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Freitag, 13. September 2024

Die Kontrolle über Gott aufgeben !

Die Kontrolle über Gott aufgeben? 

Manchem, der diese Aussage liest, wird sie reichlich abstrus vorkommen. Kein Mensch kann doch Gott kontrollieren!

Doch, es geht.
Auf der sogenannten 3-D-Ebene, der Ebene der dritten Dimension, auf der, um es mit einem Bild aus dem Alten Testament anzusprechen, das goldene Kalb angebetet wird, der Ebene also, wo nur Materielles zählt, kontrollieren die Menschen Gott - um es genauer zu formulieren: der überwiegende Teil der Menschheit gibt sich der Illusion hin, Gott kontrollieren zu können.
Das betrifft jene, denen es einigermaßen bewusst sein könnte, was im spirituellen Bereich geschieht. Den meisten Menschen allerdings ist es nicht bewusst. Ihnen ist nicht bewusst, dass, ein Ego zu haben, bedeutet, zu entscheiden, welche Rolle Gott im Leben spielt und was ihm zugestanden wird, was nicht - gar keine, bei vielen, und aus geistiger Trägheit geschieht das unbewusst.
Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: Ich bin sehr christlich erzogen worden und habe festgestellt, dass religiöse Menschen einen strengen Gott haben, wenn sie selbst streng sind, d.h. streng mit sich umgehen und anderen. Andererseits habe ich Menschen kennengelernt, deren Gott ein sehr toleranter, sehr verständnisvoller Gott war. Oft waren das Menschen, die in Wirklichkeit in ihrem Inneren relativ unklar waren und oft unfähig zu klaren Entscheidungen. Eine gewisse Beliebigkeit in wichtigen Fragen war ihrem Inneren zu eigen. Entsprechend sah ihr Gottesbild aus, ihre Vorstellung von Gott. In Wahrheit kontrollierte ihr (dürftiges) Bewusstsein Gott.
Natürlich glaube ich, dass Gott alles versteht; zugleich aber hat er klare Anforderungen an die Menschen und diese äußern sich nicht mehr nur in den zehn Geboten, sondern seit 2000 Jahren gehen sie weit darüber hinaus: Sie betreffen das Verhältnis der Menschen zu ihrem Nächsten und zu sich selbst - das Praktizieren von Liebe setzt Selbstliebe voraus -; sie betreffen ein friedliches Miteinander, Geduld und Sanftmut, sie betreffen die sogenannten Früchte des Geistes, von denen die Bibel spricht, und von den Anforderungen, die sich aus der Bergpredigt ergeben.
Wie sich das in der Realität der Menschen dann äußert, das aber entscheidet das Ego der Menschen. Das Ego tritt also an die Stelle Gottes. Es kontrolliert, was in der Realität der Menschen spirituell sein darf, was nicht.
Um einem vielfachen Missverständnis entgegenzutreten: das Ego des Menschen ist von vornherein nichts Schlechtes, ja, das Ich des Menschen ist eine Notwendigkeit, um über ein Stammesbewusstsein hinauszuwachsen, um ein Individuum zu sein, um Individualität zu entwickeln. Dieses Ich, dieses Ego, das in die Menschheitsgeschichte einzubringen im übrigen die Mission des jüdischen Volkes war – „Ich bin der ich bin“: mit dieser Aussage Jahves tritt ja das Ich ein in die Weltgeschichte –, ist Voraussetzung dafür, dass im Zuge der Entwicklung der Menschheit ein anderes Ich überhaupt Raum finden kann in den Menschen - dazu gleich mehr.
Im übrigen ist von Bedeutung, dass die Worte „Jahve“ und „Eva“ miteinander verwandt sind. Die Aufgabe der Kontrolle über Gott, die Bereitschaft, sich hinzugeben und Hingabe als eine weibliche Gabe zu erkennen, beginnt momentan dazu beizutragen, dass die kaputte Männlichkeit, unter der die Menschheit leidet, offenbar wird.
Die göttlich-weibliche Seite trägt dazu bei, dass Männer zu wahrer Männlichkeit finden und die männliche Seite in der Frau ihre neue Rolle in der Gesellschaft unterstützt, ja, eigentlich erst ermöglicht. Deutschland ist viele Kanzlerjahre von einer Frau regiert worden, deren althergebrachte, für manchen versteckt, in Wirklichkeit sehr dominante männliche Seite alle Männer um sie herum dominierte und Deutschland in seiner Entwicklung unglaublich lähmte (allerdings haben wir nun einen Kanzler, bei dem man vergeblich eine akzeptable männliche und weibliche Seite sucht - letztendlich fördert dieser Umstand das Bedürfnis nach wahrer Männlichkeit und Weiblichkeit).
Ich bin kein Anthroposoph, es gehört für mich aber zu den faszinierenden Augenblicken in meinem Leben, als ich bei Rudolf Steiner las, dass die erste Person des Personalpronomens im Singular im Deutschen korrespondiert den Initialen von Jesus Christus: I-CH, Jesus Christus. Keine andere Sprache der Welt weist diesen Zusammenhang auf und diese Tatsache weist darauf hin, welche Bedeutung ursprünglich dem deutschen Kultur- und Geistessraum zukam, eine Bedeutung, die sich niederschlug in Werken wie Wolfram von Eschenbachs „Parzival“, Lessings „Die Erziehung des Menschengeschlechts“, Schillers ästhetischen Briefen oder Goethes „Faust“, um nur einige und wichtige zu nennen - im musikalischen Bereich gilt dies für das Werk Johann Sebastian Bachs oder das Richard Wagners, dessen spirituelle Herausforderungen bis heute viele Menschen überfordern und ihn deshalb plakativ bewerten lassen.
Ob im übrigen der deutschsprachige Kulturraum der ihm zugedachten spirituellen Aufgabe gerecht werden kann: das entscheidet sich in diesen Jahren.
Gott zu kontrollieren bedeutet auch, die geistigen Maßstäbe, die er vermittelt, in der Realität nicht Wirklichkeit werden zu lassen. Das ändert sich momentan sehr stark, und auch wenn die Menschen sich nicht aus göttlicher Überzeugung bewusster ernähren, bewusster der Natur gegenübertreten, eine andere Medizin anstreben, so ist es doch ihr göttliches Inneres, was hinter diesen Wandlungen steht.
Auch wenn viele, die „Ich“ sagen, sich nur unbewusst auf Jesus Christus beziehen, so wird, glaube ich, in den nächsten Jahren gerade im deutschen Sprachraum das Christusbewusstsein wachsen.
Wenn Jesus im Moment des Todes am Kreuz sagt: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände“, so öffnet sich menschheitsgeschichtlich in diesem Moment das Tor von einem globalen kollektiven Ego zu einem Ich, das den Christusgeist in sich tragen kann. Dieser Weg mag noch Jahrhunderte dauern, doch leben wir in einer Zeit – und dürfen dankbar sein, sie auf der Erde erleben zu dürfen –, in der die Menschheit zunehmend bewusst durch dieses Tor tritt.
In Gethsemane muss Jesus sehen, dass seine Jünger, die ihn seelisch unterstützen wollten, eingeschlafen sind und ihm bleibt nichts als zu sagen:„Vater, willst du, so nehme diesen Kelch von mir. Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“
„Dein Wille geschehen!“ Diese Worte, dieses Mantra, das wir auch im „Vater unser“ finden, kann für uns eine Formel und Formulierung der Hingabe sein, welche die Bereitschaft zum Ausdruck bringt: Ich gebe die Kontrolle über Gott auf! Ich befehle meinen Geist in seine Hände!

Samstag, 23. Dezember 2023

"still war das Land, / als die Liebe den Weg in das Leben fand" - Weihnachten 2023


IN BETHLEHEM

von Silvia Szödy

In Bethlehem, in dieser Nacht,
wurde die Liebe ins Leben gebracht.
Noch wusste es niemand, still schlief das Land,
es war nur Maria und Josef bekannt.

Ein Stern strahlte hell und leuchtete klar,
als Maria im Stalle den Christus gebar.
Die dunkle Nacht verlor ihren Schrecken,
das Licht dieses Sterns konnte Menschen erwecken.

Das Kind in der Krippe wusste Bescheid,
sein Herz voller Liebe, und der Weg war noch weit.
Sein Lächeln war froh und die Augen voll Licht,
als es blickte in seiner Mutter Gesicht.

Auch Ochse und Esel konnten es spüren,
dies Kind in der Krippe wird Herzen berühren.
Noch wusste es niemand, still war das Land,
als die Liebe den Weg in das Leben fand.


Im Zusammenhang mit Weihnachten ist in diesem Jahr mir etwas sehr bedeutsam geworden, wie sehr nämlich tatsächlich oft Liebe eine Illusion sein mag und wie bedeutend auf diesem Hintergrund der Zusammenhang von Weihnachten mit der Aussage aus dem Johannes-Evangelium ist: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab“.

An Weihnachten wird bekanntlich Jesus, der zukünftige Träger dieses eingeborenen, das heißt, einzigen und einzigartigen Sohnes, den wir Christus nennen, geboren. Er wird ihn tragen ab der Taufe durch Johannes im Jordan, wenn Gott sagen wird: „Dies ist mein lieber Sohn!“ Zunehmend werden ab diesem Zeitpunkt Jesus und Christus miteinander verschmelzen und der Höhepunkt dieser Verschmelzung wird Golgatha sein.

Was aber hat das mit der Aussage aus dem Johannes-Evangelium zu tun?

Bei Rudolf Steiner, dem Chef der Anthroposophen - ob er noch heute deren Chef sein wollte, da bin ich mir nicht unbedingt so sicher – habe ich etwas in Bezug auf die Liebe gelesen, was mich durchaus betroffen gemacht hat:

Er sagte dass Liebe meistens eine Illusion sei.

Die Menschen würden nicht das Gegenüber, um das es ihnen doch angeblich geht, lieben, sondern vielmehr das Gefühl, das sie in sich empfinden, wenn sie glauben, einen andern zu lieben. Sie lieben also in Wirklichkeit nicht den anderen, sondern ihr tolles Liebesgefühl. In Wirklichkeit sind sie also verliebt in ihr eigenes Gefühl. Da dieses Gefühl in ihnen ist, lieben sie im Grunde also sich selbst, nicht den andern.

Wenn man sich mit dieser Aussage auseinandersetzt, beginnt man fast automatisch seine (bisherigen) Liebesverhältnisse zu überprüfen: habe ich mich jeweils selbst geliebt, mein Gefühl von und für Liebe, oder habe ich wirklich den oder die andere geliebt?
Wahre Liebe hängt davon ab, ob ich etwas, ob ich jemanden außerhalb von mir liebe. Nur wenn ich über die Selbstliebe hinaus, und einen klitzekleinen Teil der Welt, einen anderen liebe, dann liebe ich wirklich so, wie ich es doch glaube.

Natürlich ist Selbstliebe wichtig. Es heißt in der Bibel zurecht. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, aber diese Selbstliebe sollte eine bewusste Selbstliebe sein, keine Selbstliebe, die letztendlich auf einem Irrtum basiert, auf dem nämlich dass, man doch einen anderen liebe.

Wahre und ehrliche Selbstliebe ist sehr wichtig. Das ist sozusagen der Yang-Teil der Liebe. Der Yin-Teil geht nach außen und je mehr ich in der Lage bin, die Welt zu lieben, desto mehr kann ich diesen Yin-Teil lieben. 

Deshalb ist die Aussage so wichtig, dass Gott die Welt liebt. Ich habe keinen Zweifel, dass Gott auch sich selbst liebt, sehr ehrlich und aufrichtig sich selbst liebt, seinen Yang-Teil, wie ich ihn genannt habe. Aber er liebt eben auch die Welt, die er geschaffen hat und weil er zu einem bestimmten Zeitpunkt erkannte, wie gefährdet diese Schöpfung ist - Luzifer und Satan lassen grüßen -, hat er sich entschlossen, sie zu retten, um sein Schöpfungswerk fortzusetzen. Deshalb hat er ziemlich genau zur Halbzeit der sieben Schöpfungstage seinen Sohn – man kann es nicht anders sagen – geopfert, um dieses Werk zu einem glücklichen Ende zu bringen. So sehr steht er zu seinem Werk - es war ihm ein Sohnesopfer wert. 

Das mag uns zu denken geben, dass wir in dem, was wir tun, uns selbst lieben, und zugleich, wenn es denn erforderlich ist, zu höchstem Opfer bereit sind - möglich ist das allein durch die Kraft der Liebe.

PS: Wer möchte, kann im Rahmen des You-Tube-Links die Worte des Gedichtes aufnehmen, untermalt von einer Komposition Zsolt Szödys und Zeit finden, sich eigenen Gedanken zu widmen - an Weihnachten mag man sich die Zeit nehmen …

https://www.youtube.com/watch?v=XkebsGvaoTk

Dienstag, 24. Januar 2023

Spirituelle Stolpersteine: Gefahren selbstverliebter Euphorie und Ekstase

⚜️
Es ist ja ein bekanntes Phänomen in der spirituellen Entwicklung von Menschen, dass sie manche Themen und Personen in den Himmel heben zuungunsten einer realistischen Sicht auf unsere und die Wirklichkeit der geistigen Welt und das Innere von Menschen. Meistens hat das ja sein Gründe in der Person selbst, die sich damit herummogelt, Dinge, die sie anschauen sollte, nicht ansehen zu müssen - das, was man gerade anschaut, ist doch auch so herrlich, ach so wegweisend (leider oft in Richtung eines spirituellen Abstellgleises).
Rudolf Steiner spricht das unter dem Stichwort der ´Ekstase´ und einer falschen Mystik an.
In der Ekstase verliert ja der Mensch sein Ich, verliert sich in makrokosmischen Gefilden, vernachlässigt sein klar-geistiges Denken und einen realistischen Blick auf seine Gefühle, der ja notwendig ist, denn durch euphorisch-ekstatische Gefühle können uns gewisse Wesenheiten manipulieren - und meistens ist dies auch der Fall:
Durch die Ekstase werden die geistigen Tatsachen nicht in ihrer Ganzheit, nicht in ihrer Totalität erfaßt, sondern nur in dem, was der eigenen Seele wohltut und frommt, was sie geistig verzehren kann. Im Grunde genommen ist es ein Verzehren geistiger Substantialität, was sich durch die Ekstase im Menschen ausbildet. Und ebensowenig, wie man die Dinge dieser Sinneswelt in ihrem inneren Wesen dadurch erkennt, daß man sie ißt, ebensowenig erkennt man die Kräfte und Wesenheiten der geistigen Welt dadurch, daß man sich in Ekstase begibt, um nur das eigene Selbst zu durchglühen mit dem, was einem wohltut. Man lebt nur in einem gesteigerten Selbstsinn, in einer gesteigerten Selbstliebe, und weil man aus der geistigen Welt nur das hereinnimmt, was man geistig verzehren kann, macht man sich dessen verlustig, was man nicht so behandeln kann, was außer dem durch die Ekstase zu Genießenden steht. Das ist aber der größte Teil der geistigen Welt. Dadurch verarmt nun der in der Ekstase stehende Mystiker immer mehr und mehr. (GA 62, S. 405)
Viele Mystiker sind eigentlich nichts anderes als geistige Feinschmecker, und die übrige geistige Welt, die ihnen nicht schmeckt, ist nicht für sie da. So sehen wir, wie der Geistesforscher die beiden Extreme vermeiden muß [Steiner bezieht sich hier auf der einen Seite auf die Selbstliebe, auf der anderen Seite auf die Ekstase], die ihm alle möglichen Quellen des Irrtums in den Weg bringen (...) In einem noch viel höheren Maße als gewöhnlich ist für den Geistesforscher notwendig ein gesunder Tatsachensinn, ein echtes Gefühl für Wahrhaftigkeit. Alle Schwärmerei, alle Ungenauigkeit, die so leicht über das hinweghuscht, was wirklich ist, ist beim Geistesforscher von Übel. (GA 62, S. 406)

Das ist der Grund, warum das Denken eine göttliche Gabe ist und logisches und klares Denken jeden Tag geschult sein will. Unsere Intuition gibt uns oft innerlich einen Wink, der uns aufmerksam machen will, dass etwas unstimmig ist. Gerade in den so zahlreichen ach so esoterischen You-Tube-Videos befinden sich geistige Fallgruben, in die man so sanft fällt und die mit geistigen Moschus- und Patschuli-Düften, die oft schwarzmagisch eingesetzt werden (https://bit.ly/3JbHwtv), angereichert sind.
Ich erinnere mich eines Channelings, in dessen Rahmen Erzengel Michael mit seinem Schwert Excalibur auftauchte. Excalibur ist allerdings das Schwert von König Artus und Michael taucht gewiss nicht mit dem Schwert eines Repräsentanten der Empfindungsseele (https://bit.ly/3XUbuqk) auf, der Artus nun einmal war, so wegweisend er für seine Zeit auch gewesen ist.
Gewisse Kräfte verraten sich in der Regel immer an irgendeinem Punkt. In diesem Channeling war dieser Punkt ein angebliches Michael-Schwert namens Excalibur. Ich habe das damals in den begleitenden Chat geschrieben, in dem sich viele Hörende tummelten. Aber es hat niemanden interessiert.

Anmerken möchte ich, dass ich es keinesfalls bedenklich finde, wenn jemand auch ausgelassen und euphorisch sein kann. Gewiss nutzen manche Esoteriker Formen von Ekstase zu Zwecken der Selbstdarstellung und wollen mit einer euphorischen Verbundenheit mit der Geistigen Welt ihren tiefen Bezug zu dieser inszenieren; es gibt viele Formen der Scheinheiligkeit.

In den Aussagen Steiners geht es vor allem darum, dass sich Ekstase verselbständigen und zu einem generellen Ich-Verlust führen kann; dies aufgezeigt zu haben, finde ich wichtig, denn gewiss werden auch von manchen diesbezügliche Gefahren unterschätzt. In diesem Sinne werte ich Steiners Aussagen. 

Schiller spricht ja in „Freude schöner Götterfunken“ von Freudetrunkenheit - und die ist gewiss euphorisch und darf wohl sein.
Ich finde, man kann im Übrigen auch in positivem Sinne außer Kontrolle geraten. Ich kann mir das bei Steiner, was mir von ihm bekannt ist, nicht vorstellen, aber er wird Gott sei Dank nicht nach dem, was ein anderer sich vorstellen kann, gelebt haben.

Sonntag, 28. Februar 2016

♡ Liebe ist unteilbar! - Über das Wesen von Liebe, Selbstliebe, Selbstsucht und selbstloser Mutterliebe.

Bevor ich in obigem Zusammenhang zentrale Passagen aus Erich Fromms so bemerkenswertem und hilfreichem Werk Die Kunst des Liebens zitiere, vorab 12 Punkte zum Wesen der Liebe:

  • Sie ist nicht das berühmte Eiapopeia, in dem manche gern ihre eigene Liebesunfähigkeit ertränken. - Man kann sie auch nicht kaufen, nicht pachten, nicht besitzen. Sie ist ein Elixier, dessen man sich auf der Erde nie sicher sein sollte.
  • Manche sogenannte Christen reden ständig von der Liebe Gottes, um zu kaschieren, dass sie keine Ahnung von ihr haben.
  • Wer Briefe und Mails mit lb. Grüße und Ähnlichem beendet, steht im dringenden Verdacht, wenig von der Liebe zu halten - sie lässt sich nicht verkürzen. Gleiches gilt für in manchen Kreisen ständig vorkommende Licht-und-Liebe-DrohungenGrüße. - Die Liebe eignet sich nicht für Floskeln.
  • Wer selbstlos liebt und selbstlos ist, ist möglicherweise sein Selbst los.
  • Wer sich selbst wirklich lieben möchte, darf sich tatsächlich kein Bild von sich machen. Das ist das Ende der Liebe. Wer sich selbst liebt, dehnt sich aus wie das All, wie Gottes Schöpfung, von der jener sich vielleicht selbst kein Bild macht, sie in keinen Rahmen spannt. Wie viel mehr sollten wir das unterlassen! Vor allem eben in Bezug auf uns. - Wissen wir, wohin wir uns noch ausdehnen?
  • Um die Liebe weiß nur wirklich, wer um seine eigenen Schatten weiß, also jene unbelichteten und dunklen Teile unserer Seele, die oft nur die anderen sehen. In Afrika ist es bei manchen Stämmen ein Tabubruch, auf den Schatten eines Anderen zu treten. Man tritt nicht auf einen Menschen; der Schatten ist ein Teil von ihm.
  • Gott - soweit man an ihn glaubt - hat das Wesen des Menschen als polar, als yin-yang-Struktur angelegt, sonst hätten sich Adam und Eva nicht vom göttlichen Sein weg, von innen nach außen bewegen können. 
  • Das Dunkle, der Schatten gehört zum alttestamentarischen Wesen Gottes, zu Jahwe; er lebt es in seinen Aufforderungen zum Töten und gnadenlosen Bestrafen zum Teil exzessiv aus. Zum Teil zeigen sich zugleich bei ihm Züge tiefster Weisheit (wenn ich das richtig sehe). Vielleicht stimmt das Verständnis C.G. Jungs, dass Hiob unter dem Schatten, unter der dunklen Seite Jahwes zu leiden hatte.
  • Mich erinnert die Religion der Juden, des Islam und eines sich in Kreuzzügen und der Inquisition ausgetobt habenden Christentums an dieses archaische, alttestamentarische Verständnis von Religion. Was sich im Nahen Osten abspielt, hängt womöglich maßgeblich damit zusammen; so viel Zorn, Gewalt und Gnadenlosigkeit sind schrecklich. Leider ist ein neues Verständnis, wie ich es im Neuen Testament zu finden glaube, auch bei den allermeisten Christen noch nicht angekommen. Man erkennt es oft an ihren gnadenlosen Urteilen und wie genau sie wissen, was Gott will.
  • Was wir als Böses, als Dunkles, als Schatten bezeichnen, ist womöglich nicht das, was ursprünglich eine der beiden sich polar gegenüberstehenden Seiten ausmachte. Für die Erde mag unser Verständnis  zutreffen, nicht aber für die ursprüngliche göttlich-duale Struktur. Wie die 10 Sefiroth im Sohar nicht nur zwei, sondern drei Ebenen haben, sowohl vertikal, als auch horizontal, so mag es schon immer im Göttlichen eine dritte Ebene gegeben haben, die zwischen den beiden sich polar gegenüberstehenden Ebenen vermittelte. Nie konnte sich dort eine der beiden Seiten verselbständigen. Wenn das allerdings geschieht, dann allerdings kann es Mord und Totschlag geben - wir Menschen kennen das nur zu gut.
  • Unser Verstand kann das Wort Liebe in Buchstaben zerlegen, so wie er eine Rose sezieren kann. Nur hat das mit dem Wesen der Liebe nichts zu tun.
  • Vielleicht haben auch Erich Fromm, Meister Eckehart, Laotse und andere Recht, dass unsere Welt nur eine unserer Gedanken ist mit ihren Gegensätzen von Krieg und Frieden, oben und unten oder Himmel und Erde, dass aber jenseits der Welt unserer Gedanken es eine wirkliche gibt, eine Welt ohne Gegensätze, eine Welt reiner Liebe. Wenn es sie gibt, vermute ich, gelangt man nur zu ihr über tiefste Demut, über das Loslassen der eigenen Welt der Gedanken. - Man kann sie nur loslassen, wenn man an Unbegreifliches glaubt, also an die Liebe.

Ich zitiere im Folgenden nun aus dem Kapitel Die Objekte der Liebe in Fromms Die Kunst des Liebens:

Die Liebe zu einem Menschen umfasst die zu den Menschen als solche. Die Art der "Arbeitsteilung", bei der man zwar die eigene Familie liebt, für den "Fremden" jedoch nichts empfindet, ist ein Zeichen für die grundsätzliche Unfähigkeit zu lieben. (...) Wenn ein Individuum in der Lage ist, schöpferisch zu lieben, liebt es sich selbst auch; wenn es jedoch nur den anderen lieben kann, ist es unfähig zu lieben. (...)
Die selbstsüchtige Person ist nur an sich selbst interessiert, will alles nur für sich und empfindet keine Freude im Geben, sondern lediglich am Nehmen. Die Umwelt interessiert nur, soweit man etwas aus ihr herausholen kann; das Interesse am anderen fehlt und genauso ist es mit dem Respekt und der Würde und Integrität anderer. (...) Selbstsucht und Selbstliebe sind keineswegs miteinander identisch, sondern in Wirklichkeit Gegensätze. Der selbstüchtige Mensch liebt sich nicht zuviel, sondern zuwenig. Der Mangel an Liebe und Fürsorge für sich, der lediglich ein Ausdruck des Mangels an innerer Produktivität ist, läßt ihn leer und enttäuscht zurück. (...) 
Die Selbstucht ist leichter zu verstehen, wenn man sie mit dem besitzgierigen Interesse vergleicht, das man zum Beispiel bei einer überängstlichen Mutter findet. Während sie ehrlich überzeugt ist, ihrem Kind besonders zugetan zu sein, empfindet sie tatsächlich eine allerdings fast völlig verdrängte Feindschaft  gegen das Objekt ihrer Zuneigung. Überbesorgt ist sie nicht, weil sie das Kind zu sehr liebt, sondern weil sie einen Ausgleich haben muß für ihren Mangel an Fähigkeit, das Kind überhaupt zu lieben. (...) 
Sie glaubt, daß die Kinder durch ihre Selbstlosigkeit erkennen, was es heißt, geliebt zu werden, und daß sie andererseits dadurch erkennen und lernen, was lieben heißt. Die Wirkung ihrer Selbstlosigkeit entspricht jedoch keineswegs ihren Erwartungen. Die Kinder zeigen nicht das Glück von Menschen, die überzeugt sind, geliebt zu werden; sie sind ängstlich, angespannt, fürchten die Mißbilligung der Mutter und bemühen sich ständig, ihren Erwartungen zu entsprechen. Gewöhnlich werden sie von der versteckten Lebensfeindlichkeit  und Lebensangst ihrer Mutter angesteckt, die sie nicht so sehr bewußt erkennen als vielmehr spüren. Alles in allem ist die Wirkung der »selbstlosen« Mutter von der selbstsüchtigen gar nicht so verschieden: vielmehr ist sie häufig noch schlimmer, weil die Selbstlosigkeit der Mutter die Kinder davon abhält, sie zu kritisieren. Sie leben unter dem Zwang, die Mutter nicht zu enttäuschen; unter der Maske der Tugend lehrt man sie, das Leben zu verachten. Wenn man die Möglichkeit hat, die Wirkung einer Mutter mit echter Selbstliebe zu beobachten, kann man feststellen, daß es für ein Kind und sein Erlebnis dessen, was Liebe, Freude und Glück sind, nichts Förderlicheres gibt, als von einer Mutter geliebt zu werden, die sich selbst liebt. 
Diese Idee der Selbstliebe kann nicht besser zusammengefaßt werden als in einem Zitat Meister Eckarts: »Hast du dich selbst lieb, so  hast du alle Menschen lieb wie dich selbst. Solange du einen einzigen Menschen weniger lieb hast als dich selbst, so hast du dich selbst nie wahrhaft lieb gewonnen, - wenn du nicht alle Menschen so lieb hast wie dich selbst, in einem Menschen alle Menschen; und dieser Mensch ist Gott und Mensch. So steht es recht mit einem solchen Menschen, der sich selbst lieb hat und alle Menschen so lieb wie sich selbst, und mit dem ist es gar recht bestellt.«

Dienstag, 28. Dezember 2010

Herodes - Mordenergie gegen innere Kinder



























Bei Wikipedia lese ich, dass der Kindermord historisch nicht belegt ist:
> Als Kindermord in Bethlehem wird der biblischen Überlieferung nach der Mord an allen Jungen Bethlehems auf Befehl König Herodes des Großen bezeichnet. Laut dem Matthäusevangelium soll Herodes nach Jesu Geburt alle Knaben ermordet haben. [...] Der christlichen Tradition nach werden die Opfer mit dem Begriff Unschuldige Kinder bezeichnet. Wissenschaftlich wird die Geschichte allgemein angezweifelt, da diese Tat durch keine weitere Quelle historisch belegt ist und auch niemals belegt werden kann. […]
Während die griechische Liturgie 14.000 ermordete Knaben nennt und mittelalterliche Autoren bis zu 144.000 Opfer annahmen, sprachen spätere Theologen […] auf Grund der anzunehmenden Größe des Ortes Bethlehem zu biblischen Zeiten nur noch von etwa sechs bis zwanzig erschlagenen Kindern. […]
Es ist zwar belegt, dass Herodes der Große ein so striktes und grausames Regiment geführt hat, und dass er neben Dutzender politischer Gegner sogar einige seiner Verwandten ermorden ließ. Bei dem jüdisch-römischen Historiker Josephus, der alle bekannt gewordenen Verbrechen des Herodes besonderes ausführlich dargestellt hat, wird von einem Kindermord in Bethlehem allerdings nichts berichtet.


Ich sollte mal versuchen, den Wikipedia-Artikel zu erweitern, um aufzuzeigen, dass diesbezüglich, wie fast immer in der Bibel, eine tiefe symbolische Bedeutung verborgen liegt.
Leider muss man hier sagen, denn: Herodes ist oft ein Teil von uns.
Wäre mal interessant zu verfolgen, wie vor diesem Hintergrund die Wikipedia-interne Diskussion verläuft, wenn dieser Aspekt eingebracht wird. – Vielleicht mach ich das mal und dokumentiere es hier.
Bezeichnend ist doch allemal, wie Menschen reagieren, wenn sie mit sich konfrontiert werden, genauer: mit einem Teil von sich.


Man kann ihn, diesen Teil, umbringen.


Wie Herodes die Kinder.


Wie Sophisten, Pharisäer und andere Sokrates, Jesus, Johannes Hus, Giordano Bruno, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Frère Roger, Benazir Buttho …
In Benazir Buttho haben Menschen die Hoffnung auf Weiblichkeit im Umgang miteinander töten wollen. - Gott sei Dank stirbt die Hoffnung nie ...

Herodes ist ein Teil von uns.
Deutlich wird das, wenn wir Menschen begegnen, bei denen es diese Herodeskräfte geschafft haben, ihre inneren Kinder zum Schweigen zu bringen, ja zu töten [falls das möglich ist; irgendwie hoffe ich, dass es nicht möglich ist].


Dann nämlich wird der Erwachsene zum Herodes.

So, wie jemand, dem man zu viel Scham eingeimpft hat, zur Schampersönlichkeit werden kann, so kann jemand, bei dem die Herodeskräfte mehr und mehr die Persönlichkeit dominieren, zum Herodes selbst werden. –
Und wehe, so jemand ist Lehrer … auch das gibt es leider.
Welches Kind da nicht den Rücken krumm macht, das wird rund gemacht, oft unter maßgeblicher Beteiligung der Eltern. Bis die Persönlichkeitsstruktur bis zur Unkenntlichkeit verbogen ist.

Wie nun haben wir uns diesen Teil in uns, den wir als Herodes bezeichnet haben, jenen ganz und gar lieblosen Erwachsenen vorzustellen und was hat es mit dem inneren Kind auf sich?
Die folgenden Informationen habe ich mit leichten eigenen Veränderungen dem - wie ich finde - zweitbesten Buch zum Thema > Inneres Kind <, Erika J. Chopichs und Margaret Pauls "Aussöhnung mit dem inneren Kind" entnommen:

> Unser inneres Kind ist jener Persönlichkeitsteil in uns, der das ganze Spektrum intensiver Gefühle - Freude und Schmerz, Glück und Traurigkeit erlebt. Das innere Kind lebt in der Sphäre von Sein, Fühlen und Erleben, die der rechten Gehirnhälfte zugeordnet ist.
Im Gegensatz dazu steht der Erwachsene, der über das Machen, Denken und Handeln der linken Gehirnhälfte gebietet, zugleich aber eben­falls über eine ganze Skala von Gefühlen verfügt. »Tun« be­zieht sich auf die äußere Welt und auf Aktivität, während »Sein« sich auf die Existenz auf einer inneren, emotionalen und spirituellen Ebene bezieht. »Tun« ist eine äußere Erfahrung, während »Sein« eine innere Erfahrung ist. [...]
In unserem inneren Kind sind die Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen aus der Kindheit gespeichert, an die wir uns zurückerinnern können, wenn wir versuchen, von ihm zu lernen.
Wir können das Kind auf unterschiedliche Weise betrachten: als Kind, das vom inneren Erwachsenen geliebt wird, und als Kind, das nicht geliebt, das kritisiert, vernachlässigt und vom inneren Erwachsenen verlassen wird. Es gibt aber nur ein einzi­ges inneres Kind. Zu jedem Zeitpunkt wird dieses Kind vom inneren Erwachsenen entweder geliebt oder nicht geliebt, und seine Gefühle und sein Verhalten resultieren direkt daraus, ob der innere Erwachsene die Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle des Kindes kennenlernen und die Verantwortung für sie über­nehmen möchte oder ob er sich vor diesem Wissen und dieser Verantwortung schützen will.
Wenn der innere Erwachsene sich davor schützen möchte, die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und es ablehnt, die Verantwortung für sie zu übernehmen, dann trennt er sich durch die verschiedenen Formen von Selbstanklage, Vernachlässigung und Bequemlichkeit von seinem inneren Kind. 


Auch Herodes wollte sich vor solchen Herausforderungen schützen.
Auch Herodes fühlte sich bedroht. - Bedroht durch ein Kind, das Liebe in die Welt brachte.
Der lieblose Erwachsene, genannt Herodes, sah sein Regime gefährdet. Dieser Verunsicherung begegnete er radikal.
Radikal wollte er sich von allen Kindern entsprechenden Alters trennen. - Damit er sich der Herausforderung des göttlichen Kindes nicht stellen muss, der Liebe.
Wenn das Kind erwachsen ist, werden die Menschen den Erwachsenen umbringen, damit sie sich der Herausforderung jenes Kindes, das in ihm lebt, nicht stellen müssen: der Liebe.
Geschehen auf Golgatha.

Zurück zu dem Erwachsenen auf dem Herodesweg: Er entscheidet sich dafür, keine Verantwortung für die Freude des Kindes zu überneh­men. Er misst Aufgaben, Regeln, Verpflichtungen und Scham- und Schuldgefühlen einen größeren Wert bei als dem Gefühl, in Kontakt mit sich selbst zu sein.
Der lieblose Erwachsene spaltet so das innere Kind ab und lässt es durch seine Entschei­dung, ein autoritärer oder gleichgültiger Elternteil zu sein, im Stich.
Wenn der lieblose Erwachsene autoritär ist, dann ist er kritisch, verurteilend, herabsetzend und/oder kontrollierend.
Der lieblose Erwachsene sagt sowohl seinem inneren Kind als auch einem Kind in seiner Lebenswirklichkeit, dass es schlecht, falsch, unzulänglich, dumm, selbstsüchtig oder unwichtig sei, und erklärt seine Gefühle für unwichtig. Er versucht, das Kind zu kontrollie­ren, indem er ihm sagt, was es tun sollte oder nicht tun sollte, und hält ihm all die schlimmen Dinge vor, die passieren kön­nen, wenn es etwas »nicht richtig« macht.
Der lieblose Er­wachsene sagt dem Kind, dass es nur dann liebevoll sei, wenn es sich selbst aufopfere, und dass es selbstsüchtig sei, sich selbst glücklich zu machen. [...]

Der lieblose Erwachsene, der lieblose Gebote der El­tern und der Gesellschaft verinnerlicht hat, zwingt dem inne­ren Kind Regeln auf, die nach Melody Beattie u.a. in folgenden Glaubensmustern ihren Niederschlag finden - eine Auswahl:

• Spüre deine Gefühle nicht, und sprich nicht über sie.
• Denke nicht, suche nicht nach Lösungen und triff keine Entscheidungen - du weißt möglicherweise nicht, was du willst oder was das Beste für dich ist.
• Nimm Probleme nicht wahr, erwähne sie nicht und löse sie nicht - es ist nicht gut, welche zu haben, vertusche sie besser; Du wirkst sonst nur schwach.
• Sei gut, anständig, perfekt und stark.
• Sei nicht, wer du bist, denn das ist nicht gut genug.
• Sei nicht egoistisch, stelle dich nicht an die erste Stelle, sage nicht, was du willst oder brauchst, sage nicht nein, setze keine Grenzen, und sorge nicht für dich - sorge immer für andere.
• Verletze die Gefühle der anderen nicht; mache sie nicht wütend.
• Sei nicht lustig oder albern, und genieße dein Leben nicht - es kostet Geld, macht Lärm und ist nicht nötig.
• Vertraue nicht dir selbst, deinem höheren Selbst, dem Prozeß des Lebens oder bestimmten Menschen - setze statt dessen Vertrauen in betrügerische Menschen; reagiere dann überrascht, wenn sie dich hereinlegen.
• Sei nicht offen, ehrlich oder direkt - sprich in Andeutungen, manipuliere, bringe andere dazu, für dich zu sprechen. Er­rate, was sie wollen und brauchen, und erwarte von ihnen, dass sie dasselbe für dich tun.
• Komme niemandem nahe - du machst dich dadurch verletz­bar.
• Störe das bestehende System nicht, indem du wächst oder dich veränderst.
• Mache immer ein fröhliches Gesicht, egal wie du dich fühlst oder was du zu tun hast.

Unser liebloser Erwachsener zwingt diese Regeln und falschen Überzeugungen unserem inneren Kind fortwährend auf und setzt somit die Lieblosigkeit, die er selbst in seiner Kindheit erfahren hat, permanent fort. Sowohl der autoritäre als auch der gleichgültige innere Er­wachsene geben dem inneren Kind das Gefühl, ungeliebt und im Stich gelassen zu sein. Das Kind folgert daraus, dass es schlecht, falsch, nicht liebenswert, fehlerhaft, unwichtig, unbe­deutend und unzulänglich sei, und diese falschen Überzeugun­gen erzeugen Gefühle von Angst, Scham und Schuld. Der lieblose Erwachsene ist im Allgemeinen ein Abbild der Lieblosigkeit seiner Eltern, Großeltern, Geschwister, Lehrer, geistlichen Führer oder anderer Rollenvorbilder und Autori­tätspersonen. Wir alle neigen dazu, auf dieselbe Art auf unser inneres Kind zu reagieren wie unsere Eltern oder Bezugsperso­nen, und somit erzeugen wir immerfort aufs Neue unseren Schmerz und das Gefühl des Getrenntseins. Wir können unser inneres Kind auf dieselbe Art kritisieren, anlügen, beschuldigen oder abwerten, wie wir selbst als Kind kritisiert, angelogen, beschuldigt und abgewertet worden sind, und wir benutzen dazu oft dieselben Worte, Sätze und Handlungen.

Im Folgenden finden wir einige der falschen Glaubensmuster, die wir vielleicht verinnerlicht haben, als wir dem Einfluss unserer Eltern ausgesetzt waren:

• Ich kann mich selbst nicht glücklich machen. Ich kann mich selbst nicht so glücklich machen, wie jemand anders oder etwas anderes es könnten. Ich kann nicht selbst für mich sorgen.
• Ich verdiene es gar nicht, glücklich zu sein.
• Ich kann mit Schmerz nicht umgehen, besonders mit dem Schmerz der Ablehnung und des Verlassenseins, dem Schmerz meines Alleinseins.
• Andere sind für meine Gefühle verantwortlich, und ich bin für ihre Gefühle verantwortlich.
• Ich kann selbst kontrollieren(!), wie sich die anderen mir gegenüber fühlen und wie sie mich behandeln.
• Mich selbst glücklich zu machen ist egoistisch und deshalb falsch.
• Der Kern meines Wesens ist schlecht, falsch, nicht liebens­wert oder sonstwie fehlerhaft.

Solange wir aus diesen falschen Überzeugungen heraus han­deln, werden wir es möglicherweise nicht schaffen, uns unserem inneren Kind gegenüber liebevoll zu verhalten. Wir werden keine Verantwortung für unsere eigenen Gefühle übernehmen und uns nicht für das Lernen entscheiden.

Deshalb: ein klares NEIN dem HERODESWEG. Ein klares JA zum Weg des "ICH BIN", zum Weg der Selbstliebe, ohne die keine wahre Liebe möglich ist.

Liebe soll kein Opfergang sein; das ist sie ohne Selbstliebe.
Selbstliebe soll kein Selbstzweck sein; das ist sie ohne Liebe.

Liebe und Selbstliebe sind das Yin und Yang göttlichen Seins.


Sonntag, 22. August 2010

Saul, Saul, was verfolgst du mich? - Die Wandlung des Saulus zum Paulus wirft eine entscheidende Frage auf!

Heute war ich im Gottesdienst meines neuen Heimatdorfes Malmsheim.
Manchmal ist es so, dass mich die Predigt wenig anspricht; so war es heute auch. Der Pfarrer war in Urlaub und sein Vertreter sprach über alles Mögliche, bloß nicht über das Ereignis selbst, das in der Apostelgeschichte geschildert wird und Inhalt des Predigttextes war.
Aber irgendwie tut mir die Stunde in einer Kirche gut. Es ist, als ob ich mir Zeit für Schichten in mir nehme, die ich im Alltag oder auch zu Hause nicht erreiche, als ob ich mir damit auch wirklich Liebes zugestehe, vielleicht ein besonderer Akt der Selbstliebe. Es ist auch, als ob ich ein Stück weit dadurch dem Sonntag Raum in mir gebe und dem entsprechenden Gebot gerecht werde, das für unsere seelische Gesundheit ja hohe Bedeutung hat.

So habe ich mich heute während der Predigt immer wieder meinen eigenen Gedanken zu dem vorgelesenen Predigttext hingegeben. Natürlich fallen einfach die drei Tage auf, die Saulus nach der Begegnung mit Gott bzw. Jesus blind ist. Seine Nachtmehrfahrt der Seele. Er geht sich nicht mehr auf den Leim, sondern findet seinen Grund in sich. Das ist einfach kein Zufall, diese drei Tage; natürlich erinnern sie an Ostern (und mich an die Geschichte jener Frau, die ich an anderer Stelle veröffentlicht habe).

Saulus muss ja ein wüster Knabe gewesen sein. Er muss sogar unter den Christen gemordet haben, wenn man den Wortlaut der Bibel ernst nimmt, muss sie wie Terroristen verfolgt haben.
Ein übler, intoleranter Bursche also. – Und der Hohepriester war sein Helfershelfer, der ihm - gerade war er wieder unterwegs - die Freibriefe zur Hetzjagd ausstellte (manchmal glaube ich, die Kirche bzw. entsprechende Menschen in ihr sind der Antichrist, denn niemand rechnet damit, dass von ihnen so viel Falschheit ausgeht).

Was mich fasziniert, ist das Licht im Zentrum des Geschehens, das der zukünftige Paulus auf einmal wahrnimmt:
Und da er auf dem Wege war und nahe an Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel.
Im Gegensatz zur Erläuterung meiner Lutherbibel, die das Licht auch von den Begleitern des Saulus gesehen werden lässt, sehen diese es eben gerade nicht; sie müssten dann genauso blind werden ... werden sie aber nicht.
Nein, es ist wie mit dem Gral; ihn können nur Auserwählte sehen. So ist es mit diesem Licht. In ihm verbirgt sich Jesus - und damit auch Christus - und zugleich zeigt er sich darin.

Der Sohn der heiligen Familie zeigt sich dem gefallenen Kind. Einem Mörder. Einem, der voller Hass Menschen hetzt.

Da geschieht etwas, was meinem Bewertungsraster völlig zuwiderläuft. Wie kann einem Mörder göttliches Licht zuteil werden? Muss er nicht erst sein Karma abtragen? (Die Geschichte zeigt, dass der buddhistische Karma-Gedanke so, wie er meistens dargestellt wird, nicht stimmen kann. Ein Menschenjäger - und dann gleich erleuchtet ... tststs).

Wenn ich Saulus bewerten würde, wäre ich auf meine Weise auch ein seelischer Hohepriester, wie jener oben. Ganz offensichtlich: Gott denkt nicht so wie ich, wie meine Vorstellungen und sicherlich die auch vieler anderer.
Also wieder etwas, was mich gemahnt, möglichst nicht zu werten ...
Und damit zusammen hängt die in der Überschrift angesprochene Frage:
Würde ich diese Wandlung bei einem Menschen zulassen können?
Würde ich sagen können: Ja, es grenzt an ein Wunder, aber es und er überzeugen mich.
(Übrigens hat Franz von Assisi sich auch recht schnell von einem absoluten Lebemann zu einem echten Hohepriester der Armen entwickelt - aber so schnell wie Saulus doch nun nicht ...)
Ich kann also obige Frage, ob ich solch eine Wandlung bei einem Menschen zuließe, nicht leichtfertig und schnell mit Ja beantworten. Im Gegenteil: Ich bin sicher, ich hätte erhebliche Schwierigkeiten.

"Du sollst dir kein Bildnis machen".

Ich will hoffen und mir wünschen, ich könnte es, solch eine Veränderung bei einem Mitmenschen wahr-zunehmen; ich wäre selbst auf den Spuren göttlichen Handelns.

Sonntag, 25. April 2010

Dietrich Bonhoeffer: Dankbarkeit macht Vergangenes fruchtbar für die Gegenwart


In der Dankbarkeit
gewinne ich das rechte Verhältnis
zu meiner Vergangenheit.
In ihr
wird das Vergangene
fruchtbar für die Gegenwart.

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), Symbolfigur des christlichen Widerstandes gegen den Terror des Nationalsozialismus, wurde in der Morgendämmerung des 9. April, nur wenige Tage vor der Kapitulation, im Lager Flossenbürg erhängt.
Wie Jesu Worte, wie auch die von Sokrates und Gandhi, haben auch seine deshalb dieses Gewicht, weil sie mit seinem Blut geschrieben sind:

Die Liebe Gottes
befreit den von der Selbstliebe getrübten und irregeführten
Blick des Menschen
zu der klaren Erkenntnis
der Wirklichkeit des Nächsten und der Welt
und macht ihn so und nur so
bereit zur Wahrnehmung
echter Verantwortung.





















Dankbarkeit ist wie dieser wunderschöne Bach im Schwarzwald;
mit allem was ist, möchten sie und er nur eins:
zum Meer der Liebe.

der Reichenbach in der Nähe Bad Liebenzells

Freitag, 22. Januar 2010

Frauen über Frauen - Aus dem "Lexikon der Frauenzitate" von Ursula Scheu, ausgewählt und kommentiert von einem Mann.

Freitag, 22. Januar 2010

Dass es solch ein Buch gibt, finde ich klasse, wenn auch einige Zitate manchen Mann 2010 erschrecken mögen, mich zum Beispiel. So das Zitat von Simone Beauvoir von 1949:

Sie (die Frau) soll alle Unmoral der Männer einstecken.
Nicht allein die Prostituierte, alle Frauen dienen als Kloake.

Dieses Zitat sagt vor allem etwas über Simone de Beauvoir selbst, über das weibliche Selbstverständnis dieser französischen Schriftstellerin, Philosophin und Feministin aus. Vielleicht muss man auch zu solch einem Ergebnis kommen, wenn man zu lange mit einem Mann wie Jean Paul Sartre zusammen war; vielleicht hat man ihn auch nur mit dieser Einstellung ausgehalten.

Nach jedem Akt wird die Klospülung gezogen?

Ich weiß nicht . . . schrecklich, ich versuch gleich noch, ein anderes Zitat zu finden . . .

... Ich suche und suche, doch finde ich bisher nicht eines, was das Wesen der Frau und das Verhältnis zum Mann als positiv darstellt. Aber es wird mir noch gelingen.
Noch eines zum vorläufigen Abschluss, ein Zitat von Hedwig Dohm (1831-1919); sie war das dritte von 18 (kein Verschreiber) Kindern eines Tabakfabrikanten; mit 15 (nicht Kindern, sondern Jahren) musste sie die Schule verlassen, um zu Hause zu helfen (ihre Brüder durften das Gymnasium bis zum Ende besuchen). Nach dem Tod ihres Mannes begann sie zu schreiben und wurde zur vielleicht ersten wirklich bekannten Frauenrechtlerin; 1873 schrieb sie:
Auf zweierlei, spricht er (der Mann zur Frau), hat Gott Dich verwiesen, auf deine Finger und dein Herz.
Diese bilden deinen Beruf.
Deine Finger, um zu nähen, zu kochen, zu scheuern, zu plätten usw.
Dein Herz, um zu lieben, deinen Mann und seine Kinder.

Ihre armen Kinder, 5 an der Zahl. Warum schreibt sie diese nur dem Mann zu? - Klar weiß ich zu wenig über sie, aber ich finde solch eine Aussage einfach ´würg´, Frauenrechtlerin hin oder her.
(Von einer Hedwig-Dohm-Biografin erhielt ich den Hinweis, dass deren Aussage sinnentstellend aus dem Zusammenhang gerissen sei; das möchte ich hier, bis ich Genaueres schreiben kann, als Information einfließen lassen. In dem Umfang, wie ich es wiedergab, ist das Zitat bei U. Scheu niedergeschrieben.)

Allerdings glaube ich auch, wir können heute nicht mehr die Situation der Frau von früher nachvollziehen. Viel ist mir bewusst geworden, als mich meine frühere Freundin Ela zu sich nach Hause mitnahm; der Vater war schwer krank, die Mutter hatte Brustkrebs. Eines Tages sagte Ela zu mir: Ich glaube, sie hat sich den Krebs zugelegt, damit sie sich nicht mehr von ihm berühren lassen muss.
Kann sein, dass Frauen früher viel mehr als heute zu solchen Mitteln greifen mussten, um sich aufdringlicher männlicher Sexualität zu entziehen. Immerhin war Elas Mutter auch vielfache Mutter . . .

Für heute beende ich mal mein Suchen nach aufbauenden Zitaten. Ich melde mich ab und an hier und gebe weitere Zitate ein. Und der geneigte Leser, die geneigte Leserin, wenn er/sie ein aufbauendes - wie ich es genannt habe - irgendwo in einem Buch findet, das die Rolle der Frau und ihr Verhältnis zu Sexualität und ihrer Weiblichkeit in einem positiveren Lichte darstellt: bitte zuschicken ... Mailadresse auf der Seitenleiste . . . möglichst mit Quelle . . . oder selbst geschrieben . . .

Samstag, 23. Januar 2010

Als Teenager ist uns unser sich entwickelnder Körper ein Rätsel. Wir stellen fest, dass es nur eine Schönheitsnorm gibt - eine kommerzielle Norm, eine Hollywood-Norm. Das Fernsehen verkauft uns die verschiedensten Produkte, während wir verzweifelt mit unseren Brüsten, unserem Haar, unseren Beinen und unserer Haut ringen, die den Ansprüchen niemals gerecht werden. Wir verlieren den Respekt vor unserer Einzigartikeit, den uns eigenen Gerüchen und Formen und unserer Art, etwas zu tun.
The Boston Woman´s Health, Book Collective, 1971

Ja, ich glaube, das gilt heute mehr denn je.
Das Neue 2010 ist, dass es immer mehr auch für Männer gilt. Auch sie sehen die Normvorgaben und richten sich danach, lassen sich mittlerweile Fett absaugen und trainieren sich Waschbrett-Bäuche an; dabei sollten sie mal lesen, was z.B. Alexander Lowen über diese Art von Bauchmuskeln schreibt und wie sehr diese zwanghaften Bauchmuskeln darauf hinweisen, dass hier auch Gefühle in die Presse genommen werden . . .
Angst lässt Kinder den Tonus der Bauchmuskulatur erhöhen. Es kann auch mittlerweile die Angst sein, nicht den Normen eines überzogenen Schönheitskults zu genügen.
Leider schreit die Eitelkeit, auch in den Männern, lauter als die Gefühle, die auf diese Weise gepresst, weggepresst werden, zum Beispiel die, die man für sich selbst entwickeln sollte.
Am jämmerlichsten schreit dabei die Selbstliebe.
Und dann hüllt man sich gern ein in ein Meer von Düften. – Was soll man auch tun, wenn man sich selbst immer weniger riechen kann . . .

Freitag, 6. November 2009

Wie Tränen heilen: Rapunzel, ein Märchen über wahre Liebe!

Der erste Satz im Märchen der Gebrüder Grimm gilt dem übergroßen Kinderwunsch eines Paares und dass die Frau sich endlich berechtigt Hoffnungen macht. Als Nächstes aber stehen ihre Gelüste im Vordergrund, die Gelüste nach den Rapunzeln in der Nachbarin Garten, ausgerechet einer Hexe.

Natürlich schleicht sich ihr Mann dorthin, nachdem seine Frau vom Fleisch fällt vor lauter Rapunzelgier; immerhin ist sie schwanger.

Als jener dort von dieser Hexe gestellt wird, hat er ordentlich die Hosen voll und verspricht bereitwillig sofort sein Kind. Klar, die Hexe holt es gleich nach der Geburt und wie nennt sie es natürlich: Rapunzel. Logisch, denen verdankt sie es ja auch.

Logisch auch, dass das Mädchen Rapunzel in den Turm kommt, immerhin geht es ihm damit nicht ganz so schlecht wie Dornröschen oder Schneewittchen, aber auch nicht viel besser. Selber schuld, könnte man in der Folge sagen, was muss es auch der Hexe von dem Königssohn erzählen, der sich an ihren schönen langen Haaren seit einiger Zeit zu ihr hochseilt.

Als jener wieder kommt, und jenen so bekannten Zweizeiler ruft:



Rapunzel, Rapunzel,
lass Dein Haar herunter

seilt er sich nichtsahnend in die Arme der bösen Hexe und klar, dass er voller Verwzeiflung aus dem Fenster des hohen Turmes springt, nachdem die ihm flüstert:

"Du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken.
Und nun weiß das Märchen der Gebrüder Grimm weiter:
Aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte er blind im Walde umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren, und tat nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie deuchte ihn so bekannt: da ging er darauf zu, und wie er herankam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.
Berührt Dich das auch so, liebe Leserin, lieber Leser, dass der Königssohn nicht jammert, weil er blind ist, nicht um seine Augen jammert!

Er weint um den Verlust von Rapunzel.

Andere würden vor Selbstmitleid zerfließen, würden sich pflegen und verhätscheln lassen.

Sicherlich war der Königssohn rechsschutz- und unfallversichert. Aber statt mit der Hexe in einen juristischen Clinch zu gehen und von seiner Rente zu leben, tut der Königssohn nichts anderes, als sich sofort auf die Suche zu machen.

Alles andere ist ihm unwichtig. Das ist sein ganzer Schmerz: dass ihm sein Rapunzel fehlt.

Er hat nur Augen für Rapunzel, seine inneren Augen sind nur auf sie gerichtet.

Für mich ist das so ergreifend, solch ein Zeichen wahrer Liebe!

Es ist, als ob seine Seele wüsste, dass er ohne seine Rapunzel ohnehin nicht sehend ist. Eines allein kann ihn glücklich machen: Eine.

Nur hörend kann er sie finden. Wirklich hört er mit dem Herzen gut. Wer weiß, vielleicht hat Saint Exupéry dieses Märchen gekannt.

Rapunzel weint, als sich beide umarmen. Sie weiß um das Leid ihres Geliebten. Ihr Herz ist ein einziges Mitfühlen. Und dieses, ihr Herzfühlen heilt.

Es kann heilen, weil ihres Geliebten Augen offen sind für ihre Herztränen.

So kann Heilung von außen geschehen, weil sie so tief von innen kommt.

PS Aus Gründen der Selbstliebe aber nimmt der Königssohn sich noch einen sehr guten Rechtsanwalt und macht der Hexe den Prozess. Denn die Hexe, die hier eine wirkliche Teufelsbraut ist, muss dahin, wo sie hingehört! Vor allem, wenn sie ein Teil seines Inneren ist, was allerdings nicht zwangsläufig sein muss. Denn für das sogenannte Böse ist wahre Liebe immer eine Herausforderung, wo immer sie auftritt. Deshalb bedarf die Liebe ihrer Kämpfer. Und sie bedarf ihrer viel!

Samstag, 2. Mai 2009

Leben wir in unserer eigenen Zeit? – Woher die SehnSucht kommt ...


Wenn wir die Zeit als einen Fluss sehen und unsere Leben als dessen Verlauf, beginnend mit der Quelle und mündend im Meer, wo befinden wir uns dann im Moment?

Sitzen wir an seinem Ufer und winken den vorbeifahrenden Ausflugdampfern und Lastkähnen zu?

Oder sind wir gerade vor der Loreley auf ein Riff gelaufen?

Vielleicht sind wir auch in einen Nebenarm abgebogen und haben uns da eine Nische gesucht, in der wir dahindümpeln?

Oder hängen wir in einem Wehr fest oder gar in dessen Walze, jenem Wasser, das nach der Staustufe folgt und das für manchen Schwimmer und Kajakfahrer schon zur tödlichen Falle wurde?


Es gibt viele Möglichkeiten, wie man sich aus der eigenen Lebensrealität ausklinken kann und doch das Gefühl hat, mitten dabei zu sein. Das geht ja schließlich einer zunehmenden Anzahl von Internet-Usern und großen Teilen der fernsehenden Gemeinschaft der Televisionäre so. Nur sind sie nicht visionär, sondern geben sich einer Illusion hin: der Illusion, IHRE Wirklichkeit zu leben. Doch die strömt ohne sie dahin.

Und jene Zeit, die wir nutzen sollten, um am Ende unserer Leben ins Meer zu gelangen, verstreicht, während wie am Ufer sitzen und winken.

In Wirklichkeit winken wir unserer eigenen Zukunft hinterher.

So leben manche immer in ihrer Vergangenheit. Deshalb ihre klammheimlichen oder offenkundigen Sehnsuchtsgefühle.

Sehn-Sucht sucht in Wahrheit nicht Vergangenes oder Zukünftiges, sondern die erfüllte Gegenwart.


Du steigt nicht zweimal in denselben Fluss, sagt der griechische Philosoph Heraklit.

In der Tat, das tut man nicht, nur eine Sekunde später fließen andere Wasser an uns vorbei.


Nur: unserer Zeit nachzutrauern hilft nicht weiter.


Wie kommt man in die Gegenwart des eigenen Flusses, des eigenen Zeitflusses, wo doch der Fluss schon weg ist?

In erster Linie muss man ins Wasser des Lebens hinein.


Das Leben, die Zeit fließt weiter, wenn unser Lebensfluss ohne uns fließt.

Das ist weder gut noch schlecht.

Es ist.

Und dieses "Es ist" ist im Grunde ein immerwährendes "Es war" – bis wir es ändern.

Das sollte uns auch nicht betrüben. Denn damit wir ins Meer gelangen, da, wo wir hingehören, wo unsere Ganzheit ist, brauchen wir viele Etappen, viele Leben.


Jeder hat seinen persönlichen Rhein, ist eine Donau, ein Amazonas, ein Mississippi.


Mancher schwimmt erst einmal aus dem Rhein weg seinen persönlichen Main hinauf und beschaut sich Frankfurt – warum nicht?

Ich finde das in Ordnung. Niemand sollte sich böse sein, ein Leben lang ein Frankfurt angeschaut zu haben bzw. getan zu haben, was dafür steht.

Ärgerlich nur, wenn man im Brackwasser hängen bleibt oder nicht durch eine Schleuse findet …

Das, finde ich, muss nicht sein. Das hat viel mit dem Thema des Lebenskampfes zu tun.


Ich selbst glaube nicht, dass es einen Zeit-Richter gibt. Einen Gott, der mit der Stoppuhr dasteht und sagt: Du bist ein Loser.

Es gibt keine Zeitvorschriften.


Es gibt nur dieses wunderbare Gefühl, in der Gegenwart der eigenen Zeit zu sein.

Es ist unverwechselbar.


Es gibt dieses Bewusstsein der Zeit, ein Bewusstsein der eigenen Lebenszeit.

Und wenn wir das erlangen, wird unsere Zeit zu unserer Gegenwart

Wir sind dann in unserer Zeit.

Im Grunde sind wir dann im Meer, auch mitten im Fluss!

Oder, wie es Marie-Luise Kaschnitz zum Ausdruck bringt: Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.


Wie gelangen wir zu diesem Bewusstsein, das jede Vergangenheit zu unserer ureigenen Gegenwart macht?

Nur, indem wir uns selbst annehmen. Das ist das Parzival-Thema.

Nur durch Liebe, durch Selbstliebe.


Allerdings sollten wir nicht den Fehler machen zu glauben, auf der Erde sei ständiges Schwimmen im Meer möglich oder auch, ständig im Haus aus Licht zu sein. Es steckt eine tiefe Weisheit dahinter, wenn Marie Luise Kaschnitz davon spricht, das wir manchmal zur Auferstehung aufstehen oder wenn Richard Dehmel seine Art der Auferstehung überschreibt mit "Manche Nacht".


Zur Selbstliebe gehört, auch den gegenteiligen Zustand in Liebe anzunehmen.

Auch dann sind wir im Fluss.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Kein Mensch steht auf einem Bein: Ohne Selbtliebe keine Liebe.

Sich selbst zu lieben und dafür eine Vorstellung und ein Gefühl zu entwickeln: das ist nicht einfach.
Stell Dir vor, Du sagst - wie es in einem Lied heißt - zu Dir selbst:

Die Wärme, wenn du lachst,
wenn du am Morgen sagst:
Mein Schatz, ich liebe dich so sehr …

Solche Worte zu unserem Selbst, zu unserem Ich, das sind wir nicht gewohnt – und doch sind sie denkbar, denn was im Lied folgt, gilt auch für uns:

Das gibt an jedem Tag
mir ungeahnte Kraft,
egal, was um mich her geschieht ...

Tatsächlich gibt die Liebe zu uns selbst uns wirkliche Kraft, nichts nämlich setzt mehr Kräfte frei als die Liebe. Liebe macht uns zudem unverwundbar und: Wenn wir uns lieben, wer kann uns von uns selbst trennen?
Niemand.
Es ist eben deshalb diese Weisheit des Alten Testamentes so wichtig zu verstehen:

Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.

Nur in dieser Wechselwirkung ist LIEBE überhaupt möglich. Kein Mensch steht auf einem Bein.
Jakim und Boas sind ebenfalls zwei Säulen zum Eingang des Salomonischen Tempels; auch sie stehen für Liebe und Selbstliebe, denn der Tempel symbolisiert die göttliche Seele des Menschen.

In dieser Selbstliebe also sprechen wir zu uns:

Was wär ich ohne dich ...

Was nur sind wir, bevor die Liebe zu uns kommt, die Selbstliebe?

Wenn Du das folgende Lied in allen Teilen auf Dich selbst beziehen kannst: Dann ist die Liebe da!


Was wär' ich ohne dich,
mein Leben wäre wie ein Tag ganz ohne Licht,
der ohne Hoffnung, ohne Trost und Zuversicht.
Was wäre ich.

Was war ich ohne dich,
bevor du zu mir kamst,
Was war ich ohne dich,
ich weiß es selber nicht,
doch eines, das weiß ich:
Ich liebe dich.

Die Wärme, wenn du lachst,
wenn du am Morgen sagst:
Mein Schatz, ich liebe dich so sehr:
Das gibt an jedem Tag
mir ungeahnte Kraft;
egal, was um mich her geschieht.

Du bist die Mauer, die mich hält
du bist mein Alles auf der Welt;
auf der Welt.

Was wär' ich ohne dich;
mein Leben wäre wie ein Tag ganz ohne Licht,
der ohne Hoffnung, ohne Trost und Zuversicht.
Was wäre ich.

Was war ich ohne dich,
bevor du zu mir kamst.
Was war ich ohne dich,
ich weiß es selber nicht,
doch eines, das weiß ich:
Ich liebe dich.

In Wahrheit ist es so:

Wer von Liebe spricht und sich nicht liebt, weiß nicht,
wovon er spricht, wenn er von Liebe spricht!