeben hätte?

Das Buch von Schwanitz umfasst übrigens 700 Seiten und das von Ernst Peter Fischer mit dem Titel „Die andere Bildung“ immerhin doch auch 450 Seiten. Unsere Welt lässt sich, so Fischer nicht ohne wissenschaftliche Kenntnisse mehr begreifen, wobei allerdings in Deutschland Naturwissenschaft und Bildung seiner Ansicht nach nicht unbedingt zusammengehören. Und im Klappentext heißt es: „Ernst Peter Fischer geht auf originelle, unverkrampfte und überaus unterhaltsamer Weise gegen diese Bildungslücke vor.“
Tatsächlich weisen seine Kapitelüberschriften – unter anderem „Die Aktualität der Alchemie und die Hartnäckigkeit der Astrologie“ (Kap. 4), „Der Kosmos und seine Grenzen“ (Kap. 5), „Eine verschränkte Welt – Die Lektion der Atome“ (Kap. 6) – auf eine bemerkenswerte und durchaus originelle Herangehensweise an den Sinn von Wissen und dessen Aneignung hin.
Zweifelsohne ist man ein ganzes Stück weiter in Sachen Bildung, wenn man eines der beiden Bücher liest, aber die meisten überleben doch ohne ihre Lektüre – und fühlen sich nicht unbedingt ungebildet.
Niemand bestreitet, dass ein gewisses Maß an Bildung sinnvoll ist und der ein oder andere wird ein recht bildungsbürgerliches Buch gelesen haben, das er nicht missen möchte, sei es ein Buch über die faszinierende Malerei der Renaissance, über Tut ench Amun, über das Schaffen eines Beethoven oder was es mit der Quantenphysik auf sich hat.
Nun vertritt allerdings der ein oder andere Forscher die Auffassung, dass sich das Wissen, das es auf unserer Erde gibt, mittlerweile innerhalb von 5 - 7 Jahren verdoppelt, in der Vergangenheit nicht so schnell, aber in den letzten zwei, drei Jahrzehnten doch zunehmend schneller. Ist es dennoch sinnvoll, sich auf die bisher gängige Weise bilden zu wollen? Wenn doch alles heute eh per Computer beziehungsweise Smartphone nachschlagbar ist?
Ist es nicht sind sinnvoller, sich weniger zu bilden, stattdessen zu lernen, Wissen zu verwalten und mit diversen Wissensspeichern umzugehen?

MACHT BILDUNG GLÜCKLICH?

Bildung hat ja, wie wir im ersten Teil zum Thema Herzensbildung entnehmen konnten, nicht unbedingt zu mehr Menschlichkeit geführt. So mag letztendlich jeder selbst entscheiden, welchen Stellenwert er der traditionellen Bildung und dem traditionellen Bildungskanon zumisst.
Die Frage, die hinter allem steht, ist doch schon immer und heute besonders: Macht Bildung glücklich? Bringt sie uns unserem Lebensziel näher? Hat überhaupt, sich Gedanken über sein Lebensziel zu machen, bisher gar nicht zu unserem Bildungskanon gehört? Oder ob es wichtig ist zu wissen, warum wir unter unseren Zeitverhältnis leben? Ist es wichtig zu wissen, ob es Ewigkeit gibt?
Viele werden mit mir der Auffassung sein, dass obige Fragen nur jeder für sich beantworten kann. Die meisten mögen mit mir der Auffassung sein, dass, ein gutes Buch zu lesen, sinnvoller ist, als vor dem Fernseher zu hocken, dass eine Veranstaltung zu besuchen, in der es um naturwissenschaftliche oder geisteswissenschaftliche Themen geht, lohnenswert ist, weil solch ein Besuch Fragen in uns beantworten kann oder neue wichtige aufwirft. Ich persönlich habe es immer für erweiternd empfunden, wenn ich ein Buch, sei es ein naturwissenschaftliches oder ein geisteswissenschaftliches gelesen habe. Diverse Bücher haben mein Leben sehr geprägt und ich möchte sie nicht missen, auch wenn sie einer traditionellen Bildungsrichtung entsprachen.
Aus meiner Sicht ist es zudem unabdingbar, dass wir unseren Geist schulen, unsere Fähigkeit, logisch zu denken, weiterentwickeln, damit wir in der Lage sind, einen Fake von der Wahrheit zu unterscheiden, erkennen können, inwieweit Informationen korrekt sein mögen, jemand ehrlich und aufrichtig spricht.
Es mag jemanden, dessen innere Persönlichkeit stärker auf den Gefühlsbereich ausgerichtet ist, recht schwerfallen, doch gerade für ihn ist es wichtig, auch in letzterem Bereich gewisse Fähigkeiten zu haben bzw. zu entwickeln und zu schulen. Natürlich gilt umgekehrt auch für jemanden, dessen innere Persönlichkeit stärker auf die mentale Ebene ausgerichtet ist, sich um seinen Gefühlsbereich zu kümmern.
Gerade für ihn, aber generell für alle ist es unabdingbar, an den eigenen Gefühlen zu arbeiten, seine Fähigkeiten für Empathie und Mitgefühl weiterzuentwickeln, sich selbst zu erkennen, um auch die Welt und den anderen besser zu erkennen.

ALLE DINGE ENTSTEHEN IM GEIST

Ich halte (traditionelle) Bildung für wichtig. Ich halte es für wichtig zu wissen, was es mit einer materiellen und mit einer geistigen Auffassung von Wirklichkeit auf sich hat und welche Folgen Einseitigkeiten haben. Zugleich halte ich es für unabdingbar, sich darum zu bemühen, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was das Dhammapada, die gesammelten Buddhaworte also, anspricht, wenn es dort heißt:

Alle Dinge entstehen im Geist,
Sind unseres mächtigen Geistes Schöpfung.
(hier dazu mehr: https://bit.ly/3MGY1Pj)

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es mehrere Inkarnationen?
Warum gibt es einen unbewussten Teil der Seele und einen bewussten?
Warum sind Menschen so unterschiedlich?
Ist Bildung, die den Raum der Seele erfasst und sich um ihn kümmert, wichtig und warum legt unsere Schulbildung so wenig Wert darauf?

Die meisten Menschen in meinem Umfeld beantworten diese Frage mit ja und ich muss gestehen, dass mir Mitbürger, denen die seelisch geistigen Hintergründe ihres eigenen Seins und des Geschehens auf der Erde wichtig sind, immer wichtiger wurden.

Menschen, die sich für den Raum der Seele nicht interessieren, sind gewiss von ihrer menschlichen Existenz her gesehen genauso wertvoll wie andere, die sich um jenen kümmern, doch ist der Weg der Ersteren nicht mehr der meine, weil für das Überleben der Erde jene notwendig sind, die durch ihr inneres seelisches Engagement und den Willen, erkennen zu wollen, was, wie es Faust sagt, die Welt im Innersten zusammenhält, meines Erachtens die Entwicklung der Erde vorwärts treiben und dafür sorgen dass sie nicht im Morast des Werteverfalls und zwanghaft ständigen Wirtschaftswachstums untergeht.

WARUM DREI KREUZE AUF GOLGATHA STEHEN

Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse war, als mir klar wurde, dass es im Rahmen des Lebens, in dem sich die üblichen Dualismen befehden, sei es der Westen versus dem Osten, sei es gut versus böse oder - um es mit Odysseus/Homer zu sagen - Skylla versus Charybde, nie Frieden gibt.
Es wird keinen Frieden geben, so sehr sich auch Politiker um diverse Friedensprogramme bemühen; sie werden in der Welt der Dualität zum Scheitern verurteilt sein. Es ist die Welt der Zwei. Frieden allein gibt es für mich in der Welt der Drei, der Trinität. In ihr geht, um es auf unsere Erdenwelt zu übertragen, um einen Weg des Friedens zwischen dem einen und dem anderen Pol. Es ist der Weg des Mitgefühls für sich und den anderen, es ist der Weg der Freude, der Sanftmut, der Hilfsbereitschaft und Liebe, der Geduld und Güte. Der Grund, warum auf Golgatha drei Kreuze standen und nicht nur eines, besteht genau darin dass das mittlere Kreuz zwischen den beiden anderen steht, die ohne dass Kreuz Christi nie Frieden finden und Auferstehung eines Bewusstseins, das die Welt verändert.

Herzensbildung bedeutet, dass es eine Bildung geben muss, die danach schaut, ob das Herz gefördert wird durch sie, ob es nicht eben nur ein wirtschaftliches Wachstum gibt, sondern ein seelisch geistiges. Politiker, die auf Letzteres nicht achten, haben meines Erachtens nicht verstanden, um was es wirklich geht und was unsere Erde vor dem Verfall rettet. Es ist der Parzival-Weg, den die Menschheit geht, tut sie es nicht, geht sie an sich selbst zu Grunde.
Es tut Not dass mehr und mehr Menschen Bildungspolitiker und Politiker überhaupt fragen, ob sie denn wissen, was mit dieser Art von Herzensbildung gemeint ist. Wissen sie es nicht, sind sie fehl am Platz und sollten einen Einkaufsmarkt oder eine Bankfiliale leiten, nicht aber für Menschen, für ein Volk zuständig sein, vor allem nicht für Kinder.

HERZENSBILDUNG UND MÄRCHEN

Herzensbildung fragt aber dem Wort nach auch danach, wie sich in einzelnen Menschen ein lebensvolles Herz bildet.
Da spielen in der frühen Kindheit Märchen eine überaus wichtige Rolle; manche versuchen sie ja in Misskredit zu bringen, indem sie darauf hinweisen, wie brutal manche Märchen sind. Davon abgesehen, dass die Seele des Kindes oft die Geistessprache der Märchen intuitiv versteht, ist doch, was Erwachsene heute Kinderseelen zumuten, zumeist viel brutaler. Ich habe einmal gelesen, wieviel Tote ein Kind in den Medien gesehen hat, bis es zwölf Jahre alt ist; ich weiß die genaue Zahl nicht mehr (es waren mehrere tausend): jedenfalls war ich total erschüttert.
Wichtig, gerade auch für Jungen, sind Heldensagen, denn sie stärken das Männliche im Heranwachsenden, und diese Männlichkeit bedarf der Vorbilder (vor allem, wenn kein Vater da ist und sei es auch, dass er da ist, aber in Wirklichkeit nicht, weil er nicht wirklich ein Mann ist). Nicht von ungefähr war es ja früher so, dass Jugendliche Karl May verschlungen haben oder die Geschichten um den Häuptling Tecumseh und andere mehr.
Am allerwichtigsten sind natürlich Erwachsene, vor allem Eltern, in denen ein liebevolles Herz schlägt; Kinder suchen sich ja in dieser Hinsicht gegebenenfalls Ersatz-Eltern aus und manche Lehrer, manche Lehrerin erfüllen diese Funktion, manche Oma oder Opa, der Trainer im Sportverein, die Pfarrerin einer Kirchengemeinde. Im Grunde aber kann kein Mensch das lebensvolle Herz eines Vaters oder meiner Mutter ersetzen, und Menschen, die diese missen müssen, haben sich oft selbst die Seelenaufgabe gestellt zu erkennen, dass ihnen diese Liebe fehlt – und damit auch oft Vertrauen ins Leben – und dass sie diese Liebe in ihrem Leben auf ihre Weise finden müssen.

HERZENSTIEFE ENTSTEHT IM VERLAUFE VIELER LEBEN

In seinen vielen Leben wird jeder Mensch mit einer solchen Lebenskonstellation in Sachen Liebe mindestens einmal konfrontiert, meistens mehrfach.
Ein liebevoller Herz entwickelt sich nicht in einem einzigen Leben. Wir nehmen Erfahrungen aus einem früheren Leben in ein nächstes mit und daher können wir auch Menschen kennen, denen wir eine solche Herzenstiefe anspüren, wie sie kaum in einem einzigen Leben gewachsen sein kann. Andererseits gibt es so genannte junge Seelen, die ihr Herz noch nicht so weit entwickelt haben können und denen man das durchaus nachsehen mag: Donald Trump beispielsweise ist meines Erachtens eine solche junge Seele.

EIN HERZ, SO GROß WIE DIE WELT SELBST

Die meisten von uns wissen aus eigener Erfahrung, wie sehr Leid Menschen verändern, ein Herz weich werden lassen kann und zu einem Fühlen und Erfahren führt, was aus großen Schmerzen heraus gewachsen ist.
Herzensbildung ist gewachsen aus und in Mitgefühl und hier gibt es kein Ende der Entwicklung, denn ein mitfühlendes Herz ist so groß wie unsere Welt selbst.
In einem dritten Beitrag möchte ich noch darauf eingehen, welche Bedeutung dem Mut zukommt. Menschen mit wirklichem Herzen sind mutige Menschen; noch gibt es zu wenige auf unserer Erde davon.
Und vergessen wir nicht: Ohne Mut ist wahre Demut nicht möglich. Sie folgt in ihrer Entwicklung dem Mut.
Ohne Demut aber gibt es kein Verständnis des Erhabenen, wahrer Größe und des Ewigen.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass es gewisse Signale gibt, die Hinweise auf eine sich im Leben zunehmend bemerkbar machende Herzensbildung sind. Der ein oder andere mag seine persönlichen Erfahrungen haben. Eine ist jene, die den ein oder anderen spüren lässt, dass das bisherige Zentrum, der Kopf, sich Richtung Herz bewegt, dass Kopfwissen Herzwissen werden will (was auf keinen Fall bedeutet, dass dem logischen und klaren Denken weniger Bedeutung zukommt, im Gegenteil). In der geisteswissenschaftlichen Lehre eines Rudolf Steiner verbindet sich diese Entwicklung mit dem Wirken des ehemaligen Erzerzengel und nunmehrigen Archai Michael. Diesem feurigen Gedankenfürsten des Weltalls, wie ihn Steiner bezeichnet, kommt die Aufgabe zu, das Herz des Menschen zu ermächtigen. Er ist nach Steiner der Fürst der kosmischen Intelligenz, der allein in der Lage ist, den für viele so faszinierenden Intellekt, der in Wirklichkeit tot und geistlos ist, als ein Ergebnis des Wirkens von Ahriman/Satan aufzuzeigen. Beide Wesenheiten sind, gerade was den Intellekt betrifft, größtmögliche Gegenspieler. Dies zu wissen kann ein großes Plus auf dem Weg zum eigenen Herzen sein.
Dazu ein andermal mehr

Sonntag, 5. November 2023

Herzensbildung: ihre Entstehung, ihre Erscheinungsformen, ihr unendliches Potential (Teil I)

Gewiss wäre es schön, wenn hier viele zusammentragen, was sie unter Herzensbildung verstehen. Mit meiner Ansicht über sie kann ich hier natürlich nur einige Aspekte wiedergeben, die zudem sehr subjektiv sind und meinen Erfahrungen entstammen - das bitte ich zu berücksichtigen.

Heinrich, der Wagen bricht!

In einem Kommentar unter diesen Beitrag auf Facebook habe ich darauf hingewiesen, dass das Erlangen von Herzensbildung mit innerem Kampf und Leid verbunden ist. Das hängt damit zusammen, dass vor allem Leid die Verkrustungen und Verengungen unseres Herzens zu sprengen vermag, worüber auf geniale Weise das Grimm-Märchen „Der Froschkönig“ Auskunft gibt - übrigens eine wahre Medizin für Herzen auf dem Weg zu ihrer Bildung (Link und Auszug s. Schluss). Beeindruckend, dass dem Kutscher des Königssohnes das Leid seines Herrn so nahe geht, er so mitfühlt, dass es ihm zum eigenen Leid wird. Wenn es am Ende des Märchens gehen darf, wird es sein Herz weiter sein lassen als zuvor. Mitleiden, mitfühlen weitet unser Herz und diese Weite kennt keine Grenzen.
Gewiss kann Leid - wir sehen das gerade bei älteren Menschen - auch zu zunehmender Verhärtung führen, aber die meisten werden Beispiele aus ihrem persönlichen Bereich kennen, die ihnen vermitteln konnten, wie sehr Leid in einem positiven Sinne Menschen zu verändern vermag und auf sie selbst zuführen kann, zum inneren Kern ihres eigenen Wesens.
Nie bewegt sich in den normalen, alltäglichen Phasen unseres Lebens unser Herz so sehr wie in jenen, in denen es sich zwangsläufig bewegen muss, weil es sich mit Leidvollem auseinanderzusetzen hat. Das gilt auch für Erfahrungen von Leid, mit dem wir in unserem unmittelbaren Umfeld konfrontiert werden. Wer beispielsweise mit der Suchtabhängigkeit eines nahen Verwandten oder Bekannten konfrontiert worden ist, weiß, wovon ich spreche. Solche Erfahrungen führen zu einer existenziellen Eigenschaft, ohne die wahre Herzensbildung nicht möglich ist:
Der Mensch hört zunehmend auf zu werten.
Leid führt zu der Erkenntnis, dass es in Bezug auf menschliche Seelen keinen Unterschied macht und vor dem Leid, dessen man in der Seele eines anderen ansichtig wird - auch eines Menschen, den man nicht näher kennt -, jedes Richten und Urteilen schweigt.

wie wir vergeben unsern Schuldigern

Ein Mensch auf dem Weg der Herzensbildung wird sich auch der Tatsache bewusst, dass jemand, der sich seelisch grausam verhält und mitleidlos, vielleicht aber dennoch gar momentan reich ist und glücklich erscheint, dem Leid nicht entgehen kann. Manche Seele mag angesichts der verbrecherischen Taten von Gewaltherrschern und Despoten, wie sie auf der Erde sich zu jeder Zeit in Hülle und Fülle zeigen – auch im Moment -, schweigen, weil sie sieht, welches unendliche Leid womöglich über viele Leben Despoten und Gewaltherrschern bevorsteht. Gewiss hilft das deren Opfern wenig, wobei wir in karmische Zusammenhänge, in die fast jedes Opfer involviert ist, zumeist nicht hineinsehen. Was mich – auch wenn es hier nicht zum Thema gehört, sei es dennoch gesagt – tröstet in dieser Zeit, ist meine Erkenntnis, dass sich solche karmischen Zusammenhänge – und dies betrifft ja auch uns selbst – recht schnell auflösen können, weil Zeit momentan zunehmend beschleunigt und die Bitte des >Vater unser< – „vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern“ – stärker und stärker Realität werden kann, weil mehr und mehr Menschen auf Vergeltung verzichten und immer wieder oder gar täglich um die Vergebung der Schuld anderer bitten - gerade auch jener, unter der sie selbst zu leiden hatten - , oft im Rahmen ihres bewusst täglich gebeteten >Vater Unser<.

 „Ba-Ba-Banküberfall, das Böse ist immer und überall“ (Erste Allgemeine Verunsicherung)

Erfahrungen, die wir machen, führen uns zu der Erkenntnis dass es ohnehin so viele Geschehnisse gibt, die wir nicht kennen, dass sie sich einer Beurteilung von unserer Seite entziehen; wir können im Bereich des Bösen und des Guten nicht alles kennen, was sich zuträgt. Diese Erkenntnis, dieses Bewusstsein hat zur Folge, dass wir ein Urteilen und Richten über andere beenden; wir überlassen es einer höheren Macht.
Vielen wird zudem bewusst, dass, wenn sie früher über Böses und Böse ein Urteil fällten, sie zumeist über ihre eigene Vergangenheit ein Urteil sprachen. Einblicke in frühere Leben können uns mit der Tatsache konfrontieren, dass wir unter Umständen sehr spirituell unterwegs waren, beispielsweise als Medizinmann, als weise Hexe oder im Bereich der Kirche, aber dass wir auch richtig große Schurken waren. Gerade letzter Tatbestand führt ja in unserem Leben dazu, dass wir sehr oft die Tiefe des Bösen in den Seelen der anderen wahrnehmen, bisweilen auch, ohne dass sie sich real gezeigt hat, weil wir sie bestens kennen.

 ein jeder sieht, was er am Herzen trägt

Goethes Worte zu Beginn des > Faust I < - „ein jeder sieht, was er am Herzen trägt“ - verweist darauf, wie sehr Menschen ihre unterschiedlichen Erfahrungen gewichten und welchem Herzensbereich sie die Oberhand zugestehen. Es ist ja nicht so, dass Menschen, die immer nur die ganze Zeit über Negatives auf der Welt sprechen, früher nur negative Erfahrungen gemacht hätten. Aber das Negative zieht eben mehr nach unten, hat ein schwereres Gewicht und das erfordert weniger Aufwand, um es zu aktualisieren, ist es doch zu unseren Füßen. Erfahrungen aus seelisch geistig wertvolleren und höheren Bereichen verlangen die Überwindung der Schwerkraft, die ja nicht nur eine Schwerkraft im Äußeren ist, sondern auch eine Schwerkraft der Seele. Ein Zeichen dafür, dass ein Mensch sich seelisch entscheidend verändert, ist, dass er Situationen und Worte vermeidet oder in seinem Umfeld unterbindet, die Negatives verstärken. Zunehmend verspürt er jene schwere Kraft, die die Seele nach unten drückt. Das lässt beispielsweise den ein oder anderen manches Fernsehprogramm, das er gerade einschaltet, gleich wieder ausmachen.

Wer sich davon befreit, nimmt wahr, dass das Herz freier schlagen kann und dass es beginnt, sich ausdehnen zu wollen. Es kann durchaus sein, dass Herzschmerzen einem Menschen signalisieren wollen, dass das Herz sich ausdehnen will und dass es nur ein bewusstes JA für diesen Prozess benötigt.

Wer sich innerlich bilden möchte und Geschehen, das bisher in seinem Kopf beheimatet war, deshalb aus dem Kopf ins Herz verlagert, der bedarf natürlich eines zunehmend weiteren Herzens - und keine Sorge: ein sich ausweitendes Herz kennt keine Grenzen.

 eine Etappe auf dem Weg der Herzensbildung: Karfreitag
Wenn ich oben von Kampf gesprochen habe, dann deshalb, weil die Überwindung von eigenen Schwächen, Süchten und Gewohnheiten die Bereitschaft erfordert, für deren Überwindung zu kämpfen. Oft ist es so, dass der Mensch eine lange Zeit kämpfen muss, bis in ihm die Bereitschaft und die Erkenntnis wächst, dass die Lösung darin liegt, aus dem Kampf herauszugehen. Lange Zeit allerdings hat Parzival darum gekämpft, die Gralsburg wiederzufinden. Es war dann an einem Karfreitag, dass er aus diesem Kampf herausgehen konnte, weil er einem Menschen - im „Parzival“ Wolfram von Eschenbachs heißt er Trevrizent - treffen durfte, der ihm vermittelte, dass er all sein Leid unter jenes Kreuz legen darf, das er selbst trägt und erfolgreich tragen darf, weil es für ihn zuvorderst ein Anderer trug.

Herzensbildung kommt zu irgendeinem Zeitpunkt nicht ohne dieses Karfreitagserlebnis aus und niemand möge es in einem Topf werfen mit dem, was sich auf unserer Erde als christliche Religion ausgibt. Das Karfreitagsgeschehen ist überreligiös, es ist ein Bewusstsein, das sich in uns bildet, und es bildet sich in einem muslimischen oder hinduistischen Herzen genauso wie in dem eines sogenannten Atheisten oder bisher normativen Christen.

Mit dem Kampf und dem Aus-dem-Kampf-gehen-Dürfen verhält es sich übrigens so wie mit der Wohnungssuche: Seltenst ist es der Fall, dass eine neue Wohnung einem einfach so zufällt. Meistens ist es doch so, dass man viel Zeit und Energie investieren muss, um die richtige zu finden. Es gehört zu meiner Erfahrung, dass ich den Eindruck hatte, es ist dieses Sich-Bemühen notwendig, damit die richtige auf mich zukommt.
Ähnlich verhält es sich mit dem Parzival-Kampf: Wer glaubt, im Sessel sitzen zu können und einfach auf den Karfreitag zu warten, der mag ihn kalendarisch erreichen, nicht aber seelisch.

Ich beende hier diesen Teil, wiewohl ich weit weniger als ich eigentlich wollte, ansprechen konnte; ich melde mich wieder -)

Worauf ich oben hinwies, war jenes wunderbare Märchen vom Froschkönig ( https://bit.ly/46Vjo7y ), in dem zu guter Letzt sich jene Stelle findet, um die alle wissen, die auf dem Weg der Herzensbildung sind, denn sie kennen, was geschieht, wenn das Herz sich ausdehnen möchte - nach all den Erlebnissen tut es dort auf einmal laute Schläge und es findet sich der Wortwechsel zwischen dem Ex-Frosch und Königssohn sowie seinem Kutscher:

Und als sie ein Stück Wegs gefahren waren, hörte der Königssohn, daß es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief:

"Heinrich, der Wagen bricht!“
"Nein, Herr, der Wagen nicht,
Es ist ein Band von meinem Herzen,
Das da lag in großen Schmerzen,
Als Ihr in dem Brunnen saßt,
Als Ihr eine Fretsche (Frosch) wast (wart).“

Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war. 

Mögen viele Bande vieler Menschen in dieser unserer Zeit zerreißen!

Freitag, 3. November 2023

> Herzensbildung < - Am 31.10. 2023 wurde dieses Wort im Deutschen Fernsehen genannt! - ein einmaliges Versehen ?

Am Abend vor Allerheiligen saß eine traute Runde bei Markus Lanz zusammen: Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn, die gerade vom Medium-Magazin zur Politik-Journalistin des Jahres gekürte Iran-Expertin Gilda Sahebi und der FDP-Vize Johannes Gogel.
Im weitesten Sinne ging es um den Antisemitismus in Deutschland sowie u.a. um die Rolle der Palästinenser und Muslime in Deutschland und ihr Verhältnis zur Hamas.

In 41.45´ fielen folgende Sätze, geäußert von Michael Wolffsohn (https://bit.ly/3FLyz7A):
Ich hab´ nichts gegen Bildung, können Sie sich ja vorstellen, mein Beruf als Hochschullehrer, aber ob Bildung wirklich den Menschen in Bezug auf sein menschliches Verhalten verbessert, ich bin da sehr skeptisch.
Nehmen Sie nur mal das deutsche Beispiel: März 1933, die halbfreien Wahlen im Dritten Reich: 44 Prozent knapp für die Nationalsozialisten; die ersten, die umgefallen sind, waren die deutschen Hochschullehrer!
Waren die gebildet?
Natürlich waren sie gebildet.
Hatten sie Herzensbildung?
Die meisten eben nicht, das heißt also mit Bildung, gegen die ich verständlicherweise nichts habe, werden wir als Allheilmittel nicht weiterkommen.
(…)
Lanz: Wie dann?

Wolffsohn: Ich bin in Bezug auf die normative Kraft der Bildung sehr skeptisch.
Ich will ein ganz banales Beispiel nehmen: Im Straßenverkehr ist es jedermann klar, bei uns ist Rechtsverkehr, in Großbritannien immer noch Linksverkehr. Wer diese Regel bricht, ob bei uns oder in Großbritannien, der muss mit einer Verwarnung, Strafe oder was auch immer rechnen, Der Regelkonsens muss a) da sein und er muss b) durchgesetzt werden, wenn sie dann noch die Bildungsarbeit leisten, bravo, hab ich nichts dagegen, sind meine Kollegen und ich auch beschäftigt, aber in erster Linie kommt es darauf an, die Regeln durchzusetzen, und das ist nicht nur eine Aufgabe der Politik, sondern das ist auch die Aufgabe von Erziehern in Schulen, in Universitäten und nicht zuletzt der Medien, von allen!
In seiner folgenden Wortmeldung nimmt Johannes Gogel das Wort „Bildung“ zwar noch einmal in den Mund - ich zitiere die Passage noch abschließend , aber vermutlich ist ihm auch nicht ansatzweise bewusst, dass ein himmelweiter Unterschied zwischen Herzensbildung und Bildung besteht. Letztere kann trotz ihres Bildungsauftrags problemlos menschliche Monster und moralische Hasenfüße produzieren.

Erschütternd für mich vor allem ist, dass M. Wolffsohn von Herzensbildung spricht, dann aber glaubt, mit Hilfe von Regeln die Probleme des menschlichen Miteinander lösen zu können - eigentlich unfassbar, wie er unmittelbar darauf auf diese Ebene alles reduziert.
Auch Markus Lanz hat im Folgenden nicht erkannt, dass eine Sternstunde seiner Sendung hätte anstehen können, wenn angesprochen worden wäre, wie sehr Herzensbildung ein Schlüssel zu einem menschlichen Miteinander sein kann.

Was ist Herzensbildung?
Woran erkennt man Menschen mit Herzensbildung?
Lässt sich für sie ein Curriculum, ein Lehrplan schreiben?

Auf die Fragen und Antworten rund um dieses Thema möchte ich in einem folgenden Beitrag eingehen; es ist ja zentral für die Zukunft unseres Landes und der Erde.

Hier zum Abschluss noch die sich unmittelbar anschließende Wortmeldung von Johannes Gogel:
So und damit sind wir doch vielleicht an dem Punkt, wo ich glaube, wo wir in diesem Land hinmüssen in der Debatte, zu begreifen, dass das Problem so groß ist (Israel-Hass und Antisemitismus), dass es nicht den einen Hebel gibt, der es löst, dass wir Dinge kombinieren müssen. Ich glaube, dass Bildung ein Faktor ist, weil mein Eindruck ist, dass es helfen würde, dass Leute nicht mehr verhetzt werden und bullshit erzählen und dann für Hass empfänglich sind, wenn sie in Deutschland genauso wie sie nicht ohne Grundkenntnis von Lesen., Schreiben, Rechnen die Schule verlassen, zumindest ein paar Grundkenntnisse über den Nah-Ost-Konflikt haben, weil der ist zum Katalysator geworden, Israel-Hass zu propagieren und darüber Antisemitismus zu propagieren. 
Wie sehr Menschen wie ein Johannes Gogel auf die übliche Weise an zentralen Punkten vorbeireden und dennoch glauben, dass sie Lösungen kreieren können - als ob durch Information (natürlich macht sie in gewissem Rahmen Sinn) seit Jahrhunderten vorhandener Hass und fehlendes Verstehen auch nur ansatzweise behoben werden könnten.



PS: 

In der Folgesendung des kommenden Tages findet sich ein Statement der jüdischen Autorin Deborah Feldman, beginnend bei Minute 13.01 auf https://bit.ly/3StBDfY das ich sehr bemerkenswert finde auch für meinen Folgebeitrag über Herzensbildung. Vielleicht ist unsere Zeit reif für ihre gedankliche Position, die sehr viel in der Tat mit Herzensbildung zu tun hat. Letztere schiebt eben keine Pluspunkte mehr in das eine oder andere Feld, um irgendeine Position zu verstärken, verstärkt eben keine dualistischen Positionen mehr, sondern versucht den Weg des Friedens, den, wie es der Anthroposoph Rudolf Steiner sehen würde, dritten Weg zu gehen, den Weg zwischen pro Juden versus pro Palästinenser.
Herzensbildung kann auf Bildung nicht verzichten, kann nicht verzichten auf das Wissen um politische Logik und die politische Realität und wie Moral einvernommen wird von jeder der dualistischen Seiten, als ob es beispielsweise Werte gäbe, die der Westen für sich reklamieren könnte (das Gerede von westlichen Werten ist Dualismus im Quadrat). Manche mögen glauben, wer Herzensbildung in sich bildet, schläft hinein unter die große Friedensglocke und alles wird gut. Nein, es wird sich zeigen, dass Herzensbildung mit viel innerem Kampf und Leid verbunden ist; wer den Kampf zwischen Menschen per Herzensbildung überwinden will, gerät ein Stückweit auch in die Hölle, in die eigene zu überholender Positionen und jene, die ständig im Außen produziert wird, weil für viele Kräfte eben die Hölle himmlisch ist.



Samstag, 19. September 2009

Wer gibt einem Mehmet, einem Tim K., einem Georg R. eine Stimme? Erfurt, Winnenden, Ansbach und wir!



30 Schülerinnen und Schüler sitzen im Kreis. Mir war zugetragen worden, dass Mehmet von einigen in der Klasse gemobbt wird.
In solchen Fällen setzen wir uns auf diese Weise zusammen; jeder kann dem anderen in die Augen schauen.
Ich spreche offen an, dass Mehmet (Name geändert) immer wieder Opfer von Hänseleien und Gemeinheiten ist und ich frage ihn, wie es ihm gehe.
Mehmet sagt: Mir geht es gut und ich werde nicht gemobbt.
Dabei verzieht er keine Miene.
Die anderen Jugendlichen sitzen so bewegungslos da, wie Mehmet aussieht.
Ich befürchte schon, dass wir sein Unglück nicht werden lösen können.
In meiner stillen Verzweiflung sage ich, was ich selten tue:
Mehmet, ich glaube Dir kein Wort, und zur Klasse gewandt:

Mehmet spricht nicht, wer spricht für Mehmet?

Schweigen. Minutenlanges Schweigen. - Zögernd meldet sich ein Mädchen, dann kommt eine zweite hinzu, eine dritte; zuerst sind es nur Mädchen, die sich melden.
Und alle sprechen davon, wie es Mehmet geht, wie sie empfinden, wie es ihm gehen muss, was sie wahrnehmen, wie andere Jungen mit Mehmet umgehen.
Manche sprechen ausführlicher, manche sagen nur einen Satz, einen wertvollen Satz. Ein Satz für Mehmet.
Einige in der Klasse schrumpfen merklich. Einer der Jungen widerspricht und sagt, dass Mehmet sich auch blöd benehme und erzählt Beispiele. Aber wir können klären, dass Mehmet natürlich kein Heiliger ist und dass er irgendwie auch in der Klasse über die Runden kommen muss, wenn er mal wieder für einige das Opfer ist.

Ehrlich gesagt, war das ein wunderbares Erlebnis.
Kinder gaben Mehmet eine Stimme.
Mehmet wurde nicht mehr gemobbt.
Auf so friedvolle, liebevolle Weise wurde Gewalt an ihm ein Ende gesetzt.
Weil junge Menschen den Mut hatten, für ihn zu sprechen!

So wie Mehmet waren auch Robert Steinhäuser in Erfurt und Tim K. in Winnenden sprachlos und Georg R. wird es im Ansbacher Gefängnis auch sein. Über Allgemeinplätze hinaus wird er der Polizei keine Informationen geben. Ja, vielleicht sagt er sogar, dass er zu viele Gewaltfilme gesehen habe oder dass ihn Erfurt und Winnenden angeregt hätten.

Aber was sagt das wirklich aus über seine Not? Über die Ursachen seines Elends?

Menschen, die keine Stimmen haben, verschaffen sich eine Stimme - und sie kann mörderisch laut sein.

Nicht, dass ich meinen Kollegen in Ansbach zu nahe treten möchte: Aber als klar war, dass niemand mit Georg R. während der unmittelbar bevorstehenden Studienfahrt das Zimmer teilen möchte, hat da jemand ihm eine Stimme gegeben?

Für ihn war das der Normalzustand, dass er ausgegrenzt ist.
Mancher wird sagen: Er hat sich selbst ausgegrenzt.

Aber wir wissen doch ganz genau: Niemand grenzt sich freiwillig selbst aus! Niemand.

Sonntag, 30. August 2009

Gotteswirklichkeit und Wertebewusstsein



Unter dem Thema Religionsfreiheit findet sich in dem Ethikheft eines renommierten Schulbuchverlags eine längere Passage des ebenso renommierten Philosophen Karl Jaspers, zitiert aus dessen Einführung in die Philosophie; sie beginnt:

Es zeigt sich immer wieder: Gott ist kein Gegenstand des Wissens, er ist nicht zwingend erschließbar. Gott ist auch kein Gegenstand der sinnlichen Erfahrung. (...)

Die 22 Schülerinnen und Schüler vor mir nicken diese Worte einverständig ab.

Gott ist kein Gegenstand der sinnlichen Erfahrung.

In dieser Aussage liegt die vielleicht größte Kreuzigung der Wahrheit mit entsprechenden Folgen für das Ende einer lebensvollen Religiosität und ein Grund für den Niedergang des christlichen Abendlandes.

Mit diesem Virus laufen diese Jugendlichen gegebenenfalls ein Leben lang durch ihr Leben ... und andere auch, denn es ist die Meinung zahlreicher Menschen, doch die Wahrheit ist:

Gerade Gott findet sich immer und immer wieder als
sinnliche Erfahrung.

Deshalb ist für viele Menschen Religiosität so leblos geworden, weil ohne diese sinnliche Erfahrung Gott eine Hülse und leblos bleibt und verborgen ist, wie wertvoll, hilfreich, weil wegweisend, ja im Grunde heilig unsere Sinne sind; so wird Gott verbannt in die Sinnenlosigkeit, in die Sinnlosigkeit.

Stehen wir nicht manchmal in der blühenden Natur und denken: Einfach himmlisch!

Und nehmen wir nicht über die Sinne wahr und sagen deshalb zu jemandem, der mit viel Liebe und toll kocht: Das schmeckt göttlich!

Genau das aber ist es und unsere Worte wissen es:

Wenn jemand etwas in Liebe tut: Das ist der Himmel auf Erden, da verwirklicht sich das Göttliche, verwirklicht sich die Liebe - wo sonst!

Und das tut sie in der Natur ständig, nur sind unsere Augen nicht immer geöffnet.

Heute dichtet niemand mehr aus vollem Herzen wie Paul Gerhardt in seinem früher oft auswendig gelernten Sommerlied Geh aus mein Herz und suche Freud (...)

Im weiteren Verlauf dieses Liedes sind alle Sinne einbezogen, hier findet sich Sinn, denn vor allem über die Sinne finden wir Sinn, nicht durch linkshirniges Denken.

Immer wieder gibt es Dichter, denen sich diese Wirklichkeit erschloss, Goethe z.B. in seinem berühmten Werther-Brief vom 10. Mai 1771 oder Max Frisch in seinem Credo für das zweite Gebot. Dort schreibt er:

Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren.

Man nennt das Synästhesie, wenn mehrere Sinne angesprochen werden, und tatsächlich finden wir, dass einem, der liebt, die Sinne in einem Maße angeschaltet sind, dass wir ihn bisweilen kaum wiedererkennen.

Über die Sinne erfahren wir die Liebe, die liebende Natur, die Wirklichkeit des Lebens. Zur Natur gehören auch Tod und Vergehen, aber auch dort, auch wenn jemand stirbt, mag das ein Prozess in Liebe sein, denn er wiederaufersteht hinter dem Vorhang, der für so viele eisern ist und den viele Tod nennen.


Vielleicht wäre der Verlust der Sinne und des Sinns nicht so gravierend, wenn es nicht solch gewaltige Auswirkungen auf unsere Erziehungswirklichkeit hätte.

Viele fordern mittlerweile eine bewusstere Werteerziehung, aber diese Forderung kommt nicht an bei denen, die es betrifft, bei den Kindern. Denn viele werden ohne Sinne erzogen bzw. mit fremden Sinnen, sinn-entfremdet

Manche sitzen mit drei oder vier Jahren schon vor dem Video und konsumieren Ware, die von Menschen produziert wurde, die selbst kein Verhältnis zu ihren Sinnen haben; und diese Ware findet Eingang in die Sinne der Kinder. Das ist das eigentlich Fatale an dem ganzen medialen Konsum, dass die Kinder vorgefertigte Ware übernehmen; dabei entwickeln sich aber nicht ihre ureigenen Sinne, sondern sie werden sofort sinnfremd gesteuert.

Kinder werden zudem viel zu früh heute in abstraktes Denken getrieben, das geschieht von Kultusministern und Bildungspolitikern, denen man auf Kilometer ansieht, dass sie ihren Verstand gebrauchen können, aber nicht ihre Sinne; ihre Gesichter sind Masken, ihre Körpersprache atmet kein Leben, keinen Sinn. In unserer Gesellschaft gilt doch vor allem, dass man nicht den Kopf verlieren darf; dass viele ihr Herz verloren haben, interessiert nicht.

Herz ohne Sinne aber, das ist nicht möglich. Nur offenen Herzens erschließen sich uns die Sinne und umgekehrt: Durch unsere Sinne finden wir Zugang zu unserem Herzen.

Man möge mir gestatten, dass ich etwas verallgemeinere, mir bleibt hier kein Platz, differenzierender die Dinge auszuleuchten; wer will, versteht, glaube ich, was ich sagen möchte.

Wenn in der Stadt, in der ich lebe, ein großer Wohnmarkt sonntags seine Pforten zur Wohnschau öffnet, dann ist er gerammelt voll; die halbe Stadt ist hier versammelt.

Die Natur ist immer offen, aber wie viele dieser Menschen gehen mit ihren Kindern in die Natur, die beste Schule für Kinder?

Das ist das Dilemma unserer Erziehung und dieses Dilemma nehmen die Seelen der Kinder genau wahr und reagieren entsprechend: Unsere Erziehung ist weitgehend sinnen-los und deshalb - seelisch gesehen - in einem erschütternden Ausmaß sinnlos.

Sinn kehrt mit den Sinnen ein.

Diesen Zusammenhang haben wir als Gesellschaft vergessen, verloren.

Wer mit Sinnen ein liebevoll hingezaubertes Essen isst, ist der nicht wie von selbst dankbar? Wie von selbst stellt sich diese Tugend ein. Und so ist es mit allen anderen Tugenden auch.

Wenn wir abends in den Sternenhimmel schauen, ergreift uns da nicht ein Staunen, eine Dankbarkeit, eine Wertschätzung für diese gewaltige Ordnung, die sich im Makrokosmos spiegelt! Und übrigens auch in uns, im Mikrokosmos! Welches Wunder ist z.B. der menschliche Körper!

Traurig und bezeichnend, dass viele jene Demut und Dankbarkeit und jenes Staunenkönnen nicht haben, das die größten Denker unserer Zeit auszeichnet, z.B. Albert Einstein:

(...) wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot. Das Wissen darum, dass das Unerforschliche wirklich existiert und dass es sich als höchste Wahrheit und strahlendste Schönheit offenbart, von denen wir nur eine dumpfe Ahnung haben können — dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern aller wahren Religiosität. (...)

Der Himmel, das Göttliche kann immer wieder in uns und inmitten von uns Menschen sein. Wenn wir mit allen oder auch einigen Sinnen leben, dann ist das Göttliche unter uns und in uns.

Jaspers Aussage, so sehr ich übrigens diesen Philosophen für einiges, was er geschrieben hat, schätze, ist schrecklich, doch es entspricht der Wirklichkeit unserer Gesellschaft.

Wir sind Gott los, weil wir sinnenlos sind; im Grunde wird damit alles sinnlos, wertlos, Werte los.

Das griechische Wort Metanoia übersetzt Luther mit Buße; es bedeutet eigentlich Sinn-Wendung.

Tun wir das doch:

Wenden wir unseren Sinn zu den Sinnen hin.

Dann wird unser Leben und das unserer Kinder sinnen-voll, werte-voll, sinnvoll, wertvoll.


PS Wer nachlesen mag:
Werther-Brief vom 10. Mai 1771
Max Frischs Credo Du sollst Dir kein Bildnis machen!
Paul Gerhardts Sommer-Herzens-Lied

PPS: Post zuerst veröffentlicht auf FreieWelt.net