Die Kontrolle über Gott aufgeben?
Manchem, der diese Aussage liest, wird sie reichlich abstrus vorkommen. Kein Mensch kann doch Gott kontrollieren!
Politik und Gesellschaft, Idee und Wirklichkeit, Ethik und Religion, Spiritualität und Mythologie, Literatur und Kunst: Das sind die Felder, die mich immer wieder zu Beiträgen bewegen.
Die Kontrolle über Gott aufgeben?
Manchem, der diese Aussage liest, wird sie reichlich abstrus vorkommen. Kein Mensch kann doch Gott kontrollieren!
IN BETHLEHEM
von Silvia Szödy
In Bethlehem, in dieser Nacht,
wurde die Liebe ins Leben gebracht.
Noch wusste es niemand, still schlief das Land,
es war nur Maria und Josef bekannt.
Ein Stern strahlte hell und leuchtete klar,
als Maria im Stalle den Christus gebar.
Die dunkle Nacht verlor ihren Schrecken,
das Licht dieses Sterns konnte Menschen erwecken.
Das Kind in der Krippe wusste Bescheid,
sein Herz voller Liebe, und der Weg war noch weit.
Sein Lächeln war froh und die Augen voll Licht,
als es blickte in seiner Mutter Gesicht.
Auch Ochse und Esel konnten es spüren,
dies Kind in der Krippe wird Herzen berühren.
Noch wusste es niemand, still war das Land,
als die Liebe den Weg in das Leben fand.
Durch die Ekstase werden die geistigen Tatsachen nicht in ihrer Ganzheit, nicht in ihrer Totalität erfaßt, sondern nur in dem, was der eigenen Seele wohltut und frommt, was sie geistig verzehren kann. Im Grunde genommen ist es ein Verzehren geistiger Substantialität, was sich durch die Ekstase im Menschen ausbildet. Und ebensowenig, wie man die Dinge dieser Sinneswelt in ihrem inneren Wesen dadurch erkennt, daß man sie ißt, ebensowenig erkennt man die Kräfte und Wesenheiten der geistigen Welt dadurch, daß man sich in Ekstase begibt, um nur das eigene Selbst zu durchglühen mit dem, was einem wohltut. Man lebt nur in einem gesteigerten Selbstsinn, in einer gesteigerten Selbstliebe, und weil man aus der geistigen Welt nur das hereinnimmt, was man geistig verzehren kann, macht man sich dessen verlustig, was man nicht so behandeln kann, was außer dem durch die Ekstase zu Genießenden steht. Das ist aber der größte Teil der geistigen Welt. Dadurch verarmt nun der in der Ekstase stehende Mystiker immer mehr und mehr. (GA 62, S. 405)
Viele Mystiker sind eigentlich nichts anderes als geistige Feinschmecker, und die übrige geistige Welt, die ihnen nicht schmeckt, ist nicht für sie da. So sehen wir, wie der Geistesforscher die beiden Extreme vermeiden muß [Steiner bezieht sich hier auf der einen Seite auf die Selbstliebe, auf der anderen Seite auf die Ekstase], die ihm alle möglichen Quellen des Irrtums in den Weg bringen (...) In einem noch viel höheren Maße als gewöhnlich ist für den Geistesforscher notwendig ein gesunder Tatsachensinn, ein echtes Gefühl für Wahrhaftigkeit. Alle Schwärmerei, alle Ungenauigkeit, die so leicht über das hinweghuscht, was wirklich ist, ist beim Geistesforscher von Übel. (GA 62, S. 406)
Die Liebe zu einem Menschen umfasst die zu den Menschen als solche. Die Art der "Arbeitsteilung", bei der man zwar die eigene Familie liebt, für den "Fremden" jedoch nichts empfindet, ist ein Zeichen für die grundsätzliche Unfähigkeit zu lieben. (...) Wenn ein Individuum in der Lage ist, schöpferisch zu lieben, liebt es sich selbst auch; wenn es jedoch nur den anderen lieben kann, ist es unfähig zu lieben. (...)
Die selbstsüchtige Person ist nur an sich selbst interessiert, will alles nur für sich und empfindet keine Freude im Geben, sondern lediglich am Nehmen. Die Umwelt interessiert nur, soweit man etwas aus ihr herausholen kann; das Interesse am anderen fehlt und genauso ist es mit dem Respekt und der Würde und Integrität anderer. (...) Selbstsucht und Selbstliebe sind keineswegs miteinander identisch, sondern in Wirklichkeit Gegensätze. Der selbstüchtige Mensch liebt sich nicht zuviel, sondern zuwenig. Der Mangel an Liebe und Fürsorge für sich, der lediglich ein Ausdruck des Mangels an innerer Produktivität ist, läßt ihn leer und enttäuscht zurück. (...)
Die Selbstucht ist leichter zu verstehen, wenn man sie mit dem besitzgierigen Interesse vergleicht, das man zum Beispiel bei einer überängstlichen Mutter findet. Während sie ehrlich überzeugt ist, ihrem Kind besonders zugetan zu sein, empfindet sie tatsächlich eine allerdings fast völlig verdrängte Feindschaft gegen das Objekt ihrer Zuneigung. Überbesorgt ist sie nicht, weil sie das Kind zu sehr liebt, sondern weil sie einen Ausgleich haben muß für ihren Mangel an Fähigkeit, das Kind überhaupt zu lieben. (...)
Sie glaubt, daß die Kinder durch ihre Selbstlosigkeit erkennen, was es heißt, geliebt zu werden, und daß sie andererseits dadurch erkennen und lernen, was lieben heißt. Die Wirkung ihrer Selbstlosigkeit entspricht jedoch keineswegs ihren Erwartungen. Die Kinder zeigen nicht das Glück von Menschen, die überzeugt sind, geliebt zu werden; sie sind ängstlich, angespannt, fürchten die Mißbilligung der Mutter und bemühen sich ständig, ihren Erwartungen zu entsprechen. Gewöhnlich werden sie von der versteckten Lebensfeindlichkeit und Lebensangst ihrer Mutter angesteckt, die sie nicht so sehr bewußt erkennen als vielmehr spüren. Alles in allem ist die Wirkung der »selbstlosen« Mutter von der selbstsüchtigen gar nicht so verschieden: vielmehr ist sie häufig noch schlimmer, weil die Selbstlosigkeit der Mutter die Kinder davon abhält, sie zu kritisieren. Sie leben unter dem Zwang, die Mutter nicht zu enttäuschen; unter der Maske der Tugend lehrt man sie, das Leben zu verachten. Wenn man die Möglichkeit hat, die Wirkung einer Mutter mit echter Selbstliebe zu beobachten, kann man feststellen, daß es für ein Kind und sein Erlebnis dessen, was Liebe, Freude und Glück sind, nichts Förderlicheres gibt, als von einer Mutter geliebt zu werden, die sich selbst liebt.
Diese Idee der Selbstliebe kann nicht besser zusammengefaßt werden als in einem Zitat Meister Eckarts: »Hast du dich selbst lieb, so hast du alle Menschen lieb wie dich selbst. Solange du einen einzigen Menschen weniger lieb hast als dich selbst, so hast du dich selbst nie wahrhaft lieb gewonnen, - wenn du nicht alle Menschen so lieb hast wie dich selbst, in einem Menschen alle Menschen; und dieser Mensch ist Gott und Mensch. So steht es recht mit einem solchen Menschen, der sich selbst lieb hat und alle Menschen so lieb wie sich selbst, und mit dem ist es gar recht bestellt.«
Zurück zu dem Erwachsenen auf dem Herodesweg: Er entscheidet sich dafür, keine Verantwortung für die Freude des Kindes zu übernehmen. Er misst Aufgaben, Regeln, Verpflichtungen und Scham- und Schuldgefühlen einen größeren Wert bei als dem Gefühl, in Kontakt mit sich selbst zu sein.Und da er auf dem Wege war und nahe an Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel.Im Gegensatz zur Erläuterung meiner Lutherbibel, die das Licht auch von den Begleitern des Saulus gesehen werden lässt, sehen diese es eben gerade nicht; sie müssten dann genauso blind werden ... werden sie aber nicht.
Auf zweierlei, spricht er (der Mann zur Frau), hat Gott Dich verwiesen, auf deine Finger und dein Herz.Diese bilden deinen Beruf.Deine Finger, um zu nähen, zu kochen, zu scheuern, zu plätten usw.Dein Herz, um zu lieben, deinen Mann und seine Kinder.
Als Teenager ist uns unser sich entwickelnder Körper ein Rätsel. Wir stellen fest, dass es nur eine Schönheitsnorm gibt - eine kommerzielle Norm, eine Hollywood-Norm. Das Fernsehen verkauft uns die verschiedensten Produkte, während wir verzweifelt mit unseren Brüsten, unserem Haar, unseren Beinen und unserer Haut ringen, die den Ansprüchen niemals gerecht werden. Wir verlieren den Respekt vor unserer Einzigartikeit, den uns eigenen Gerüchen und Formen und unserer Art, etwas zu tun.
"Du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken.Und nun weiß das Märchen der Gebrüder Grimm weiter:
Aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte er blind im Walde umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren, und tat nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie deuchte ihn so bekannt: da ging er darauf zu, und wie er herankam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.Berührt Dich das auch so, liebe Leserin, lieber Leser, dass der Königssohn nicht jammert, weil er blind ist, nicht um seine Augen jammert!
Wenn wir die Zeit als einen Fluss sehen und unsere Leben als dessen Verlauf, beginnend mit der Quelle und mündend im Meer, wo befinden wir uns dann im Moment?
Sitzen wir an seinem Ufer und winken den vorbeifahrenden Ausflugdampfern und Lastkähnen zu?
Oder sind wir gerade vor der Loreley auf ein Riff gelaufen?
Vielleicht sind wir auch in einen Nebenarm abgebogen und haben uns da eine Nische gesucht, in der wir dahindümpeln?
Oder hängen wir in einem Wehr fest oder gar in dessen Walze, jenem Wasser, das nach der Staustufe folgt und das für manchen Schwimmer und Kajakfahrer schon zur tödlichen Falle wurde?
Es gibt viele Möglichkeiten, wie man sich aus der eigenen Lebensrealität ausklinken kann und doch das Gefühl hat, mitten dabei zu sein. Das geht ja schließlich einer zunehmenden Anzahl von Internet-Usern und großen Teilen der fernsehenden Gemeinschaft der Televisionäre so. Nur sind sie nicht visionär, sondern geben sich einer Illusion hin: der Illusion, IHRE Wirklichkeit zu leben. Doch die strömt ohne sie dahin.
Und jene Zeit, die wir nutzen sollten, um am Ende unserer Leben ins Meer zu gelangen, verstreicht, während wie am Ufer sitzen und winken.
In Wirklichkeit winken wir unserer eigenen Zukunft hinterher.
So leben manche immer in ihrer Vergangenheit. Deshalb ihre klammheimlichen oder offenkundigen Sehnsuchtsgefühle.
Sehn-Sucht sucht in Wahrheit nicht Vergangenes oder Zukünftiges, sondern die erfüllte Gegenwart.
Du steigt nicht zweimal in denselben Fluss, sagt der griechische Philosoph Heraklit.
In der Tat, das tut man nicht, nur eine Sekunde später fließen andere Wasser an uns vorbei.
Nur: unserer Zeit nachzutrauern hilft nicht weiter.
Wie kommt man in die Gegenwart des eigenen Flusses, des eigenen Zeitflusses, wo doch der Fluss schon weg ist?
In erster Linie muss man ins Wasser des Lebens hinein.
Das Leben, die Zeit fließt weiter, wenn unser Lebensfluss ohne uns fließt.
Das ist weder gut noch schlecht.
Es ist.
Und dieses "Es ist" ist im Grunde ein immerwährendes "Es war" – bis wir es ändern.
Das sollte uns auch nicht betrüben. Denn damit wir ins Meer gelangen, da, wo wir hingehören, wo unsere Ganzheit ist, brauchen wir viele Etappen, viele Leben.
Jeder hat seinen persönlichen Rhein, ist eine Donau, ein Amazonas, ein Mississippi.
Mancher schwimmt erst einmal aus dem Rhein weg seinen persönlichen Main hinauf und beschaut sich Frankfurt – warum nicht?
Ich finde das in Ordnung. Niemand sollte sich böse sein, ein Leben lang ein Frankfurt angeschaut zu haben bzw. getan zu haben, was dafür steht.
Ärgerlich nur, wenn man im Brackwasser hängen bleibt oder nicht durch eine Schleuse findet …
Das, finde ich, muss nicht sein. Das hat viel mit dem Thema des Lebenskampfes zu tun.
Ich selbst glaube nicht, dass es einen Zeit-Richter gibt. Einen Gott, der mit der Stoppuhr dasteht und sagt: Du bist ein Loser.
Es gibt keine Zeitvorschriften.
Es gibt nur dieses wunderbare Gefühl, in der Gegenwart der eigenen Zeit zu sein.
Es ist unverwechselbar.
Es gibt dieses Bewusstsein der Zeit, ein Bewusstsein der eigenen Lebenszeit.
Und wenn wir das erlangen, wird unsere Zeit zu unserer Gegenwart
Wir sind dann in unserer Zeit.
Im Grunde sind wir dann im Meer, auch mitten im Fluss!
Oder, wie es Marie-Luise Kaschnitz zum Ausdruck bringt: Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.
Wie gelangen wir zu diesem Bewusstsein, das jede Vergangenheit zu unserer ureigenen Gegenwart macht?
Nur, indem wir uns selbst annehmen. Das ist das Parzival-Thema.
Nur durch Liebe, durch Selbstliebe.
Allerdings sollten wir nicht den Fehler machen zu glauben, auf der Erde sei ständiges Schwimmen im Meer möglich oder auch, ständig im Haus aus Licht zu sein. Es steckt eine tiefe Weisheit dahinter, wenn Marie Luise Kaschnitz davon spricht, das wir manchmal zur Auferstehung aufstehen oder wenn Richard Dehmel seine Art der Auferstehung überschreibt mit "Manche Nacht".
Zur Selbstliebe gehört, auch den gegenteiligen Zustand in Liebe anzunehmen.
Auch dann sind wir im Fluss.